Meine kleine Mila musste gestern, viel zu früh gehen. Ich mache mir Vorwürfe, habe ich etwas übersehen, habe ich zu spät reagiert?
Ich kenne das noch von meinem Kater, ihn musste ich letztes Jahr, mit 17 Jahren gehen lassen.
Ich weiß dass es zum Trauerprozess dazugehört, dass es in der menschlichen Psyche nicht "verankert" ist, ein Leben zu beenden. Und trotzdem verzweifel ich gerade, gebe mir eine Teilschuld.
Aber lasst mich euch kurz ihre Geschichte erzählen...
Mila wurde letztes Jahr im November, gerade 4 Wochen alt, ganz allein in einer kalten Lagerhalle gefunden. Der Mann einer Freundin fand sie und übergab sie dem Tierschutzverein. Mila hatte es von Anfang an schwer. Das Mäulchen entzündet, unterernährt, die Zunge hing dauerhaft raus. Sie stand mehrfach auf der Kippe und hatte bis Februar 2025 schon mehrere OP´s hinter sich (fast alle Zähnchen und Anlagen wurden entfernt). Es war ein auf und ab. Ende Februar zog sie mit ihrer großen Stiefschwester hier ein. Alles war wie es sein sollte, sie tobte, nervte ihre große Schwester, war liebevoll, frech, mutig, und lief immer mit erhobenem Schwänzchen durch die Wohnung und nahm auch gut zu. Wir waren weiterhin regelmäßig beim Tierarzt, da sie eine Wundheilungsstörung im Mäulchen hatte und durchgehen AB bekam. Nach ein paar Wochen war diese Baustelle endlich abgeschlossen und das AB endlich (nach fast 4 Monaten) abgesetzt. Sie wurde kastriert und kam wie immer, fröhlich und munter von der OP zurück nach Hause. Sie war so unglaublich gelassen wenn es zum Tierarzt ging und so unglaublich schnell wieder fit. Nachdem auch diese Wunde verheilt war, bemerkte ich dass sie geschwollene Lymphknoten im Halsbereich hatte. Also wieder zum Tierarzt. Dort wurde ein Atemwegsinfekt festgestellt, ich erwähnte auch dass das Zahnfleisch wieder etwas gerötet sei. Mir wurde gesagt dass das vom dem Infekt käme, das AB wurde wieder angesetzt. (Ich frage mich....hätte ich hier mehr nachhaken sollen?) Einige Zeit später bemerkte ich am Gaumen eine seltsame Stelle, oberhalb, zwischen den beiden Fangzähnen. Es sah fast nekrotisch aus.
Hier mache ich mir den größten Vorwurf. Warum habe ich da nicht eher bemerkt? Ich habe ihr doch jeden Tag zweimal das AB gegeben, allerdings ihr nicht rundum durchs Mäulchen geschaut, weil ich sie einfach nicht noch mehr stressen wollte, teilweise habe ich ihr das AB auch einfach über Leckerchen gegeben.
Also wieder zum Tierarzt, die waren am Ende ihrer Möglichkeiten und überwiesen sie an die Tierklinik. Ein paar Tage später durften wir in die Tierklinik Grussendorf kommen, nur zwei Tage später wurde sie operiert.
Die Nekrose wurde abgetragen, massig entzündliches Gewebe entfernt und mir wurde telefonisch mitgeteilt dass sich hinter der OP Stelle eine Umfangsvermehrung befand, die biopsiert wurde. Die Erst Biopsie im Labor war nicht eindeutig, der behandelnde Arzt war laut seinem Gefühl und dem Aussehen bei einem bösartigen Tumor, wollte aber die gründlichere Biopsie abwarten. Diese kam ein paar Tage später. Es sei kein bösartiges Gewebe gefunden worden.
Die Wunde verheilte unter Metacam, Amoxi und Hexagel erstmal gut und schnell. Mila ging es gut, sie nahm zu, fraß, tobte, putze sich, war frech, alles wie es sein sollte. Der Arzt bekam alle paar Tage ein aktuelles Wundfoto, und wir fuhren alle zwei Wochen zur Kontrolle in die Klinik (ca. 3 Stunden hin und zurück). In dieser Zeit verzichtete ich auf unsere Urlaubsreise und verkaufte meine Festivalkarten, einfach weil ich für sie da sein wollte. Sie bekam zu der Zeit zweimal am Tag Medis plus das Gel. Das sollte niemand übernehmen der sie nicht kennt und der vor allem die Wunde nicht einschätzen konnte.
Plötzlich schlug die Situation um. Die Wunde heilte zwar weiter von unten nach oben, aber "wuchtete" plötzlich in umliegendes Gewebe aus. Zuerst war der linke Nasensteg betroffen, dann die linke Leftze. Ich kann es schwer beschreiben, es sah aus wie weg gefressen. Die Wunde war weiter sauber, feucht, rosig und ihr ging es nicht schlechter. Ihr Verhalten unverändert.
