Mein Blindfischchen

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7

7-katzenleben

Gast
Ende November 2008 bekam ich einen Anruf von meiner Mutter. Sie lebt sehr beschaulich auf dem Lande, genauer gesagt in einem Dörfchen mit 400 Einwohnern im schönen Unterallgäu.

An diesem Tag hatte meine Mutter ein Anliegen: Auf dem Bauernhof, wo sie immer ihre Milch holt lebte ein blindes Kitten von 8 Wochen. Die Kleine war sehend geboren, im Alter von 4 Wochen jedoch vom Hofhund am Köpfchen gepackt und dabei verletzt worden.

Erstaunlicherweise hatte sie sich (ohne tierärztliche Hilfe) erholt, aber als sie mit ihren Geschwistern immer häufiger das Körbchen verliess stellte sich heraus, dass sie erblindet war. Schnell geriet sie auf dem Hof in lebensgefährliche Situationen: draussen war es kalt und so hielten sich die Kitten überwiegend im Kuhstall auf. Die kleine blinde Katze konnte jedoch die Gefahren in Form von Kuhbeinen und Kühen, die sich auf sie zu legen drohten nicht erkennen. Es hatte schon mehrerer Rettungsaktionen in letzter Sekunde bedurft und es war klar, dass das nicht mehr lange gutgehen würde.

So sollte nun ein neues Zuhause für die Handvoll Katze gefunden werden und ich wurde angerufen (unter anderen), ob ich denn ein Plätzchen für sie wüsste. Damals hatte ich keine Katzen, da Vollzeit berufstätig und mitten in der Stadt... Naja, nach einer schlaflosen Nacht, in der ich mir immer wieder vorstellte, wie dieses Kätzchen gerade von einer Kuh zerquetscht wird, rief ich meine Mutter in der Früh an und sagte ihr, ich würde die Kleine nehmen, allerdings nur zusammen mit einer Schwester, damit sie Gesellschaft habe und jemanden, von dem sie lernen könne. Ich hatte oben ein Gästezimmer, das ich als Kittenzimmer umbauen konnte - und ich hatte null Ahnung, wie ich denn um Himmels Willen mit einer blinden Katze umgehen sollte. Meine bisherigen Katzen waren alle Freigänger gewesen..

Meine Mutter hielt Wort und holte die beiden Kitten sofort (zum Einen um
die kleine blinde Maus aus der Gefahr zu holen, zum anderen auch, weil die Katzenmama zu der Zeit schwer krank war; es war der dritte Wurf in dem Jahr gewesen und sie wäre fast daran gestorben. Die Kitten waren komplett von Hand aufgezogen worden.) Anfang Dezember hat sie sie dann mit nach München gebracht.

Amélie (vorn) und Serafina an ihrem ersten Tag in München



Hier sieht man gut Serafinas ungleiche Pupillen



Sie bekamen die Namen Serafina (die blinde Schwester) und Amélie (die sehende Schwester). Beide waren miniklein und dünn, Serafina war noch winziger als Amélie und hatte ganz kurze Stummelpfötchen, die uns anfangs Probleme bereiteten, weil sie mit ihnen nirgendwo nach unten langte.

Während Amélie sehr menschenbezogen war, interessierte sich Serafina anfangs fast ausschliesslich für ihre Umgebung. Tag und Nacht wanderte sie in ihrem Zimmer herum und wenn sie nicht gerade irgendwo hochgeklettert war, wo sie nicht mehr runterkam war sie absolut stubenrein und fand die Fressnäpfe mit traumwandlerischer Sicherheit. Das Verbuddeln ihrer Geschäftchen stellte schon eine grössere Herausforderung dar. Anfänglich buddelte sie meist einfach irgendwo. Amélie sass neben dem Klo und sobald Serafina es verliess (üblicherweise unter Hinterlassen von Sandpyramiden links und rechts vom Kistchen) machte sie ein paar rasche Scharrer um die Hinterlassenschaft doch noch zu versenken. Heute ist Serafina im Katzenhaushalt die Tierbauingenieurin schlechthin. Was sie im Klo vergräbt kommt in Australien wieder zum Vorschein.

Schnell stellte sich heraus, dass Amélie sehr genau wusste, was ihre kleine Schwester konnte und was nicht, und sie war absolut skrupellos darin, dies zu ihren Gunsten auszunutzen. Serafina ihrerseits konnte es nie ertragen, wenn andere Katzen etwas können, was sie nicht schafft. Was Amélie tat, war für sie die Messlatte und es war eine sehr hohe Messlatte, denn Amélie ist eine extrem agile, schnelle und geschickte Katze. Faszinierenderweise schaffte Serafina es, an ihr dran zu bleiben. Und sie schaffte es gut. Viel besser, als ich es je für möglich gehalten hätte.

Serafina fand noch einen zweiten Lehrmeister: Pinocchio, den jungen Kater meiner Mutter. Er war nur 2 Monate älter als meine beiden, aber 2,5 x so groß wie Serafina - und ausgerechnet ihn musste sie sich als Sparringspartner aussuchen. Den lieben langen Tag haben sie die beiden durch die Gegend gebalgt und am Ende hatte Serafina den schwarzen Gürtel. Heute trägt sie zurecht den Titel 'Bestgefürchtete Katze des Haushaltes', denn gefallen lässt sie sich rein gar nichts, von niemandem...

