Oft sind Katzen in großen Gruppen (im Tierheim oder auf einer großen Pflegestelle) sehr gestresst, und unerfahrene oder gutmeinende Pfleger schließen daraus, diese Katze "mag keine anderen Katzen" oder "will lieber Einzelprinzessin sein". Gerade bei jüngeren Katzen (die nicht bereits als zu junge Babys aus der Gruppe gerissen wurden und danach viele Jahre lang keine anderen Katzen gesehen haben) ist das in der Regel falsch, die Katzen werden dann wegen solchen Fehleinschätzungen zur Einzelhaft verdammt, dabei wären sie in einer kleineren Katzengruppe gut aufgehoben.
Nicht nur das... auch wenn die Katzen nur zu zweit waren, kann es passieren, dass die Chemie zwischen den Beiden einfach nicht gestimmt hat (zum Beispiel ruhige ältere Kätzin und junger Kater mit Hummeln im Hintern) und es dadurch zu Zoff und Reibereien gekommen ist. Mit dem richtigen Partner oder der richtigen Partnerin sieht es dann vielleicht schon wieder ganz anders aus.
Bestes Beispiel: Pflegi Lucky. Kam an den Tierschutzverein als "mit anderen Katzen verträglich". Die größeren Gruppen auf den ersten beiden Pflegestellen waren aber solcher Stress für ihn, dass er zu pieseln angefangen hat. Auf Pflegestelle Nr. 3 kam er dann mit einem lieben, ruhigen und sozialen Mädchen zusammen... und hat die Kleine prompt bis zu dem Punkt "gemobbt" (er meint es nicht böse - ihm hat nur nie jemand gesagt, dass anstarren+hinterherlaufen+draufspringen KEINE freundliche Spielaufforderung ist. Nicht sozialisiert eben), an dem sie unter sich gemacht hat, wenn er in ihre Nähe kam. Also kam er zu mir, weil ich damals einen Hardcore-Freigänger hatte und die Wohnung groß genug zum Separieren ist, mit dem Prädikat "Einzelkatze" Hätte ich ihm auch gegeben - er kam ja offensichtlich mit den anderen Katzen nicht klar, die er bis jetzt getroffen hatte.
Aber als der Hardcore-Freigänger (der Nachts-nach-Dosi-Brüller) dann nicht mehr Hardcore-Freigänger sein durfte, weil zu krank, hatte ich dann plötzlich zwei wie am Spieß brüllende Katzen vor der Tür, die ihre Reiche getrennt hat. Und zwar nicht aggressiv-brüllend, sondern "Ich will zu der anderen Katze mach endlich die blöde Tür auf ich weiß was du dahinter versteckst ich möchte den kennenlernen also dalli!"-brüllend. Also aufgemacht. Und siehe da... mit den beiden funktioniert es. Das hätte zwar nie jemand geglaubt (schlecht sozialisierter, dominanter Terrorkrümel mit fast blindem Panikkater mit Arthrose geht auf dem Papier normalerweise nicht gut), aber die beiden haben sich in einer Ist-zwar-irgendwie-doof-mit-dem-doofen-Kerl-da-aber-ohne-ihn-kann-ich-auch-nicht-mehr-Beziehung arrangiert.
Und ich merke jeden Tag, wie sehr es Lucky gut tut, dass hier noch eine andere Katze ist und dass er nicht den Rest seines Lebens als Einzelkatze verbringen muss, und das, obwohl er die Katzensprache nur unzureichend spricht und zum Beispiel immer noch glaubt, dass Starren "freundliches Interesse" bedeutet. Sirius ist davon allerdings absolut unbeeindruckt (klar, er kann ja nicht sehen, wie Lucky ihn anstarrt :mrgreen: ) und blinzelt freundlich und sozial zurück. Sie sind einfach froh, dass sie den anderen haben, obwohl sie nicht viel mehr machen, als ab und zu zu näseln und zu gurren und ganz selten miteinander zu kuscheln. Dafür liegen sie aber eigentlich immer im selben Zimmer wie der andere und wenn einer schreit, kommt der andere angelaufen, und wenn einer beim Tierarzt ist, sucht der andere ihn wie verrückt. Und das sind Seniorkatzen, einer davon schlecht sozialisiert, die nicht mehr das Bedürfnis haben, wie irre durch die Gegend zu toben und den ganzen Tag zu spielen und sich zu jagen. Eine jüngere Katze braucht ihre Artgenossen noch viel dringender, und dein Mädchen ist ja noch jung und kann die Katzensprache noch lernen, wenn sie sie nicht ohnehin schon kann.
Der erste Schritt ist aber immer noch der Besuch beim Tierarzt, mit Untersuchung (Zähne nicht vergessen!) und dann noch eine Blut-, Kot- und Urinuntersuchung, um sicherzugehen, dass körperlich mit ihr alles in Ordnung ist. Dieses Brüllen kann nämlich durchaus auch von Unwohlsein oder Schmerzen kommen, deswegen ist es wichtig, zu wissen, dass sie gesund ist, bevor ihr euch eine andere Lösung überlegt.