Hallo Dresdner, Deine Idee, sie nah bei Dir zu füttern ist super. Mach Dir ihren Hunger zu nutze, um sie aus der Reserve zu locken!
Ich habe letzten Dezember ein älteres Kitten aus einer total verwilderten Kolonie aufgenommen. Sie hatte zuvor nie Kontakt zu Menschen, und von ihrer Mutter gelernt, dass Menschen zu meiden sind.
Den ersten Monat lang hat sie sich tagsüber immer hinter ihr Klo gequetscht und nur die Wand angestarrt. Ab dem zweiten Monat war sie soweit aufgetaut, dass wir anfangen konnten zu arbeiten. Seitdem wird sie konsequent nur noch aus der Hand gefüttert.
Mit einem Löffel (ganz langer Stiel) fing es an. Sie sass sicherheitshalber in einem ihrer Schlaf-Kennel und wagte nur zwei Schritte mit den Vorderpfoten 'raus. Sie sah dabei aus wie eine Schildkröte. Nach einer Woche gab's das Futter auf der Hand. Ich durfte mich nicht bewegen und musste den Arm ganz lang strecken. Langsam hat sie dann ihren Kennel verlassen, und unter "freiem Himmel" gefressen.
Mittlerweile sitzt sie auf meinem Schoß beim Fressen, und ich kann ihren Hals, Nacken und den vorderen Teil des Körpers streicheln! Sie macht sich gut.
Bei der ersten Berührung war sie sehr empört und hat geschnaubt. Nach zwei Tagen hat sie es ohne Murren zugelassen. Mit ihren Tatzen hat sie vorsichtig auf meine Hand getatzt und geprüft, ob sie gefährlich ist. Mit der gleichen Hand fütter ich, also war die Hand schon lange nicht mehr wirklich bedrohlich. Sie wollte nur noch mal testen, ob's auch wirklich sicher ist.
Sie findet Anfassen noch nicht toll, aber es stört sie auch nicht mehr beim Fressen. Natürlich setze sie keinem übermäßigem Stress aus. Wir gehen ganz langsam vor, schließlich soll sie jedes mal eine positive Erfahrung machen. Wenn sie mal einen schlechten Tag hat, und sich scheu verhält, schalten wir einen Gang zurück und nehmen wieder eine Position ein, bei der sie sich ganz sicher fühlt. Am nächsten Tag können wir meist schon wieder voranschreiten.
Unsere nächsten Schritte werden sein: Den ganzen Rücken streicheln bis zur Schwanzwurzel. Danach anfangen den Bauch zu desensibilisieren. Dann leichten Hebedruck auf den Bauch ausüben. Wenn das klappt, für kurze Zeit anheben und zwischen zwei Teller hin und her setzen (sie muss die ganze Zeit futtern können, sonst macht sie das nicht mit). Und wenn wir das geschafft haben, üben wir auf dem Arm halten und dort fressen. So unser Plan. Bei jeder neuen Übung bekommt sie anfangs Leckerchen-Lieblingsfutter als besonderen Anreiz, bis es klappt, dann normales Futter. Und so weiter.
Natürlich spielen wir auch viel mit ihr. Spielen ist sehr wichtig und schafft Vertrauen. Wichtig ist auch, dass sie Orte hat, an denen sie garantiert ihre Ruhe hat. Meine Kleine liegt zum Beispiel tagsüber sehr gern auf einem besonderem Stuhl am Fenster und sonnt sich. Ich kann ganz dicht an ihr vorbeilaufen und herumfuhrwerken, ohne dass sie wegspringt. Aber nur, weil sie ganz sicher sein kann, dass es "ihr" Ort ist, und sie dort nicht gestört wird. Sie verfolgt mich nicht mal mehr mit ihren Ohren, wenn sie dort lang gestreckt liegt, den Bauch in die Luft, und ich 10 cm daneben etwas mache. - Sie schenkt mir schon großes Vertrauen
"Zudringlich" werde ich immer nur in dem Bereich wo sie von sich aus auf mich zu kommt zum Spielen und Fressen. Das kann sie einschätzen und rechnet damit. - Dazu muss ich sagen, dass sie manchmal regelrecht hinter mir her läuft, wenn alle anderen Katzen schlafen und ihr langweilig ist. Dann fordert sie mich zum Spielen heraus.
Sie wird für immer viele Wildkatzen-Eigenschaften behalten und relativ unflexibel bleiben. Alles, was sie lernt, lernt sie wie eine Fremdsprache und kann es in anderen Kontexten nicht unbedingt anwenden. Ich bin mir aber sicher, sie lässt sich so weit domestizieren, dass man sie streicheln kann (ohne Futter) und bestenfalls sogar auf den Arm nehmen.
Wie alle anderen auch schon geschrieben haben, ist Geduld das Wichtigste. Erwarte einfach nicht, dass sie sich übermorgen wie gut sozialisierte Hauskatzen benehmen. Erfreu Dich an ihrem ganz eigenen Charakter und all den kleinen besonderen Liebes- und Vertrauensbeweisen, die sie Dir schenken.