Gina, der Wildfang

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Fyannon

Fyannon

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Hallo Katzenfreunde,

da ich meine geliebte Gina gestern verloren habe und die Wohnung nun so schrecklich leer ohne sie ist, fasse ich mir nun ein Herz und möchte gerne über sie schreiben. Nach ihrem Tod habe ich festgestellt, dass es mir sehr hilft, über sie und ihre Geschichte zu reden und bei dem Gedanken, dass auch ein paar Leute hier meine Sätze nur überfliegen, fühle ich mich schon besser.

Teil 1

Ginas Geschichte begann eigentlich schon lange vor meiner Zeit mit ihr, nur weiß ich leider kaum etwas darüber zu berichten. Ich möchte deshalb an dem Punkt beginnen, an dem ich in ihr Leben trat.

Alles nahm seinen Anfang mit meinem Umzug vom beschaulichen Münchener Umland nach Osnabrück in Niedersachsen. Ich war 20 Jahre alt, hatte mein Abitur in der Tasche und war leider kein Stück weiser, was ich mit meinem Leben vor hatte. Einer Sache war ich mir aber sicher. Ich wollte unbedingt mit meiner Schwester in eine Stadt, in eine Wohnung ziehen. Mein ganzes Leben lang war sie an meiner Seite, ein Herz und eine Seele. Oft genug hatte sie mir aus der Klemme geholfen, sich meinen Liebeskummer angehört, mit mir gescherzt und gelacht. Natürlich haben wir auch mal gestritten, ich denke, das kennt jeder, der Geschwister hat. Und oft genug habe ich mich in unsicheren Momenten hinter ihr versteckt. Diesen wichtigen Schritt aus dem elterlichen Haus ohne sie zu wagen, konnte ich mir gar nicht vorstellen.
Es standen uns also alle Möglichkeiten offen, unsere Eltern wollten uns unterstützen, egal, wohin uns unsere Entscheidung führte. Ich bewarb mich also kreuz und quer in Deutschland für den Studiengang Biologie und während ich die freie Zeit nach dem Abitur genoss, wartete ich auf die Zusagen. Schon bald trafen die ersten ein und auch meine Schwester konnte sich über einige freuen.
Auf einer gemeinsamen Bergtour in den Alpen kam jedoch dann der Schock für mich. Meine Schwester eröffnete mir, dass sie diesen Schritt gerne alleine gehen will, eine WG ohne mich in einer anderen Stadt. Sie hatte offenbar Angst gehabt, mir das gleich mitzuteilen, und deswegen so lange gewartet, da sie wusste, wie sehr ich an dieser Idee hing. Ich war natürlich erstmal entsetzt, da von einem auf den anderen Moment meine ganzen Zukunftsvorstellungen wie eine Seifenblase zerplatzt waren. Jetzt, im Nachhinein, kann ich ihre Entscheidung durchaus nachvollziehen. Wir waren unser ganzes Leben lang als "die Zwillinge" gesehen worden, eine untrennbare Einheit. In jedem Moment unseres Lebens haben wir uns aufeinander verlassen können und für sie gehörte nunmal der Schritt zum Selbstständig-Werden dazu.
In meiner Entscheidung, wohin die Reise nun hinführen sollte, war ich also völlig auf mich gestellt. Noch einmal sah ich alle Antworten der Universitäten durch und entschied mich recht spontan für Osnabrück. Warum meine Wahl damals auf diese Stadt in Niedersachsen gefallen ist, kann ich heute gar nicht mehr beantworten. Eher lustlos habe ich mich dann noch für ein Studentenwohnheim beworben. Dort sollte man in den Gebäuden eines ehemaligen Gutshofes am Stadtrand wohnen. Das klang passend für mich, hatte ich doch die letzten Jahre auf dem bayerischen Land verbracht. Und überraschenderweise bekam ich auch dort einen Wohnplatz, obwohl dieses Wohnheim äußerst beliebt war, wie man sich vielleicht vorstellen kann.

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Hier ein Bild des Luhrmann-Hofes in Osnabrück.

Laut Brief sollte ich ein Zimmer im ehemaligen Schweinestall-Gebäude bekommen, Küche und Bad sollte ich mir mit 3 bis dato völlig unbekannten Personen teilen. Für eine 20-jährige aus behüteten Verhältnissen definitiv Abenteuer genug! Meine Schwester verschlug es nach Kiel, was mir ein bisschen Sicherheit gab, war sie doch nicht so weit weg, wie ich anfangs befürchtet hatte.

