Die Geschichte vom Verschwinden meines Murmelchens und noch mehr

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lavendelchen

Gast
Mit Sicherheit gibt es Katzen, die länger als meine verschwunden waren. Ich habe von manchen Schnurris gehört und gelesen, daß diese sogar bis zu zwei Jahren unterwegs waren, und plötzlich wieder vor der Türe standen.

Diese Geschichte ist jedoch meine meine Eigene, und auch zwei Monate und zwei Tage sind zuviel....

Sie begann genau heute vor einem Jahr....

Wie jeden Morgen weckte mich mein kleines Murmelchen mit einem Sprung in mein Bett; zielsicher und leicht wie eine Feder.
"Guten Morgen mein Schätzchen, komm zu Mami schmusen!" Und wie gewohnt vergrub sich ihr Schnäuzchen in meiner Halsbeuge, aber nicht ohne mir vorher ihr sabberndes, soeben genanntes Etwas an meiner Wange zu reiben. Mit einem Plumps ließ sie ihren feenhaften Körper auf meine Schulter fallen. So lag sie dann lange angekuschelt bei mir;
meinen Arm versuchte ich so abzustützen, daß ich sie nicht zu sehr einengte. Mit meiner anderen freien Hand kraulte ich ihr im Nacken.
Fast wäre ich wieder eingeschlafen, wenn meine Tochter sich in ihrem Zimmer nicht geregt hätte. Murmelchen nahm dieses wohlbekannte Geräusch zum Anlaß, schnellstens, aus der ausschließlich nur ihren bequemen Lage aufzuspringen,und mit einem gekonnten Satz über meinen Körper hinwegzuhüpfen, um dann mit lautem Galopp ins Zimmer meiner Tochter zu rennen.

Verschlafen und ein wenig steif schlenderte ich ins Bad. Wie gewohnt lehnte ich die Tür nur an, und kurze Zeit später zeigte sich ein Pfötchen im Türspalt. Ein- zweimal dagegengedrückt, und die Tür wurde aufgestoßen.
Hopp, und schon saß sie auf meinem Schoß; na toll. "Kann ich noch nicht mal alleine aufs Klo?"
Das schien das Stichwort für Murmelchen zu sein, und hopps saß sie schon in ihrer Katzentoilette, verrichtete dort ihr Geschäft; natürlich ohne es gebührend zu vergraben. Macht doch nichts; Mama kümmert sich eh gleich drum!

Immer noch nicht ganz warm in den Knochen, führte mich mein Weg in die Küche. Dort erwartete mich schon ein wuseliges Etwas, daß mich mit erwartungsvollen, großen grünen Augen anschaute. "Gleich, Schätzchen. Gleich gibts was Feines."
Es war Sonntag, also konnte ich gemütlich in den Tag starten. Genau der richtige Tag, um frisches Brot zu backen.
Für mich war das kein großer Aufwand. Schließlich habe ich das zehn Jahre lang fast täglich frühmorgens in Tunesien zu
einem Ritual werden lassen.

Der Duft von frisch gebackenen Dinkelbrot ließ auch meine Tochter aus ihren Federn locken.
Was gibt es Schöneres, als ein ruhiger Sonntagmorgen. Die Sonnenstrahlen blinzelten durch das Blattgrün der Kastanie vor unserem Küchenfenster. Es schien ein schöner Tag zu werden. Vielleicht würde ich mit meiner Tochter an den See gehen um dort unsere Lieblingsstelle aufzusuchen. Die noch milden Temperaturen luden gerade dazu ein, vielleicht dort mit einem Picknickkorb ein paar Stunden zu verbringen.

Meine Tochter Mehania ist selbst mit ihren 12 Jahren immer noch kindlich. Sie hat so gar nichts von den Kindern hier im selben Alter. Lieber spielt sie Nachmittags mit den durchschnittlich jüngeren Kindern der Nachbarschaft ums Haus herum, oder am angrenzenden Fluß, eingerahmt von herrlichen Laubbäumen.
Sicher hat sie das Leben in Tunesien geprägt.
Ein Leichtes für mich, sie für den See zu begeistern. Ohne Langeweile kann sie sich dort den ganzen Tag mit Steinen und Naturmaterial beschäftigen. Ein echtes Wüstenkind eben!

