Häufig wünschen sich kleine Katzen zu Weihnachten oder zum Geburtstag einen Menschen. Da kann die Katzenmutter vorher noch soviel vor den Konsequenzen warnen. Was ist zum Beispiel, wenn die kleine Katze nach drei, vier Wochen keine Lust mehr hat, sich um den Menschen zu kümmern? Und was macht man überhaupt im Urlaub mit so einem Menschen? Muss man ihn in einem teuren Hotel abgeben? Oder kann man ihn einfach auf der Autobahn aussetzen, in so einem Kasten mit vier Rädern, wie es ja viele Katzen im Sommer mit ihren Menschen machen?
Aber wenn die kleine Katze dann den Kopf ein wenig schief legt und die Katzenmutter mit den kleinen, traurigen Augen anschaut, dann schmilzt schnell der Widerstand. Es ist klar: Ein Mensch muss her.
Die richtige Auswahl eines Menschen ist allerdings gar nicht so einfach. Ist der Mensch sehr klein, dann kann man zwar gut mit ihm ums Wollknäuel kämpfen. Aber er kann dann keine Dosen öffnen, und er kommt im Regal nicht an das oberste Brett mit den Leckerlis heran. Und das sollte ein Mensch schon können.
Manche Menschen sehen äußerlich oft ganz gesund aus, müssen aber immerfort niesen, wenn man als Katze neben ihnen sitzt. Das ist natürlich auf Dauer nicht auszuhalten. Und bis man so einen Menschen wieder umgetauscht hat, kann einige Zeit vergehen. Andere Menschen fangen plötzlich unkontrolliert zu schreien an, während man gerade kurz in der Gardine hängt oder sich mal in aller Ruhe die Fingernägel am Regal machen will. Das kann einen ganz schön erschrecken. Oft stellt man solche Mängel ja erst fest, wenn man den Menschen schon ein paar Wochen hat und die Garantie gerade abgelaufen ist.
Aber so ein Mensch hat natürlich auch seine Vorteile. So ist es gut, wenn eine kleine Katze frühzeitig lernt, Verantwortung zu übernehmen. Wenn sie einen Menschen hat, dann kann sie nicht mehr einfach hinter jeder Maus hinterher rennen. Sie muss dem Menschen auch ab und zu mal einen zerfetzten Vogel in den Korridor legen. Und sie muss zum Beispiel dafür sorgen, dass das Katzenklo voll ist, damit der Mensch ein wenig Bewegung hat. Immer wieder gut macht es sich auch, wenn die Katze kleine Fleisch- oder Thunfischstückchen nach der Mahlzeit auf den Boden spuckt. Dadurch bringt sie dem Menschen bei, kleine, spitze Schreie auszustoßen, die so ähnlich wie "Miie, miie" klingen. Wenn die Katze ihre Fingernägel dann noch richtig einsetzt, kann der Mensch sogar schon "Au" sagen. Nur schade, dass die meisten Menschen nicht beides zusammen herausbringen können. Sonst könnte man sich richtig mit ihnen unterhalten.
Abends sitzt so ein Mensch gerne ein wenig unter seiner Katze, oder er braucht ein Katzenfell zum Kraulen neben sich. Da muss die kleine Katze dann zu Hause bleiben und sich irgendwelche langweiligen Serien im Fernsehen anschauen, auch wenn im Kino die Fortsetzung von "Felidae" läuft oder der kleine, süße Kater von nebenan zwei Karten für "Cats" hat. Das ist nicht immer einfach. Aber wenn die kleine Katze nicht da ist, dann grämt sich der Mensch und geht wahrscheinlich irgendwann ein. Und das hat die Katzenmutter natürlich von Anfang an klargemacht: Wenn der Mensch eingeht, dann gibt es nicht gleich wieder einen neuen.
Autor: Ulrich Horb