Lieber Henry,
erinnerst Du dich noch? Heute vor einem Jahr bist Du bei der Ostfriesin, Percy, und mir eingezogen.
Schon bei unserem ersten Besuch im Auricher Tierheim wollte ich Dich unbedingt haben, auch wenn Du dich im Außengehege nur versteckt hast. Ganz ängstlich hast Du unter der Katzenhütte gehockt und bist panisch geflüchtet wenn man Dir zu nahe kam. Doch Du hattest etwas - denn Du bist ein roter Kater! Wie mein allererster Kater, mein unvergessener Moritz.
Okay, rational betrachtet passtest Du überhaupt nicht in unser Suchschema: Wir haben einen älteren, ruhigen Kater als Gesellschaft für unseren Percy gesucht. 2 Wochen vorher war nämlich unser Mullbert gestorben und Percy hat lange um ihn getrauert.
Beim ersten Besuch haben wir Dich dann noch nicht mitgenommen.
Am nächsten Tag waren wir noch bei einem kleinen Auricher Katzenverein. Dort gefiel mir zwar eine schwarz-weiße Katzendame, doch im Hinterkopf bist immer Du herumgelaufen. Also sind wir nachmittags dann noch einmal ins Auricher Tierheim gefahren, "nur zum gucken". Du hattest Dich in Panik in einen Dornenbusch verkrümelt und den Ausgang nicht mehr gefunden. Also habe ich meine Jacke geopfert und Dich aus der mißlichen Lage befreit. Kaum warst Du auf meinem Arm, da hast Du geschnurrt als gäbe es für dich keinen Morgen mehr. Du wolltest einfach nicht mehr runter und schautest mich aus deinen großen gelben Augen heraus fragend und schnurrend an.
Ich bin ja eher der rationale Mensch von uns beiden, aber da war es um mich geschehen. Ein roter Kater, schnurrend auf dem Arm - du Arsch hast meine schwache Seite gnadenlos augenutzt.:mrgreen:
Also nahmen wir dich direkt mit nach Hause, nachdem wir vom Tierheim eine Transportbox leihweise bekamen. Diese Transportbox hast du dann auf der Rückfahrt vom Tierheim erstmal ordentlich vollgeschissen, sodass wir die letzten Kilometer mit offenen Fenstern fahren mussten. War sehr angenehm, besonders da die Box auf meinem Schoß stand.
Zuhause hast Du dich erst einmal im Schlafzimmer hinter dem Sessel versteckt, unsere Wohnung hatten wir ja mittig geteilt, damit Du und Percy sich langsam aneinander gewöhnen konnten.
In der ersten Nacht hast Du uns keinen Schlaf gegönnt - ständig bist du an den Jalousien hochgeklettert. Überhaupt, die ersten 3 Wochen haben wir Dich kaum zu Gesicht bekommen. Aber dann hast Du anscheinend gemerkt das wir so übel gar nicht sind, und hast Dich geöffnet. Auf einmal war der rote Kater ein Kampfschmuser, und auch die Zusammenführung mit Percy klappte weitestgehend reibungslos.
Percy und Du - das ist ein besonderes Thema. Du bist der einzige Kater, den er beim schlafen in seiner Nähe akzeptiert. Da Du ja wesentlich jünger bist als unser Dicker, forderst Du ihn natürlich auch oft zum spielen auf, was Percy aber meistens mit einem fauchen quittiert. Dafür knabbert er Dir nachts heimlich die Schnurrhaare an als Zeichen dafür, dass Du nie wieder gehen darfst.
Langsam lerntest Du dann unsere Wohnung kennen: Fernseher, Waschmaschine, Küche - alles Dinge die Du nie gekannt hast. Erst nach 6 Wochen hast Du dich aufs Sofa im Wohnzimmer getraut.
Überhaupt warst Du ein Spätzünder, denn auch deine Gesundheit war so ein Thema für sich: Kaum bei uns, schon nahmst Du jede Krankheit mit die du kriegen konntest: Erkältung, Bindehautentzündung, Schnupfen - für die Tierarztrechnungen der ersten Zeit hätten wir einen Kurzurlaub machen können.
Doch Du warst und bist uns das wert.
Im neuen Haus hast Du dann auch wieder Deine Zeit zur Eingewöhnung gebraucht, das Sofa war am Anfang deine Rückzugsgelegenheit. Und als du uns dann mal abgehauen bist, was haben wir uns Sorgen gemacht. Das Du gar nicht weit weg warst, sondern warm und trocken den ganzen Tag unter der Hecke gedöst hast, wurde uns erst später klar.
Langsam öffnest Du dich jetzt auch gegenüber Fremden, obwohl Dir Kinder nach wie vor Angst machen. Wer will es Dir verdenken bei deiner Geschichte?
Besser noch als fremde Menschen findest Du fremde Katzen: Leo ist für Dich ein Großvater geworden, mit dem man prima Nasenstüber tauschen kann, und wenn wir Pfleglinge aus dem Katzenschutzverein haben, dann bist Du immer direkt der neue beste Freund.
Wenn wir so das Jahr mal Revue passieren lassen, dann genießen wir jeden Moment mit Dir, auch wenn Du neuerdings bei mir auf dem Kopfkissen schläfst. Aus dem verschüchterten 3 kg - Kater ist ein 5,8 kg schwerer Brecher geworden, der sich den Bauch am liebsten vorm Kaminofen wärmen lässt.
Henry, vielen Dank für jede Minute die Du bei uns bist. Mögen noch viele weitere Jahre folgen.
Ostfriese mit Frau, Percy, und Leo