Eine Eigenart von mir allerdings läßt es nicht zu, aus dem Haus zu gehen, ohne meine Dinge ordentlich zu hinterlassen.
Für mich gibt es nichts Schöneres, als in ein gemütliches und ordentliches Zuhause zu kommen.
Und genau das ließ diesen Tag zu einem meiner schlimmsten Tage meines Lebens werden.

Eins führte zum Anderen. Hier ein bißchen saugen, da ein bißchen räumen...

Noch nie hatte ich eine reine Wohnungskatze. Meine früheren Katzen waren alle Freigänger, die kamen und gingen, wie es ihnen beliebte.
Murmelchen holte ich vom nahegelegenen Bauernhof mit der Gewißheit, daß auch sie die freie Natur genießen würde.
Auch wenn ich im 2. Stock wohne, so war das kein Hindernis. Ich wollte spätestens nach einem halben Jahr eine Katzenbrücke von unserem Küchenfenster in die Kastanie bauen, so daß sie diesen als Auf- und Abstiegsmöglichkeit hätte nutzen können. So mein Plan....
Inzwischen war Murmelchen sieben Monate, und von meinem eigentlichen Plan war ich immer weiter abgerückt.
Murmelchen war mein Baby. Es hatte sich eine ganz besondere Beziehung zu ihr aufgebaut, welche ich mit Worten nicht beschreiben kann, und welche ich auch mit meinen vorherigen Tieren niemals hatte. Aber vielleicht war sie auch der Ersatz für all meine Tiere in Tunesien, die ich schmerzlich zurücklassen mußte.

...und da ein bißchen die Wohnungstür aufmachen, um die Schuhe vor der Türe zu richten, und den Fußabtreter am Fenster im Flur auszuschütteln. Unveränderlicher Ordnungsfimmel!

Zurück in der Wohnung, fordere ich meine Tochter auf, sich für den See fertig zu machen.
Den Picknikkorb in den Händen, schaue ich nochmals nach Murmelchen, um ihr zu sagen, daß wir bald wiederkommen.
Meinen Blick wie gewöhnlich im Flur umherschweifend, dann im Wohnzimmer, danach im Kinderzimmer; etwas fragend trifft mein Blick meine Tochter." Hast Du Murmelchen gesehen?"
Noch immer den Korb in der Hand gehe ich nun suchend in das Bad, wieder in das Zimmer meiner Tochter, unter das Bett schauend, hinter den Vorhang suchend, im Kleiderschrank, auf das Regal. Meine Tochter ruft nach Murmelchen.
"Die spielt sicher Verstecken."
In der Wohnstube suche ich unter dem Bettsofa, dahinter, auf dem Bücherregal, im Katzenkorb. Sogar die Schubladen werden alle samt geöffnet, während meine Stimme nach Murmelchen ruft.
Noch ist es einfach nur komisch; doch so langsam steigt ein Gedanke in mir auf, zaghaft klopfend, kaum hörbar.
Nein, das hat sie noch nie gemacht. Noch nie hat sie sich so versteckt, daß wir sie nicht finden.
Noch nie ist sie auch nur annähernd zur Wohnungstür, um zu schauen, was da draußen ist.
Sie saß immer mit sicherem Abstand im Flur, und beobachtete, wie Mami und Spielgefährtin die Tür öffneten, und in ein ungewisses Etwas hinausgingen. Was die beiden Zweibeiner dort hinter der Tür machten, entzog sich bislangihrer Kenntnis.
Und Dosi glaubte mit großer Sicherheit behaupten zu können, daß ihr Baby das schlichtweg nicht interessierte.

Doch an diesem Tag wurde sie eines Besseren belehrt.

Nachdem wir ein gefühltes zehntes Mal die Wohnung auf den Kopf gestellt hatten, wurde das zaghafte Etwas, welches vorhin anklopfte zur beängstigenden Gewißheit.
Die Wohnungstür aufreißend, rannte ich in den Flur, die Treppen herunter. Mit entsetzlichem Schrecken mußte ich feststellen, daß die Haustüre sperrangelweit offen stand. Bitte nicht, die ist doch sonst nicht auf. Welcher Idiot hat denn die Türe offen gelassen? Schließlich stehen hier doch auch unsere Fahrräder griffbereit! Ich muß unbedingt die
Räder in Zukunft abschließen.

