Hallo Kleiner Mann!
Mein drittes Wochenende ohne Dich und heute trifft mich Dein Verlust mit voller Wucht! Vor allem, wenn ich daran denke, dass heute vor drei Wochen (Pfingstsamtag) nichts, aber auch wirklich nichts darauf hindeutete, dass uns nur noch einige Tage zusammen bleiben werden - unsere Welt war noch in Ordnung.
Mein kleiner Mann - an diesem Samstag hast Du wie immer gefressen - Du hast Dir mit Leonie ein Rennen geliefert - wir sind, wie immer und zu jeder Zeit, zu Dritt zum Bad marschiert, wo Leo ihr fließendes Wasser und Du Deine Streicheleinheiten bekamst, bis sie Dir den Platz am Wasser freimachte. Kein Warnsignal, dass das unsere letzten unbeschwerten Stunden sein würden. Am Sonntagmorgen stellte ich dann auf einmal fest, dass wir nicht komplett im Bad waren - beim ersten Mal, am ganz frühen Morgen, machte ich mir noch keine Gedanken, denn auch kleine Männer wollen mal ausschlafen, doch nach dem 2.Fehlen suchte ich Dich. Und fand Dich in der Küche auf dem Tisch, wo Du ausgestreckst auf dem Tisch lagst - wach, mit Blick für die Umgebung, aber trotzdem irgendwie lustlos. Und so blieb es auch den ganzen Sonntag - für mich noch kein Grund zur Sorge, denn wer hat sich nicht schon einmal den Magen verdorben oder fühlte sich einfach nicht wohl?
Auch am Pfingstmontag änderte sich nicht viel an Deinem Verhalten, aber Du wechselste zumindest schon öfter den Platz und zum Abend hin hast Du dann etwas getrunken und auch schon mal wieder am Futter gerochen. Und ich dachte, wir sind wieder auf dem richtigen Weg - auch Dienstagmorgen hast Du getrunken und dann auch schon am Futter geleckt. Und trotzdem - ich nahm mir für Mittwoch einen halben Tag Urlaub, um alles beim Tierarzt abklären zu lassen - kleiner Mann, Du warst zwar "erst" und "schon" 10 1/2 Jahre und da können nun einmal auch bei Katzen die Wehwehchen anfangen. Doch wirklich Sorgen habe ich mir keine gemacht.
Beim Tierarzt konnte nach der ersten Untersuchung mit Abhören, Abtasten, Angucken außer Zahnstein auch nichts festgestellt werden, was Deine Appetitlosigkeit und Mattigkeit (die sich seit Dienstagabend verstärkt hatte, denn Du warst sogar nicht mehr in der Lage, auf einen Stuhl zu springen) erklären würde, also wurde eine Blutuntersuchung gemacht. Und das Ergebnis war schon fast Dein Todesurteil, denn es waren fast alle Werte, teilweise sogar extrem, auffällig - ein Zeichen, dass es nicht ein akuter Prozess war, sondern einer, der sich über einen längeren Zeitraum entwickelt hat. Du bliebst in der Klinik, wo man mit einer dreitägien Infusionstherapie versuchen wollte, Dir zu helfen - vor allem der Kalium-Wert musste runter, weil Du sonst keine Chance hättest.
Donnerstagmittag rief mich die TAin an und erzählte mir, dass sich einige Werte gebessert hätten, sogar ein Nierenwert war wieder im grünen Bereich, aber es waren auch einige Werte dabei, die sich kaum verändert hatten. Und da die Ultraschalluntersucheung eine Verdickung gezeigt hatte, die sowohl von einer Entzündung als auch von einem Tumor sein konnte, wollte man nun noch in Deinen Bauch gucken - am gleichen Tag, weil man sicherstellen wollte, dass man die richtige Therapie macht. Du hattest zwar ein erhöhtes Narkosrisiko aufgrund Deines schwachen Allgemeinzustands, aber es war kalkulierbar.
Ich war so glücklich über Deine verbesserten Werte, habe allen im Büro davon erzählt, auch von der OP, denn ich war irgendwie sicher, dass Du alls gut überstehen würdest und wir dann Klarheit hätten - und im schlimmsten Fall vielleicht nur noch eine begrenzte Zeit zusammen. Ich habe nicht einen Moment daran gedacht, dass ich Dich nicht mehr lebend sehen würde und, was das Schlimmste war, dass ich am Telefon entscheiden muss, dass Du nicht mehr aus der Narkose aufwachen lassen wird.