Der Umzugstransporter wurde also gepackt, ich verabschiedete mich abends von meiner Mutter, die in Tränen aufgelöst war und startete meine Reise mit dem Zug, da ich schon früh morgens zur Schlüsselübergabe in Osnabrück sein sollte, meine Schwester und mein Papa fuhren mit dem Transporter hinterher.
Nach etwa sechs Stunden Zugfahrt begrüßte mich die Stadt mit herbstlichen Temperaturen und etwas Wind, der Himmel war bedeckt, jedoch regnete es nicht, eher eine Ausnahme, wie ich in meinem Leben später dort feststellen konnte. Mit einem Taxi fuhr ich zum Wohnheim und konnte dort das erste Mal das Grundstück besichtigen. Es bestand aus einem Hauptgebäude aus Fachwerk, einer Remise, einem Nebengebäude, dem Schweinestall und einem Backhaus, außerdem liefen ein paar Hühner über die Wiese. Direkt daneben war ein kleiner See. Ich konnte es kaum fassen, wieviel Glück ich mit diesem Wohnheim hatte.
Meine WG war zum Zeitpunkt meiner Ankunft leer, so hatte ich Zeit alles in Ruhe allein zu besichtigen. Das Fenster meines Zimmers war zu meinem Bedauern leider sehr klein, typisch Stall eben, aber ansonsten war ich damit sehr zufrieden. Direkt neben der Zimmertür war die Küche, schon etwas abgenutzt aber sie sollte ihre Dienste tun. Außerdem gab es noch einen Esstisch mit einer Couch und ein paar Stühlen, auch das Bad mit Dusche reichte durchaus für die 4 Personen, die hier wohnen sollten, die Zimmer der anderen besichtigte ich aus Respekt vor ihrer Privatsphäre natürlich noch nicht.
Nun hatte ich also noch den ganzen Tag Zeit, bis der Umzugstransporter mit meinem Hab und Gut eintraf. Ich kaufte mir also zunächst eine Stadtkarte von Osnabrück und machte damit die Umgebung unsicher. Am Nachmittag kehrte ich in das Wohnheim zurück, einer meiner Mitbewohner war nun anwesend und er nahm mich mit, um Holz für das Lagerfeuer des Hoffests am nächsten Abend zu sammeln. Nach unserer Rückkehr setzten wir uns mit einer Studentin aus dem Nachbargebäude in die Küche und unterhielten uns und erst nach einer Weile fiel mein Blick auf die kleine, schmutzige Katze, die wie eine Statue auf der Lehne des Sofas saß. Sie hatte sich, während wir da waren, keinen Zentimeter bewegt und ich hatte sie deswegen einfach nicht wahrgenommen. Auf meine Frage hin wurde mir erzählt, dass sie Gina hieße, wohl schon älter sei und mehr oder weniger als Hofgeist hierlebe. Ich fragte weiter, ob sich denn jemand um sie kümmere und mir wurde gesagt, dass sie sich großteils selbst versorge, ab und zu würde sie Trockenfutter von einer guten Seele bekommen.
Nun schaute ich sie mir genauer an, ihr Fell war struppig. Auf dem Rücken hatte sie einen breiten Aalstrich, vorne einen weißen Latz und vier weiße Pfötchen, ihre Hüftknochen stachen heraus. Sie anzufassen traute ich mich anfangs nicht, ihre gelben Augen, zu Schlitzen verengt, warnten mich davor. Also ließ ich sie da sitzen und konnte meinen Blick nicht mehr von ihr wenden.

Ich erinnerte mich an die tragische Geschichte meiner ersten Katze, meines ersten Katers besser gesagt, den ich zwei Jahre lang wie meinen kleinen Gott verehrt hatte. Jedoch verschwand er in einer stürmischen Novembernacht spurlos und jede Suche blieb erfolglos, woraufhin die ganze Familie untröstlich war und wir ewig auf seine Rückkehr warteten. Sogar heute noch, fast 10 Jahre später, schrecke ich nachts manchmal auf, wenn ich meine Eltern besuche, und höre sein Halsband draußen klingeln. Jedenfalls hatte ich mir damals geschworen, niemals wieder eine so emotionale Bindung zu einem Tier aufzubauen, zu tief saß noch der Schmerz.

Deshalb war ich zunächst auch nicht traurig, als Gina während des Umzugstresses und Möbelgeschleppe verschwand, woraufhin sie die nächsten 14 Tage von keinem mehr auf dem Luhrmannhof gesehen wurde.
 
