Ich stehe in der Küche, alleine und starre den silbernen Napf in meiner Hand an.
Er ist einer von vielen, die sich als kleines Häufchen auf der Ablage stapeln. Ich drehe ihn in meinen Händen um die eigene Achse und betrachte das Glitzern, das Funkeln im Licht.
Bevor ich den Napf nehme und in einen Karton packe.
Ich hatte mir vorgenommen, die Sachen zu verräumen, da ich zwar eine Meisterin im Verdrängen bin, aber kaum sehe ich mich um, fließen Tränen.
Ich wollte die Sachen wegräumen, weil ich sie nicht mehr sehen kann. Weil sie so aussehen ... sie sehen so aus, als hätte ich das gestern nur geträumt. Ein Albtraum. Einer von vielen.
Vor dem Ofen steht noch das Napf mit Trockenfutter und eine Schüssel Milch, die längst sauer sein muss. Es sieht so nach einem meiner Albträume aus und ich wünschte, ich könnte mich bücken, das Trockenfutter wegschmeißen, die Milch wegkippen und all das verräumen. Aber es geht nicht.
Ich sitze alleine auf den Stufen unseres Hauses und starre auf die Schüssel Milch, die von Sekunde zu Sekunde ungenießbarer wird.
Vielleicht klingt es naiv und ein bisschen dumm, wenn ich sage, dass der gestrige Tag einer der Schlimmsten in meinem Leben war. Ich habe schon öfter ein Tier verloren und auch wenn ich diese Katze mehr als alle anderen geliebt habe, war es dieses Mal so unsagbar schlimm.
Weil ich alleine war. Vollkommen alleine.
Meine Eltern sind um sechs Uhr morgens in mein Zimmer gekommen und haben mir einen Kuss auf die Wange gedrückt, ihre Sachen gepackt und sich auf den Weg zu ihrem Wochenendurlaub in Italien gemacht. Auf dem Tisch liegen jetzt noch ihre Zettel, unberührt.
"Guten Morgen, wir konnten den Kater leider nicht finden. Wenn er nach Hause kommt ist er sicherlich hungrig und müde - füttere ihn und mach ein bisschen Platz in deinem Bett!"
Die Zettel habe ich erst gelesen, als ich weinend am Küchentisch saß, die Nummer meiner Eltern wählte und ihnen sagte: "Der Nachbar war gerade da. Er hat gesagt, dass Garfield wahrscheinlich tot ist. Sie haben ein paar Straßen weiter eine rote Katze gefunden. Und ich soll da jetzt hingehen und nachsehen, ob er es ist."
Ich bezweifle, dass sie überhaupt ein Wort verstanden haben, die Tränen haben meine Stimme immer wieder abgewürgt.
Der schlimmste Tag ... um halb neun klingelte es Sturm. Fünf Minuten. Ich blieb liegen, weil ich viel zu spät ins Bett gegangen war. Dachte, dass es vielleicht die Nachbarn wären, der Postbote, der mich quälen wollte. Trotzdem konnte ich danach nicht mehr schlafen und stand auf.
Eine viertel Stunde später kam mein Nachbar. Es gab kein "Guten Morgen", kein "Hallo". Stattdessen schlug er mir die Nachricht ohne Vorwarnung ins Gesicht: "Eure Katze ist tot."
Meine Eltern am Telefon waren fassungslos. Sie fragten mich sofort, ob sie nach Hause fahren sollten, doch ich verneinte. Mal wieder wollte ich die Starke spielen. Sie sagten mir, ich sollte dort auf keinen Fall alleine hingehen. Eine Freundin anrufen, meine Tante, irgendjemanden, der mitging. Ich sagte "Ja", obwohl ich zu diesem Zeitpunkt schon wusste, dass ich niemanden mitnehmen wollte.
Der Nachbar hatte mir das Haus der Frau, die an dem Morgen Sturm geklingelt hat, beschrieben. Und obwohl ich still hoffte, dass es nicht unsere Katze war, hatte ich einen Beutel dabei. Ich versuchte nicht zu weinen, aber meine Augen waren rot. Ich lief durch die Straßen und suchte dieses verfluchte Haus. Hielt es kaum auf den Straßen aus, weil ich bei jedem Häufchen in der Ferne dachte: Ist er das?
Ich lief wieder nach Hause, zum Nachbarn und ließ es mir erneut erklären. Das erste Mal war er so schlau und meinte, er würde schnell mitgehen. Während er neben mir herlief murmelte er ständig, dass er selbst auch keine toten Tiere sehen könnte. Das würde ihm durch und durch gehen. Nur ein Stück, sagte er immer wieder, er ginge nur ein Stück mit.