Während tausend Gedanken durch meinen Kopf schießen, finde ich mich auf dem Spielplatz vorm Haus wieder. Mein Blick wandert unruhig in Richtung Häuserwand, entlang der Garagentore, zu den Gebüschen, bis hin zum Fluß!
"Murmelchen!"
Meine Tochter ruft aus dem Fenster, ob ich sie gefunden hätte. Ich gebe Anweisungen, nochmals im Flur zu suchen.
Vielleicht sitzt sie ja im obersten Stockwerk.
Währenddessen steigert sich meine Unruhe in panische Angst. Abwechselnd zwischen Rufen und Suchen, renne ich zum Fluß, und beginne das Ufer abzusuchen. Was ist, wenn sie hineingefallen ist? Nein, Murmelchen fällt nicht einfach so ins Wasser. Sie ist eine Katze. Eine Bauernhofkatze. Aber sie war doch niemals draußen.

Die Bauernfamilie war nahezu rührend um die Kleinen besorgt. Die ersten Wochen durften sie im Badezimmer beschützt in einer liebevoll eingerichteten Ecke heranwachsen.
Eine Sperrholzplatte hinderte später ihr neugieriges Wesen daran, in eine gefahrvolle Welt zu treten.
Erst mit knapp acht Wochen, durften sie in den Hausflur, welcher auch in den Garten führte.
Doch Murmelchen zog es vor, sich auf das Bad und den Flur zu begrenzen. Sie war die Kleinste und Zarteste im Vergleich zu den den anderen Kätzchen.
Weder ähnelte sie ihrer Mutter, noch eines ihrer 3 Geschwister. Sie war die Einzigste, die ein
etwas flauschigeres Fell hatte, mit einem verwaschenen braun- schwarz gestreiften Muster. Die anderen waren übliche Tiger, zwei davon mit weißen Pfötchen.

Schon am ersten Besuchstag war klar, daß eben dieses kleine wuschelige Etwas unsere Katze sein würde.Spätestens als sie neugierig meiner Tochter am Rücken hochkletterte, und es sich unter ihrer Mähne in ihrem Nacken bequem machte, um dort seelig einzuschlafen, war es um uns geschehen. Die Bäuerin machte davon ein Foto.
Warum hab ich es eigentlich nicht?

" Murmelchen, komm zu Mama!"

Es bringt jetzt nichts zu weinen.Das macht es nur Schlimmer, und ich kann keinen klaren Kopf behalten.
Du gehst jetzt nach oben, nimmst ihr Lieblingsspielzeug, und suchst mit Mehania die gesamte Gegend ab!


Als ich zum Hauseingang zurückkehre, horche ich auf. Mein Gehör hat mich noch nie im Stich gelassen. Selbst wenn es um mich laut wird, kann ich noch das leiseste Geräusch herausfiltern. Allerdings mag ich keine Lautstärke. Es macht mich
nervös. Immer schon habe ich die Stille gesucht. Meine Mutter sagt immer mit so einem gewissem Unterton:"Für Dich ist alles zu laut; Du bist so empfindlich!"

Soll ich nun die Haustüre offen lassen, damit Murmelchen, falls sie draußen ist, wieder hineinschlüpfen kann?
Oder soll ich sie lieber schließen, damit sie, falls sie doch noch im Haus ist, nicht heraus kann?
Ich lasse die Tür offen, und entschließe mich, das Haus von unten nochmals gründlich zu durchsuchen.
Nicht ohne den Eingang aus dem Blick zu verlieren, gehe ich in Richtung Keller.Die 2 Türen dorthin sind zu, also kann sie sich dort nicht aufhalten! Richtung Treppe schaue ich nochmals genau zwischen den Fahrrädern. Nichts.
Auf dem Weg nach oben, horche ich, ob sich vielleicht etwas bewegt. Nichts.Ich schließe die Tür zu meiner Wohnung auf und sage meiner Tochter, daß sie nach unten gehen soll, falls Murmelchen auftauchen sollte.

In der Wohnung suche ich nochmals akribisch jeden Winkel ab. Ich habe eine kleine Wohnung, aber sie bietet für eine Katze viel Möglichkeit, sich nach Herzenslust einige Schlaf- und Versteckmöglichkeiten auszusuchen.
Nichts. Ich packe die Spielangel und ein paar Leckerlis in meine Tasche.
Unten sitzt meine Tochter auf dem Treppenabsatz. "Mama, wenn Murmelchen noch nie draußen war, dann muß sie doch unglaubliche Angst haben?"


