Liebe Gleichgesinnte, liebe Katzenfreunde ... lange lese ich hier schon immer mal wieder mit, suche mir Rat oder auch Trost, indem ich eure Beiträge durchlese. Doch jetzt ist es Zeit, einmal auch zu schreiben, und zwar möchte ich einen Brief schreiben an meinen geliebten Leo, von dem ich mich vor zwei Tagen verabschieden musste. Lesen kann er den Brief zwar nicht, aber ich muss einfach mal raus mit meinen Gedanken, um dem Schmerz Ausdruck verleihen zu können. Und alle, die ebenfalls gerade an ihrem Verlust leiden, sollen sich einmal ganz doll gedrückt fühlen, ich wünsche ihnen, dass sie den Schmerz bewältigen können und sich bei jemandem ausweinen können.
"Lieber Leo,
kurz nach meinem damaligen Umzug, 13 Jahre ist es her, da du gemeinsam mit deinem Bruder bei mir eingezogen bist, weil dein altes Herrchen eine neue Freundin mit Katzenallergie hatte. Anfangs warst du noch etwas misstrauisch und hast dich nicht anfassen lassen, während dein Bruder bereits munter die Wohnung erkundete, aber das war okay, wir hatten ja alle Zeit der Welt.
Weil du ganz steife Hüften hattest, konntest du nicht gut springen und auch nicht schnell rennen. Beim Toben hast du dich immer zurückgehalten und auch wenn dein Bruder mit dir raufen wollte, hast du dich lieber ergeben, statt aus dir rauszukommen. Mit der Zeit aber hast du angefangen, mir zu vertrauen und hast meinen Schoß als Lieblingsschlafplatz erkohren. Während dein Bruder sich sich an jedes Bein gerieben hat, hast du deine ganze Liebe auf mich allein projiziert. Dabei warst du stets genügsam - es reichte dir schon, einfach bei mir zu sein. Irgendwann hast du festgestellt, dass es sich nachts neben meinem Kissen wunderbar liegen lässt und fortan musste ich dir dort stets ein Plätzchen lassen.
Du warst immer ein bisschen unser Sorgenkind, der immer mal wieder Probleme mit dem Magen hatte. Auch hattest du immer mal wieder ein geschwollenes Mäulchen - wir haben aber nie rausfinden können, was die Ursache dafür war. Weil du nie alles auf einmal gefressen hast und dein Bruder dir deine übriggelassene Portion weggegessen hätte, mussten wir die Mahlzeiten über den Tag hinweg verteilen. Du mochtest es, mit der kratzigen Drahtbürste, die dein Bruder gar nicht leiden mochte, gekämmt zu werden. Schon wenn du die Bürste gesehen hattest, konntest du es kaum noch abwarten.
Dein Mauzen war wie dein ganzes Wesen: Zart und vorsichtig. Ich habe immer geglaubt, dass du es bist, der nicht so alt wird, weil du so zerbrechlich wirktest. Vor drei Jahren mussten wir dann aber mit Schrecken feststellen, dass dein Bruder einen Tumor im Knochen seines Unterkiefers hatte. So war das aber nicht geplant, dass wir ihn bereits mit 12 Jahren verabschieden mussten. Er hat ein riesiges Loch in unser Leben gerissen und auch du, der eigentlich meistens lieber Zeit mit mir als mit ihm verbrachte, hast getrauert.
Da dir das Alleinsein nicht gut bekam, haben wir versucht, dir einen Wohnungskumpel zu besorgen. Im Tierheim wurden wir schnell fündig - Bobby sollte es sein, ein ruhiger Kater, der selbst ganz schöne Probleme hatte. Er hatte Arthritis und konnte auch nicht springen und rennen. Gepasst hat es dir anfangs gar nicht, dass da einfach ein Fremder ins Haus kam. Aber recht schnell war klar, dass ein Zusammenleben mit Bobby ganz unkompliziert war. Eine dicke Freundschaft entstand zwar nicht, aber ihr konntet euch gut akzeptieren und auch entspannt nebeneinander liegen. Umso größer der Schreck, als Bobby plötzlich nicht mehr fressen wollte. Eine Odysee begann ... Zwangsernährung, Tierarztbesuche ohne Ende, unser Urlaub fiel ins Wasser und am Ende warst du wieder allein ... denn was Tierarzt Nr. 1 nicht herausfinden mochte, konnte Tierarzt Nr. 2 ganz schnell diagnostizieren ... Flecken auf der Lunge, die größer geworden sind - da war klar, dass wir Bobby nur noch erlösen konnten. Wir waren so schockiert, dass wir nie wieder eine weitere Katze ins Haus holen wollten.
