Ich bin kein typischer Forengänger oder -sucher, aber die Trauer ist so groß, dass ich etwas schreiben muss.
Ich und mein Mann haben unseren Kater immer überbehütet, da er mit einem Loch im Herzen auf die Welt gekommen war. Wir mussten stets damit rechnen, dass er trotz gutem sonstigen Gesundheitszustands und gut funktionierenden Medikamenten schnell einmal von uns gehen könnte. Aber, dass es so enden musste, verzeihen wir uns nie. Wir haben ihn täglich auf dem Innen-Fensterbrett am offenen Fenster sitzen lassen, wenn wir im Raum waren und ihn beaufsichtigen konnten, damit er keinen Schritt nach außen tut. Am Sonntag hatte sich einer auf den anderen verlassen, dass man dieses Fenster geschlossen hat, weil man sich gerade für ein paar Minuten im toten Winkel befand. Die Katze war gerade noch an ihrem Fressnapf und fünf Minuten später schloss mein Mann das Fenster. Jeder von uns dachte, unser flauschiges Grautier wäre - so wie jeden Tag nach seiner Abendmahlzeit - die Treppe ins Erdgeschoss hinuntergelaufen. Wir aßen selbst gerade und fragten uns nach einer Weile, wo unser Kater sei. Wir gingen die Treppe hinunter und fanden ihn nirgends; in keinem Raum im Haus. Ich hatte plötzlich eine ganz böse Vermutung und wir gingen ihn mit der Taschenlampe -den es war ja schon mittlerweile dunkel- draußen um das Haus herum suchen.
Ich stieß an der Ecke unterhalb des besagten Fensters auf einen Kothaufen der mich stutzig machte, da er beim hineingehen am abend noch nicht da war. Aber in unmittelbarer Nähe war keine Spur von unserem Kater. Mein Mann ging ihn auf dem ganzen Grundstück suchen und wir riefen nach ihm, aber es war total still. Ich schappte mir die Taschenlampe und ging nochmal alles ab. Leuchtete in eine kleine flache Grube hinein, die wir mal ausgehoben hatten, ob er in seiner Panik versehentlich hineingerutscht sei, aber da war nichts. Ich drehte mich um und im Lichtkegel der Taschenlampe lag er im Gras; ausgestreckt, mit weit aufgerissenen Augen und Blut um sein Maul. Ich habe in meinem Leben noch nie vor Entsetzen so geschrien. Mein Mann kam hinzugelaufen und dachte er wäre nur verletzt. Er nahm den leblosen Körper und trug ihn zum Haus. Unser Kater war schon ganz kalt und steif.
Nach einer tränenreichen schalflosen Nacht haben wir ihn im Garten bestattet. Ich bin bei Tageslicht nochmal alles abgegangen, um zu verstehen, wie er die 30 Meter, bis zu der Stelle, wo ich ihn gefunden hatte gekommen ist. Ich wollte einfach verstehen, wieso er nicht zum Hauseingang gelaufen ist, statt von uns weg. Ich möchte jede Sekunde nachvollziehen können um mich für jede Sekunde die er leiden musste, zu entschuldigen. Die Schuld, die wir auf uns geladen haben ist unerträglich. Während wir über ihm das Fenster geschlossen und gegessen hatten ist er jämmerlich gestorben. Ich hatte immer gespürt, wenn Gefahr drohte oder man nach ihm schauen musste. Wieso konnte ich es in diesem Augenblick nicht fühlen ?
6 Jahre hat er uns durch so viele hoffnungslose und schwierige Situatuionen und Zeiten begleitet. Und gerade jetzt als sich für uns alles zum Guten wendet und wir diese Gegend und dieses "verfluchte" Haus verlassen wollen, passiert dieses Unglück. Dieses Ende - 3 Etagen tief zu fallen und im Stich gelassen zu werden - ist das schlimmste, was unserem pelzigem Familienmitglied passieren konnte.
Am Dienstag habe ich ihn aus seinem Grab wieder geholt und einer Tierbetatterin übergeben. Er soll eingeäschert werden, denn wir können ihn nicht hier auf dem Grundstück lassen. Er soll immer bei uns bleiben. Wir lassen ihn nie wieder allein.