Hallo meine Maus! Heute Nacht hast du dich davongestohlen, ganz leise. Betäubt vom Aufprall, vom Schock, vom Valium aus dem Schlauch in deiner Pfote. So lagst du hinter Gitterstäben, als ich dich das letzte Mal atmen sah. Am Morgen warst du tot und wir haben es kommen sehn. "Wir haben dich lieb", habe ich dir gesagt, und ich weiß, dass du es nicht gehört hast. Aber vorher, vorher hast du es oft gehört, und du wusstest, dass es wahr ist. Jeden einzelnen Tag an dem du bei uns warst, haben wir uns über dich gefreut. Obwohl wir erst nicht sicher waren, ob wir dich wirklich mitnehmen sollen. Aber du hattest keinen Platz, dort, wo du warst, du warst klein und viel zu dünn und anhänglich wie eine Klette. Tagelang hab ich dich herumgetragen, du hast dich an meine Schulter gehängt, geschnurrt und deinen Kopf an meinen Hals gedrückt, so wie später auch, nur nicht mehr so ausdauernd.
Du hattest Angst vor allem. Vor dem Geräusch des Heizkessels, vor Motoren, Hundegebell und dem Abzug in der Küche. In der ersten Nacht hast du ohne Unterlass miaut, du wolltest mit ins Bett. Ich hab dich untersuchen lassen, dir Tabletten untergejubelt und dich schlafen lassen, wo du wolltest. In der ganzen, viel zu kurzen Zeit hast du nie etwas umgeworfen, keine Vase, kein Glas, keine Figur, so vorsichtig warst du. Nachts hast du dich an mich gedrückt, unter der Decke, manchmal hatte ich Angst, dir könnte da drin die Luft ausgehen. Und als du endlich wieder nach draußen konntest, habe ich die Mäuse vom Weg geräumt und den Vogel fliegen lassen, den du ins Wohnzimmer getragen hast. Jetzt, im Sommer, hast du auf die Wassertropfen aus dem Gartenschlauch gewartet und bist im Kreis gerast, um sie zu fangen. Du bist mutiger geworden. Du hast den alten Tennisball völlig zerbissen, der jetzt noch im Gras herumliegt. Den ich nicht wegräumen mag, weil es deiner war. Den ich nicht sehen mag, weil es deiner war.
In der letzten Nacht im Haus hast du mich aus großen Augen angeschaut, in einem Gebirge aus gestreiftem Federbett. Dein weißes Fell fühlte sich warm an und weicher als ein Wattebausch. Du hattest ein richtiges Mädchengesicht, zart, mit einer rosa Stupsnase und bernsteinfarbenen Augen. Du fehlst mir so, kleine Waldfee. Ich werd nie mehr eine wie dich haben. Vielleicht werd ich nie mehr ein Kätzchen haben. Weil es zu viele Autos draußen gibt und der Platz hier drin für zwei von euch nicht reichen würde. Auch deshalb tut es mir so weh. Aber ich weiß, dass auch du mich liebgehabt hast. Du bist mir nachgelaufen, wolltest immer dabei sein und hast es dir auf mir bequem gemacht. Ich drück dich ganz fest, meine Emmy. Ich vergess dich nicht!