Liebe Mitmenschen,
ich weiß momentan nicht mehr wie ich mit der Trauer um meine geliebte Katze Kiki umgehen soll.
Anfang September hatte Kiki (12 1/2 Jahre alt) nur noch die Soße von ihrem Futter geschlabbert. Ich war gerade im neunten Monat schwanger und dachte dass sie wegen der Veränderung gestresst sei und auf sich aufmerksam machen wollte. Sie war schon immer sensibel bei großen Veränderungen wie z.B. Umzug. Ich schenkte ihr mehr Aufmerksamkeit denn je und sagte ihr, dass auch sie weiterhin mein kleines Baby sein wird.
Als sie nach zwei Tagen nicht mal mehr die Soße aß, ging es sofort zum Tierarzt. Sie machte einen gesunden Eindruck, das Gewicht war in Ordnung, keine Dehydrierung, ein wenig Zahnstein der entfernt wurde. Eine Blutuntersuchung zeigte auffällige Leberwerte. Termin zum Ultraschall: Darmkrebs. Mein Herz machte einen Aussetzer. Der Tierarzt sprach sein aufrichtiges Mitgefühl aus, klärte mich über mögliche Behandlungen auf. Ich vertraue dem Tierarzt, er kennt Kiki schon lange und ich bat ihm und seine ehrliche Meinung. Er sagte wir sollten uns mit der Entscheidung sie bald gehen zu lassen vertraut machen. - Meine Kehle schnürte sich zu. Meine Hände hielten den Babybauch fest. Mir wurde schwindelig. Ich konnte vor Tränen in den Augen nichts mehr sehen. - Der Tierarzt gab Kiki eine Cortison Spritze um ihre Schmerzen zu lindern.
Ich ließ alles stehen und liegen. Keine Atemübungen, keine Geburtsvorbereitung mehr. Nichts. Ich widmete meine Zeit voll und ganz Kiki. Sie aß wieder ein wenig und ich verwöhnte sie mit Leckereien. Wir lagen stundenlang auf dem Sofa, schauten uns tief und selig in die Augen, kuschelten und schmusten nochmal mehr als eh schon. Wie sehr ich es vermisste sie auf meinem Bauch zu legen. Sie tretelte mich gerne dort. Das ging nun mit Babybauch eine Weile nicht.
Wir hatten ein sehr inniges Verhältnis zu einander. Ich bekam Kiki als sie 8 Wochen alt war. Sie war immer an meiner Seite, hat viele höhen und tiefen miterlebt. Unsere Beziehung hatte sich in den letzten Jahren nochmal intensiviert. Im letzten Jahr hatte ich drei Fehlgeburten. Bei der letzten lag Kiki die ganze Nacht bei mir, schaute mich mit blinzelnden Augen an und schnurrte. Die Schmerzen waren diesmal nicht so stark wie bei den vorangegangenen und Kiki bekam eine Woche später eine Blasenentzündung. Ich bin mir ganz sicher das sie mir den Schmerz nehmen wollte.
Nun saßen wir da. Sie eingekringelt neben mir, mein Arm um sie gelegt, die andere Hand spürte die Tritte meiner Tochter. Noch eine Woche bis zum Entbindungstermin und eine bleierne Schwere in der Luft. Eine Entscheidung treffen. Wir blieben im engen Kontakt mit dem Tierarzt. Kiki bekam ein paar mal Infusionen zur Nahrungsergänzung. Wir, mein Mann und ich blieben guter Dinge. Sie machte einen munteren Eindruck, meldete sich wenn sie hunger hatte, hüpfte in die Badewanne und wartete darauf das jemand den Wasserhahn zum Trinken aufdrehte. Das liebte sie schon immer. Sie kam zum kuscheln, saß mit uns auf dem Balkon (auf dem Tisch wo mein Mann ihr immer eine Bauchmassage gab) und schnupperte zufrieden die Abendluft. Gut, dachten wir. Zumindest wird sie noch die Geburt unserer Tochter erleben.