Als der Anruf kam und mir die TAin sägte, dass Du noch auf dem OP-Tisch liegen würdest, rutschte mein Herz sofort in die Hose und mein erster Gedanke war, dass Du die Narkose nicht überlebt hast. Doch dann erzählte sie mir von den vielen "Baustellen", die man in Deinem Bauch gefunden hätte - fast alle Organe (bis auf das Herz) waren auffällig durch Entzündung, durch Vergrößerung, ein kleiner Tumor an der Bauchspeicheldrüse, der aber noch kein Problem darstellte - das Hauptproblem sei die Gallenblase, die so groß sei, dass sie kurz vorm Platzen stehen würde und daher empfahl man mir, Dich nicht mehr aus der Narkose aufwachen zu lassen. Würde man es tun, dann müsse auf jeden Fall die Gallenblase entfernt werden und Du würdest wahrscheinlich nur über eine Magensonde Nahrung aufnehmen können und das wäre nur Quälgerei.
Ach kleiner Mann - in diesem Moment habe ich wieder festgestellt (und stelle es gerade auch wieder fest, denn ich zerfließe gerade vor Tränen), dass Herz und Verstand meilenweit auseinander liegen können - der Verstand wusste, dass alles, was gesagt wurde, richtig ist und das Herz hat nur "nein, nein, nein" geschrieen! Aber manchmal muss man den Verstand siegen lassen, so weh es auch tut - aber ich hätte Dich, der Du bis Samstag immer munter, quietschfidel und voller Vertrauen zu mir warst, nicht leiden lassen wollen und das Leben mit einer Magensonde wäre eine Quälerei gewesen. Und mir hatte schon wehgetan, wie Du Dich am Dienstag langsam und vorsichtig, wie in Zeitlupe durch die Wohnung bewegt hast, weil Dir die Kräfte fehlten.
Was aber am meisten schmerzt - ich war nicht bei Dir, als Du über die Regenbogenbrücke gegangen bist und das ist ein wunder Punkt in meiner Seele. Ich war bisher bei allen meinen Tieren bis zum Schluss dabei - egal, ob ich nun diese schwere Entscheidung treffen musste oder ob sie zu Hause gestorben sind. Nur eben nicht bei Dir! Ich hätte noch in der Praxis vorbeikommen und mich von Dir verabschieden können - man hätte Dich dann solange in der Narkose gelassen -, aber das konnte ich nicht. Mit einem Tier in der Praxis zu sein und diese Entscheidung treffen zu müssen, ist schon schlimm - aber in die Praxis zu fahren mit dem Wissen, dass Du bewusstlos vor mir liegen würdest und ich dann irgendwann sagen müsste, dass es jetzt soweit ist - für mich unmöglich. Vor allem, weil Du ja am Vortag auch noch nicht krank ausgesehen hattest - Dein Gesichtchen etwas schmaler geworden, aber mehr auch nicht. Kleiner Mann, bitte verzeih mir, dass ich in diesem Moment beschlossen habe, dass ich Dich gesund und munter in Erinnerung behalten wollte.
Leonie, die Dir nie gezeigt hat, wie sehr sie Dich doch mag, hat wohl gespürt, als ich nach dem Telefonanruf studenlang heulte, dass etwas mit Dir passiert ist, denn sie suchte dann auf einmal die ganze Wohnung nach Dir ab, obwohl Du ja schon mehr als einen Tag nicht da warst und dann ging sie wütend auf ihre Schwester Zoe los. Als ich am Montag dann Deine Box vom Tierarzt abholte, ging sie hinein und nahm Deinen Duft auf, um hinterher wie ein Spürhund zu versuchen, Deine Witterung aufzunehmen. Und noch immer sitzt sie auch an Deinen Plätzen und guckt, ob Du nicht doch irgendwo in der Nähe bist und kommst. Und sie liegt nur noch an den Plätzen, auf denen Du sonst lagst - Du fehlst ihr anscheinend auch.
