Zwei Wochen ist es her, dass ich nach Hause kam und Annie nicht auf mich zulief, was eigentlich immer nur der Fall war, wenn ich morgens nach Hause kam und sie bereits im Tiefschlaf war. Diesmal war es ganz anders. Die Futterschale voll, sie war im Wohnzimmer, ich weiß nicht mehr ob sie saß oder stand. Vielleicht versuchte sie auch, auf mich zuzukommen.
Ich nahm sie auf den Arm, normalerweise miaute sie dann, weil sie das in letzter Zeit nicht mehr mochte. Es kam kein Ton. Ich setzte sie auf ihr Kissen/Kratzbaum. Sie saß schnell atmend auf dem Tigerkissen in Kauerstellung mit dem Kopf Richtung Dachfenster. Reagierte wenig. Schnurrte sie? Ich wurde unruhig, Tränen kamen, ich wusste Bescheid, setzte mich daneben auf den Couchtisch und sah sie an. Streichelte sie. Sie wirkte, als ob es ihr schlecht ginge. Prüfte ich da schon ihrem Atem? Ich glaube ja, ich sah, wie schnell sie atmete.
Ich rief die Notfallnummer der Praxis meines Vertrauens an, packte Annie, steckte sie in die Tragetasche und fuhr los. Ich weiß nicht mehr, was ich dachte. Ich beeilte mich. Fuhr wieder viel zu schnell. Die Straßen waren frei. Ich kam noch vor der Tierärztin an. Ich hatte ein mulmiges Gefühl, entschuldigte mich aber dennoch bei ihr und sagte, ich hätte ein schlechtes Gewissen. Ging ich in dem Moment noch davon aus, das eh alles gut würde? Wir gingen in die Praxis. Die TÄ sagte nachdem sie sie angehört hatte, es sei soweit. Ich dachte in dem Moment noch, ich könne sie ohne Probleme nochmal mitnehmen und sagte noch, dass ich gar nicht wüsste, ob ich mir wieder eine zulegen würde. Die TÄ schaute mich an und mir wurde klar, was sie mir sagen wollte. Jetzt sollte es soweit sein, nicht morgen, nicht übermorgen. Ich stand da und fing an zu schluchzen. Ich entschuldigte mich dafür sogar. Wir redeten noch kurz. Ich kniete mich hin, vor Annie und streichelte sie. Ich weinte. Ich glaube, ich sagte nichts mehr. Die TÄ sagte, sie holte die Spritze, ich sollte so bleiben, damit Annie mich sieht. Ich zog einen Stuhl zu mir heran, setzte mich. Guckte Annie fassungslos an. Immer noch verheult. Die TÄ kam wieder. Ich fragte, ob man da nicht noch etwas machen könne. Sie verneinte. Sie sagte, sie könne Kortison spritzen. Eine Besserung trete (wenn) dann innerhalb von 1-2 Stunden ein. Sie erzählte von ihrem Tier, dass über Nacht erstickt war, weil Metastasen in der Lunge aufgeplatzt waren. Aber nicht, um mich loszuwerden oder mich zu überzeugen. Sie war neutral. Verständnisvoll. Ich fühlte mich verstanden und keineswegs zu irgendwas bedrängt. Sie wollte m.E. Möglichkeiten aufzeigen. Ich sagte: "Ich weiß, dass das organisatorisch jetzt vielleicht besser wäre, aber sie wirkt noch so vital." Ich plapperte irgendwas komisches vor mich her. Ich glaube, erst hier erzählte sie von ihrem Hund.
