Eine Kerze für zwei Unbekannte

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WeirdStray

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Was für ein Tag... einer dieser Tage, welche die Welt nicht braucht. Zu früh aufstehen müssen. Nur unfreundliche Kunden. Ein Gang zum Tierarzt, Diagnose: Giardien. Kalt, dunkel, windig, nieselig. Depri-Wetter.

Ich stieg eben aus dem Bus, einen laut jammernden Smokie in seiner Box vor der Brust tragend. Ich nähere mich dem im Wechselspiel aus grellem Neonlicht und Dunkelheit daliegenden Bahnhof, dieser ewigen Baustelle, der abgezäunte ehemalige Busparkplatz von Unkraut überwuchert, eine trostlose Wunde im Boden.

Plötzlich: Bewegung! Ein graugetigerter, kleiner Schatten schießt, aufgeschreckt von Passanten, davon. Eine große schwarze Katze mit grotesk ausgeleiertem Hängebauch folgt.
Ich bleibe stehen, beobachte die Tiere.
Der Grautiger ist noch klein, sehr dünn, nicht größer als Maurice... Maurice, den ich genau an diesem Bahnhof gefunden habe. Und die schwarze Katze - ob ihr ausgeleierter Bauch von zu vielen Würfen kommt?
Ich will die beiden noch anlocken... und mein Herz bleibt stehen: sie rennen auf die offen daliegenden Bahngleise, alle beide und ich stehe, die Box an der Brust, am Zaun.
Jetzt im Nachhinein glaube ich, ich hätte gerne etwas gesagt, gerufen, geschrieen - LAUFT DA NICHT HIN! - in Wahrheit war dafür gewiss keine Zeit. Ich sehe wie in Zeitlupe, wie der Grautiger auf das Gleis läuft... wie ihn für den Bruchteil einer Sekunde die Scheinwerfer der S-Bahn erfassen. Und die Schwarze - wo ist sie? Ich kann sie nicht mehr sehen, doch eben, da war sie noch genau hinter ihm! Die Bremsen der S-Bahn kreischen, als sie am Bahnsteig zum stehen kommt, 20 Meter weiter, übertönt jeden Laut, auch mein Wimmern, als ich an dem Zaun entlanggehe, bis er mich so dicht es geht an die Gleise gebracht hat.
Zu dem armen Grautiger, das, was von ihm übrig ist. Es ist gnädigerweise Dunkel, und was ich sehen kann, reicht mir.
Ich stehe da, halte meinen heulenden Kater in seiner Box fest, und kann nichts tun. Keine Möglichkeit, an den kleinen, zerfetzten Körper heranzukommen.
Die Schwarze kann ich nicht sehen, ich hoffe, sie ist entkommen... aber glauben - glauben kann ich es nicht.
Ob das Maurice' Familie war? Ob jemand anders außer mir um diese beiden armen, kleinen Seelen weinen wird? Ob sie ein liebendes Zuhause hatten?
Ich weiß es nicht... aber heute zünde ich eine Kerze an, für diese beiden Unbekannten.
 
19.11.2012
#1
A

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Gast

Ich kann dir den Ratgeber von Gerd empfehlen.
Eventuell hilft dir das ja bei deinem Problem.
ayla-iman

ayla-iman

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Oh mein Gott das ist schrecklich.
Ihr kleinen Mäuse kommt gut über die Regenbogenbrücke und spielt schön mit den anderen Sternen katzen
 
Tinaho

Tinaho

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Huhu,

oh je, was für ein Schock. Was für eine schreckliche Geschichte. Ich trauere mit Dir um die Niemandskatzen.:cry:

Lass Dich mal in den Arm nehmen, bestimmt zitterst Du jetzt noch.:shock:

LG
 
WeirdStray

WeirdStray

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Ich heul mir hier die Augen raus... was sind denn das für Menschen, die ihre Katzen einfach in so einer Gegend rumlaufen lassen? Was ist das nur für hirnloser, herzloser Abschaum... ich komm nicht drauf klar grad.

Und dann komm ich heim und muss meine eigenen Katzen direkt quälen, mit Po abwaschen und Tabletten geben und... ach, f*ck :(
 
LolaThropp

LolaThropp

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Oh nein ... WeirdStray, es tut mir wahnsinnig leid, was du da mit ansehen musstest... ich hab selbst grad schon wieder Tränen in den Augen.. :( Ich wünsche mir, dass die Unbekannten lieben Seelen gut über die Regenbogenbrücke gewandert sind und es ihnen jetzt besser geht... :( *dich in den Arm nehm* Ich denk an dich und die Unbekannten ....
 
Manowarfan

Manowarfan

Gesperrt
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Auch ich hoffe das Tigerchen und das Lackfellchen kommen gut im Regenbogenland an.
 
Basije

Basije

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Es tut mir leid was du da erleben mußtest. Ich kann mir vorstellen wie furchtbar das war. Die zwei armen Kätzchen. Ich habe schon beim lesen weinen müssen.

Liebe kleinen Mäuschen hoffendlich mußtet ihr nicht noch leiden. Im Katzenhimmel habt ihr keine Schmerzen mehr, da könnt ihr jetzt mit all unseren Sternenkätzchen spielen und wieder glücklich sein.

Traurige Grüße Kathi.
 
WeirdStray

WeirdStray

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Die Schwarze lebt! Sie lebt! Sie lebt! Ich hab sie gesehen! In einem Garten von einem Haus, das direkt mit den Rücken zu den Gleisen steht.
 
Jiji

Jiji

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Schrecklich was da passiert ist und dass du es auch noch alles mit ansehen musstest!
Das arme kleine Ding! Der einzige Trost ist, dass es sehr schnell ging und ohne Schmerz und Leid.

So grausam es ist, so schön ist es dann zu lesen, dass zumindest die andere mit dem Leben davon kam. :)
Lasst uns hoffen, dass sie irgendwo ein liebevolles Zuhause hat und nicht mehr auf die Idee kommt zu nah an die Gleise zu gehen...

Ich hoffe dass du das Erlebte trotz allem gut verarbeiten kannst. Fühl dich gedrückt.
 

Schlagworte

katzen TROTZ BAHNGLEISEN

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