Mein kleiner Mann, ich hoffe, Du sitzt glücklich auf Wolke 7 - hast Oskar (Deinen "Ziehpapa", der am 17.01. letzten Jahres über die Regenbogenbrücke gegangen ist) an Deiner Seite - vielleicht auch Flöhchen, die seit dem 09.10.2013 spurlos verschwunden ist - ich bin nach wie vor unendlich traurig, denn ich habe innerhalb von knapp 20 Monaten mein Traumkatzen-Dreiergespann verloren. Drei Katzen, die mich gefunden und dann einfach beschlossen hatten, dass sie in und zu meinem Leben gehören müsen, ob ich will oder nicht. Oskar, der mir an einem Sonntag im Alter von drei Monaten auf der Straße mit seinen Geschwistern zugelaufen war und mir in der Woche, in der wir dann neue Zuhause für sie suchten, zeigte, dass er sein Zuhause bereits gefunden hat - Flöhchen, die mich bei meinem Besuch im Tierheim Castrop von der ersten Minute an nicht mehr aus den Augen ließ und ich sie daher mitnehmen musste - nur Du warst etwas widerspenstig in dieser Hinsicht. Du wolltest zwar mit, als ich Dich beim Tierarzt sah, bei dem Du abgegeben worden warst - aber dann hast Du mich jahrelang immer etwas auf Abstand gehalten - konntest wohl nicht so ganz vergessen, dass man Dich im Winter in einem Karton im Hafengebiet ausgesetzt hatte.
Doch irgendwann, auch mit Oskars Hilfe, bröckelte Dein Panzer und Du wurdest ein Traumkater! Du hast mich nie gekratzt, Du hast mich nie gebissen, Du hast mich noch nicht einma angefaucht - Du warst mein Herzbube, mein Wonneproppen, mein Black Jack, mein Knopfauge! Nach dem Tod von Oskar wurdest Du dann ein noch größerer Schatz, richtig anhänglich. Und das änderte sich auch nicht, als ich Leonie und Zoe aus dem Tierheim holte - zwei richtige Zicken, die Dich am Anfang ganz fürchterlich anfauchten. Aber Du hast Dich so verhalten, wie ich Dich kannte - Du hast gelassen reagiert, hast nicht zurückgefaucht, sondern hast die Ladies, die sich ja auch selbst nicht mehr kennen, einfach machen lassen, hast sie nur angeguckt und irgendwann haben sie dann verstanden, dass von Dir keine Gefahr ausgeht. Dein Verhalten hat irgendwann auch auf Leonie abgefärbt und sie hat dann auch das Fauchen eingestellt - jetzt faucht nur noch Zoe.
Mein kleiner Mann, wir haben viele schöne Momente gehabt, von denen ich jetzt erzählen könnte, aber ich merke, mein Herz ist noch so voller Trauer, dass ich es noch nicht wirklich kann. Ich vermisse Dich und manchmal glaube ich, dass das alles nur ein Alptraum ist - ich höre es in der Diele knistern und denke, jetzt kommst Du gleich um die Ecke - wenn ich mit Leo zum Bad gehe, dann denke ich, dass Du gleich hinterherkommst und Deine Streicheleinheiten haben willst - als ich jetzt bei dem schönen Wetter das Küchenfenster weit öffnete, wartete ich darauf, dass Du angestürmt kommst, um mit Schwung aufs Dach zu gehen. Aber nein, das wird nie wieder passieren.
Du warst der Ruhepol - Dich zu steicheln, ließ irgendwann auch den größten Ärger vergehen. Du bist nach wie vor (und bleibst es auch) mein Hintegrundbild auf meinem Notebook und so sehr mich das auch manchmal noch schmerzt, gleichzeitig zauberst Du mir auch immer ein Lächeln in mein Gesicht. Und ich hätte uns gewünscht, dass wir wirklich noch mehr Zeit miteinander haben - irgendwo war da auch noch der Gedanke an ein kleines Kätzchen, dass Du so liebevoll "erziehen" könntest, wie Oskar es mit Dir getan hatte. Es hat nicht sein sollen.
Kleiner Mann, knapp 10 1/2 Jahre hast Du mein Leben bereichert - viel zu kurz und doch bin ich unendlich dankbar für die Zeit, die wir hatten.Irgendwann sehen wir uns alle wieder - ich glaube daran.
Tschüss Kleiner!