Ich war wie erstarrt, saß auf diesem Stuhl und guckte Annie an. Plapperte wieder irgendwas. Wahrscheinlich mit einem sehr zweifelnden Inhalt, denn die TÄ sagte, sie gebe ihr jetzt eine Spritze. Sie wartete vorher geduldig auf meine Entscheidung.. Sie gab ihr die Spritze. Ich bedankte mich. Sie sagte, ich solle nicht zu lange mit der Entscheidung warten. Die nächsten Tage sollten es werden. Ich sagte, dass ich mich auf den nächsten Tag einstellen würde, abends sollte sie vorbeikommen. Ich wollte unbedingt, dass Annie bei mir einschlafen kann. In ihrer gewohnten Umgebung. Da dachte ich noch, dass das zeitlich möglich sei. Wir stellten ihr die Tragetasche hin, sie ging rein, wir schoben das Kissen hinterher. Sie wurde wütend und schlug nach dem Kissen. Sie fauchte glaube ich, auch. Das bestätigte mich in dem Moment, dass es noch nicht (ganz) so weit war. Ich fuhr mit dem Auto nach Hause. Fühlte mich ok. Ich wusste, ich habe noch die ganze Nacht und den darauffolgenden Tag und dann passiert es bei mir zu Hause. Vielleicht könne man auch einen Tag mehr warten, so dachte ich. Hauptsache nicht zu lange. Ich rief meine Mutter und meinen Freund an und sagte relativ gefasst: "Morgen ist es soweit". Nein, Moment, ich weinte leicht. Ich habe das Gefühl, mein Kopf verdrängt schon einiges an diese schlimme Nacht.
Aber ich hatte das Gefühl der Sicherheit, ich kann kontrollieren, wie es abläuft. Wir ahben Zeit bis morgen Abend um Abscheid zu nehmen. Dann kam alles ganz anders. Ich weiß bis heute nicht, wie ich es hätte besser machen sollen. Hätte ich Annie bereits bei dieser TÄ einschläfern lassen, würde ich mir heute die übelsten Vorwürfe machen, da sie ja noch so agil war und ich das Gefühl hatte, sie packt es noch viele Stunden/mindestens einen Tag.
Zu Hause dann kam erst die Erkenntnis. Es geht ihr wirklich schlecht. Das war eben wohl ein Adrenalinstoß oder soas. Zu Hause war sie so apathisch, verzog sich, knurrte mich kurz an, konnte nichts trinken, aber schnurrte, während ich sie streichelte. Erst DA wusste ich, es ist nichts mehr zu machen. Die Nacht über nichts zu unternehmen birgt das große Risiko, dass sie qualvoll erstrickt oder überhaupt Qualen durch die Luftnot erleidet.
Ich habe mir einfach gewünscht, dass sie bei mir zu Hause einschläft. Ich dachte, wir hätten noch diese Nacht und etwas mehr vielleicht.
Beim 2.
Tierarzt wirkte sie wieder recht vital, auch auf der Autofahrt. Ich sagte mir, das war vorhin auch so, dass sie wieder aktiv wurde. Aber nochmal das Ganze? Nein, ich hatte daraus gelernt. Vor Ort überprüfte ich alle 30 Sekunden ihre Atmung, die immer noch sehr schlecht war und nicht besser wurde. Das gab mir die Sicherheit, ich würde hier nichts überstürzen.
Bevor wir zum 2.
Tierarzt fuhren, wartete ich mehr als 2 Stunden darauf, dass die Kortisonspritze wirkte. Es tat sich nichts. Es war auch für mich ein Horrortrip das Tier auf meinem Duschvorleger im Bad so leiden sehen zu müssen. Ich weinte, legte mich zu ihr, sprang in Verzeiflung auf, rannte durchs Zimmer, kam zurück, reichte ihr ihr Wasserschälchen, legte mich wieder zu ihr und streichelte sie ganz lange. Mit dem Rücken zeigte sie zur Toilette, der Boden war nicht gesaugt. War mir egal. Ich legte mich quer zu ihr. Versuchte, sie anzuschauen, sie schaute nicht zurück, ihr Blick war auf den Boden gerichtet. Auf Ansprache reagierte sie kaum, sie sah mich nicht wirklich an. Nur ganz kurz. Sie sah nicht gut aus. Nein, es ging so schnell
Ich zögerte Stunden, bis ich den 2.
Tierarzt anrief. Ich wartete auf meinen Freund, der uns fuhr. Auf der Hinfahrt streichelte ich sie, ich war aber irgendwie nicht ganz bei mir. Wahrscheinlich weil ich wusste, was glech passiert. Ich glaueb sogar, ich war normal. Aber eben nicht ganz bei mir. Habe ich sie da im Auto genug gestreichelt?