Schließlich stellte sich auch noch bei einer Zahnsteinentfernung heraus, dass du hinter deiner Zunge einen großen Knubbel hattest. Ich dachte, jetzt ist es vorbei ... jetzt gehst auch du über die Regenbogenbrücke. Auch Knubbel an deinen Körper waren zu spüren. Wir haben abgewartet, beobachtet, immer wieder gefühlt und geguckt ... aber nichts passierte. Ich wagte, aufzuatmen und tatsächlich ... es vergrößerte sich nichts, alles war gut. Aber du hast angefangen, einen Putzzwang zu entwickeln, sodass deine Pfoten ständig aufgeleckt waren. Den Rest deines Lebens mit einem Kragen herumzulaufen war nicht das, was ich mir für dich vorgestellt haben! Wir mussten uns eingestehen, dass dir das Dasein ohne Katzenkumpel einfach nicht guttut.
Gesagt getan, zog ein weiterer Kater bei uns ein. Diesmal nicht aus dem Tierheim, sondern ein vierjähriger Charlie, der ein neues Zuhause suchte. Ein ziemlicher Wildfang, wie wir feststellten. Das tat dir gut, endlich wieder Action im Hause zu sehen. Allerdings konntest du ja nicht mit deinem neuen Kumpel herumtoben, du wolltest ja lieber in Ruhe auf der Couch liegen und zugucken. Wir haben uns also entschieden, dem Charlie einen Spielgefährten zu organisieren und schon zog Chili bei uns ein. Eigentlich ein bisschen zu jung für dich, aber andererseits erwies es sich als Glücksfall, dass Charlie und Chili super miteinander harmonierten und beide liebevoll miteinander rauften und kuschelten. Und so tobte das Leben um dich herum, während du friedlich auf der Couch oder auf dem Schreibtisch lagst. Dann aber stellte sich heraus, dass deine Nieren erkrankt sind. Es musste ja so kommen ... Rückgängig machen konnten wir den Schaden nicht mehr, aber wir konnten dir das Leben erleichtern mit angepasstem Futter, mit überall im Haus aufgestellten Wasserschalen, mit zusätzlich aufgestelltem Katzenklo und besonderer Aufmerksamkeit. So konnten wir die gemeinsame Zeit mit dir noch verlängern. Aber dann wolltst du kaum noch essen. Immer wieder habe ich es geschafft, dich doch noch zum Essen zu bewegen, und sei es mal ein Leckerlie oder indem ich alles zu einer Pampe gemantscht habe - das Essen stand auf einem Podest, damit dir das Fressen leichter fällt. Aber auf Dauer hast du doch immer mehr abgenommen. Du hattest eh kaum Fettreserven, warst immer ein schlankes Fellbündel ... am Ende aber nur noch Haut und Knochen. Auch dein Herz war bereits geschädigt. Dann die schwere Entscheidung, dich gehen zu lassen. Immerhin bist du entgegen aller Prognosen doch noch 15 Jahre alt geworden, ein stolzes Alter! Mein Herz drohte zu zerspringen, als ich dich in deinen letzten Minuten in den Armen hielt. Es ging so schnell. Zum Glück für dich, dadurch hast du hoffentlich nicht gelitten.
Umso mehr leide ich jetzt. Mein lieber Leo ... ich liebe dich von ganzem Herzen. Sagen kann ich es dir nicht mehr, aber ich bin mir sicher, du wusstest das sowieso. Und jetzt sitze ich zuhause. Kein Leo neben meinem Kissen, kein Leo auf dem Schreibtisch, auf meinem Schoß, nirgendwo. Auch Chili sucht dich, findet dich nicht und sucht Trost bei mir. Dabei wollten wir doch in zwei Monaten umziehen in eine Wohnung mit Balkon ... das hätte dir sicher gefallen, auf dem Balkon zu liegen und dich von der Sonne bescheinen zu lassen.
Lieber Leo ... unter einem Apfelbaum im Garten neben deinem Bruder ruhst du nun. Ruhst in Frieden und vielleicht, falls es so etwas wie einen Himmel gibt, triffst du deinen Bruder wieder. Sehen wir uns vielleicht wieder ... das würde ich mir wünschen. Ich danke dir für jeden Moment, den du mir geschenkt hast, für die unendliche Liebe und das Vertrauen, das du in mich gesetzt hast. Vorgestern schnurrtest du noch munter auf meinem Schoß, heute bete ich darum, dass ich richtig entscheiden habe. Es ist mithin die schwerste Entscheidung im Leben, über das Leben eines anderen zu bestimmen. Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht, ob du nicht doch noch ein paar Wochen geschafft hättest - aber ich glaube fast, du hättest bis zur letzten Minute um dein Leben gekämpft. Ich habe noch nie ein so starkes Lebewesen erlebt, das trotz all seiner Leiden so stark am Leben hing. Das Leiden wollte ich dir ersparen, dir ging es doch schon gar nicht mehr gut. Ich verspreche dir, dass ich auch so viel Kraft aufbringen werde, um ohne dich weitergehen zu können. Du wirst - wie auch dein Bruder - immer einen großen Platz in meinem Herzen behalten"