Meine Daisy...
Ich denke noch oft an sie. Dabei ist es schon lange her...und manches erscheint mir wie in einer billigen "Doku-Soap" voller haarsträubender "Handlungsstränge".
Im November 96 bekam ich sieben Katzen in die Wohnung, die bei mir abgeholt werden sollten. Eigentlich acht, denn Tiffany war für mich. Alle wurden abgeholt, nur Daisy nicht, eine schwarz/weiße Halbangora. Ich war damals ehrenamtlich für eine Tierschutzorganisation tätig und fungierte des öfteren als "Abholzentrale" für diverse Tiere.
Die für mich gedachte Tiffany mochte mich nie, die edle Waldkatze tolerierte mich bestenfalls als Essensüberbringer und war sehr unglücklich. Erst später habe ich erfahren, daß sie eine freilaufende Katze auf einem Bauernhof gewesen war, ehe sie ins Tierheim kam, wohin sie ine etwas zu gut meinende Tierschützerin brachte. Daisy fauchte mich an, wenn ich sie ansah, versteckte sich immer und war verstört. Sie war aus einer verwahrlosten Wohnung eines Drogensüchtigen geholt worden. Beide Tiere waren ca 7-8 Jahre alt.
Drei Monate lang ließ sie sich nicht blicken, wenn ich zuhause war. Tiffany durchaus, auch wenn sie sich nicht berühren ließ. Irgendwann beschnupperte mich Daisy in der Nacht vorsichtig. Das wiederholte sich mehrfach. Immerhin - sie aß normal und ging auf's Kisterl, so lange ich ruhig saß oder lag.
Eines Tages im März 1997 kamen Handwerker in die Wohnung und da passierte es, daß Tiffany ausbüchste. Ich fand sie nie wieder, aber ich trauere - wenn es auch herzlos klingt - nicht wirklich um sie. Ich lebte nahe des Wiener Grüngürtels und es war nicht weit in die Wildnis. Ich glaube, sie war in Freiheit einfach glücklicher und fand dort ihren Weg. Daisy blieb auf Distanz, schien unter der Trennung von Tiffanx nicht zu leiden.
Zwei Monate lang dauerte es noch, bis Daisy eines Abends plötzlich zu mir ins Bett hüpfte, mich niederschmuste und tat, als wären wir stets die besten Freunde gewesen.
Ich führte damals ein schlimmes Leben, war sehr depressiv und scheiterte in so ziemlich allem, war noch keine 22 und hatte keine Unterstützung. Ich verlor damals im September 1997 meinen Job und meine Wohnung und war vier Wochen obdachlos. Daisy war immer dabei und wich nicht von meiner Seite. Das Futter für sie klaute ich meistens. Ich war zu stolz und voll Scham, um Familie und Freunde um Unterschlupf zu bitten und zog mich zurück. In eine Bleibe einer sozialen Einrichtung wollte ich nicht, denn da hätte Daisy ins Tierheim gemußt.
Ganz unvermittelt lösten sich manche Probleme, als ich einen alten Bekannten traf, der eine agentur betrieb, die Öffentlichkeitsarbeit für gemeinnützige Vereine machte und der dringend Mitarbeiter brauchte. Ich hatte wieder ein Dach überm Kopf und einen Job. Ich mußte unter der Woche viel durchs Land reisen - Daisy war immer dabei, geduldig und neugierig. Ob im Zug oder im Auto, es schien ihr nichts auszumachen.
Ich hatte eine Umhängetragetasche, wo man an sich Babys mitnimmt. Da war sie oft drin und begleitete mich auf vielen Wegen in der Umgebung des Büros. Mein Arbeitsplatz und die zur Firma gehörende WG waren im selben Haus, so war sie auch immer in der Arbeit mit. Sie ging auf die Menschen zu, die in meiner Nähe waren und blühte auf. Sie schlief immer neben meinem Kopfpolster und wenn ich wach wurde, rieb sie ihr Köpfchen an mir. Das ist jetzt nicht romantisiert, das war so.
In der Firmen-WG war sie leider meinen zwei Mitbewohnern und meinem Chef ein Dorn im Auge. Das merkte ich früh, aber ahnte nicht, was kommen sollte.
Psychisch war ich damals dennoch recht instabil und versteckte meine depressive Phase, nur nicht vor Daisy. Allerdings spielte ich viel zu wenig mit ihr, weil ich die Kraft nicht hatte. Dann kam ein akuter Anfall von Lebenshunger und ich ging an mehreren Tagen unter Menschen. Es ist keineswegs so, daß ich sie vernachlässigt hätte, aber ich verbrachte kurzfristig weniger Zeit mit ihr, als sie es gewohnt war und ich bin heute noch sehr traurig darüber, daß sie mich in diesen Tagen zwischendurch wohl vermisst hat. Immerhin war sie tagsüber ja dauernd bei mir und nachts kuschelten wir wie gewohnt.
