Gestern morgen ging es Sheela scheinbar ganz gut. Sie wollte wieder gegen 4h raus, hat sich ein bisschen angekuschelt, gefressen und dann wieder auf dem Bett geschlafen. Aber der Tumor in ihrem Maul ist wieder sichtbar vergrößert. Und sie trinkt immer noch nicht. Und das Schmerzmittel wirkt jetzt nur noch bis zum frühen Nachmittag.
Ich bin schon seit einer Woche immer am Grübeln und suche im Netz nach Antworten: Ist es besser, sie jetzt gehen zu lassen, wo es ihr noch einigermaßen geht oder warten wir, bis sie sichtbar leidet? Oder leidet sich nicht sowieso schon und ist es grausam, sie nicht sofort zu erlösen?
Ich habe noch mal in der Tierarztpraxis angerufen, wie schon so oft in der letzten Woche,weil ich die Meinung der Fachleute wollte. Zum Glück erreicht man in dieser Praxis rund um die Uhr einen Arzt. Dafür bin ich immer noch sehr dankbar. Schon die Helferin hat mir das Gefühl gegeben, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Die Ärztin hat dann bestätigt, dass wir das Richtige tun. Also habe ich schwersten Herzens einen Termin für einen Hausbesuch ausgemacht. Mein Kleines sollte zu Hause ohne Stress einschlafen können. Ich war fix und fertig. Jetzt hatte ich also das Lebensende dieses wunderschönen Tierchens bestimmt. Es fühlte sich schrecklich, aber zugleich auch ein bisschen erleichternd an. Endlich sollte diese schwere Zeit vorbei sein.
Zum Glück schien an diesem grauen Tag noch mal eine Stunde lang die Sonne. Meine Katze hat es immer geliebt, draußen zu sein. Selbst bei Minusgraden hat sie auf dem Balkon geschlafen. Alle Versuche, sie doch reinzuholen (Würde sie nicht erfrieren?) waren immer erfolglos. Aber morgens war sie stets munter und ihr sehr dickes Fell hat sie wunderbar gewärmt. Selbst Regen hat sie nicht abgeschreckt. In den letzten 7 Wochen war sie allerdings nachts nicht mehr draußen, nur noch tagsüber stundenweise.
Also die Sonne zeigte sich eine Weile und mein Kätzchen wurde wach und wollte raus. Ich habe die Balkontür geöffnet und echt gebibbert. Aber sie kam mehrmals auf mein Rufen zurück und hat mich sogar wieder mit ihrem speziellen Geräusch bedacht, dass sie immer hat hören lassen, um mich zu beruhigen. Nach ca. 1h kam sie rein, putzte sich ausgiebig und legte sich wie immer in der letzten Woche auf mein Bett und schlief irgendwann ein.
Als die Ärztin mit einer Assistentin da war, wachte mein Kätzchen erschrocken auf und mir rutschte das Herz ganz schön in die Hose. Es lief dann alles ganz ruhig und friedlich ab. Meine Angst, dass ich es bereuen würde, war unbegründet. Es fühlte sich ganz furchtbar aber auch richtig an. Denn: Der Tumor im Maul war inzwischen viel größer als man von Außen sehen konnte. Er war an einer Stelle so groß, dass die Kleine das Maul nicht mehr richtig schließen konnte. Das war mir aber erst jetzt klar. Ich hatte mich schon gewundert, warum ihr Zähnchen immer rausguckte und nannte sie liebevoll Vampir. Wenn ich das gewusst hätte! Darum konnte sie wohl auch nicht mehr trinken und auch nichts Püriertes fressen. Sie muss unvorstellbare Schmerzen gehabt haben. Ich hätte schon früher auf meinen Instinkt hören sollen, aber ich habe meinem Gefühl nicht getraut. Doch jetzt habe ich ihr weiteres Leid erspart und das tröstet mich ein ganz kleines bisschen.
Ja, man kann sich streiten, ob mein Tierchen mit stärkeren Schmerzmitteln nicht noch ein paar Tage oder Wochen schmerzfrei hätte weiterleben können. Aber für mich macht es keinen Sinn, ein Lebewesen mit Chemie vollzustopfen, damit es dann vielleicht an Nierenversagen verendet.
Ich bin fest davon überzeugt, dass mein geliebtes Fellnäschen jetzt glücklich und schmerzfrei im Regebogenland über sonnige Wiesen streift und Mäuse fängt. Ich hoffe, wir sehen uns irgendwann wieder. Ich vermisse sie unsagbar und weine mir die Augen aus. Ich sehe und höre sie noch überall und ich will ständig zum Balkon laufen, um sie reinzulassen. Aber ich bin auch erleichtert, dass meine schöne, kluge, liebe, kleine Katze nicht mehr leiden muss. Nie mehr.