Diese Woche war es soweit: Der Vermittlungsvertrag auf Probe mit dem Tierheim Aurich lief aus. Also rief mich das Tierheim an und fragte, ob wir Henry denn entgültig behalten wollen. Es gibt schon blöde Fragen, oder?:mrgreen:
Am Dienstagabend bin ich also nach Feierabend direkt zum Tierheim gehetzt um die Formalitäten zu erledigen. Meine Verlobte hat sich davor gedrückt in dem sie auf einem 3-tägigen Lehrgang in der ostwestfälischen Provinz weilte.:mrgreen:
Neben dem Papierkram und der Übergabe des Impfpasses wurde ich auch nach Henry´s Befinden gefragt. Ich schilderte also wie die Sozialisierung mit unserem alten Kater Percy abgelaufen ist und das es keine Probleme gibt. Hin und wieder knurrt Percy ihn in bestimmten Situationen noch an, aber das wird sich mit der Zeit geben. Percy schnuppert hin und wieder ausgiebig an Henry herum, aber wenn Henry sich dann bewegt erschreckt Percy sich und knurrt (mehr Angst als Vaterlandsliebe :mrgreen

. Henry nimmt Percy und seine Macken mit stoischem Gleichmut an, ohne sich jedoch von ihm mobben zu lassen. Alles in allem scheinen wir das bisher gar nicht so schlecht gemacht zu haben.
Ich berichtete auch von Henry´s sonstigem Verhalten, z.B. in der Wohnung: Er sieht unser Schlafzimmer (und damit meinen Lesesessel!) immer noch als seinen sicheren Rückzugsort an, erkundet aber mittlerweile die Wohnung. In die Küche traut er sich schon und dort hat er vor nichts Angst, er schläft sogar manchmal auf einem Küchenstuhl. Das 2. Katzenklo in der Toilette findet er klasse weil es so groß ist, und an unserer Gaderobe im Flur baumeln immer irgendwelche Kordeln von Jacken herunter. Auch unsere "Teppichflecken" in der Wohnung (wir haben Parkett in der Wohnung auf dem kleine runde Teppiche liegen) eignen sich für Henry wunderbar zum spielen oder liegen. Mittlerweile kommt er auch dem Wohnzimmer immer näher, doch nur wenn der Fernseher nicht läuft. Davor hat er noch Angst. Spielen tut er sehr gerne, ohne jedoch Regale und Tische einzubeziehen. Lesen im Lesesessel ist momentan nicht möglich, weil er immer und sofort gekrault werden möchte wenn ich im Sessel mit einem Buch sitze. Er springt dann zuerst auf meinen Schoß und klettert dann hoch bis auf meine Schulter, von wo aus er schnurrend Kopfnüsse verteilt. Er leckt einem sogar das Gesicht ab, was ich bisher bei keiner Katze erleben durfte. Er fordert Streicheleinheiten auch laut ein wenn man an ihm vorbeigeht, nur hört sich sein miauen irgendwie wie ein quakender Frosch an. :mrgreen:
Die Tierheimleiterin berichtete mir dann ausführlich und in allen Einzelheiten Henry´s bekannten, bisherigen Lebensweg:
Er wurde auf einem Bauernhof von einer Hofkatze geboren, und war aus dem Wurf der einzige der sich zu Menschen traute. Versorgt wurde er von einer auf dem Hof lebenden alten Dame, doch durfte er nur in den Wintergarten und nicht in die eigentliche Wohnung. Leider wurde die Dame pflegebedürftig und konnte sich nach 2 Jahren nicht mehr so um ihn kümmern wie bisher. Zu allem Unglück wurde ihm seine Zutraulichkeit zu Menschen zum Verhängnis als irgendwelche Nachbarskinder festellten, dass Katzenquälen anscheinend cool sein muss. Sie drangsalierten ihn mit Steinwürfen und Tritten, tunkten ihn im Regenfass, und noch viel mehr was ich hier gar nicht groß schreiben möchte. Doch nun weiß ich auch woher er den kleinen Knick im Schwanz haben muss: Die Kinder stellten nämlich fest das Henry nicht gequält werden wollte und weglief. Also fingen sie ihn ein und stellten ein Garagentor auf seinen Schwanz, damit er nicht weglaufen konnte. 10 - 12-jährige Kinder! Was lernen solche Kinder eigentlich zuhause?:-x Mein Vater hätte mich damals windelweich geprügelt wenn ich Tiere gequält hätte, und das völlig zu Recht.
Das letzte was die alte Dame dann vor ihrem Umzug in ein Pflegeheim noch machte, war Percy dem Tierheim zu übergeben. Dort saß er dann gut 14 Tage bis wir ihn sahen und uns spontan verliebten.
Diese Vorgeschichte erklärt mir so einiges in seinem Verhalten, und auch warum er in der Wohnung erstmal schüchtern alles erkundet. Er kannte Dinge wie Waschmaschine, Staubsauger, Fernseher, und Geschirrspülmaschine bisher einfach nicht.
Wir jedenfalls werden Henry nur noch einmal her geben, nämlich wenn er in hoffentlich ganz ferner Zukunft irgendwann mal vor seinen Schöpfer treten muss. Auch wenn es noch ein langer Weg werden wird bis er die ganze Wohnung als Platz ohne Angst wahrnehmen wird, wir geben ihm alle Zeit die er braucht und erfreuen uns weiterhin an den täglichen kleinen Fortschritten.
Übrigens, die Frage nach der Adresse seines ehemaligen Zuhauses wurde mir nicht beantwortet. Ist wahrscheinlich für die Kinder dort besser so. :-x
Anscheinend ist es manchmal echt gut, dass man die Vorbesitzer seines Tieres nicht kennt.