Kleine zähe Lady… Lina… Linali… Linchen… Prinzessin…
Dein Leben war eigentlich nicht leicht – hast du doch ein unschönes Paket an Leid durch Schmerz von deinem Vermehrer-Zuhause mitgenommen… Doch dir war das egal und hast dein Glück dir selbst geholt.
Mit 10 Wochen kamst du zu mir –
BKH-Mix - gekauft bei einer Vermehrerin.
Damals wusste ich noch nicht was das bedeutet. Ich sah dein Foto und hatte sofort ein gutes Gefühl. Aber die Entfernung war recht groß und so haderte ich noch etwas. Als wir dann zufällig eine Veranstaltung in der Nähe besuchen wollten und du immer noch da warst, machte ich Nägel mit Köpfen und legte den Besuchstermin auf das Veranstaltungsende. Mit den Kindern fuhr ich von der Veranstaltung aus hin. Man brachte uns dich und einen Kater aus einem anderen Wurf. Der kleine Kater war optisch der Brüller: schwarzes Wuschelfell, aus dem noch längere weiße Haare in alle Richtungen abstanden. Doch er wandte sich aus den Händen der Kinder heraus und wollte lieber rumflitzen, während du dich in Töchterchens Schoß eingekuschelt hast. Damit war es eindeutig: du warst unser Kätzchen und wir nahmen dich mit nach Hause. Deine Freundschaft zu E. hast du bis zum Schluß erhalten gehabt und immer, wenn sie zu Besuch kam, warst du happy.
Den Preis für die Herkunft haben wir nicht in Geld bezahlt, sondern du hast ihn bezahlt - später in Schmerzen. Deine Hüfte war von Geburt an degeneriert und dein niedlicher Entenwatschelgang war nichts weiter als eine massive Schiefstellung und das süße überstrecken des Schwanzes bis an den Kopf ein Versuch des Ausgleichs der Rückenprobleme…
Doch du hast dich davon nicht unterkriegen lassen.
Du warst die Chefin im Ring und egal wie schlecht du die letzten Jahre laufen konntest, wenn du irgendwo hoch wolltest, dann hast du das geschafft und wenn du eine andere Katze ärgern wolltest, dann hast du deinen ganzen Körper unter Spannung gesetzt, die Vorderpfoten breit gemacht und dann bist du losgeschossen wie eine Rakete.
Selbst der doppelt so große und schwere Marou hat das oft genug zu spüren bekommen: mit Prinzessin Lina ist nicht zu spaßen und eine kleine Emanze läßt sich nicht vom Chauvi-Macker unterkriegen – nicht eine Handbreit hast du ihm gelassen: es kommt nicht auf die körperliche, sondern auf die Innere Größe an. Und die hattest du- bis zum Schluß!
Der Kindertrubel hat dich nie gestört.
Stoisch lagst du inmitten des Chaos und wenn du da lagst, dann gab es keinen Grund dich auch nur einen Millimeter zu bewegen – und wenn die Kinder beim rumflitzen zum x-ten mal über dich stolperten. Die Ohren nach hinten geklappt hast du es einfach ignoriert und ausgesessen.
Überhaupt hatte ich in den ersten Jahren nicht das Gefühl es mit einer Katze zu tun zu haben, sondern mehr mit einem Wesen, dass gerne Mensch geworden wäre statt Katze.
Alles hat dich interessiert was die Menschen so tun, alles musste angeschaut, beobachtet und begutachtet werden. Dabei hattest du vor nichts Angst und ich musste dich so manchesmal vom laufenden Rasenmäher runterheben oder dich davor retten die laufende Säge dir anzugucken…
Nach einigen Jahren wurde dir das langweilig und ich rechnete damit dich bald zu verlieren, weil du in diesem Leben keinen Sinn mehr sahst…
Doch dann hast du die Katze in dir entdeckt: über das Mäusefangen – nicht in der Form wie andere Katzen, sondern auf Lina-Art: du suchtest die Eingänge und grubst sie auf – und dann hast du dich davor schlafen gelegt, bis die Maus dir praktisch in die Pfote lief….
Diese dir so eigene stoische Ruhe und dein Dickschädel haben mich so oft verwundert und zum Lachen gebracht - und später auch zum Grübeln. Wir wird man einem Wesen wie Dir gerecht, wenn das Haus leer von Menschen aber stattdessen voll mit anderen Katzen wird? Wie lange kann man so einen eigenständigen Geist in einem defekten Körper gefangen halten?
Die OP zur Verbesserung der Hüfte machte statt besser alles schlimmer und du brauchtest Monate um wieder überhaupt laufen zu können – nun sogar schlechter als vorher. Ich hab dir versprochen dir das nicht nocheinmal anzutun. Und als Solensia auf den Markt kam war das deine Rettung. Es hat dir noch so viele gute Jahre geschenkt in denen du voller Stolz und Inbrunst durch dein Reich gewatschelt bist.
Ich wusste, dass es geschenkte Zeit war und es irgendwann zu Ende sein würde – oder schief gehen würde… doch dich Einschränken war keine Option, das hast du immer unmissverständlich klar gemacht. Du wolltest deinen eigenen Weg gehen – egal wohin - und egal wie er enden würde…
Nun war es soweit… Auch wenn es weh tut…
Ach Lini, Linali… kleine Lady
So winzig – und doch so groß tief drin
18 Jahre hast du mich und die Kinder begleitet, sie mit groß gezogen…
Du warst die letzte der alten Truppe … eine Ära ist damit endgültig zu Ende gegangen…
Nie wieder werde ich Nachts mit vorsichtigen Ziepern ins Gesicht geweckt um dich unter die Decke zu lassen, wo du dich schnurrend eingerollt hast. Nie wieder darf ich zusehen, wie du entgegen aller Logik irgendwo hochkletterst oder die viel stärkeren Katzen ärgerst, keine Lina wird mich mehr am Auto begrüßen kommen und die Einkäufe noch im Kofferraum kontrollieren…
Wer soll jetzt die ganzen Dreamis fressen?
Du hattest so gern Mensch sein wollen, dazugehören wollen, hast dann deinen Frieden mit deinem Fellkleid gemacht… nun hoffe ich, dass du deinen Frieden mit deinem Gehen machen kannst…. Ich werde es versuchen – so schwer es auch ist…
Und im nächsten Leben wirst du das richtige Kleid anhaben…
Tipp mir dann auf die Schulter kleine Lady, damit ich dich erkenne…
Auf Wiedersehen Lina
Auf Augenhöhe