Montag früh gingen die Wehen los. Ich atmete eine nach der anderen durch. Kiki saß auf dem Sofa und beobachtete mich wieder mit diesen blinzelnden Augen. Nein! Ich sagte ihr sie sollte mir diesmal die Schmerzen nicht nehmen, ich schaffe das schon. In den Wehenpausen kniete ich zu ihr, küsste sie, umarmte sie. Ich war aufgeregt und freute mich auf die Geburt. Endlich! Sagte ich zu Kiki: Unser Baby kommt. Wir fuhren Vormittags ins Krankenhaus. Mein Mann war bei der Geburt dabei, die sich bis zur späten Nacht hinzog. Als ich endlich auf Station mit unserem kleinen Schatz im Arm lag, machte sich mein Mann schnell auf den Heimweg um sich um Kiki zu kümmern. Sie bekam einmal täglich Schmerzmittel. Als mein Mann sich von mir und unserer Tochter verabschiedete, hielt ich seine Hand und sagte ihm: Wenn sie nun gehen möchte, zögere bitte nicht. - Ich dachte das diese Worte nur aus meinen Mund kamen um meinen Mann zu beruhigen und das dies eh nicht eintreffen wird. Aber es war wohl eine Vorahnung.
Am Dienstag Morgen rief mein Mann mich an, das es Kiki nicht gut geht und er mit ihr zum Arzt geht. Gelbsucht. Entscheidung. Donnerstag. Der Tierarzt bot uns sogar einen Haustermin an, was sie sonst nicht machen. Aber als Ausnahme wegen des Neugeborenen. Gut. Donnerstag. Denn erst am Mittwoch soll ich entlassen werden. Dann sieht Kiki unsere kleine noch und wir können uns verabschieden. Ich weine und weine und weine. Eine Hebamme sieht mich weinen. Ich erkläre meine Not und sie setzte alles daran, dass ich noch am Dienstag Abend nach Hause kann. Sie selbst habe erst vor kurzem ihren Kater verloren. Im Krankenhaus waren die Ärzte zufrieden mit meinem Baby und mit dem Stillen hatte ich keine Probleme. Rufe meinen Mann um 15:00 an dass er mich Abends abholen kann. Gegen 16:00 rief mein Mann mich unter Tränen aufgelöst an: Es tut mir leid, es geht nicht mehr. Kiki ist zusammengebrochen, sie will nicht mehr. Unter Tränen aufgelöst verabschiedete ich mich von ihr am Telefon. Mein ganzer Körper war am zittern. Meine Zimmernachbarin wusste nicht was los war. Ich stand neben meinem Bett und hielt mich an der Kante fest. Das ist doch jetzt ein schlechter Film. Die Hebamme kam mit den Entlassungspapieren rein. Es ist zu spät. Mein Engel. Den ganzen Tag regnete es. Als sie ging brach ein wenig Sonnenlicht durch.
Am Abend betrete ich nur wieder willig die Wohnung. Diese leere, diese unendliche Stille und Leere ist schon jetzt deutlich zu spüren. Unser Baby ist da. Unsere zweite Katze, Panda, ebenfalls 12 1/2 Jahre alt, ist ganz verstört. Unter tränen aufgelöst stelle ich ihr unsere Tochter vor.
Zwei Monate sind nun vergangen und es vergeht kein Tag an dem ich nicht an sie denke. All die leeren Plätze, die Erinnerungen. Den Spruch „Der eine kommt, der andere geht“ durfte ich mir zuhauf anhören und keiner hat auch nur eine leiseste Ahnung wie weh das tut. Unsere Tochter ist ein Segen, sie muntert mich auf. Mein Mann ebenfalls. Er kannte Kiki die letzten 6 Jahre und liebte sie abgöttisch. Mein armer Mann. An einem Tag bringt er seine Tochter zur Welt, am nächsten begleitet er unseren anderen Schatz ins Jenseits.
Und ich könnte nur weinen. Ich war nicht dabei, konnte ihr zum Abschied nicht die Pfoten halten. Ständig kreisen mir Schuldgefühle, Vorwürfe und ein schlechtes Gewissen im Kopf herum. Hätten wir nicht solange warten sollen? Mein Mann versucht mich zu beruhigen. Er sagt, das Kiki das so wollte. Sie wollte noch miterleben, dass ich glücklich Mutter werde und wollte mir den letzten schweren Schritt zum Abschied ersparen. Es tröstet für kurze Zeit, aber ich fühle mich elend. Als hätte ich sie für all die Jahre die sie mir Trost gab im Stich gelassen.
Entschuldigt den langen Text und vielen Dank an jene die sich die Zeit igenommen haben alles durchzulesen.