Unglaubliche Angst. Angst...dieses Wort schnürt mir die Kehle zu. Ich schlucke den Kloß herunter. Er hakt sich in meinem Halse fest und ich spüre, wie er sich langsam den Weg hinunter Richtung Herz bahnt.
Dieser Kloß "Angst" macht es sich dort ab diesem Moment bequem. Durch keinen noch so positiven Gedanken läßt er sich verscheuchen. Wohlig räkelt er sich in meinem Herz, und läßt mich ab genau diesem Tage keine Nacht mehr durchschlafen, keinen Tag mehr ohne Sorge durchstehen.

Ich nehme meine Tochter an der Hand, um Halt zu finden. Ihre Wärme sorgt für ein wenig Trost.
Wir laufen suchend, und ganz gegen unsere Gewohnheit langsam, sehr langsam um die Häuser.
Endlich treffen wir auch ein paar Nachbarkinder, denen Mehania von Murmelchen erzählt. Sofort begeben sie sich zu uns,und machen aus der Suche ein Spiel. Meine Tochter schaut mich bittend an. Ich lasse ihre Hand los, und sie begibt sich zu dem Trupp Kinder. Wie gerne würde ich ihr Spiel mitspielen.
So setze ich meinen Weg alleine fort, in einer Wohngegend, die mit ihren einzelnen und unterschiedlichsten Häusern den typischen Charakter eines kleinen Dorfes am See ausmacht.

Ich habe mich hier nach meiner Rückkehr aus Tunesien gleich wieder wohl gefühlt.
Den ersten Winter am See saugte ich regelrecht in mich auf, und längst als die Menschen sich über den vielen Schnee beschwerten, genoß ich ihn noch in vollen Zügen.

Mittlerweile gedankenverloren, begegnete ich ein paar Spaziergängern, die ich sogleich fragte, ob ihnen eine kleine Tigerkatze aufgefallen sei.
Die Antworten ließen mich in Richtung nach Hause treiben.
Wie sollte ich denn eine vermutlich total verängstigte Katze, die sich irgendwo verkroch, wiederfinden?
Nein, wenn sie noch nie draußen war, wird sie sich ums Haus aufhalten, und früher oder später vor unserer Türe sitzen. Das habe ich doch immer wieder gehört. Warum sollte es bei meinem Murmelchen anders sein?
 
Zuletzt von einem Moderator bearbeitet:
Teufelchensmama

Teufelchensmama

2.098
2
Tina,
dass hast du so schön geschrieben.Ich glaube,jeder ,der einmal seine Katze vermisst hat,kann mitfühlen,wie es dir und deiner Tochter in dem Moment ging.
Aber fehlt da nicht noch was?
Wann gibts die Fortsetzung?
 
L

lavendelchen

Gast
Danke, Claudia.
Ja, da gibts noch gaaaaanz viel. Eigentlich soll es ja ein Buch werden...mal sehen.
Den 2. Teil habe ich soweit fertig, muß nur noch ordentlich eingestellt werden.
Allerdings finde ich, daß der zu glatt, also etwas langweilig geschrieben ist. Es kommt halt immer auf die Tagesstimmung an, wieviel Emotionalität mit einfließt.
Und, es ist halt viel zum lesen....für ein Forum.
 
L

lavendelchen

Gast
Hier kommt die Fortsetzung:

Die Nacht war schrecklich. Erschöpft durch die Ereignisse des Vortages , dem Suchen am Abend , in der Nacht und in den frühen Morgenstunden, konnte sich der wohlverdiente Schlaf nicht einfinden. Ruhelos und von Sehnsucht geplagt, der Sehnsucht das Fell meines geliebten Murmelchens zu spüren, ihrem beruhigenden Schnurren an meinem Ohr zu lauschen, all dessen schmerzlich bewußt, schmiß ich mich von einer Seite auf die andere.
Zwischendurch torkelte ich wie gerädert ins Zimmer meiner Tochter, und schaute angestrengt aus dem Fenster ins Dunkle, in der Hoffnung Murmelchen an der Haustüre sitzen zu sehen.

Heute mußte ich wieder zur Arbeit. Wie sollte ich den Vormittag nur überstehen? Alleine in der Gruppe mit fünf Kleinkindern, die ohne Rücksicht auf Verluste meine volle Aufmerksamkeit fordern würden. Die ganze Situation wurde erschwert, daß ich diese Woche keine Kollegin zur Seite hatte, die vielleicht ein wenig von meiner Sorge hätte auffangen , mich ein wenig bei der Arbeit hätte entlasten können. Andererseits wäre ich wohl zu Hause geblieben, wäre dies der Fall gewesen. Doch so war ich gezwungen meinen Pflichten Folge zu leisten, und mich durch den Tag zu beißen.

