wieso armes kleines Kätzchen....es musste nicht allein sterben, es durfte in seinem kurzen Leben doch noch erfahren, dass es einen Menschen gab, der um ihn kämpfen wollte...dem kätzchen war es vergönnt, dass jemand da ist, der seinen tot betrauert.
lg
Verena
Heute ist wieder so ein Tag. Milchig weiß ist der abendliche Himmel, mit düsteren Wolken durchflochten. Die Vögel des Gartens zwitschern aufgeregt, weil ein Schatten durch das Buschwerk schleicht, grazil und voller Geschmeidigkeit. Es ist – so zirpen sie lauthals – der Geist des legendären Jango, der vor Jahren hier sein Unwesen trieb, unerschrocken und gnadenlos seinen Herausforderern gegenüber. „Pechschwarz war er“, flüstert die Amselmutter ihren vom Wind zerzausten Halbwüchsigen zu. „Er gehörte zu niemandem, er hinkte, seine Ohren waren zerfranst, sein Körper voller Narben und sein Fell ohne Glanz. Als er starb, war er ganz allein. Er muss hungrig gewesen sein, und es war klirrend kalt an jenem Tag. Wir mochten ihn, obwohl er uns mitunter verfolgte, aber er war ein stolzer Kater, stolz und mutig.“ – „Aber wo ist er denn jetzt?“ will die junge Amsel wissen. „Jetzt wohnt er hinter dem Regenbogen“, ist die Antwort. „Dort gehen die Katzen hin, wenn sie unsere Welt verlassen müssen, in ein wunderschönes Land hinter dem Regenbogen, wo auch im Winter Magnolien blühen.“
Und dann erzählten sie von den vielen, die unsere Welt schon verlassen hatten. Von den verratenen, misshandelten, überfahrenen, die körperliche oder seelische Schmerzen litten und auch von den behüteten und geliebten. Von der kleinen Tigerkatze aus dem Nachbarhaus, die im letzten Frühling ihren Weg hinter den Regenbogen angetreten hatte, von ihren Menschen, die verwirrt und traurig waren, als sie ging, die auch jetzt wieder am Fenster saßen mit ihren hier gebliebenen Samtpfoten und in die Abenddämmerung spähten. Sicher erzählten sie ihnen Geschichten von der kleinen Tigerkatze, die ihre Menschen verlassen musste.
„Ich glaube“, erklärte die Amsel, „dass sie es gut haben hinter dem Regenbogen. Sie leben dort unbeschwert und fröhlich. Die Menschen wissen das auch, und sie sprechen mit ihnen, wenn sie Kummer haben oder wenn sie Hilfe suchen für ein Kätzchen, das noch hier wohnt.“
Und so wird es wohl sein. An manchen Tagen, wenn der Himmel schwarz ist und Blitze zucken, fordern sie sich da oben zum Tanz auf, machen wilde Sprünge, haben Schwänze wie Fragezeichen und spielen völlig verrückt. An manchen milden Tagen sind sie erreichbar für Hilferufe, sie nutzen dann ihre telepathischen Fähigkeiten, um zum Beispiel ein in unserer Welt vermisstes Kätzchen wiederzufinden, das von seinen Menschen verzweifelt gesucht wird. Immer klappt das natürlich nicht mit der Telepathie, weil vielleicht die Leitung gestört ist, weil der angesprochene kecke Kater gerade etwas anderes im Schilde führt, oder weil sie einfach alle irgendwo wohlig schlummern.
Aber an den Tagen, wo hier auf Erden der Regenbogen in all seinen schillernden Farben zu sehen ist, dann sitzen sie ganz glücklich dahinter und freuen sich, dass ihre Menschen an sie denken, lustige Geschichten von ihnen erzählen und es ihnen vergönnt war, ein Stück Weges mit ihren Katzen gemeinsam gegangen zu sein. Und die, die hier unten wenig Gutes erlebt oder vom Schicksal nur eine kurze Zeitspanne zur Verfügung hatten, sind jetzt von allen Missgeschicken und Mühsalen erlöst. Es ist schön hinter dem Regenbogen.
Hannelore Wirges