Es war wieder einmal eine dieser typischen „ich steh´ um 7 Uhr auf und die Welt hasst mich, aber irgendwie kann ich sie verstehen“ Situationen.
Es kommt ja nicht allzu oft vor, da ich normalerweise um 8:30 aufstehe und meine liebe Gattin zu diesem Zeitpunkt Kinder und Raubtiere schon dankenswerterweise versorgt hat. Der Frühstückskaffee steht dann immer schon am Tisch und ich darf – es hat sich im Lauf der Jahre so eingebürgert – in Ruhe meine Kaffeetasse hypnotisieren und darauf warten, dass endlich auch mein Blutkreislauf erwacht. Ich würde es nie erlauben, am Morgen meinen Blutdruck zu messen. Ich könnte das Ergebnis nicht ertragen.
Man rollt sich aus dem Bett, ist verwundert, dass es noch so dunkel ist, schaltet das Licht ein.
Es bleibt dunkel.
Ach so, Lider heben! Die nachfolgende Reizüberflutung auf der Netzhaut bewirkt eine Detonation im Gehirn, die den sofortigen Griff zum Lichtschalter zur Folge hat. Man schlurft – nun wieder im augenfreundlichen Dämmerlicht (es war Winter) - so leise es geht, von zwei dem Hungertod nahen Katzen eskortiert, Richtung Küche, ohne sich über den chronologischen Ablauf seiner benötigten Handlungen im Klaren zu sein. Ein Gehirn, dessen Blutversorgung noch auf Tiefschlaf ausgerichtet ist, kann klarerweise noch keine wie auch immer gearteten Entscheidungen treffen. Es handelt instinktiv. In dieser Situation ist der Mensch ein Tier.
Ich sicher!
Ein Tier lebt aber normalerweise in einer Umwelt, in der es seinen Instinkten gemäß agieren kann. Ist das nicht der Fall, hat es im günstigen Fall einen Menschen zur Seite, der ihm in einer artfremden Umgebung das Überleben ermöglicht. Ist das nicht der Fall, ist es in Gefahr.
Somit war ich in Gefahr!
Es war kein Mensch in der Nähe, der mir in dieser fremden Welt, die instinktfeindliche Dinge wie Katzendosen, Mikrowellenherd und Espressomaschine für einen bereithält, weitergeholfen hätte. Und diese normalerweise segensreichen Erfindungen können um 7:03 für ein temporäres Instinktwesen durchaus ihre Tücken aufweisen.
Zuerst also Katzen füttern! Diese Entscheidung beruhte aber nicht auf einer logischen Schlussfolgerung, sondern schlicht auf dem Umstand, keinen Schritt vorwärts mehr machen zu können, da ich von „ihr“ und „dem Tier“ einfach blockiert wurde. Ich tastete mich in dem Küchenkästchen vorwärts, in dem ich den Dosenvorrat vermutete. Tatsächlich, da waren sie. Ich angelte eine – Geschmacksrichtung unbekannt - heraus, klappte den Öffnungsring hoch und riss an. Geringe Blutversorgung im Gehirn und die Tatsache, wegen dem Drängen meiner Katzen selbst noch nicht am Kistchen gewesen zu sein, führten dazu, den Ring in die falsche Richtung gezogen zu haben. Er riss ab und ich hatte neuen Schmuck am Zeigefinger.
Wäre das zwei Stunden später passiert, hätte ich einfach eine neue Dose genommen. Es war aber 7:05 und so nahm ich ein Messer und versuchte den Deckel an der kleinen Lücke, die entstanden war, hoch zu hebeln. Dieser zeigte sich meinen Bemühungen gegenüber erstaunlich resistent, was man von dem Messer nicht behaupten konnte. Die Spitze brach ab und klemmte sich zwischen Deckel und Dosenrand.
Es war ein trauriges Bild. Hier stand ein Mann, der noch nicht wusste, dass er einer war, in Unterhosen, mit einem Dosenring am Zeigefinger und einem abgebrochenen Messer in der Hand, konzertiert von dem Geschrei zweier immer schwächer werdenden Katzen.
Er wollte weinen, aber es war zu früh!
