Es ist nun schon lange her, dass du gegangen bist. Am Anfang des Frühlings im letzten Jahr. Du hast deinen Abschied selbst gewählt.
Es war noch dunkel und kalt, der Schnee lag überall, als wir deinen Hundefreund, den guten Fynn, über die Regenbogenbrücke begleitet haben. Du warst zu diesem Zeitpunkt wohl schon sehr krank, hast dich aber vollkommen zurückgenommen, dir nichts anmerken lassen. Du hast uns trauern lassen. Dafür danke ich dir.
Einige Tage später erst hast du gezeigt, wie schlecht es dir doch schon ging. Wir waren beim Tierarzt, du hast Blut abgenommen bekommen und eine Infusion. Da der Wagen nicht mehr ansprang, habe ich dich, in meine Jacke gewickelt, den Weg nach Hause getragen. Du hast die Welt mit offenen Augen betrachtet. Du warst ja immer sehr neugierig. Du hast dein Leben lang nichts ausgelassen, zu tun oder auszuprobieren. Ob es nun ein Gang auf dem Dach in 12 Meter Höhe war oder der Sturz in den Besteckkasten der Spülmaschine, das Überklettern der Mauer in die große weite Welt (du hast irgendwann gerufen, dass ich dich nun abholen soll), das Öffnen der Gefriertruhe mit dem Verspeisen einer kompletten tiefgefrorenen Hühnchens, das Ärgern der Hunde. Du wolltest immer meine Vögel und meine kleine Hausratte essen, hast mir andere Vögel zum Tausch angeboten. Du hast in meinem Bett geschlafen oder auf meiner Tastatur, wenn ich für die Uni was schreiben musste. Du warst dir immer sicher, der Mittelpunkt deines und unseres Lebens zu sein. Du warst ein Sonnenschein, du hast angefangen zu schnurren, wenn man dich nur angesehen hat. Du bist gekommen, wenn man rief: Schnell, es ist kalt, auch im Hochsommer. Du hast es geliebt, getragen zu werden, hast dich an meinen Schultern eingehängt, so dass ich meine Arbeiten erledigen konnte, mit dir an meiner Seite. Du hast nie einen Korb gebraucht, wenn wir zum Tierarzt gingen, du und die beiden Hunde, ihr seid immer an der Leine in die Praxis gegangen, und du warst stolz darauf. Beim Autofahren hast du gerne auf dem Rücksitz gelegen und die Welt betrachtet. Du hast mich zum Lachen gebracht, mit mir diskutiert, und mich getröstet, wenn ich traurig war. Du hast immer meine Schmerzen gelindert.
Dann aber hat das Sterben eingesetzt. Du warst 17 Jahre alt. Es ging dir immer schlechter, du hast kaum noch etwas gefressen. Die letzten Tage konntest du dich fast nicht mehr bewegen, du warst zu schwach. Du wolltest nicht gehen. Als der Tod kam, bist du ihm mit einem grimmigen Gesicht begegnet.
An einem Tag - kurz vor deinem Tod - kamen die ersten Sonnenstrahlen nach dem langen und harten Winter. Ich habe dich rausgebracht und mich mit dir in die Sonne gesetzt. Dein Fell hat in der Sonne geglänzt und geschimmert. Du hast geleuchtet. An diesen Augenblick werde ich mich immer erinnern.
Ich war nicht da an diesem Tag, ich musste arbeiten. Aber ich habe es gespürt, dass du nun den Regenbogen überschreitest. Ich habe zu Hause angerufen, meine Mama sagte, ja, du bist gegangen.
Du hast mir beigebracht, dass das Sterben kein plötzlicher Moment, kein Einbruch von außen, sondern eine Zeit ist, die kommen muss. Dass das Sterben zum Leben gehört.
In dieser Nacht hast du mich im Traum besucht - wir haben ein letztes Mal gekuschelt und uns voneinander verabschiedet. Der Schmerz aber, dich verloren zu haben, der wird bleiben.