In der Praxis angekommen, war ich sehr verheult, versuchte ruhig zu bleiben, streichelte sie ab und zu. Ich lief mehr total aufgebracht herum, versuchte mich zu fassen. Ging immer wiede rzu ihr, hörte,wa s ihre Atmung machte. Sie wurde nicht besser, war immer noch so schlimm. Ich sagte zu meinem Freund, dass ich mir nicht sicher sei, dass ich Angst habe, es ist zu früh. Er sagte: "Schau sie dir an, sie hat ganz trübe Augen. Sie will nicht mehr". Ich schaute in die Tragetasche und hatte das Gefühl, ich schaue in ganz normale Augen. Es hat mir in dem Moment einfach nichts gesagt. Ich dachte: "Jetzt ist sie wieder aktiv, weil alles so aufregend ist. Ogott, lass mich das richtige tun!"
Ein paar Tage vorher dachte ich noch, sie würde noch ein halbes Jahr leben und wenn es dann mal so weit, ist, wann auch immer, wäre ich gefasst, denn ich wusste ja um ihre Erkrankung und dass es nicht mehr lange gutgeht.
Ich fasse es nicht, dass das schon zwei Wochen her ist!!! Zwei Wochen ohne sie. Wie habe ich das eigentlich bisher ausgehalten? Ich denke mich ab. Muss viel lernen. Aber manchmal überkommt es mich und ich muss es niederschreiben. Auch, weil ich nichts vergessen will. Mein Verstand sagt mir, sie ist noch da. Ich glaube ihm das. Denn ich muss einfach weitermachen. Ich muss meine Aufgaben erledigen, um bald mal fertig zu sein. Ich wusste, dass sie es bis zu meinem Examen nicht durchhält, aber das ist ja auch erst nächstes Jahr. Aber so schnell? Auf diese Art und Weise? In der Gewissheit aber dennoch mit Ungewissheit, ob man das richtige zur richtigen Zeit tut. Habe ich alles richtig gemacht? Hätte ich etwas besser amchen können? Kleinigkeiten finde ich immer noch. Aber im großen und ganzen wüsste ich es heute auch nicht besser. Hätte ich sie mehr streicheln sollen? Hätte ich sie festhalten sollen, anstelle der Tierärztin, die in der Nachtschicht damals mit ihrem Mann arbeitete?? Aber sie kratzte und er sagte, ich solle bis zur Spritze warten. Mir wurde eine Box mit Kosmetiktüchern gereicht. Ich stand, danach saß ich und bekam sie samt Kissen auf meinen Schoß.
Wir kam ca. jetzt, um 23:00 Uhr in der Praxis an. Haben recht lange gewartet, es kam mir sehr lange vor. Ich musste noch ein Formular ausfüllen. Bemühte mich, gefasst zu sein.
Es ist alles so unendlich traurig. Und wieder brauche ich mich nicht abzuschminken, denn ich weine eh alles runter

Und wieder ist es mir egal, ob die Nachbarn mich schluchzen hören.
Nein, nein, das kann alles nicht sein. Ich höre "Careless world". Es läuft in der Playlist. Den Text bekomme ich nur halb mit, aber die Melodie ist einfach wieder passend.
Und wieder sage ich mir, ich muss weitermachen mit den Uni-Sachen. Noch immer liegt ihre Decke auf der Bettseite, wo sie immer geschlafen hat. Ich benötige den Platz eh nicht.
Den Tag über bin ich abgelenkt, abends kann ich es zulassen. Meist erst, wenn ich meine Sachen erledigt habe. Weil ich MUSS. Aber jedes Mal, wenn ich in meine Bücher schaue, denke ich an sie. Sie lag neben meinem Schreibtisch immer in Sichtweite, nichtmal einen Meter entfernt und hat geschlafen. Oder hinter mit auf dem Kratzbaum. Auch auf meinem Schoß. Mit jedem Buch in das ich hineinschaue, sehe ich sie dahinter, mich anschauend oder friedlich schlafend, sich putzend oder am Hals kratzend, was sie in letzter Zeit öfters gemacht hat