  • Gina, der Wildfang Beitrag #2
Teil 2

In der Zeit ihres Verschwindens versuchte ich mich in meiner neuen Heimat zurechtzufinden. Es stellte sich heraus, dass meine Zimmernachbarin auch erst eine Woche vor mir eingezogen war und zwischen uns entwickelte sich schnell eine Freundschaft. Außerdem lebten in der WG noch eine Kunststudentin, wir waren uns nie ganz "grün", haben uns soweit aber verstanden, und ein Musikstudent, der sich selbst als "Tiernazi" bezeichnete. Woher diese Abneigung gegen Fellnasen stammte, habe ich nie so genau herausfinden können. Er akzeptierte Tiere zwar in seiner Nähe, schien aber nie eine emotionale Bindung zu ihnen zu finden, sie waren halt einfach da.
Insgesamt waren viele der Bewohner des Luhrmann-Hofes eher alternativ eingestellt, nicht mit jedem teilte ich die Lebenseinstellungen, aber im Großen und Ganzen habe ich mich in dem Wohnheim wohlgefühlt. Auch der erste Tag meiner Uni stand bevor, unorganisiert wie ich bin, habe ich natürlich vergessen vorher den genauen Weg zum Biologie-Gebäude zu erfragen und habe mich gleich am ersten Tag mit meinem Fahrrad völlig in der Stadt verfranst. Als ich endlich ankam, war die Begrüßung schon voll im Gange. Trotz allem habe ich bei der anschließenden "O-Phase" schnell Anschluss und Freunde gefunden.
Bei einem Kaffee-Trinken und gemütlichen Zusammensitzen tauchte auch die struppige Miez wieder auf, dieses Mal mit einer furchtbaren offenen Wunde an einer Wange. Man muss dazu sagen, dass die Tür zum Stallgebäude bei einigermaßen guten Temperaturen immer offen stand, sodass jeder Besucher, ob Tier oder Mensch, einfach hineinlaufen konnte, das war anscheinend so Gang und Gebe.
Gina nahm wieder ihre statuenhafte Position auf der Sofalehne ein und ließ sich von meinen Ängsten gar nicht irritieren. Im Nachhinein verurteile ich mich selbst dafür, dass ich sie damals nicht geschnappt habe und mit ihr zum Tierarzt bin, da die Katze offensichtlich Hilfe brauchte. Verschiedene Gründe sind zu meiner Entschuldigung anzubringen, ich hatte weder Geld, noch Transportkorb, noch Auto, um die Katze zum nächsten Doktor zu befördern, und trotzdem fühle ich mich schlecht, wenn ich daran zurückdenke.
Kurz nach ihrer Stippvisite verschwand sie wieder, auch hier wieder für einen längeren Zeitraum, jedoch spukte mir das Tierchen nun immer öfters im Kopf herum.

An einem Wochenende, ich wollte mir gerade etwas zu Essen in der Küche zubereiten, kam sie dann hoch erhobenen Schwanzes anmarschiert und ging schnurstracks durch die angelehnte Tür in mein Zimmer, schaute sich kurz um, sprang auf das Bett und machte es sich bequem. Ihre Wunde war verheilt und nun schien sie eine Entscheidung getroffen zu haben, was mich als neue Mitbewohnerin des Hofes betraf. Dies war der Beginn unserer langen und innigen Freundschaft.
Doch ich möchte nicht vorgreifen, zunächst fiel es mir durchaus schwer, Vertrauen zu ihr zu fassen, hatte das kleine, struppige Knäuel dort auf meinem Bett doch einen ganz eigenen Kopf. Wieder warnten mich ihre gelben Augen vor einer Berührung, doch ich ließ es mir nicht nehmen, ihr Fell kurz auf Flohkot durchzuchecken, bevor sie es sich allzu bequem auf meinem Bett machte. Doch es schien alles in Ordnung zu sein.
Bis abends ließ ich sie dort schlafen, jedoch musste ich sie dann mangels eines Katzenklos über Nacht rausschmeißen, kein leichtes Unterfangen, wenn der Wildfang sich nicht anfassen lässt. Dieses Ritual wiederholte sich die nächsten Tage, sie tauchte gegen Nachmittag auf, marschierte auf mein Bett, schlief sich aus und verschwand abends meist unfreiwillig wieder.
Irgendetwas hatte mich trotz meiner Vorsätze, sich nicht wieder auf eine Katze einzulassen, weich werden lassen und beim nächsten Einkauf fanden sich ein paar Leckerlis in meiner Tragetasche, beim nächsten Mal war es dann eine Tüte Trockenfutter und schließlich auch Nassfutter, um Gina regelmäßig zu füttern. Ich richtete ihr in der Küche eine kleine Futterecke ein, kein optimaler Platz, da bei uns oft Besuch und für sie fremde Leute da waren, denen sie dann beim Essen den Rücken zukehren musste, deswegen schlich sie sich immer heimlich rein, wenn sie feststellte, dass niemand da war.