Der Arzt schlug die Kaltplasma Therapie vor. Wir sind dann wöchentlich zur Klinik und haben die Behandlung durchführen lassen. Die Wunde schien nach den ersten drei Sitzungen wieder besser zu heilen, allerdings nur von unten nach oben, das umliegende Gewebe wurde immer mehr in Mitleidenschaft gezogen. Nach der vorletzten Sitzung baute Mila dann auch langsam ab und nahm auch ab. Ich schob es erstmal auf die Schmerzen und dachte mir, sie hat seit Wochen eine offene Wunde im Maul, natürlich tut das weh und vielleicht reicht das Schmerzmittel einfach nicht aus. Nach telefonischer Rücksprache sollte sie etwas stärkeres bekommen. Ich kam nach Hause, hatte alles besorgt und sie kam mir plötzlich wieder freudestrahlend entgegen, als ob nichts wäre. Das war so typisch für sie.
Sie fraß gut, tobte und es schien erstmal wieder alles gut zu sein. Doch die nächsten Tage waren anders, waren hart. Sie fraß trotz Schmerzmittel nicht mehr gut, ich gab ihr hochkalorisches Futter, gab ihr hochkalorische Drinks (Recoaktiv), sie nahm trotzdem innerhalb kürzester Zeit stark ab.
Die Wunde sah mittlerweile auch nicht mehr gut aus, die Heilung stagnierte völlig, das umliegende Gewebe wurde immer mehr zerstört. Am letzten Mittwoch dann ein letztes Mal in die Klinik, es geht nichts mehr, es ist nichts mehr zu machen, es wird nie heilen, es ist nichts zu retten. Der Tierarzt räumt ein dass die Biopsie vielleicht nicht tief genug ging, die entzündlichen Zellen das Ergebnis verfälscht haben, das es doch etwas bösartiges sein könnte, er rät zum erlösen. Kein Schock für mich, ich bin mit einem sehr schlechten Gefühl zum letzten Termin gefahren und hatte damit gerechnet. Es müsse nicht heute sein aber ich sollte nicht mehr lange warten.
Sie bekam Morphin gespritzt und wurde ohne Befund entlassen. Ich holte mir, per Email, Fotos und bisherigem Bericht eine Zweitmeinung bei einer anderen Tierklinik (spezialisiert auf Gesichtschirurgie) ein. Ich bekam nur zwei Stunden später einen Rückruf. Der Arzt meinte, es sähe für ihn nach einer bösartigen Veränderung aus, das Bakterien nicht so einen großen Schaden anrichten würden. Das sei selten bei einer so jungen Katze aber aufgrund der dauerhaften Entzündung eventuell dadurch zu erklären. Außerdem könne das Ergebnis der Biopsie verfäscht sein, eine Zweitbiopsie wäre sinnvoll gewesen. (Warum hab ich das nicht eher machen lassen, frage ich mich).
Ich machte einen Termin um sie gehen zu lassen.
Meine kleine Mila Maus. Den letzten Tag zuhause hast du nochmal ordentlich gefuttert und dann einfach viel geschlafen. Wir sind Abends wie immer zusammen ins Bett gegangen, morgens bist du wie immer mit mir raus in den Wintergarten und hast solange gebettelt bis ich mit dir deine übliche Gartenrunde gedreht habe. Allerdings wolltest du dieses mal gar nicht mehr von meinem Arm runter. Ich bin mit dir durch den Garten gelaufen, danach sind wir durch die Wohnung gegangen und deine große Schwester hat dich nochmal abgeschnuppert. Du hast dich, wie immer, einfach in deine Transportbox gelegt und während der Autofahrt hab ich dich gestreichelt und dein Pfötchen gedrückt. Bevor wir in die Praxis gegangen sind, bist du nochmal aus der Box raus auf meinen Schoss geklettert. Ich habe dich gestreichelt, gekrault und dir einfach mit fröhlicher und sanfter Stimmer Quatsch erzählt. So wie ich es immer gemacht habe wenn wir zum Tierarzt gefahren sind. Du hast mich angeschaut und geschnurrt. Wir sind rein und du durfest auf deiner warmen Kuscheldecke liegen, während du eine Spritze bekommen hast. Ich hab dich dann auf meinen Arm genommen, wir haben uns gesetzt und du hast dich noch einmal neugierig umgeschaut, bis du plötzlich ganz müde geworden bist. Und plötzlich musste ich nicht mehr stark für dich sein und habe sehr geweint. Ich habe weiter liebevoll mit dir geredet, dich gestreichelt, dich geküsst. Ich vermisse dich meine kleine Maus.
Jeder sagt mir, ich hätte mehr für sie getan als mach anderer. Ihre behandelnden Ärzte/Ärztinnen sagen, ich hätte alles getan, der Tierschutzverein (mit dem ich die ganze Zeit im Austausch stand) daß sie sich kein besseres zuhause für sie hätten wünschen können, und trotzdem.....es fühlt sich so an als hätte ich etwas übersehen.
Danke fürs zuhören