Im Grunde waren wir uns alle einig, dass nach unserem tödlich verunglückten Siamkater, Thaikater, wenn es genau genommen werden soll, eine nicht zu füllende Lücke klaffen wird. „Minze“, die EKH-Dame mit der „ausgeprägten Sprungfalte“, durchstreifte klagend das Haus und wurde zunehmend appetitloser – die im Haushalt verbliebene Tochter, „Muttern“ und, nicht zuletzt ich selbst, wurden zu Tagesgespenstern – sogar „Tante Maxi“, die Ultra-Unbeteiligte, rief des Öfteren verunsichert heißer aus den ureigenen Katzenbäumen…
Nach drei lustlosen Monaten und täglich nach uns greifenden Selbstvorwürfen ob der leichtfertigen Opferung eines der wichtigsten Familienmitglieder, beschlossen wir still, fast schuldhaft berührt, dass endlich wieder ein Kater bei uns sein soll.
Alle Argumente wurden gewogen und bewertet – was soll werden – sind wir berechtigt, so etwas zu tun – soll es ein alter Bube sein, der dann noch ein paar schöne Jahre bei uns hat – soll es ein junger Kater sein, damit „Minze“ wieder auflebt – soll es ein Baby sein, weil dieses dann wieder gleich so selbstbewusst werden kann, wie es „der beste aller Buben“ gewesen war – soll es ein „ganz normaler“ Kater sein, weil die eben gute Plätze brauchen – soll es wieder ein Orientale sein, weil wir dann mit großer Sicherheit jemanden „zum Sprechen“ haben…
Wir wollten uns keinesfalls festlegen und hatten doch immer ein Bild vor Augen…
Die Tochter hatte die Anzeige im lokalen Privatmarkt entdeckt – „Leon“, ein drei Monate alter, reinrassiger Siamkater, sei umständehalber für 270 Euro VHB abzugeben – Telefonnummer, keine 25 km von uns weg…
Familienrat – das klingt ja wie eine Gebrauchtwagenanzeige – reinrassig, reinrassig – eben ein Siamkater – ob der nicht doch besser bei uns aufgehoben ist – wieso umständehalber – was jetzt…
„.. ja, hallo, der Kater ist noch da .. sie können gerne kommen, ihn sich ansehen .. aber mitgeben werde ich ihn noch nicht, denn er ist leicht krank im Moment und ich kann ihnen ja schließlich kein krankes Tier abgeben, ich habe als Züchter schließlich die Verantwortung, aber wir können bereits einen Vorvertrag machen, wenn Sie etwas anbezahlen, möchten sie gleich kommen, da sind auch noch andere Interessenten…“
Familienrat – krank, wie krank – wieso hast Du nicht gefragt, was er hat…
„.. ja, hallo, er hat ganz leichten Schnupfen, nichts Wildes, aber als Züchter hat man ja Verantwortung, ein Tier gesund herauszugeben .. was ich dagegen mache? .. nun er bekommt zur Zeit nur bestes Roil Kahnin weil das ist das Hochwertigste, da sind die Vitamine drin, die er jetzt braucht, dann ist das spätestens zum Wochenende vorbei und sie können ihn dann abholen, geimpft ist ja alles, weil man ja als Züchter die Verantwortung hat .. ärztliche Behandlung? .. ja, zum Tierarzt werde ich dann vorher auch noch schnell mit ihm gehen, der hat aber keine Bedenken, dass das gleich vorbei ist, der kriegt dann noch eine Spritze und dann haben sie die Garantie, dass alles in Ordnung ist, ich mache schnell den Vertrag fertig, denn ohne Vertrag gebe ich kein Tier raus…“
Familienrat – du gibst der kein Geld, die spinnt ja – ihr immer mit euren schnellen Entscheidungen - komm, Dad, wir holen den da raus…