Ich begann mich nun auch für ihre Vorgeschichte zu interessieren und recherchierte bei den älteren Hofbewohnern nach. Gina wurde wohl von einer ehemaligen Studentin als kleines Fellknäuel im Waschkeller gefunden, woraufhin sie sie bei sich aufnahm. Wie viele Jahre sie bei ihr blieb, konnte mir niemand genauer sagen. Wenn man sein Studium beendet, hat man leider keine Berechtigung mehr in einem Wohnheim zu bleiben, weshalb sie sich eine neue Wohnung suchen musste, nur durften dort leider keine Katzen hin. Also musste sie sich schweren Herzens von Gina trennen. Ein anderer Student begann sich dann eine zeitlang um sie zu kümmern, jedoch war auch seine Zeit auf dem Hof begrenzt und die Fellnase blieb wieder alleine zurück. Was dieser ständige Besitzerwechsel und das Zurücklassen für die Katze bedeutet haben mag, kann ich aus ihrem späteren Verhalten nur erahnen, es ließ mich jedoch verstehen, warum sie so misstrauisch gegenüber allen Menschen war.
Auch schien ihre Sozialisierung und ihre Erziehung als Katze sehr früh stehen geblieben zu sein, woraus ich darauf schloss, dass sie sehr früh von ihrer Mutter getrennt worden war. Bis zu ihrem Lebensende hatte sie es nicht gelernt, dass man seine Krallen auch einziehen kann, wenn man über Kleider / Sofas / Teppiche läuft, also alles wo man sonst so hängen bleibt mit den kleinen Widerhaken. Sie wusste nicht, dass es ihre Aufgabe ist, ihr Fell selbst zu pflegen. Gina putzte sich nur rudimentär, kein Vergleich zu meinem Kater, der sich seiner Fellpflege fast eine Stunde am Stück widmete. Ein bisschen die Pfötchen, das Gesicht und die Schwanzspitze, dann hielt sie sich bereits für sauber.
Auch die Kommunikation mit anderen Katzen schien ihr unmöglich. Dadurch, dass auch andere Studenten auf dem Hof Katzen besaßen, kam sie immer wieder in Kontakt mit Artgenossen, was von ihrer Seite aus aber immer mit Fauchen, Knurren, Flucht oder sogar Kampf geendet ist. Wahrscheinlich hatte sie sich damals auch so die Wunde im Gesicht zugezogen.

Doch vielleicht waren es gerade diese Eigenarten, die sie so besonders für mich machten. Sie bettelte nicht um Liebe und Zuneigung, entweder man schenkte sie ihr oder man war eben uninteressant bis nervenaufreibend für sie. Sie hatte nie gelernt Katze zu sein und sich dauerhaft an Menschen zu binden. Und doch begann sie sich mir langsam zu öffnen und ein Stückchen des Weges mit mir zu gehen.

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Gina an einem der vielen Nachmittage in meinem Bett.
 
  • Gina, der Wildfang Beitrag #3
Oh Gott was für eine spannende Geschichte bitte weiterschreiben das war r doch noch nicht alles:cry:
 
  • Gina, der Wildfang Beitrag #4
Nein, Sinchen, das war noch nicht alles, aber es kostet mich viel Kraft mich im Moment an ihre Geschichte zu erinnern und doch fühlt sie sich dann für mich wieder lebendig an. Wie sagt man so schön: Man ist erst tot, wenn sich niemand mehr an einen erinnert.

Teil 3

Je kürzer und verregneter die Tage in Osnabrück wurden, umso mehr begann ich Gina zu brauchen, wie sie mich inzwischen brauchte. Inzwischen war ich fast 3 Monate von meiner Familie getrennt und ein Gefühl, dass ich bis dahin nicht kannte fing an mich zu plagen: das Heimweh. Wenn ich an meinem Laptop mit meinen alten Schulfreundinnen oder meiner Schwester skypte, lernte oder spielte, nahm das Fellknäuel inzwischen seinen Platz auf meinem Schoß ein. Inzwischen war es mir erlaubt, sie vorsichtig über den Kopf zu streicheln und hinter den Ohren zu kraulen, ihr Hals, Bauch und Rücken waren aber für mich tabu, was sie mir immer mit einem lauten Fauchen bekundete. Dass sie nicht gelernt hatte, ihre Krallen einzuziehen, musste ich nun schmerzvoll erfahren, vielleicht hatte sie aber auch nur Angst, dass ich sie von meinem Schoß schmeißen könnte, jedenfalls waren sie immer wie kleine Anker in meiner Hose und ab und zu auch in meinem Oberschenkel verhakt. Und sie einfach runterzusetzen, wenn ich mal aufstehen wollte war tatsächlich nicht so einfach, sondern ein richtiger Kampf. Machtworte war sie bis dahin von Menschen ja nicht gewöhnt, ebenso wenig wie anfassen. Um mich vor ihren kleinen spitzen Zähnchen zu schützen, musste ich meine Beine also immer langsam ankippen, um es ihr so unbequem wie möglich zu machen und erst dann verließ sie meinen Schoß wieder, nicht ohne vorher ihre Krallen nochmal in mein Bein zu schlagen. Ich lernte also wieder etwas über Gina: Sie wollte gern bestimmen, wann gekuschelt wird, aber auch wann diese Kuschelstunde beendet ist.