Er brachte mich zu dem Haus der Frau, nur damit ich wieder abgewiesen wurde. Ein Nachbar von ihr hätte ihn genommen und in seine Garage getan. Dieser Nachbar wäre jetzt weg, ich müsste warten. Ich schrieb ihr meine Telefonnummer auf und weiß, dass ich ganz viel geredet habe, ständig schluchzend: "Vielleicht ist er es nicht." Obwohl mein Herz es längst wusste. "Es gibt noch eine andere rote Katze hier ... die verwechseln sie ständig ... Er war ja gestern noch da ..."
Dann habe ich sie gefragt, ob er ein Halsband getragen hätte. Ein schwarzes Halsband.
Und sie rief aus, so schmerzlich freudig: "Ja, ein Halsband hatte er an! Ein Halsband hatte er."
Ich habe innerhalb dieser wenigen Minuten, die sich wie eine Ewigkeit anfühlten, so viele Tränen vergoßen und niemand war da, der mich tröstete.
Ich lief wieder nach Hause und ein Nachbar fragte mich unwissend und spöttisch "Hast du dich verlaufen?".
Ich sah ihn nur verweint an und lief weiter.
Zu Hause rief ich meine Eltern wieder an und mittlerweile weinte auch meine Mutter am Telefon. Immer und immer wieder sagte sie, sie könnten umdrehen, sie wären bald wieder da.
Und ich hab gesagt: "Ja, aber was bringt das?" So verbittert, so resigniert.
Sie sagte, es würde etwas für mich bringen. Ich wäre nicht alleine. Ich müsste nicht alleine mit all dem umgehen. Und ich weinte wieder ... Sie stellte mir Fragen und ich konnte nicht aufhören zu weinen, beantwortete ihre Fragen mit einem Nicken, das sie nicht sah.
Ich ertrug es nicht, sie weinen zu hören und sagte, dass ich auflegen müsste. Ich müsste warten, bis die Frau mich anriefe. Dann legte ich auf, ging in den Garten und nahm die Schaufel in die Hand. Meine Eltern riefen wieder an, meine Mutter weinte und ich schluckte die Schluchzer hinunter, um ein "Ich muss jetzt auflegen, ich muss auf den Anruf warten" herauszupressen, während mein Herz blutete. Der Schmerz wuchs mit jeder Sekunde, mit jedem Atemzug.
Ich stand mit der Schaufel in der Hand und stieß sie in den Boden. Doch ich brachte es nichts übers Herz, die Erde auszuheben. Stattdessen stand ich dort, mit der Schaufel in der Hand und wartete. Wartete, bis der Anruf kam ...
Ich hatte nichts von all dem je zuvor gemacht. Ein totes Tier gesehen. Ein totes Tier beerdigt. Mein Vater hatte es immer übernommen, weil meine Mutter und ich zu schwach dafür waren, aber an diesem Tag hing alles an mir. Als der Anruf kam, lief ich mit einem Schuhkarton und der Tüte los. Ich konnte kaum etwas sehen, die Sicht von Tränen verschleiert. Ich wollte da nicht hin, ich wollte ihn nicht sehen, wollte ihn nicht holen ...
Als ich in deren Straße einbog, kam mir die Frau schon entgegen und ging mit mir zu diesem Mann, ihrem Nachbar. Sie redete ständig irgendwelches Zeug, das ich nicht hören wollte und auch nicht hörte. Ich ließ es an mir abprallen und stand vor dem Gartentor dieses fremden Mannes.
Ich biss mir so fest auf die Unterlippe, das Blut floss, als ich sah, wie er mit diesem blauen Beutel um die Ecke bog. Ich wollte Garfield gar nicht sehen. Am Liebsten hätte ich den Beutel genommen und wäre gegangen. Ich wollte mich nicht vergewissern ...
Aber er stand da, redete mit dieser Frau und begann, das Band von dem Beutel zu nehmen. Sie sprachen über meine Katze, als wäre ich nicht da. Als stünde ich nicht neben ihnen und würde weinen. Es wurde von Blut gesprochen, von Autos, davon, dass sie ihm wohl am Genick erwischt hätten, dass er sich noch auf die Terrasse gezogen hätte, unter den Tisch, dass der Hund des Mannes Angst gehabt hätte, ein Blutfleck, dass die Katze ausgesehen hätte, als würde sie schlafen, dass sie schon ganz kalt gewesen war.