Berufsverkehr – Kellerwohnung – wertfrei, weil Geschmäcker sind verschieden – sehr junge Dame – eben mal zwölf Quadratmeter mit Matratze und DVD-Player – darauf eine hinreißende Siamdame – fast weiß – das feine junge Gesicht hellrot geflammt – die Beine dünn wie Späne – hellrot geflammt – gebückt – im Arm wie eine Feder – kein Gewicht - ein Hauch von einer Katze – Rippen überall – Knochen überall – in meinem Arm und sonst nirgends mehr – erste unsichere Blicke meiner Tochter – die junge Dame weg – andere Baustelle…
„..na, wo ist er denn? .. ich komme gleich .. der ist sicher im Bad .. ob die Katze krank ist? Neeeeiiin, echte Siamesen sind so schlank .. die kriegt maximal einskommaacht Kilo oder so .. die ist zum Züchten .. wissen sie, das ist was ganz Besonderes .. ich hole ihn mal eben…“
Neben dem Bett ein schwarzer, sehr schlanker Kater mit jungem Gesicht – freundlich – passiv - die kleine Katzendame in meinen Armen und nirgendwo anders – Haare wie Härchen so fein – wie nicht fest am Körper – unsichere Blicke meiner Tochter – ein Schulterzucken von mir – zurück im Zimmer – sie wirft etwas neben mich und die Haarfeine in meinen Armen, wie zu Hause „Muttern“ Socken in den Korb…
„..sehen sie, der ist schon fast wieder fit, sitzt doch wie eine Eins .. das ist ihrer…“
Der Blick schweift schwerlich ab vom Wesen im Arm – ein Häuflein Haare mit hängenden Ohren – hängende Schultern – triefende Nase – wässrige Augen – ebenfalls Haare wie Härchen so fein – wie ebenfalls nicht fest am Körper – kleine Knochen mit etwas Haut – ein kleiner Mann mit großen Ohren und hängendem Kopf – alleine auf der Matratze, dem Bett – das Wesen immer noch im Arm – sehr unsichere Blicke meiner Tochter…
„..ernsthaft krank? .. nein, das ist ein kleiner Schnupfen, den hat der Schwarze auch, von dem hat er das wohl, das ist gleich vorbei, hat auch der Arzt gesagt, hier habe ich den Vertrag vorbereitet .. unterernährt, neeeeiiin, da kennen sie sich mit echten Siam nicht aus, der wird höchsten zweieinhalb Kilo, mehr darf der gar nicht bei der Rasse, hier müssen Sie unterschreiben, ich werde dann den Platz überprüfen und wenn ich den zum Züchten wieder brauche, habe ich ja die Option, ihn zurückzunehmen, nur dass sie das wissen, was dachten sie als Anzahlung? .. sie wollen ihn gleich mitnehmen? .. das geht auch, wenn sie dann alle ärztlichen Dinge erledigen, das muss ich aber überprüfen…“
Sie nimmt mir die Haarfeine unsanft aus dem Arm, wie „Muttern“ zu Hause die externe Festplatte abzieht…
„.. da nehmen sie mal, das ist jetzt ihrer, ich muss das mit dem Arzt dann noch überprüfen, ob alles okeh ist, morgen oder übermorgen rufe ich sie dann an…“
Kleine heiße Knochen – meine Tochter übernimmt die kleinen heißen Knochen und fährt mit der Wange über das nasse heiße Näslein – 270 Euro hingeworfen – umgedreht – um Leben handelt man nicht – das würde bestraft mit Tod…
„.. da haben sie jetzt günstig eine suuuper Katze bekommen, wollen sie noch mehr? .. wir müssen bald umziehen und da weiß man nie…“
Erst weg dann denken – kein Berufsverkehr mehr – freie Fahrt für die Ambulanz – SMS - zu Hause hat „Muttern“ die TAin auf den Plan gerufen .. meine Tochter und ich sagen noch nicht viel – endlich sind wir aus Mannheim raus .. die Luft wird klarer, das Denken kommt aus der Watte zurück – der Kleine schläft in den Händen meiner Tochter…
Morgen erzähle ich Euch den Rest…