In meiner Zeit auf dem Hof lernte ich viel über Menschen, Erfahrungen, die nicht ausbleiben, wenn man mit vielen Studenten auf engem Raum zusammenlebt. Leider war nicht nur Positives dabei, vor allem der Umgang mit Tieren erschütterte mich bei Einigen maßlos. Es wurde über ökologische Bewirtschaftung des Wohnheims gesprochen, über die richtige, nachhaltige Ernährung und normalerweise sollte man denken, dass gerade bei Leuten, die sich mit so etwas auseinandersetzen, die Tiere einen besonders hohen Stellenwert einnehmen. Natürlich gab es auch Bewohner, die ihre Katzen und Hunde über alles liebten, aber eben nicht alle. So erfuhr ich zum Beispiel, dass Gina einmal Chili ins Essen gemacht wurde und dann haben alle darüber gelacht, was die Katze für einen Terror veranstaltet. Sie wurde mit Wasser aus einer Gießkanne überschüttet, mit dem Fuß aus der Wohnung rausgetreten und was ihre panische Angst vor Besen bedeutete, die sie bis zu ihrem Lebensende beibehielt, konnte ich nur erahnen. Ich kann mir nicht erklären, was solche Leute reitet, wenn sie so mit einem Tier umgehen, dass offensichtlich die Nähe von Menschen sucht und ihre Hilfe braucht, es macht mich einfach nur wütend.
Bei größeren Menschenansammlungen in der WG, zum Beispiel zu Geburtstagen, versteckte sich die Fellnase immer in meinem Zimmer. Vielleicht hätte ich besser daran getan, sie rauszusetzen, das habe ich aber bei den inwischen fast dauerhaft verregneten Nächten nicht übers Herz gebracht. Ein Katzenklo stand inzwischen im Bad, dass sie sich aber natürlich bei so vielen Menschen nicht aus meinem Zimmer heraustraut, daran hatte ich in dem Moment gar nicht gedacht. Als die Feier dann endete, hatte ich eine kleine, verängstigte Katze in meinem Zimmer sitzen und ihre stinkende Hinterlassenschaft unter meinem Bett.

Über Weihnachten wollte ich dann natürlich zu meinen Eltern nach Bayern zurück, aber was sollte ich mit der Katze machen? Ich habe dann meine Zimmernachbarin, die sehr tierlieb war und inzwischen eine meiner engsten Vertrauten in Osnabrück, damit beauftragt, Gina zu füttern. Außerdem entschied ich mich dafür meine Zimmertür während meiner Reise angelehnt zu lassen, sodass sie einen Rückzugsort an den inzwischen stark verschneiten Tagen hatte.
Schnee, und vor allem in derartigen Mengen, ist in Osnabrück ziemlich selten, mir wurde berichtet, dass die ganze Stadt nur über drei Schneeräumfahrzeuge verfüge, was dazu führte, dass wir eine Nacht lang mitten auf den Straßen Schlitten fahren konnten.
Ich war natürlich froh, meine Familie zu sehen, und dennoch wanderten meine Gedanken immer wieder zu der getigerten Katze zurück. Würde sie mich vermissen? Schlief sie nachts in meinem Zimmer? Wurde sie gut umsorgt?
Nachdem ich nach etwa 3 Wochen zurückkehrte, fand ich eine leere WG vor, aber eine schnurrende Gina an der Eingangstür, sie schien dort auf mich gewartet zu haben. Mein Bett war über und über mit Katzenhaaren bedeckt, sie schien diese Gelegenheit also genutzt zu haben, Ich freute mich natürlich sehr sie wiederzusehen, und das erste Mal hatte ich das Gefühl, in ein zu Hause zurückzukehren.
 
  • Gina, der Wildfang Beitrag #5
Natürlich tut es weh aber irgendwann wird es nicht mehr so weh tun. Du hast einem gequälten Geschöpf noch für die letzten Jahre ihres Lebens ein wunderschönes Zuhause gegeben.