Ich stand da und litt und fragte mich, wieso sie mir das sagen mussten. Konnten sie mir nicht auch noch mitteilen, dass er gelitten hat? Das er langsam und qualvoll sterben musste? Dass er sich auf die Terrasse geschleppt hätte, weil er sich Hilfe gewünscht hätte und niemand gekommen war?
Der Mann machte den Beutel auf und ich sah zuerst die Pfoten. Die roten, kleinen Pfoten. Ich musste nur die Pfoten sehen ... Ich nickte und wollte damit sagen: "Ja, er ist es, ich muss nicht mehr sehen, es ist gut, es reicht ..."
Aber er hat den Beutel ganz geöffnet und ich sah Garfield. Er lag auf der Seite, so, wie er immer in meinem Bett gelegen hatte. Die Augen geschlossen. Ich sah in sein Gesicht, auf das schwarze Halsband, den weißen Fleck unterm Kinn und sagte immer wieder, dass er es ist. Er ist es.
Um nicht wieder zu weinen, begann ich zu reden. Ich legte den Schuhkarton auf den Boden und fragte, ob man ihn reinlegen könnte, widersprach mir dann selbst und bat ihn, den Beutel zu schließen. Er fragte mich, ob er mich nach Hause bringen könnte, aber ich verneinte. Ich wollte das nicht; ein Fremder in diesem intimen Moment, in diesem Augenblick blanken Schmerzes. Der Vorhang der Welt verfärbt sich schwarz, Trauer liegt in der Luft. Ich nahm den Beutel und ging davon, ohne ein Wort zu sagen.
Immer, wenn ich die von der Totenstarre erstarrten Beinchen spürte, wie sie an meinen Körper stießen, weinte ich, schluchzte auf.
Die fremde Frau lief noch ein Stück an meiner Seite, aber dachte nicht daran, auch nur ein Wort des Trostes zu sagen. Mich in den Arm zu nehmen, mich zu trösten. Stattdessen begann sie mit einer Nachbarin über Blumen zu reden und ich lief mit meinem toten, geliebten Garfield nach Hause. Ließ alles hinter mir. Den Ort seines Todes, das Gefühl der Fremde. Aber den Schmerz konnte ich nicht zurücklassen, er hing an meinen Fersen und wuchs mit jeder Träne.
Ich legte Garfield im Garten ab und begann das Grab auszuheben. Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Schaufel für Schaufel. Der Nachbar betrat seinen Garten, sah mich, fragte, ob es unsere Katze gewesen wäre. Ich nickte und er erwiderte nichts. Begann stattdessen, an seinem Teich herumzuspielen, während ich mich quälte und jeden ausgehobenen Berg Erde mit Tränen besiegelte.
Ich legte Garfield vorsichtig hinein, bedeckte ihn mit drei Beuteln frischer Erde und saß danach nur im Garten, das Grab anstarrend. Erstarrt. Regungslos.
Ab diesem Moment setzte die Gefühlslosigkeit ein.
Meine Mutter rief erneut an, ganz verweint und ich meinte fast nüchtern, dass ich ihn jetzt begraben hätte und es mir gut ginge. Ich legte auf und saß weitere, endlose Zeit an diesem Fleck und starrte die frische, schwarze Erde an.
Als ich ins Haus kam und das Bild anstarrte, das von ihm auf den Tisch lag, kamen die Tränen wieder hoch, erst recht, als meine Mutter wieder anrief und mich bat, ihm ein Kreuz zu machen, worauf stand "Hier liegt die schönste Katze der Welt" ... und das war er auch.
Meine Eltern baten mich, mich das Wochenende über mit Freunden zu treffen. Ich sollte abgelenkt werden, auf andere Gedanken kommen. Stattdessen liege ich auf dem Sofa und wann immer ich mich nicht mit dem Internet ablenke, liege ich da, starre ins Nichts und antworte auf keinen der zig Anrufe. Auf keine SMS. Auf nichts.
Auf der Treppenstufe liegen noch zwei neue Spielzeug-Mäuse. Wir haben sie vorgestern gekauft, zusammen mit seinem Lieblingsfutter. Er kam nicht dazu, mit seinen neuen Spielsachen zu spielen, konnte nicht einmal einen Bissen seines Lieblingsfutters essen ... Die Sachen liegen dort, aufgereiht, als würden sie warten. Auf ihn warten. Und ich warte mit. Als wäre sein Tod nur eine Einbildung, eine schmerzlich Einbildung gewesen.
Jedes Mal wenn ich am Fenster vorbeigehe, bleibe ich stehen und starre hinaus. Auf die Fläche, die mit frischer Erde bedeckt ist. Manchmal verweile ich unzählige Minuten dort und starre nur auf diesen Fleck.