Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, es gibt im Leben jedes Katzenhalters Momente, in denen er sich dem Schlächter emotional verbundener fühlt, als dem Tierfreund.
Einer jener Momente, in denen ich die Performance Jack Nicholsons in „Shining“ durchaus toppen könnte, ergibt sich aus dem unglücklichen Zusammenspiel dreier Elemente: Katze entspannt – meine Oberschenkel – unerwartetes Geräusch.
Etwas detaillierter beschrieben: Mein Kater liegt vollkommen relaxed auf meinem Schoß, ich kraule diese Gourmet-Deponie zwar beiläufig (im Fernsehen läuft gerade die Zusammenfassung der Samstags-Bundesligaspiele, da muss man sich konzentrieren), aber doch hingabevoll genug, um in ihm zwar nichts auszulösen, aber etwas zu verhindern.
Nämlich seinen Schluckreflex!
Es ist mir unbegreiflich. Ich kraule „das Tier“ am Hals, hinter den Ohren, halt überall da, wo es einem Zehenpfotengänger gut tut und als Dank werde ich vollgesabbert. Was den Kern der Sache nicht wirklich trifft.
Eigentlich rinnt er aus.
Monsun aus Katzenmaul, Oberschenkelüberflutung, ein Staudamm bricht, wären passende bildhafte Umschreibungen.
Zuerst dachte ich, dass die Lage des Kopfes beim kraulen den Speichelfluss beeinflusst (Kopf liegt seitlich, Speichel rinnt raus – passiert ja sogar mir hin und wieder, wenn die Bundesligaspiele nicht so interessant sind …), aber nach mehreren in vivo Experimenten musste ich feststellen, dass er das aus jeder Kopfposition konnte.
Immer wieder faszinierend finde ich in diesem Zusammenhang die physikalische Beschaffenheit seines Speichels.
Als Kind habe ich meinen Speichel im Mund gesammelt, diesen dann - in Unkenntnis sämtlicher ästhetischer Mindesterfordernisse - aus meinem Mund tropfen lassen und knapp vor Erreichen seiner physikalischen Belastungsgrenze wieder in meinen Mund zurückgeschlürft. Und bei diesen Wettbewerben mit meinen Freunden erreichten wir Speichelfäden bis zu 5 cm.
Der Speichelfaden meines Katers kann bis zu 15 cm lang werden!
Aber leider kannte ich „das Tier“ damals noch nicht. Mit ihm wäre ich der Mr. Universum des Speichelfadenziehens geworden.
Was mir damals zu beträchtlichem regionalen Ruhm verholfen hätte, ist heute ein eher skurriles Verhalten eines Haustiers. Skurril aber nur solange, als der Speichel in diesem labilen Gleichgewicht zwischen Schwerkraft und Viskosität mit ihm verbunden bleibt.
Wenn mein Kater nämlich kurz aus diesem tranceähnlichen Zustand erwacht und bemerkt, dass an seiner Lefze anscheinend etwas ist, was da nicht hingehört, wird es einfach mit einer beiläufigen Kopfbewegung entsorgt. Was dann meistens bedeutet, dass außer der Hose auch der Pullover in die Schmutzwäsche muss.
Um das Geschriebene noch mal kurz zusammenzufassen. „Das Tier“ befindet sich in der Phase der absoluten Muskelerschlaffung, ich bin vollgesabbert - und jetzt kommt das Geräusch ins Spiel.
Man sprengt beim Griff nach der Fernsehzeitschrift seine anatomischen Grenzen, um „das Tier“ nur ja nicht in seinem wohlverdienten komatösen Schlaf zu stören, klemmt das Deckblatt des Magazins in einer Haltung zwischen Mittel- und Zeigefinger, die ein Engagement im chinesischen Nationalzirkus rechtfertigen würde. Und während man das Objekt des Begehrens langsam an sich zieht, findet sich die papierene Sollbruchstelle.
Das Blatt reißt.
Das war´ s dann auch schon.
Diese anscheinend knochenlose amorphe Masse mutiert in Sekundenbruchteilen zu einem einzigen großen Muskel mit Fluchtreflex. Den noch vor einem Wimpernschlag samtweichen Pfoten entwachsen Klingen, die sich zum behufe des effektiveren Abstoßens ca. 5 Millimeter tief in meine Oberschenkel bohren. Da meine Hautoberfläche dem Vorwärtsdrängen von 8 kg Körpermasse zu wenig Widerstand entgegensetzen kann, schneiden sich die Enterhaken auch über 2 Zentimeter Länge ins Fleisch. Action-Piercing!
Nachdem der schwarze Schleier von meinen Augen verschwunden ist, sehe ich die Überreste einer Kralle aus meiner blutenden Wunde herausstehen.
„Das Tier“ sitzt am Boden, mit dieser leicht schiefen Kopfhaltung nach links, dreht diesen dann nach rechts, so als ob diese Perspektive die bessere wäre und aus seinem Blick ist zu lesen: „Unglaublich, der Typ blutet die ganze Wohnung voll!“
Wo ist das Beil?!