Und ja ich kenne solche Menschen leider Gottes. Auch wenn es wehtut hör nicht auf zu schreiben und irgendwann wird die Gina ein Kätzchen oder zwei schicken für ihren Platz.

LG Sina
 
  • Gina, der Wildfang Beitrag #6
Schreib weiter, Fyannon! Wir möchten den Rest der Geschichte hören!
 
  • Gina, der Wildfang Beitrag #7
Oh ja bitte, schreib weiter! Ich glaube, jedem Samtpfotenbesitzer geht bei Deiner Geschichte das Herz auf...
 
  • Gina, der Wildfang Beitrag #8
Erstmal vielen Dank für den Zuspruch! Es freut mich, dass doch so viele an Ginas Geschichte interessiert sind und sie hätte es bestimmt gefreut.
Im Nachhinein weiß ich, dass ich aus Unwissenheit nicht alles richtig mit ihr gemacht habe und ich hoffe, sie kann mir meine Fehler verzeihen.

Teil 4

Auch im neuen Jahr blieb der Winter zunächst sehr kalt. Selbst mein Mitbewohner, der selbsternannte "Tiernazi", hatte Verständnis dafür, dass Gina bei -10 Grad und Schnee die Nacht nicht draußen verbringen konnte. Sie bekam also ein Schlafplätzchen auf der Couch in der Küche. Dass aber so eine Katze auch mal nachts das Klo besuchen muss, schienen die Stallbewohner zu verdrängen oder zu vergessen. Sie schlossen die Tür zum Bad, wenn sie ins Bett gingen und die arme Fellnase hatte nun keine andere Wahl, als ihr Würstchen unter dem Küchenschrank zu verstecken. Natürlich gab das am nächsten Tag immer Ärger und für sie war Gina die ausgemachte Schuldige, ich versuchte es sogar mit einem Hinweisschild an der Badtür, diese doch bitte offen zu lassen, aber es half alles nichts. Sobald die Temperaturen wieder etwas gemäßigter waren, musste sie die WG in den Abendstunden verlassen. Natürlich hatte ich auch kurz darüber nachgedacht, das Katzenklo mit in mein Zimmer zu nehmen, aber da dies relativ klein war, schien Gina von der Idee selbst nicht besonders begeistert zu sein, sie benutzte es dann einfach nicht. Wahrscheinlich war es ihr einfach zu nah an ihrem Schlafplatz.

Eigentlich hätte ich jeden Morgen um halb 7 aufstehen müssen, um meine Vorlesungen zu besuchen, doch wie so ein Leben in einer eben WG abläuft, war das für mich kaum möglich. Meine Zimmertür war eben nun direkt an die Küche grenzend, dem Treffpunkt einiger Hofbewohner. Dass hier abends um 10 noch nicht Schluss war mit Gequatsche kann man sich vielleicht vorstellen. Ich will das Scheitern meines Studiums nicht nur auf meine Mitbewohner schieben, ich war wahrscheinlich auch selber einfach nicht motiviert genug. Vielleicht hätte es mir gut getan, nach dem Abitur ein Jahr Pause zu machen, ein soziales Jahr zu absolvieren oder ins Ausland zu gehen, anstatt mich gleich wieder in den Lernstress zu werfen. Aber dann hätte ich Gina wahrscheinlich nicht kennengelernt, also hat doch alles im Leben etwas Gutes.
Die Wochenenden feierte ich mit meinen Freunden vom Studium durch und etwa zur gleichen Zeit lernte ich außerdem noch meinen späteren Lebensgefährten im Internet kennen, nun telefonierten wir oft die ganze Nacht durch, das kleine getigerte Fellknäuel zu meinen Füßen freute es, so konnte sie nun nämlich auch in meinem Zimmer bis zum nächsten Morgen durchschlafen.

Im Februar kam mich dann meine Schwester zum ersten Mal in Osnabrück besuchen. Hier zeigte sich das erste Mal, dass Gina doch ziemlich eifersüchtig werden konnte. Ich hatte eine aufblasbare Schlafmatratze in mein Zimmer gelegt, die war für den Wildfang natürlich erstmal unheimlich genug. Aber dass da nun diese andere Person war, auf die sich meine Aufmerksamkeit konzentrierte, war ihr auch nicht geheuer. Immer wieder schlich sie um meine Schwester herum, begutachtete sie vorsichtig und schien sich aus ihr nicht ganz schlüssig zu werden. Und was macht Gina in solchen Momenten? Sie floh. Kurzum war sie an diesem Wochenende kaum zu sehen. Am Tag der Abreise, wir waren am Vorabend feiern gewesen und lagen noch im Bett, stand sie dann aber vor der Tür und meine Zimmernachbarin war so freundlich und ließ sie leise herein. Ich wachte dann davon auf, dass sich Gina über den Döner hermachte, den wir am Abend zuvor noch gekauft hatten, aber zu müde waren, um ihn zu essen. Diesen Heißhunger auf das Kalbsfleisch hat sie ihr Leben lang beibehalten, also gab es bei mir jetzt immer "ohne scharf", damit sie ein paar Stückchen Fleisch mit mir teilen konnte.