Ich hatte zwei Möglichkeiten zur Arbeit zu kommen. Die erste Variante war angenehmer und vor allem schneller. Die des Zuges.
Ich entschied mich allerdings für die zweite Variante, nämlich mit dem Bus zu fahren. Dies hatte einen ganz einfachen Grund;
ich konnte mich ganz hinten in den Bus setzen, um somit einen relativ guten Überblick nach draußen zu haben.
Mein einzigster Gedanke war es, die Busfahrt, die durch das Dorf mit vielen Umwegen durch das Hinterland führte zu nutzen, um eventuell ein kleines Kätzchen zu entdecken.

Ich bekam nur einen Schluck Orangensaft hinunter.
Meine Tochter hingegen aß mit Genuß ihr Müsli, und machte sich für die Schule bereit. Wenigstens mußte ich mir um Mehania keine Sorgen machen. Sie hatte die Umstellung von Tunesien nach Deutschland weit aus besser verkraftet als ich, und sich in kürzester Zeit in einem komplett anderen Leben zurecht gefunden. Nicht ohne Grund war ich stolz auf sie, zumal sie auch mit der beträchtlichen Umstellung , welche die Schule betraf besser zurechtkam, als ich anfangs vermutete.

Ihre Frage , ob wir zusammen gingen, ließ mich aufschrecken.
" Ich wollte eigentlich mit dem Bus zur Arbeit; wenn es Dir nichts ausmacht eine viertel Stunde früher aufzubrechen, können wir zusammen in die Schule gehen."
Die Schule befindet sich nur fünf Minuten von unserem Haus entfernt, und liegt auf dem Weg zum Bahnhof.

Was für ein Glück wir mit dieser Wohnung hatten. Nur mit zwei Koffern bestückt, standen wir vor fast genau einem Jahr am Flughafen in Zürich. Damals viel mir ein großer Stein vom Herzen, es überhaupt bis hierher geschafft zu haben.
Etwas entnervt von den Problemen an den Passkontrollen, hielt ich Ausschau nach einem Cousin meines Mannes, der uns bis nach Konstanz an die Grenze fahren sollte, um dort von meiner Mutter in Empfang genommen zu werden.
Die restliche Fahrt auf die andere Seite des Bodensees verschlief ich.

Genau eine Nacht verbrachte ich mit meiner Tochter bei meinen Eltern, dann konnte ich eine Ferienwohnung einer guten Freundin beziehen. Schon nach ca. drei Wochen entdeckte ich eine Wohnung in der Anzeige, welche ich nach Zusage meines netten Vermieters sofort bezog. Was heißt beziehen; zwei Koffer, eine ausgediente Matratze und ein paar notwendige Utensilien waren für die nächsten eineinhalb Monate alles, was wir besaßen.
Doch all diese Umstände ermutigten uns um so mehr, einen Neubeginn zu starten. Und diese Wohnung war der Anfang hierfür!

Wir öffneten nun an diesem etwas nebligen Morgen die Haustüre, und unsere Blicke fielen alsbald suchend umher.
Um diese Zeit ist es noch herrlich still. Hin und wieder wurde die Stille von einem wegfahrenden Auto unterbrochen. Wir liefen die kleine Wohnstraße bis zum Wendekreis, und nahmen ungehindert den schmalen Fußweg vorbei an der Seesporthalle. Schon nach ein paar Schritten befanden wir uns an der Schule. Ich gab meiner Tochter einen Kuß, der um diese Zeit noch gerne entgegen genommen wurde, da dies nicht die anderen Schülern sahen, und ich lief den Weg weiter am Kindergarten vorbei, den Fluß entlang,
und über eine kleine Brücke. Dort blieb ich unvermittelt stehen, um den etwas unruhigen "Nonnenbach" von oben zu betrachten.
Auch hier keine Spur von meinem Murmelchen.
Ich mußte mich beeilen den Bus zu bekommen, und ging zügigen Schrittes durch die Unterführung bis zur Haltestelle, an dem schon der Bus stand.
Ganz hinten machte ich es mir bequem. Hier konnte ich nach allen Seiten hinausblicken.