In meiner Verzweiflung stürzte ich mich wieder mit dem Messerrudiment auf die Dose. Es gelang mir, es weiter unter den Deckel zu schieben, drückte den Griff nach unten und es wurde Licht! Der Deckel sprang ab und flog rotierend durch die Küche, wo er in einer Ecke zur Ruhe kam. Der Sieg des (wenn auch noch kleinen) Geistes über die übermächtige Aufgabe.
Ich hörte Beethovens 9., Richard Strauss´ „Also sprach Zarathustra“, Hot Chocolats „You sexy Thing“.
7:10 und meine Katzen hatten ihr Frühstück. Nun war ich dran.
Die Espressomaschine war mir schon im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte unmöglich zu bedienen. Also beschloss ich, auf den Kaffee zu verzichten und mit einem Kamillentee die Lebensgeister zu wecken. Ich stellte die Tasse mit dem Wasser in die Mikrowelle und drehte die Zeituhr auf 5 Minuten. In der Zwischenzeit konnte ich endlich dem Drängen meiner Blase nachgeben, die diese überkreuzte Fußstellung verursachte.
7:15. Ping. Die Katzen putzten zu meinen Füßen ihr Besteck und ich konnte für mein leibliches Wohl sorgen. Ich nahm die Tasse zwischen Daumen, Zeige- und Mittelfinger.
Die nachfolgende Szene spielte sich in einem für eine normale Uhr nicht mehr messbaren Zeitraum ab.
Ich wusste, dass eine Mikrowelle zwar die im Behältnis befindliche Flüssigkeit erhitzte, das Behältnis selbst aber kalt blieb. Diese Tasse wusste das nicht!
Als meine Finger den Henkel umschlossen und die Tasse einen Zentimeter in die Höhe hoben, war ich wach. So wach wie man nur sein konnte. Unglücklicherweise war mein Arm schon in einer Horizontalbewegung, um die Tasse herauszuziehen, als der Impuls „Schmerz!!“ zu meinem Hirn vordrang. Es war zu spät, ich konnte sie nicht mehr loslassen! Das Ding war so heiß, als ob es jemand mit einem Schweißgerät bearbeitet hätte.
Unter mir die Katzen, die so in ihren Putzvorgang vertieft waren, dass sie von meinem Kampf mit dem Bedürfnis loszulassen, nichts bemerkten. Von wegen, instinktiv Gefahr erkennen!
Es waren ungefähr fünf hundertstel Sekunden vergangen und ich wusste jetzt, was Einstein gemeint hatte, als er sagte, auch die Zeit sei relativ und sie könne unterschiedlich schnell vergehen. Er hatte eine heiße Tasse in der Hand.
„Weeeeeeeg!!!“ - mit Stimme überschlagen und allen weiteren Tonlagen, zu denen ein männlicher Kehlkopf normalerweise nicht fähig ist - war jetzt das Kommando für die Beiden, unter Kralleneinsatz am Fliesenboden die Entfernung zu mir panikartig zu vergrößern. Was mir unter normalen Umständen ein Schmunzeln entlockt hätte, nämlich für eine Sekunde wegen des harten Untergrunds am Stand zu laufen, verlängerte jetzt meine Qualen. Als ich die beiden endlich hinter mir hörte (sehen konnte ich nicht mehr), war meine Willenskraft erschöpft.
Ich ließ die Tasse los, die ich mittlerweile bis zur Öffnung der Mikrowelle nach vor gezogen hatte. Sie kippte auf die Anrichte, auf der die Mikrowelle steht und ihr Inhalt ergoss sich über meinen Spann und Zehen weiter auf den Boden. Mit Doppelschmerz versorgt beobachtete ich noch, wie sich die umgekippte Tasse noch langsam von der Anrichte rollte und am Boden aufschlagend sich selbst und eine Fliese zerstörte.
Rückblickend betrachtet fällt mir auf, dass es eine vollkommen sinnlose Reaktion ist, sich auf den Boden zu setzen und verbrühte Zehen sofort mit seinen Händen zu umschließen. Man tut es, aber es nützt gar nichts.
7:16. Ich robbte ins Badezimmer, setzte mich auf den Badewannenrand, nahm die Brause in den letzten heilen Körperteil (linke Hand) und ließ kaltes Wasser über den malträtierten Rest laufen.
Ich hörte aus dem Schlafzimmer eine wohlbekannte Stimme: „Schatz, ist das Frühstück schon fertig?“.
7:17. Mein gut durchblutetes Hirn begann sich eine Erklärung zurechtzulegen.