Da ich gerufen wurde, versuche ich mal hier nen Schnellkurs.
Wie schon gesagt wurde bin ich Pflegestelle und bin genau auf diese Fälle spezialisiert: scheue/traumatisierte Katzen, die aus irgendwelchen Gründen nicht an ihre Futterstelle zurück können. Diese nehme ich auf und zähme sie soweit an, dass sie bei Menschen mit viel Geduld dann den restlichen Schliff bekommen können.
Erstmal vorweg: Das Verhalten mit dem Hochspringen am Fenster ist für ein Wildchen ohne Zähmung völlig normal. Daran kann man erkennen, dass sie hinsichtlich Zähmung noch völlig "roh" ist, du also bei 0 bzw. aufgrund der Tierheimerfahrung wahrscheinlich eher bei Minus anfängst. Aber die gute Nachricht: sie ist jung und die jungen Mietzen lernen noch gut um und sind dann später oft völlig zahm, so dass man im Alltag meist kaum bis gar nicht mehr merkt, dass sie mal wild waren. Von daher möchte ich dir Mut machen das durchzuziehen - aber klare Aussage: es wird nicht einfach und mit ein paar Wochen ists nicht getan.
Vorgehen ist: setze sie in einen kleinen Raum ohne große Versteckmöglichkeiten - dafür eignet sich oft das Bad gut. Es darf nur Verstecke geben, in denen sie gezwungen ist dich wahrzunehmen und sich nicht verschanzen kann. z.B. ein seitlich gelegter Karton macht sich da gut. Der Raum soll eine Gittertür bekommen, damit sie dich hören und sehen kann, aber eben dem nicht ausweichen kann durch verschanzen. So lernt sie, dass der Raum safe für sie ist, dass du zwar da bist, laut bist usw, aber ihr trotzdem nichts passiert. Dann gehst du immer zu festen Zeiten 2-3 x mal am Tag rein und: liest ihr vor! Das hört sich bescheuert an, aber hilft Wunder. Dazu Leckerlies verteilen. Schon nach einiger Zeit wirst du merken, dass sie beim Vorlesen sichtlich entspannt, wegdöst. Sie ist jung - junge Katzen sind verspielt - versuche dann mit einer Spielangel mit ihr zu spielen - da hat man genug Abstand - oft können sie dem dann irgendwann nicht widerstehen und kommen dann rausDie ersten Streichelversuche dann nicht mit der Hand machen, sondern mit einem Stab als verlängerte Hand - ich benutze dafür gern einen Federwedel - also so einen Spielstab mit einem Federpuschel vorn dran. Oft verhauen sie das, was sie berührt anfangs, aber dann sie einfach machen lassen, immer wieder probieren - irgendwann stellen sie fest, dass das toll ist und dann kann man langsam den Wedel durch die Hand ersetzen. Dazu dann auch die Leckerlies aus der Hand nehmen lassen, so wird die Hand von böse auf gut umgelernt.
Im Schnitt dauert die Zähmung auf die Art ca. 3-4 Monate, bis man sie soweit hat, dass sie Vertrauen gefasst haben und man sie dann im Alltag mitlaufen lassen kann.
Was die anderen über eine 2. zahme Katze gesagt haben, dem kann ich nur zustimmen. Vor allem da sie noch so jung ist, braucht sie so oder so einen Kumpel, denn wenn sie dann aufgetaut ist, dann fehlt ihr sonst der kätzische Spielpartner. Also schau dich bitte nach einer gleichaltrigen zahmen Kätzin um, sie wird sich dann an dieser orientieren und es hat zusätzlich den Vorteil, dass du ein Mietz für dich hast und so nicht auf darauf angewiesen bist, das sie zahm wird. Druck ist das schlimmste für Scheumietzen, die kommen erst vor, die werden erst zahm, wenn man zwar alles tut, damit sie es werden, es aber nicht erwartet.