Während der Bus losfuhr, malte ich mir aus, was ich im Falle des Erblickens von Murmelchen täte. "Halt" schreien?
" Bitte halten Sie sofort an, meine Katze ist da!" ? Oder etwa die Notbremse ziehen? Gab es die eigentlich in einem Bus? Oder gibt es die bloß in Zügen?
So sehr ich mich auch anstrengte, spätestens nach 2 Kilometern gab ich es auf. Das war eh viel zu weit. Und überhaupt?
Murmelchen würde sicher nicht am Straßenrand stehen. Aber vielleicht liegen? Oh, Gott, daran hatte ich ja noch gar nicht gedacht.
Was ist, wenn sie verletzt am Wegesrand liegt oder noch schlimmer, vielleicht sogar tot, überfahren von einem nicht achtsamen Autofahrer?
Unmerklich schüttelte ich den Kopf. Nein, Murmelchen lebt! Meine Kleine ist viel zu schlau, als sich von so einem doofen Ding überfahren zu lassen. Sie ist eine kleine Kämpferin.


Als der Tag näherrückte, sie bei der Bauernfamilie zu uns zu holen, konnten meine Tochter und ich es kaum erwarten.
Noch ein Wochenende, ein paar Tage, und dann hätten wir durch die Osterferien genug Zeit, uns um sie zu kümmern.Am sogenannten Wochenende wollten wir sie nur noch einmal besuchen um zu sehen, wie es ihr ging. Mein Mann war schon zwei Wochen bei uns zu Besuch, deshalb ging auch er mit. Als er das Kätzchen sah erschrak er, und sagte: " Oh, mein Gott, ist die klein! Mskina hia (die Arme)".
Damit hatte er nicht ganz Unrecht. Sie war tatsächlich kleiner als all ihre Geschwister. Zudem war auffällig, daß sie immerzu schlief, während die anderen spielten. Als sie dann endlich aufwachte, ging sie lustlos auf das Näpfchen mit eingeweichten Trockenfutter zu, schleckte ein wenig daran, und dann trank sie....Milch. Oh, nein, bitte keine Kuhmilch. " Des isch mit Wasser g'mischt.Des trinken's alle sehr gern'." Irgendetwas bewog mich, auf die Zunge zu beißen. Die Bäuerin war wirklich sehr nett, und ich hatte ihre Familie schon ein bißchen ins Herz geschlossen. Ich nahm Murmelchen in meine Hände, und spürte erst jetzt, daß sie sich wie eine Feder in meinen Händen, die ich zu einer Schale formte, anfühlte. Das flauschige Fellchen hatte wirklich getäuscht, und sie größer erscheinen lassen als sie tatsächlich war.
Ich beschloß kurzerhand, sie eine Woche früher zu holen. Die Bäuerin hatte natürlich nichts dagegen, so packte ich sie in ein Handtuch gewickelt auf meinen Schoß ins Auto, und wir fuhren mit einem kleinen Bündel sorgenvoller Hoffnung nach Hause.

Dort angekommen, bereitete meine Tochter ein Gelage aus kuscheligen Fellresten in ihrem Zimmer, und direkt gegenüber im Bad, stellten wir eine extra kleine Toilette, die ich schon zuvor übers I-net bestellt hatte, bereit.
Zu diesem Zeitpunkt war Murmelchen gerade 10 Wochen alt.
Katzenfutter hatte ich natürlich schon besorgt, und auch Katzenmilch. Diese schlabberte sie auch sofort gierig in sich hinein.
Gott sei Dank, denn sie war meines Erachtens etwas dehydriert, und litt an Durchfall. Ansonsten war sie schlapp und müde.
Manchmal denke ich, es war besser sie frühzeitig zu mir zu holen; wer weiß wie sie sonst noch unter der Kuhmilch gelitten hätte.
Sie schlief den ganzen restlichen Tag und die Nacht hindurch. Am nächsten Tag ging es ihr offensichtlich etwas besser, und sie erkundete vorsichtig ihr neues zu Hause.

Mein Mann mußte an diesem Sonntag wieder zurück in die Schweiz, um von dort am nächsten Tag das Flugzeug nach Tunesien zu nehmen. Es machte mich jedesmal traurig, von ihm auf unbestimmte Zeit getrennt zu sein. Doch wir kannten das nicht anders.
So hatte ich wenigstens genügend Zeit, mich um unseren Neuling zu kümmern.
Ich beobachtete, daß mein kleines "Murmelchen" schon neugieriger wurde, aber nach meinem Geschmack mehr schlief, als ich es mir vorgestellt hatte.

