Mir wurde schon von dir erzählt bevor ich hierher zog. Als ich ankam stellte ich fest, daß du in Wahrheit zu zweit warst. Daß deine letzte Tochter überlebt hat und sich an dich geklammert hat, hat hier keinen interessiert. Jahrelang hattest du deine Kinder in Nachbars Backofen zur Welt gebracht und ihnen beim verhungern zusehen müssen. Du selbst hattest nichts, was also hättest du ihnen geben können. Am Hafen hast du gelebt, denn da gab es die Fischer und dessen Fischreste konntest du stibitzen. Aber das Leben am Hafen ist immer zugig, nasskalt und elendig hart und nur die ganz, ganz Zähen von euch packen das länger als ein paar wenige Jahre. Du hattest das Glück, daß du meine Futterstelle entdeckt hast, wo du dich sattfressen konntest.
Später hab ich dich ins Haus geholt, denn du wurdest älter und klappriger und ich wollte dir dein Leben erleichtern und dir Gutes zu tun. Doch ich weiß bis heute nicht ob du diesen Wunsch geteilt hast. Du hast dich schwer getan mit dem Leben drinnen, hast dem Menschen bis zum Schluß misstrauisch gegenüber gestanden. Nur ganz selten hast du das Streicheln genießen können und hab ich eine falsche Bewegung gemacht, warst du sofort in Verteidigungsposition. Dein Misstrauen galt sogar auch allen anderen Katzen und du hast gut dafür gesorgt, daß dein selbstgewähltes Reich dir allein vorbehalten blieb.
In deiner "Sommerresidenz", dem allerschönste Raum im Haus, hast du dich einquartiert und dich dort, ganz allein mit dir, wohl und sicher gefühlt. Dort bist auch mal mit dem Spielmäuschen geflitzt und hast dir die Sonnenflecken zum schlafen gesucht.
Doch erst jetzt ganz zum Schluß, hast du dich etwas geöffnet, hast dich sichtlich gefreut, wenn ich kam und konntest es genießen, gestreichelt zu werden. So gern hätte ich dir dieses wohlige Gefühl noch viel viel länger geschenkt...
Deine letzte Tochter wohnt bei meiner Tochter, so fühlte es sich für uns richtig an und beide tragen dich tief im Herzen.
Und ich tue mich unfaßbar schwer damit, dich loszulassen und weine und weine und weine. Du warst mir mit all deiner Kantigkeit, deiner demonstrativen Unnahbarkeit und deiner selbstgewählten Einsamkeit sehr nah und wohl ähnlicher als mir bewußt war.
Flieg hoch und frei, Sanja, und wisse, daß du die Welt ein kleines bißchen verändert hast. Denn du warst es, die mir die Augen und das Herz geöffnet hat, für all die Streuner und ihr Elend in einer von Menschen unbedachten Schattenwelt.
Mit dir fing alles an...