Noch war Gina die Hofkatze, um die sich jeder, der wollte, ein bisschen kümmerte, doch dies sollte sich bald ändern. Der ausschlaggebende Punkt war die Geschichte mit dem Flohhalsband. Da hatte es sicher jemand gut gemeint und ihr dieses Ding besorgt und umgeschnallt. Die Fellnase hatte jedoch anscheinend ihr ganzes Leben noch kein Halsband getragen und wusste mit diesem Plastikring um ihren Hals nichts anzufangen. Schlussendlich hat sie dann meine Nachbarin am Nachmittag gefunden. Gina hatte es geschafft, ihren Unterkiefer durch das Flohhalsband geschoben, wahrscheinlich wollte sie es zerbeißen. Mit dieser unfreiwilligen Maulsperre rannte sie wohl nun schon den ganzen Tag herum. Wir schnappten sie uns und zerschnitten das blöde Teil, auch noch eins ohne Sollbruchstelle oder Notverschluss, sie hätte also auch damit hängenbleiben und sich drangsalieren können. Die arme Fellnase war natürlich ganz verstört und ich musste sie erstmal trösten.
Dies ging mir so ans Herz, obwohl ich dieses bisher immer erfolgreich vor diesem Moment verschlossen hatte, dass ich nun bereit war, den nächsten Schritt zu wagen. Schließlich hatte ich sie den letzten Monat fast alleine gefüttert und in unserer WG war sie bereits ein, zumindest von mir gern gesehener, Stammgast. Ich vereinbarte mit in den nächsten Wochen einen Tierarzttermin und beschloss bereits innerlich, dass sie nun "meine Katze" sei.
 
  • Gina, der Wildfang Beitrag #9
oh ich kann nicht mehr. Ich lese mit, aber da ich das Ende schon kenne, muss ich immer heulen...

Mir tut dein Verlust sehr leid, es geht mir richtig nah...
 
  • Gina, der Wildfang Beitrag #10
Tja, das ist leider das Traurige, dass zum Tier-Besitzen auch immer der Abschied dazugehören muss. Ich versuche mich zusammenzureißen, da Gina das nicht gewollt hätte, dass ich so stark um sie trauere, aber gerade, wenn es abends Zeit für unser Ins-Bett-Geh-Ritual (soweit bin ich in meiner Geschichte noch gar nicht :) ) war, fehlt sie mir doch sehr...
 
  • Gina, der Wildfang Beitrag #11
Teil 5

Die Tierärztin war natürlich etwas schockiert über Ginas Zustand, und ich schämte mich natürlich, obwohl ich ja nichts mit ihrer Vorgeschichte zu tun hatte. Ich erzählte ihr diese, doch auch davon schien sie nicht überzeugt. Dies geschah mir später noch einmal bei einer Tierärztin. Beide schienen zu glauben, ich hätte Gina jemandem "weggenommen" und es wäre meine Schuld, dass sie sich nicht innerhalb weniger Monate zu einer Prachtkatze entwickelt hatte. Dass die Miez bis dato nur sehr ängstlich bis aggressiv auf Berührungen reagierte, schien beide nicht zu interessieren.
Nun, trotz dieses Dämpfers, wurde sie nun gründlich untersucht. Es gab eine Entwurmung, sie schien fürchterlich Zahnstein zu haben, was mir dann auch erklärte, warum sie so merkwürdig kaute und sabberte beim Essen. Außerdem war der obere, rechte Eckzahn abgebrochen (wofür mich die Tierärztin auch verantwortlich zu machen schien), Flöhe und Zecken hatte sie keine. Also machten wir einen neuen Termin für das Zahnsteinentfernen aus und nahmen die kleine, völlig aufgelöste Fellkugel wieder mit nach Hause.