Am 18. Februar 1998 ging ich abends fort. In der Retrospektive mache ich mir viele Vorwürfe deshalb. Besonders aus einem Grund, weil es nicht wichtig war, sondern ich schlichtweg schon wieder auf Aufriss ging. Als ich heimkam gegen Mitternacht, war Daisy in der ganzen Wohnung nicht zu finden. Ich suchte sie im Haus, in der Umgebung, sie war fort.
Meine zwei Mitbewohner kamen und Alfred sagte mir ins Gesicht, er habe dieses "grausliche Mistviech" erwürgt und in die Mülltonne geworfen. Darin war sie aber nicht! Er meinte dann spöttisch, es wäre irgendeine Mülltonne in der Umgebung gewesen. Der andere Typ lachte nur. Wie ich das schaffte, weiß ich nicht mehr, aber ich schlug auf die ein und drängte sie aus der Wohnung, sperrte sie aus. Mein Chef kam, den die beiden angerufen hatten, aber ich ließ ihn nicht rein, ich wollte wissen, wo meine Katze ist. Polizei kam auch, ich machte dann auf und Alfred sagte, er habe im Suff die Katze erwürgt, weil er mir etwas zu Fleiß tun wollte. Damals galt das juristisch als "geringfügige Sachbeschädigung" (das ist heute anders) und eine Anzeige hätte mir nichts gebracht. Alfred und Wolfgang waren jedoch als Keiler für eine Tierschutzorganisation(!) tätig, für deren Werbe-Agentur ich im Büro arbeitete. An den Präsidenten der Organisation machte ich über diesen Vorfall sofort Mitteilung, der nun keine Mitgliederwerbungen mehr von diesen Mitarbeitern annahm und aufgrund irgendeiner Klausel die Provisionen einbehielt. Sie verloren immerhin diesen direkten Job, werkelten aber für andere Organisationen weiter, für die die Agentur tätig war. Ich erfuhr nie, wo Daisy geblieben war und was wirklich mit ihr geschah.
Mein Chef machte mir dann nur mehr Vorwürfe, weil er seine besten "Keiler" nicht mehr für den lukrativsten Bereich einsetzen konnte und meinte, daß so eine "scheiß Katze" schließlich ersetzbar wäre. Ein ehemaliger Mitarbeiter erzählte mir zehn Jahre später, die ganze Aktion wäre eine Farce gewesen, um mich aus der Firma und der Wohnugn zu ekeln. Sorry, hört sich an wie in einer "Doku-Soap" und ist skurril, aber es gab da unterschiedliche Auffassungen von der Seriösität der Werbebranche und mir kamen manche dieser Dinge spanisch vor. Daisy wäre von der Frau meines Chefs in ein Tierheim außerhalb Wiens gebracht worden. Ich kontaktierte sie dann nach all den Jahren, was ihr sehr unangenehm war, aber erfahren konnte ich nichts.
Natürlich verließ ich damals auch die Firma und die Wohnung und kam anderswo unter. Jahre später traf ich auch den Ex-Chef wieder in dieser Sache, der mir aber nichts dazu sagen wollte, außer wiederholt, daß ich das nicht so eng sehen solle...
Recherchen brachten zehn Jahre später in den Tierheimen nichts mehr. Bis heute weiß ich nicht, ob meine aussergewöhnliche Freundin Daisy wirklich starb oder weggebracht wurde.Diese Ungewissheit tut mir sehr weh und ich denke oft an sie und möchte manchesmal am Liebsten weinen darüber. Ganz verzeihen kann ich es mir nie, daß ich damals fortging an jenem Abend und sie vorher ein wenig vernachlässigte. Und die Erinnerung ist oft so stark, daß ich sie regelrecht spüren kann. Noch immer!
Als Kind hatte ich bereits Katzen, allerdings war ich davon auch traumatisiert. Meine an einer Persönlichkeitsstörung leidende Mutter freute sich immer, wenn sie mir eine Katze schenkte, aber wenn ich diese aus ihrer Sicht zu sehr liebte, wurde sie mir genommen oder verschwand spurlos. Daisy war wie eine Heilung von meinen bösen Erinnerungen an meine tierischen Freunde, daß alles so jäh und grausam endete, hat dazu geführt, daß ich lange Zeit keine Katze haben wollte. die Angst blieb immer, daß wieder so etwas passieren könne.
Mein Kater Fridolin ist jetzt hoffentlich nicht eifersüchtig, wenn ich so über meine alte Freundin schreibe. Auch er kam einfach so ungeplant in mein Leben. Aber das ist eine ganz andere Geschichte und gehört nicht hierher.