Fini mit ihrem Freund Pinocchio



Nur langsam habe ich gelernt, Serafinas Tun zu verstehen. Heute weiß ich, dass sie sich meine Wohnung ständig erläuft. Da, wo andere Katzen hinsehen, um zu wissen, was vorgeht, da rennt sie hin. Sie ist immer up to date. Umgestellte Möbel, herumliegende Sachen - für Serafina stellt das keine Herausforderung dar. Sie findet sich so gut zurecht, dass wir anfangs dachten, sie könne gar nicht blind sein. Tests beim Tierarzt ergaben jedoch, dass sie nicht einmal Schatten erkennen kann. Ihre Pupillen öffnen und schliessen sich mit dem Licht, sind jedoch meist etwas ungleich weit geöffnet - vermutlich wurde bei dem Biss ihr Sehzentrum zerstört.

Serafina orientiert sich am Bodenbelag, am Geruch, an Geräuschen und am Luftzug. Meine Wohnung ist sehr kompliziert, eine zweistöckige Maisonette mit einer nach allen Seiten offenen Wendeltreppe, die Serafina völlig problemlos bewältigt. Sie hat die Angewohnheit, Kreise zu laufen (nicht immer, sie kann auch einfach gerade laufen) und meist tanzt sie die Treppe in absoluter Topspeed runter, wobei sie auf jeder Stufe noch einen kleinen Kreis dreht. Wenn Nini, meine dritte Katze, die Schuhe am Fuss der Treppe rauszieht, weiß die Kleine das und springt drüber und wenn ich sie wieder eingeräumt habe, weiß sie es auch und verzichtet auf den Sprung. Wenn ich sie im Obergeschoss hochhebe, runtertrage und irgendwo absetze, weiß sie sofort, wo sie ist... ihre Plüschbällchen, in denen kleine Reiskörner rascheln wirft sie in die Luft und fängt sie wieder auf.

Es ist schon passiert, dass Gäste ihr und den anderen beim Spielen zugesehen haben und mich dann fragen: und wo ist jetzt deine blinde Katze? Mittlerweile werde ich fuchsig wenn jemand meine 'behinderte' Katze erwähnt. Serafina ist nicht behindert, sie kann nur nicht sehen, das ist alles... sie ist ein fröhlicher kleiner Wirbelwind. Klar balanciert sie nicht oben auf dem Türrahmen, aber das können auch zwei von meinen sehenden Katzen nicht...

Wir haben für sie Rampen an die Kratzbäume gebaut, weil sie für ihr Leben gern klettert... so kann sie überall wieder runter... Oft klettert sie völlig unorthodox an den Kratzbäumen hoch, zieht sich hoch, krabbelt durch irgendwelche Lücken... und ihre sehenden Mitkatzen machen es ihr sofort nach. Ich muss aufpassen, weil sie in ihren Bewegungen sehr unberechenbar ist, wenn wir irgendwo hinklettern oder springen, dann fixieren wir den Punkt mit den Augen... Sie tut das nicht. Sie kann andere Katzen nicht anblinzeln, sie setzt sich hin, Schwänzchen um die Pfoten geringelt und blinzelt heftig vor sich hin und hofft, dass das gesehen wird...

Seit sie hier ist freue ich mich jeden Tag, dass sie zu mir gekommen ist. Ich habe von ihr mehr gelernt als von irgendjemand sonst... meine anderen Katzen stehen sich so oft selbst im Wege, sie hingegen geht offen auf alles und jeden zu. Von all den Schwierigkeiten, die ich anfangs erwartet habe, ist nicht eine eingetreten. Serafina weiß, was sie will, sie weiß, wie sie es bekommt...

Falls irgendjemand sich Gedanken macht, ob er sich denn ein solches 'behindertes' Kätzchen zutraut, so möchte ich demjenigen gern Mut zusprechen. Ich für meinen Teil möchte Serafina in meinem Leben nicht mehr missen.
 
12.12.2012
#1
A

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Gast

Ich kann dir den Ratgeber von Gerd empfehlen.
Eventuell hilft dir das ja bei deinem Problem.
jona43

jona43

7.265
3
Ist das ein schönes Happy End (sag ich jetzt mal so!) ... erzähl mehr von deiner kleinen Serafina. Und Fotos!! Unbedingt. :-D
 
Isenbert

Isenbert

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Wie toll du das geschrieben hast. Hört sich wirklich ganz bezaubernd an. Freuen uns auf weitere Geschichten und Bilder ;)
 
lucky2004

lucky2004

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Das klingt so schön! :mrgreen: Toll, dass Du den Versuch gewagt hast, ohne genau zu wissen, was Dich erwartet. Es sollte jedem Mut machen, sich auch für ein Handycat zu entscheiden. Das Problem ist oft nur im Kopf der Menschen, aber eine Katze nimmt das Leben eben wie es ist.

Ich habe selbst ein Handycat (Lucky, mein Dreibein) und da konnte ich auch feststellen, dass sie alles können muss, was andere Katzen auch können, z.B. auf das Dach der Scheune klettern. :roll:
 

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eine pupille kleiner als die andere katze

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