Eigentlich hielt ich mich immer für einen Hundemenschen. Unser Kind hatte sich immer sehnlichst einen Hund gewünscht, aber leider streikte der Vermieter. Also haben wir im Jahr 2000 2 Katzen aus dem Tierheim geholt. Angeglich Geschwister. Sheela hat sich die erste Zeit nur versteckt und war sehr scheu und ängstlich. Kein Wunder. Sie hatte schlimme Erfahrungen mit Menschen machen müssen, die sie gequält haben. Bei uns sollte sie es besser haben. Ihr Bruder war mutiger und ein ganz toller Kerl. Aber hier soll es um Sheela gehen.
Sie gewöhnte sich bald an uns, war aber nie eine "Kuschelkatze". Auf dem Schoß sitzt sie bis heute nicht gern, dafür kuschelt sie sich manchmal ganz dicht an einen. Sie hat schon viel erlebt. Leider auch einen ganz schlimmen Unfall. Nach einem Umzug hat sie nicht wieder nach Hause gefunden. Ich werde mir nie verzeihen, dass ich sie wahrscheinlich zu früh rausgelassen habe. Sie wurde im Nachbardorf von einem Auto angefahren und erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma. Ein tierlieber Mensch hat gesehen, dass sie noch lebt und hat sie in eine Klinik gebracht. Ich werde ihm ewig dankbar sein. Zum Glück ist Sheela bei Tasso registriert, so dass ich sie nach bangen Wochen wieder bekommen habe. Sie war plötzlich vom Wesen wie eine Babykatze! Und sie war total zutraulich und verschmust. Ganz anders als vor dem Unfall. Sie ist eine richtige Schönheit und sehr auf Menschen bezogen.
Jeden Tag, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, begrüßt sie mich mit einem speziellen Geräusch und lässt sich ausgiebig kraulen. Sie sitzt am liebsten auf dem Balkon und beobachtet die Gegend. Sie freut sich diebisch, wenn die Hunde, die am Zaun vorbeilaufen, bellen und halb durchdrehen. Sie hat dann keine Angst, sie scheint es zu genießen! :twisted:
Sie fordert ihre Streicheleinheiten ein, wenn sie sie nicht rechtzeitig bekommt. Sie lässt sich von mir sogar den Bauch kraulen. Sie hat so ein Vertrauen zu mir, das rührt mich immer sehr.
Sie war immer gesund und fit. Bis vor ein paar Wochen. Das Zahnfleisch sah so komisch vergrößert aus. Naiv wie ich war, dachte ich, sie hätte eine Bissverletzung (sie verprügelt auch in hohem Alter noch jeden Kater im Umkreis). Dann die erschütternde Diagnose beim Notfallarzt: Tumor, der bei Katzen zu 90% bösartig ist. Ich wollte es nicht glauben und bin zu einem anderen Tierarzt. Meine Hausärztin hatte leider Urlaub. Der meinte, es handle sich garantiert um was Gutartiges, das würde er rausschneiden und gut. Das tat er auch. Als ich mein Tier abholte, zeigte er mir, dass der komplette Tumor entfernt sei und meinte, jetzt müssten wir sehen, ob es wieder käme. Es kam wieder. Und wie! Und so schnell! Innerhalb weniger Wochen.
Ich bin inzwischen bei einer neuen Ärztin (Sheela hat kaum noch gefressen), da meine Hausärztin so oft nicht da ist und ich in dieser schwierigen Situation jemanden brauche, der verlässlich erreichbar ist. So jemanden habe ich jetzt. Die Praxis ist 24h am Tag erreichbar.
Die Ärztin hat Kortison gespritzt und tägliche Schmerzmittelgabe verordnet. Sie hat mir kaum Hoffnungen gemacht. Der Tumor wächst so schnell, das lässt auf einen bösartigen Tumor schließen. OP ist zu belastend und bringt nur was für eine ganz kurze Zeit.
Nachdem das Kortison tatsächlich den Tumor etwas hat abschwellen lassen, hat Sheela jetzt eine Depotspritze bekommen. Erst ging die Schwellung tatsächlich zurück (die Tumorzellen gehen davon nicht weg, aber der Tumor ist erstmal kleiner und stört nicht so beim Fressen), aber nach einer Woche wird er langsam wieder größer.
Sheela bekommt morgens eine Dosis Metacam für Katzen. Ich weiß, ein umstrittenes Medikament. Aber meine Kleine verträgt es gut und es hat ihr anfangs einen schmerzfreien Tag beschert. Aber seit ein paar Tagen reicht es nicht mehr. Ich gebe ihr nach Rücksprache mit der Ärztin abends eine halbe Dosis zusätzlich. Das hat einen Tag gut geholfen, jetzt wird die Wirkzeit immer kürzer und ich kann sehen, dass mein Kätzchen, meine Herzenkatze, Schmerzen hat, bis sie die nächste Dosis bekommt. Es ist unerträglich und ich hatte schon mehrfach den Telefonhörher in der Hand, um die Ärztin zu verständigen, dass der Zeitpunkt gekommen ist. Aber irgendwie berappelt sie sich immer wieder und liegt nach einer Weile relativ entspannt auf dem Bett oder Sofa und schläft. Außerdem putzt sie sich noch, will ständig raus, geht aufs Katzenklo und frisst, wenn auch weniger und mit sichtbaren Schwierigkeiten durch den großen Tumor. Die Lunge ist bisher frei (Röntgenbild), aber im Bauch scheint auch etwas zu sein. Sie lies sich beim letzten Artzbesuch nicht abtasten. Sie hat ihren Körper total angespannt.
Ich frage mich jetzt jeden Tag, ob ich Leben oder Leiden verlängere und werde fast verrückt dabei. Wenn Sheela nicht diese guten Phasen hätte, wäre es keine Frage. Dann hätte ich sie längst erlösen lassen. Aber so? Sie scheint das Rausgehen zu genießen, wenn auch nicht wie früher. Da war sie fast 24h draußen und hat fast den ganzen Tag auf einem "ihrer" Stühle entspannt geschlafen. Das macht sie gar nicht mehr. Sie sitzt auf dem Balkon oder hockt in Schonhaltung und beobachtet die Welt um sie herum. Oder sie geht für höchstens eine Stunde "spazieren". In dieser Zeit bin ich immer total nervös, weil ich Angst habe, dass sie nicht wieder kommt. Aber soll ich ihr in dieser Phase das liebste Vergnügen nehmen? Abgesehen davon mobilisiert sie immer noch ganz schöne Kräfte, wenn ich ihr das Rausgehen verweigere.
Diese schöne, stolze Katze hat sich in den letzten 7 Wochen seit der Diagnose sehr verändert. Sie kommt kaum noch zum Schmusen, redet fast nicht mehr, obwohl sie beides immer ausgiebig getan hat. Und wie gesagt, sie liegt nicht mehr auf ihrem Lieblingsplatz. Wahrscheinlich fühlt sie sich drin zum Schlafen sicherer.
Ich hatte jetzt viel Zeit, mich an den Gedanken heranzutasten, sie gehen zu lassen. Aber wann ist der richtige Zeitpunkt? Jetzt, wo sie sichtbar Schmerzen hat, aber doch noch einigermaßen fit ist? Oder, wenn sie umkippt, schon dahinsiecht, sichtbar noch mehr leidet? Ich habe keine Ahnung.
Ich liebe dieses Tierchen mehr als mein Leben und die Angst, das Falsche zu tun, egal in welche Richtung, macht mich fertig.