Nach dem Tod meines Herzenskaters (sein gleichaltriger Bruder starb im Jahr davor ) bekam ich folgende Mail :
Mein bester Freund auf der anderen Seite
Erinnerst du dich an meinen besten Freund? Mit dem ich mich ums Essen stritt, mit dem ich auf Mäusejagd ging, mit dem ich mich raufte, mit dem ich gemeinsam auf deinem Schoß lag? Mein Bruder ist mein bester Freund und wir beide hatten eine tolle lange Zeit zusammen. Wir haben uns das Katzenparadies erkämpft. Von der Werkstatt in die Küche und in die restliche Wohnung schnurrten wir uns vor bis wir unter deiner Bettdecke lagen und nachts mit dir kuschelten.
Wir brachten dir Mäuse und Vögel, sogar Kaninchen und Hasen als Dank. Haben dich gekuschelt, wenn du traurig oder krank warst, spielten mit dir, wenn du in der Stimmung warst und halfen dir bei Arbeiten im Garten. Das war eine tolle Zeit.
Vor einem Jahr geschah etwas. Mein bester Freund war plötzlich nicht mehr da. Was blieb, war die Erinnerung. Sein Futternapf blieb leer. Seine Lieblingsplätze unberührt. Und deinen Schoß hatte ich ganz für mich allein. Wir waren beide sehr traurig. Ich suchte ihn eine Weile, machte mir große Sorgen. Ich konnte nicht verstehen, wohin mein Bruder gegangen war. Ich tröstete dich, nahm dich in den Arm, verbrachte Stunden mit dir auf dem Sofa. Ich war sofort für dich da, wenn du von der Arbeit kamst. Uns fehlte mein bester Freund so sehr, dass du eines Tages einen neuen Kameraden ins Katzenparadies brachtest. Ich wollte das am Anfang nicht. Es kann doch niemand meinen besten Freund ersetzen. Aber ich glaube, so hast du das auch nicht gemeint. Der Neue hat dir in der schweren Zeit geholfen. Das ist in Ordnung. Das hat er gut gemacht.
Ein paar Monate nachdem mein Bruder gegangen war, geschah wieder etwas. Ich glaube, du warst in der Küche. Ich saß im Wohnzimmer auf der Fensterbank und machte mit meiner Nase lustige Stupser an die Scheibe. Da sah ich ihn aus den Augenwinkeln. Erst dachte ich, es sei der Neue, doch der lag ein paar Meter weiter alle Viere von sich gestreckt auf dem Teppich. Ich sprang aus der Fensterbank um auf meinen Bruder zuzulaufen, doch als ich auf sanften Katzenpfoten auf dem roten Teppichboden landete, war er verschwunden. Der Neue beobachtete mich aus halb geöffneten Augen. Er hatte meinen Bruder wohl nicht gesehen. Ich maunzte ein paar Mal laut und ein paar Mal lauter und suchte einen kleinen Moment, doch konnte meinen Bruder nicht finden. Ich ging in die Küche, klatschte dem Neuen im Vorbeigehen eine – nur so aus Spaß und auch nicht wirklich doll - und erzählte dir von meiner Begegnung. Ich bekam ein bisschen Milch aus dem Kühlschrank dafür (und der Neue auch).
In den nächsten Wochen passierte das häufiger. Mal entdeckte ich meinen Bruder im frisch gemähten Gras zwischen den Zäunen liegend, mal unter seinem Lieblingsbusch, mal auf dem Tisch am Schlafzimmerfenster. Abends sah ich ihn oft auf dem Hocker vor dem Ofen liegen, während ich mit dir auf dem Sofa kuschelte. Doch sobald ich auf ihn zuging oder ihn längere Zeit im Blick behielt, verschwand er wieder.
Besonders oft sah ich ihn im Wohnzimmer, wie er gerade Richtung Flur marschierte. Dann schlich ich ihm in einiger Entfernung laut maunzend nach. Im Flur ging mein Bruder oft durch die geschlossene Schlafzimmer- oder Kinderzimmertür. Ich kratzte dann daran und maunzte noch lauter. Manchmal kamst du dann und erzähltest mir etwas. Ich maunzte zurück. Manchmal öffnetest du die Tür, und manchmal lag mein Bruder dann auf dem Bett in der Nähe deines Kopfkissens. Du schienst ihn nicht zu sehen.
Seit Anfang des Jahres sah ich meinen Bruder immer häufiger. Er verschwand nicht sofort, wenn ich ihn längere Zeit im Blick behielt und manchmal konnte ich sein leises 'brrrau' sogar hören. Ich sah ihn hier und da und meistens beobachtete ich ihn dann mit gespitzten Ohren. Besonders oft passierte das, wenn ich gerade fressen wollte. Er stolzierte dann an mir vorbei Richtung Wohnzimmer und ich ging ihm natürlich nach. Ich wünschte mir so sehr, dass wir wieder miteinander raufen konnten. Es war mir sogar egal, dass der Neue sich in der Zwischenzeit genüsslich über mein Futter hermachte. Meistens bewahrtest du mein Fressen sowieso für mich auf.