Am nächsten Tag mußte ich arbeiten, und Mehania zur Schule. So mußten wir das kleine Fellbällchen alleine lassen.
Etwas unwohl war mir schon bei dem Gedanken. Jedoch war Mehania schon wieder um 12.oo Uhr zu Hause.
Etwas später kam ich, und wir gingen gleich zur Tierärztin. Dort wurde sie gründlich durchgecheckt, und sie bekam ein Wurmmittel und ein Vitaminpräparat zum Aufpäppeln. "Was haben Sie da für ein ungewöhnlich hübsches Kätzchen. Für eine Bauernhofkatze gut gepflegt, mal abgesehen von der Kuhmilch, die man ihr zum Trinken gab!"
Sie hatte keine Ohrmilben, was meist ein Garant für Bauernhofkatzen ist, und auch keine Flöhe. Auch ihre Augen waren klar, das Näschen nicht triefend.
Ich bekam den Tipp, Hühnchen- oder Putenfleisch abzukochen, und mit der Brühe zu mixen. Dies beruhige ihre Darmflora.
Geimpft wurde mein Schätzchen noch nicht. Es sollte sich erst richtig erholen.
Nach zwei Wochen solle ich nochmals kommen. Ich könne jederzeit anrufen, wenn Probleme auftreten.
Stolz wie Oskar ging ich mit dem Katzenkorb unterm Arm nach Hause. Diesen Weg konnte ich ebenfalls zu Fuß zurücklegen. Die Praxis ist keine zehn Minuten von meinem zu Hause entfernt. Ach wie schön ist dieses Dorf!

Und genau dieses Dorf lernte ich nun von allen Seiten kennen. Ich sah Sträßchen und Winkel, die ich nie gesehen hätte, würde ich nicht
immerzu nach einem kleinen Kätzchen suchen!

Den Rückweg fuhr ich wieder mit dem Bus. Auch diesmal kein Murmelchen.
Auf dem Weg vom Bahnhof nach Hause ließ ich erst die anderen Menschen, die ebenfalls den Bus genommen hatten, vorausgehen.
So konnte ich in Ruhe Ausschau halten. Diesmal ging ich noch den direkten Weg nach Hause. Alle anderen Male wählte ich nahezu täglich einen anderen Weg. Ich wollte jeden Winkel in mich aufsaugen, so daß mir ja keine Kleinigkeit entging.
Ab diesem Tag ging ich systematisch vor. Ich entwarf ein Suchplakat, welches ich mit einem meiner wenigen Bilder von Murmelchen beklebte. Dieses Plakat wollte ich in einem Copy-shop vervielfältigen. Allerdings mußte ich dazu noch bis morgen warten, da es in hier keinen solchen Laden gibt. Ich wollte es während meiner Arbeit mit einem Spaziergang mit den Kindern verbinden.
Morgen erwartete ich nur zwei Kinder in der Gruppe, so daß ich den Zwillingswagen nehmen würde.

Nun nahm ich mir das Telefonbuch zur Hand, und schrieb mir alle Nummern der umliegenden Tierärzte und Tierheime heraus.
Diese Liste hakte ich nach jedem Telefongespräch Stück für Stück ab.
Außerdem rief ich die Forstbehörde unseres Gebietes an. Für diese Telefonnummer mußte ich mich schon richtig ins Zeug legen, da ich nicht sofort den zuständigen Förster erreichte.
Dieser war sehr entgegenkommend, wollte genau wissen, wie die Katze aussieht, notierte meine Telefonnummer, und gab mir noch zusätzlich die Nummer der Jagdaufsichtsbehörde des Landkreises. Diese wiederrum leitete mich an den zuständigen Jäger unseres Waldgebietes weiter. Gott sei Dank hatte dieser Herr ebenfalls Verständnis für meine Lage, und sagte mir zudem, daß die Jäger nicht befugt seien, Hauskatzen, die im Wald nahe eines Dorfes oder Wohngebietes herumstromern, abzuschießen.

Als Nächstes rief ich noch bei der Gemeinde an.

Am Nachmittag setzte ich mich aufs Rad, und fuhr einen größeren Umkreis um unser Wohngebiet ab. Wir hatten sonniges Wetter, so daß mir das anfangs nicht schwer fiel. Bis in die späten Abendstunden war ich unterwegs.
Zu Hause wartete meine Tochter auf mich, und fragte, ob ich das jetzt jeden Tag machen würde.
"Wenn es sein muß, ja!"
 
