"Willkommen!" rief er vergnügt, "herzlich willkommen im Nirgend-Haus. Gestatte, kleine Momo, dass ich mich vorstelle. Ich bin Meister Hora - Secundus Minutius Hora."
"Hast du mich wirklich erwartet?" fragte Momo erstaunt.
"Aber gewiß doch, ich habe dir doch eigens meine Schildkröte Kassiopaia geschickt, um dich abzuholen."
Er zog eine flache, diamantbesetzte Taschenuhr aus der Weste und ließ deren Deckel aufspringen.
"Du bist sogar ungewöhnlich pünktlich gekommen", stellte er lächelnd fest und hielt ihr die Uhr hin.
Momo sah, dass auf dem Zifferblatt weder Zeiger noch Zahlen waren, sondern nur zwei feine, feine Spiralen, die sich in entgegengesetzter Richtung übereinanderlagen und sich langsam drehten. An den Stellen, wo die Linien sich überschnitten, leuchteten manchmal winzige Pünktchen auf.
"Dies", sagte Meister Hora, "ist eine Sternstunden-Uhr. Sie zeigt zuverlässig die seltenen Sternstunden an und jetzt eben hat eine solche angefangen."
"Was ist denn eine Sternstunde?" fragte Momo.
"Nun, es gibt manchmal im Lauf der Welt besondere Augenblicke", erklärte Meister Hora, "wo es sich ergibt, das alle Dinge und Wesen bis zu den fernsten Sternen hinauf, in ganz einmaliger Weise zusammenwirken, so dass etwas geschehen kann, was weder vorher noch nachher je möglich wäre. Leider verstehen die Menschen sich im allgemeinen nicht darauf, sie zu nützen, und so gehen die Sternstunden oft unbemerkt vorüber. Aber wenn es jemand gibt, der sie erkennt, dann geschehen große Dinge auf der Welt."
"Vielleicht", meinte Momo, " braucht man dazu eben so eine Uhr."
Meister Hora schüttelte lächelnd den Kopf. "Die Uhr allein würde niemand nützen. Man muss sie auch lesen können."
(aus: Michael Ende: "Momo oder Die seltsame Geschichte von den Zeitdieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte" Stuttgart/Wien 1973, S.146.)
Und unser tollpatschiger, kleiner Momo wusste noch nicht, dass seine Zeit abgelaufen war, er konnte die Uhr nämlich noch gar nicht lesen...