Alles auf „Go“; die Vorbereitungen sind abgeschlossen, die große Stunde ist da.
Die Technik funktioniert tadellos und die Generalprobe ist recht glimpflich abgelaufen.
Unser Zweipfotiger hat mich an einem Deckenhaken und Seilen befestigt im Wohnzimmer, so kann ich ohne Probleme engelsgleich und leuchtend in den Raum schweben.
Die Weihnachtsgeschichte, von Fritz gesprochen soll im Hintergrund laufen.
Meine Freundin hat die Order auf mein Zeichen die Eingangsmusik abzuspielen.
Leise im Hintergrund läuft: Die Titelmelodie von „Indiana Jones“?
Nein, das darf doch nicht war sein; ich werfe ihr einen strengen Blick zu und sie fingert nervös an den Knöpfen herum.
Leise schwebe ich zur „Stillen Nacht- Heiligen Nacht“ ins Wohnzimmer und lande direkt vor der Jungfrau Maria. Ich habe der Nikki gesagt, dass sie sich nicht immer ducken soll, wenn sie mich anschweben sieht. Sie reißt sich zusammen und versucht so heilig wie ihr möglich ist zu schauen.
„ Du wirst bald ein Kind bekommen und sein Name wird Jesus sein“ donnere ich ihr so hochherrschaftlich ins Ohr.
Der Titus kommt bei dem Stichwort aus der Ecke und steckt der Nikki ein Kissen unter ihr Kostüm. Dafür erntet er einen Schlag in den Nacken und einen Fauchen von ihr.
So machen Maria mit der Pocke und Josef, den der Finni spielen muss auf den Weg nach Jerusalem. Ich schwebe dem ungleichen Paar hinterher und erzähle ihnen die Geschichte von ihrem ungeborenen Sohn und dass er die Welt retten wird und allen die Erlösung bringen wird, denn er ist von Gott gesandt.
Maria und Josef trippeln langsam und bedächtig durch das Wohnzimmer und suchen eine Nachtquartier.
Der Titus, gehüllt in einem Knappen ähnlichem Kostüm steht in den Türen, die wir aus Pappkarton gebaut haben und verkündet immer wieder, dass kein Platz in den Herbergen ist. Das kann er ja, so von oben herab die beiden anblicken, dass sie mir schon Leid tun, wie sie so hochschwanger und missmutig, aber Hoffnungsvoll durch die Dunkelheit wandern und sie niemand haben will.
Ein paar Runden durchs Wohnzimmer finden die beiden endlich ein Plätzchen in einem schäbigen Stall, wo sie ihr Lager aufschlagen können.
Josef wedelt mit den Windeln vorm Gesicht der entnervten Maria herum und summt „Ihr Kinderlein kommet“.
Titus Körbchen haben wir mit Stroh belegt und nun liegt er da drin, der kleine Jesus und schaut so frisch geboren in die Welt.
Ich bin doch stolz auf ihn, wo er vorher so gemeckert hat und keinen roten Knaben spielen wollte.
So süß liegt er da in der Krippe und lässt sich von allen bewundern.
Maria und Josef versuchen heilig aus der Wäsche zu gucken, aber Nikki hat ihre Schwierigkeiten und guckt den Finni etwas grimmig an.
Nun beginnt mein schwierigster Part. Einmal engelsgleich durchs Wohnzimmer schweben. Die heiligen drei Könige, gespielt vom Fritz, wandern mir leise summend entgegen, beladen mit Geschenken fürs Jesuskind in der Krippe von Bethlehem.
Fern im Osten des Wohnzimmers ist ihnen ein seltsamer heller Stern erschienen. Sie sind so neugierig, dass sie ihm einfach hinterher wandern.
Der Fritz erzählte den anderen Königen, dass es ein Königstern sein müsste; ein Königskind wurde geboren und da müssten sie nun hin.
Unterwegs auf ihrem Weg durch die Wüste, die im Groben aus einem Sack Katzenstreu besteht, begegnen sie Finni dem Schäfer mit seiner Herde aus zu Schafen umgebauten Schmusetieren.
Mein Zweipfotiger gibt Seil und ich schwebe ihnen leuchtend entgegen und verkünde ihnen: „Ziehet nach Bethlehem, dort in einem Stalle ist euch ein Kindlein geboren, mit dem Namen Jesus, der Sohn Gottes, der euch erlösen wird.“
Im Stillen denke ich mir, dass es an der Zeit wäre, mir selber Erlösung zu geben und den Engel landen zu lassen.
Ich bin in meinem Schwebezustand so stolz auf meine Schauspieler, dass ich im Anflug auf die Krippe gar nicht merke, wie mein Seil reißt.
Wie ein weißer glitzernder Plumpssack lande ich mitten in der Krippe auf Titus, der einen Augenblick eingenickt ist, weil er sich so gemütlich langweilt.
Hinten im Osten versucht der Finni Schäfer seine Plüschschafe ins Trockene zu retten, weil der Nikki wohl mittlerweile ihre Kontenance entglitten ist.
Der Fritz versucht sie davon abzuhalten, ihn mit den Schafen zu bombardieren.
Was für ein Durcheinander in unserm Stall.
Der Erlöser wird geboren, die Könige und Schäfer sind schon zu Besuch und Maria und Josef haben sich in der Wolle. Wie im richtigen Leben...
Aber nun, wo sich alle wieder beruhigt haben und das Happy End am Heiligen Abend genießen ist es doch schön.
Geschenke werden ausgepackt und die Nikki singt während sie ihren Boxsack aufhängt und ungeniert darauf eindrischt „ Oh Du Fröhliche...“ und alle stimmen mit ein...Nur der Titus summt leise mit und seine Augen glänzen in den Weihnachtskugeln am Tannenbaum...
Gesegnete Weihnachten!