Nun denn, meine Jule wurde am Dienstag 12 Jahre alt. Eine Freundin, die Jule lange nicht gesehen hatte, sagte ganz spontan: Deine Katze ist alt geworden. Das saß! Jule ist noch keine waschechte Seniorin, aber durchaus schon im gesetzteren Alter (diverse Zipperlein inklusive). Es ist also an der Zeit, daß sie mal einen Thread bekommt, der ihr bisheriges Leben Revue passieren läßt:
Auf geht's (und es wird lang):
Es war der 17.08.2003, ein sonniger Sonntag. Ich machte mich auf den Weg von Hamburg Richtung dänische Grenze, um Jule und ihren Bruder Bolle abzuholen. Sie waren sogenannte Bauernhofkatzen, ich ein blutiger Anfänger ohne Internet. Also dachte ich mir nichts dabei, vor allem, da besagter Bauernhof zur eigenen Verwandtschaft gehört .
Die Zwei waren zu diesem Zeitpunkt 16 Wochen alt, lebten mit Mutter und Geschwistern im eigens eingerichteten Kälberstall, waren putzmunter und weder geimpft noch kastriert. Jule schneeweiß und stocktaub, Bolle pechschwarz mit Ohren wie ein Luchs. Fairerweise muß ich gestehen, daß ich Jule anfangs gar nicht haben wollte. Ich hatte mir den schwarzen Bolle und seine blaue Schwester ausgesucht. Die wollte meine angeheiratete Cousine allerdings nicht rausrücken, weil sie dem Wurfvater so ähnlich sah, der zu dieser Zeit bereits irgendwie abhanden gekommen war.
Also war Jule der Trostpreis. So völlig weiß und so schweinchenrosa an den sichtbaren Hautstellen. Wenn sie die Sonne im Rücken hat, kann man die kleinen Äderchen in ihren Ohren sehen. Nun ja, dachte ich...
So kam sie zu mir, noch mit ihrem Genfleck auf dem Kopf:
Ich werde den ersten Tag und die erste Nacht mit ihnen nie vergessen. Beide kamen sehr schnell aus dem Kennel, schlichen vorsichtig durch die Wohnung und beschnupperten ihr neues Zuhause. Ich beobachtete die Beiden, vergaß zu atmen und war immer halb vom Sofa hoch, weil ich dachte, daß gleich was passiert. Als Bolle mich das erste Mal ganz leise anmiaute, weil er meine Stimme hörte, rastete etwas ein bei mir. Er kam zu mir, rieb seine Lefzen an meiner Hand und ließ sich streicheln. Jule kam dann gleich hinterher, weil sie wohl dachte, wenn er das macht, ist es ok. Sie konnte mich ja nicht hören. Von da ab waren wir eine Gemeinschaft.
Zwei Wochen später lagen Jule und ihr Bruder bereits unter dem Messer und wurden kastriert. Besser ist das. Alles verlief normal und ohne Probleme, und schon damals zeichnete sich die Tendenz zum perfekten Duo ab:
Das erste Jahr mit beiden war teilweise recht anstrengend. Vor allem wegen Jule. Heute frage ich mich manchmal, wie wir das ohne größere Katastrophen und Blessuren überstehen konnten. Da Jule taub ist, sind andere Reize umso wichtiger. Es gab Phasen, da wußte ich nicht, was mich erwartet, wenn ich abends nach Hause kam. Mit knapp 6 Monaten legte sie mir die Küche in Schutt und Asche. Als ich von der Arbeit kam, saß sie in einem Meer von Glassplittern, Mehl, Zucker, Nudeln usw. und krähte mich fröhlich an. Sie hatte die Regale leergeräumt, und bis heute weiß ich nicht, wie sie da hoch gekommen ist.
Sie riß mir Duschvorhang inklusive Teleskopstange herunter und lag friedlich darauf schlafend in der Badewanne, als ich heim kam. Sie schubste mir den Fernseher vom TV-Schrank und verfehlte ihren Bruder nur knapp. Sie warf alle Blumentöpfe von der Fensterbank, zerfetzte Klopapier und Küchenkrepp, zerstörte jede erreichbare Deko, knabberte Bücher und Schuhe an und räumte mir JEDE Nacht den Couchtisch ab. Mein Fazit: keine Blumen mehr, keine Deko in Katzenhöhe, sämtliche Schränke, Regale, Kommoden wurden an der Wand fixiert, abends vorm Zubettgehen wurde der Couchtisch leer geräumt, auf den Küchenregalen nur noch Kartons oder Plastikbehälter und vor allem ... nie wieder Kitten!
Doch dann wurde sie mit zunehmendem Alter ruhiger. Die Jahre vergingen, beide Katzen (vor allem Jule) waren gesund, lieb, verschmust, total pflegeleicht und genügsam. Sie ertrug insgesamt 4 Umzüge, 6 Katzenpensionsaufenthalte, 1 3-tägiges Zwischenparken bei meinen Eltern im Keller während des letzten Umzugs, jede Fremdbetreuung in der Wohnung, ohne nur zu mucken. Nur die Tierarztbesuche sind in den letzten Jahren zur Herausforderung geworden. Sie läßt sich dort partout nicht mehr anfassen. Ohne
Sedierung geht leider gar nichts mehr. Das bereitet mir zunehmend Sorge!
