Vor zwei Jahren bekam ich einen Anruf, ob ich eine offenbar verunfallte Streunerin, die ihr Hinterteil hinter sich herzog und nicht mehr laufen konnte, einfangen und zum Tierarzt bringen könne, um sie erlösen zu lassen
Dein Püppchengesicht hat dir damals das Leben gerettet. Denn als ich dich sah, dachte ich, daß eine so junge Katze, die mit einem so wachen Blick in die Welt schaut, noch eine Chance verdient hätte. Wie sich herausstellte, warst du nicht mehr jung, aber klug warst du und hast deine Chance ergriffen
Die erste Zeit war hart, du hast soo gekämpft und mit den Hinterbeinen gewackelt und weiter gekämpft. Bis wir endlich verstanden hatten, dass dich miese, fiese Toxoplasmen quälten, hattest du bereits unwiderbringliche körperliche Schäden erlitten, die dich nie wieder richtig gesund werden ließen. Dennoch hast du gekämpft, hast dir das Leben zurückerobert und deinem Namen, Leonie, mein Löwenmädchen, alle Ehre gemacht. Ich war mega stolz auf dich - auf uns beide - wie wir diese Zeit gemeistert haben
Doch das allerunglaublichste war, wie du in meinen schwarzen Schwestern zwei Freundinnen gefunden hast! Als ich die Tür zu deinem Zimmer geöffnet habe, haben die beiden sich einfach zu dir gelegt und Lienne hat dich hingebungsvoll geputzt. Es gab keine gesteuerte Zusammenführung, es gab nur Mädelfreundschaft vom ersten Moment an. Jeder Vermittlungsgedanke war damit vom Tisch. Es war klar, daß du hierher gehörtest, dass es für dich keinen besseren Ort geben konnte als du ihn hier bereits gefunden hattest
Später bist du mit Lienne um die Wette geflitzt. Vom Gästezimmer über den Flur bis in die Küche und zurück. Das war ne ordentliche Strecke für ein Katzenmädchen, das seine hinteren Beine eigentlich nicht bewegen konnte! Aber du hast Lienne sogar überholt mit deinen steifen Känguru-Sprüngen und deine Freude an diesem Spiel war unübersehbar. Und Liennes ungläubig-erstaunter Blick dabei, wenn du schon wieder schneller warst als sie, hat mir stets ein Lachen ins Gesicht gemalt
Jetzt sitze ich neben deinem leblosen Körper und spüre noch keinen Unterschied zu den vielen Stunden in den letzten Wochen, die ich ebenso bei dir saß und dir deine kalten Hinterbeine wärmte.
Heute werde ich deine Beinchen nicht mehr warm bekommen und auch dein wohliges Schnurren werde ich nie wieder hören
Du wolltest leben, Leonie, du wolltest diesen Namen tragen - Löwin - doch deine Kräfte reichten nicht mehr - nicht zum Laufen, nichtmal zum Aufstehen, geschweige denn zum Leben.
Es geht mir unglaublich nahe, dass das Schicksal deinem wachen Geist einen so hinfälligen Körper gegeben hat und ich hoffe demütig, dass ich den richtigen Zeitpunkt gefunden habe bevor dein Leben für dich zu einer elenden Qual wurde
Ich weiß nicht wie sich diese Welt hinter der Brücke anfühlt, aber mein allergrößter Wunsch ist es, daß du dort wieder Laufen, Flitzen und Fangen spielen kannst. Daß du durch deinen kranken Körper nicht mehr eingeschränkt wirst und stattdessen unbeschwert und frei sein kannst.
Lauf, meine Liebe, lauf!