Zuletzt von einem Moderator bearbeitet:
T

tommy terror

Gast
Du schreibst einfach Wunderbar,deine Sorgen und Nöte spüre ich genau.Und selbst das wissen um das Happy End das es ja GSD gab,schwächen meine Gefühle nicht ab.Ich finde es aber auch sehr schön dich und die deinen durch diese Geschichte näher kennenzulernen.
 
lucky2004

lucky2004

2.413
7
Oh, jetzt habe ich die ganze Zeit auf die Fortsetzung gewartet und es doch übersehen. :oops:

Du schreibst echt toll! Auch wenn ich weiß, dass es ein Happy End gegeben hat, finde ich es total spannend!

Wann gibt es denn die nächste Fortsetzung? :wink:
 
L

lavendelchen

Gast
Oh, danke, daß es Euch gefällt.:oops:
Dauert nicht mehr lang, dann gibts wieder einen Teil. Es gibt ja noch so viel zu erzählen; manchmal weiß ich gar nicht wo ich weiter machen soll...
 
Karl-heinz

Karl-heinz

3.242
4
Du schreibst soooo schön.... und mit dem Wissen das es ein Happy-End gibt, liest es sich für einen Suchenden nicht ganz so schwer...

Bei beiden Beiträgen musste ich weinen.. könnt ich doch auch nur annähernd so schön schreiben... ich hätt auch viel zu erzählen über die letzten 18 Monate :cry:
 
jona43

jona43

7.265
3
Bei der Vorstellung, dass eine meiner Miezen stiften geht, wird mir heiß und kalt. Furchtbarer Gedanke.
 
sanne66

sanne66

33
0
Hallölle,

wir warten alle mit großer Sehnsucht auf die Fortsetzung.
Spreche hier wohl für alle, die Dein Buch lesen.
Wenn ich soooo schööööön schreiben könnte wie Du, dann wäre(n) meine(n) Geschichte(n) auch ein gutes Buch.
Ganz lieben Gruß Sanne
 
L

lavendelchen

Gast
*hihi* Heike; das gefällt mir, daß Du Gänsehaut bekommst...

@ Karl- Heinz; bei Dem was Du machst, kann ich mir vorstellen, daß Du Einiges zu berichten hast. Deinen Einsatz find ich phantastisch!
Schön, daß Du weinen mußtest; genau so hab ich mir das vorgestellt. Versteh mich nicht falsch, aber das ist ein gutes Zeichen...:oops:

Sanne; gerade war ich am Schreiben, als Murmelchen meinte, unbedingt mit mir zu schmusen. Da kann ich natürlich nicht nein sagen; so wurde ich unterbrochen; aber Fortsetzung kommt sätestens am Wochenende!
 
Karl-heinz

Karl-heinz

3.242
4
Hi,
ich weine nicht weil der Tierschutz so schrecklich ist (obwohl er das manchmal doch ist) sondern weil ich meine Katze seit 18 Monaten vermisse. Ich könnt also keine Geschickt mit Happy End schreiben.
 
L

lavendelchen

Gast
Das tut mir dehr leid. 18 Monate ist eine lange Zeit. Ich wüßte nicht, wie ich mich dann fühlen würde. Wahrscheinlich wird die Hoffnung immer kleiner. Aber aufgeben sollte man vielleicht doch nicht? Allerdings ist ein gewisser Abstand dazu auch nötig, sonst leidet man wahrscheinlich ewig?!
 
Karl-heinz

Karl-heinz

3.242
4
Ja, die Hoffnung wird kleiner, aber man hört nicht auf nach rechts und links zu schauen und freut sich mit jeder Katze die wieder nach Hause gekommen ist.
 
Teufelchensmama

Teufelchensmama

2.098
2
Ach Tina,
ich weiß noch genau,wie wir beide letztes Jahr immer versucht haben uns gegenseitig wieder aufzubauen und Mut zuzusprechen.
 
L

lavendelchen

Gast
Oh ja, Claudia.
Du hast mich während dieser Zeit unterstützt, und viel Trost gespendet, wie auch viele andere liebe Menschen.
Doch Du konntest viel von deinem Leid und Deiner Erfahrung berichten. Das hat mir wahnsinnig geholfen.
Sehr oft muß ich an DIch denken, und ich hatte auch ein schlechtes Gewissen meine Freude mitzuteilen, als Murmelchen wieder da war.
 
Status
Es sind keine weiteren Antworten möglich.

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