Hier mal ein paar Bilder über die Jahre:
Jule 2004. Natürlich mittendrin, wie immer. Man durfte sie keine Sekunde aus den Augen lassen. Einmal umgedreht, schon liegt sie auf dem Bügelbrett.
Jule 2007. Bis heute einer ihrer Lieblingsschlafplätze.
Jule 2007. ... und immer noch an Orten, an denen sie nichts zu suchen hat ...
Jule und Bolle 2008. Eines meiner absoluten Lieblingsbilder. Und symptomatisch für die Zwei: zu 95% neben-, über-, ineinander liegend.
Jule 2008. Sie liiiiebt Kartons!
Jule 2010. Meine Flocke...
Jule 2011. Und auch hier hat sie eigentlich nichts zu suchen...
Jule 2011. Schlafen geht auch so!
Jule und Bolle 03.09.2012. Unser Schicksalsjahr. Das allerletzte Foto von Bolle. Und bezeichnend für ihr gemeinsames Leben. Zusammen!
Bolles Tod war eine Zäsur. Ich fiel und fiel und fiel. Jule trauerte so gar nicht. Aber sie zeigte nach einigen Wochen, daß sie einsam war. Und obwohl es mir sehr schwer fiel, ging ich auf die Suche. Leider war es nicht einfach, eine passende Wohnungskatze im regionalen
Tierschutz zu finden. Daher entschied ich nach 3 erfolglosen Monaten, den Auslands-
Tierschutz einzubeziehen. Das Ergebnis war Ella. Sie zog Ende März 2013 bei uns ein.
Jule und Ella 2013. Ein seltener und dafür umso kostbarerer Moment.
Jule 2013. Meine kleine Dickmamsell.
Im Herbst 2013 wurde Ella sehr krank, wurde notoperiert. Sie erholte sich, alles schien gut. Doch es kam leider anders. Rückfall, OP nicht mehr möglich, das Ende.
Jule und Ella 09.01.2014. Das allerletzte gemeinsame Foto.
Ella 25.01.2014. Das allerletzte Foto. Mein Mädchen....
Es gab dann kurz darauf einen erfolglosen Vergesellschaftungsversuch mit einer 10-jährigen
Tierschutz-Katze, die uns leider nach einigen Tagen wieder verlassen mußte. Das
Tierheim hatte fälschlicherweise eine eindeutige Einzelkatze als sozial verträglich vermittelt. Budgy wurde allerdings sehr schnell neu vermittelt, an eine alte Dame und als Einzelprinzessin.
Jule brauchte einige Zeit, um den Schock und die Angst vor Budgys Attacken zu verdauen. Sie war ängstlich, schlief nachts entgegen ihrer Gewohnheit ganz dicht bei mir, schlich geduckt durch die Wohnung und blickte sich immer wieder hektisch um. Doch diese Episode blieb glücklicherweise ohne Folgen und war bald überwunden.
Seitdem leben wir nun wieder zu zweit. Jule und ich haben uns neu sortiert und kommen gut zurecht.
Jule 2015. Sie schläft immer noch gerne zwischen meinen Beinen...
... und liebt immer noch Kartons!
Sie ist nun über die Jahre sehr viel ruhiger geworden. Wenn ich an ihre Kittenzeit zurückdenke, fange ich heute noch an zu schwitzen. Sie war noch nie die Spielwütige, hat lieber beobachtet, aber ihren Cat-Dancer liebt sie über alles.
In den letzten Jahren haben sich einige Wehwehchen eingestellt. Sie hat Arthrose,
Spondylose in der hinteren Wirbelsäule und leider eine SDÜ. Allerdings sehr gemäßigt. Sie ist leider nicht die Schlankste, aber jede Diät ist kläglich gescheitert. Nun habe ich es aufgegeben, und Jule begrüßt das sehr. Zumindest hält sie nun ihr Gewicht schon seit einigen Jahren. Auch was wert.
Jule, meine Süße, was als Trostpreis einzog, wurde in Windeseile zum Hauptgewinn. Du wunderschöne Katze, so liebevoll, so verschmust. Du warst so oft mein Anker, mein Fels in der Brandung. Du lebst dein Leben mit mir in Harmonie und Einklang. Läßt dich lesen und zeigst deinen Willen. Bist eine Persönlichkeit mit klaren Ansagen und stellst doch alles hintenan, wenn es mir nicht gut geht. Bist mein Stern, die übrig gebliebene Hälfte eines Duos, das so einzigartig war. Wenn ich dich anschaue, sehe ich auch immer deinen Bruder.
Hast Ella so offen aufgenommen. Obwohl sie sich lange zierte, hast du nie aufgegeben und dich ihr immer wieder freundlich angenähert. Es blieb ihr gar nichts anderes übrig, als irgendwann zu kapitulieren. Aber eure Beziehung war nicht so eng wie die mit Bolle. Als Ella ging, bist du bald zur Tagesordnung übergegangen. Das hat sich bis heute nicht geändert.
Jule, ich hoffe, daß wir noch einige gute Jahre haben. Ich freue mich darauf. Und ich danke dir von Herzen für die vergangenen Jahre. Sie sind mir sehr kostbar!