Vor kurzem entdeckte ich, dass ich meinen Bruder rufen konnte. Sobald ich nur lange und laut genug maunzend die Wohnung durchsuchte, kam er aus irgendeinem Versteck hervor (besonders oft aus dem Schlafzimmer oder Kinderzimmer, aber manchmal auch vom Wohnzimmerschrank) und je lauter ich maunzte, desto länger blieb er bei mir. Manchmal maunzten und 'brrau'ten wir um die Wette und dann konnte ich alles andere um mich herum vergessen. Schon bald konnte ich meinen Bruder fast mühelos hören.
Doch die kurzen Begegnungen mit ihm stimmten mich auch ein wenig traurig. Ich wünschte mir oft, dass du ihn sehen könntest, wenn er abends manchmal neben dir auf dem Sofa lag oder dich mit dem Kopf anstupste. Wenn du in der Küche standest und er dir manchmal lautlos maunzend um die Beine strich. Wenn du morgens ins Badezimmer gingst, und er manchmal schon da war und auf dich wartete. So wie du es gewohnt warst. So wie du es vermisst.
Seit ein paar Tagen konnte ich meinen Bruder fast immer irgendwo finden. Er verschwand nicht mehr einfach so. Aber wenn ich ihn doch nicht sofort finden konnte, geriet ich regelrecht in Panik, weil ich dachte, ich hätte ihn wieder verloren. Dann nahmst du mich oft in den Arm und wir kuschelten einen Moment zusammen. So ging das ein paar Tage lang. Bis gestern.
Gestern ist hat sich etwas verändert. Ich weiß nicht genau, was passiert ist. Das Futter schmeckt wahnsinnig gut. Ich habe auf dem Baumhaus gelegen und mir den Pelz von der Sonne wärmen lassen. Ich habe Jojo die Katzenwurst vom Brot geklaut ohne dass er es bemerkt hat. Ich habe in eurem Bett geschlafen. Ich habe euch eine Maus gefangen und in den Flur gelegt (und dann aufgefressen, Entschuldigung). Und ich habe mit meinem besten Freund getobt und gerauft. Wir haben uns gegenseitig das Fell geputzt und dann haben wir uns laut kreischend gekloppt, dass die schwarzen Fetzen flogen. Was ein Spaß!
Ich glaube, ich verstehe langsam, was gestern passiert ist.
Ich bin mit meinem Bruder vereint und mir geht es gut. Ich habe keine Schmerzen, ich fühle mich jung und kerngesund. Ich kann die Mäuschen hören, die draußen durchs Gras huschen. Ich kann die Bäume hochfetzen und das Eichhörnchen jagen. Ich kann die Hunde fauchend zurück auf die Straße treiben, wenn sie auf die dumme, dumme Idee kommen, meinen Garten zu betreten. Alles ist perfekt.
Fast.
Du kannst mich nicht sehen, so wie du meinen Bruder nicht sehen konntest. Wir können nicht kuscheln und du siehst unheimlich traurig aus. Du vermisst mich, so wie ich meinen Bruder vermisst habe und wie du ihn letztes Jahr vermisst hast.
Wir sind hier. Wir werden ewig hier sein. Hier bei dir. Wir streichen in der Küche maunzend um deine Beine herum. Wir kuscheln uns auf dem Sofa an dich und leisten dir Gesellschaft. Wir liegen nachts auf deinen Beinen und passen auf dich auf.
Wir sind da. Schließ mal die Augen. Siehst du uns nicht?
Wo sollten wir sein? Wir haben das Katzenparadies doch längst gefunden.
Hier. Bei dir.
Ich hab so geweint , als ich die Mail von meiner Tochter bekam und auch heute steigen mir die Tränen in die Augen beim Lesen und trotzdem ist die Vorstellung unglaublich tröstlich.Unser Jerry Bärchen ist nach einem Schlaganfall mit Teillähmung exakt in dem Moment gestorben , als ich von der Arbeit nach Hause kam.Unser Tommchen hat monatelang gesucht und war in den letzten Wochen seines Lebens fast blind , taub und vergass zu fressen.Er schrie stundenlang Tag und Nacht und wurde immer dünner , bis wir ihn vom Tierarzt haben erlösen lassen. Er ist ganz friedlich in meinem Arm gestorben und fehlt immer noch.Jerry ist mit 18j.von uns gegangen und Tommchen mit fast 19J. - die Beiden haben ab dem 5.Lebensmonat mit uns gelebt.