Etwa zur selben Zeit schien meine Mitbewohnerin, also die Kunststudentin, zu merken, wie viel einem so eine Katze im Leben geben kann. Schon damals war ich etwas besorgt, als sie beschloss, auch eine Miez haben zu wollen. Sie besaß bereits ein Pferd, um das sie sich eher schlecht als recht kümmerte. Sie war der Ansicht, dass ein Pferd nicht geritten werden sollte, da es seinen Willen brach, also stand es die meiste Zeit über im Stall. Als ich mich mit meiner Zimmernachbarin einmal in ihrer Abwesenheit um es kümmerte, berichtete uns die Stallbesitzerin, dass ihr das Pferd wahnsinnig leid tue, da es so gar nicht ausgelastet war, aber sie hätte eben nicht die Zeit, sich auch noch um die Pferde ihrer Untersteller zu kümmern. Manche Leute sollten einfach keine Tiere besitzen...
Jedenfalls kreuzte sie ein paar Tage später mit einer jungen Katze auf, so ein richtig kleiner Wirbelwind, den ich gleich in mein Herz schloss. Gina im Gegenteil hatte nun ein neues Feindbild. Durch ihr Leben als Wildfang war ihr Futterneid eben besonders stark ausgeprägt, sobald sie die Kleine an ihrem Futternapf bemerkte, wurde gefaucht, gekratzt und gebissen. Auch war das Kitten nunmal sehr menschbezogen und konkurrierte immer wieder um den Platz auf meinem Schoß. Für mich ein Platz zwischen den Stühlen, da ich beide Katzen mochte und die Kleine offensichtlich um die Akzeptanz und Liebe von Gina kämpfte.
Immer wieder suchte sie ihre Nähe und bekam dafür eins auf den Deckel. Es war wirklich herzzerreißend.
Für die ältere Fellnase war das natürlich purer Stress, wollte sie doch einfach nur einen warmen Platz zum Schlafen und ihre Ruhe. Dass sie nun hier auch noch darum konkurrieren musste, schien ihr so gar nicht zu passen und sie blieb immer öfters fern. Schweren Herzens entschied ich mich also dafür, meine Tür für die Kleine zu verschließen, sobald Gina bei mir war, damit sie in Ruhe schlafen konnte und diese Eifersüchtelei ein Ende hatte.
Über die Pflege der Kleinen brauchen wir eigentlich gar nicht zu reden, ihr erging es wie dem Pferd. Zum Knuddeln und Schmusen war sie gut genug, die Erziehung und Pflege blieb dabei völlig auf der Strecke. Ernährt wurde sie mit Wurstresten vom Metzger, auch als diese in der Tüte bereits zu Schimmeln (!) begannen, wurde die Kleine tapfer weiter damit gefüttert. Kein Wunder also, dass sie immer öfters etwas von Ginas Trockenfutter stiebitzte. Als meine Mitbewohnerin sich dann auch noch ohne zu Fragen an meinem Nassfutter bediente, um ihre Katze zu füttern, reichte es mir allmählich und doch saß ich in der Zwickmühle. Ich wollte ja, dass es der Kleinen gut ging, aber andererseits sah ich es auch nicht ein, dass ich mich nun auch um sie kümmern sollte. Als ich eines Tages das Zimmer von ihr betrat, um nach dem Kitten zu sehen, schlug mir ein fürchterlicher Gestank entgegen, die Kleine hatte in ihr eigenes Körbchen gemacht! Mir tat das alles schrecklich leid für das Tier und ich hatte, meine Zimmernachbarin half mir dabei, nun also quasi 1,5 Katzen zu versorgen.
Dies nahm allerdings kurz darauf ein Ende, da die Kleine eines Tages spurlos verschwand. Ich kann nur hoffen, dass sie in der nahen Kleingarten- und Wohnanlage liebevolle Besitzer gefunden hat, die sich richtig um sie kümmern.

Nach Ginas Zahnsteinentfernung schrieb ich eine Rundmail an alle Hofbewohner, dass ich bereit bin, die Tierarztrechnung und alle weiteren Kosten von ihr zu übernehmen und sie quasi zu adoptieren. Die nächsten Tage wartete ich bang auf Antworten, vielleicht hatte ja doch jemand etwas dagegen. Aber insgesamt erhielt ich nur eine von einem anderen Studenten, der froh sei, dass Gina endlich eine gute Seele gefunden hätte, da ihm der Zustand der Katze schon länger ein Dorn im Auge gewesen sei. Damit war es also nun endlich offiziell: Ich hatte eine Katze!
 
  • Gina, der Wildfang Beitrag #12
Hallo Fyannon
bittebittebittebitte gaaaaanz schnell die Fortsetzung schreiben *hibbel*

:mrgreen: :mrgreen:
 
  • Gina, der Wildfang Beitrag #13
  • Gina, der Wildfang Beitrag #14
Ich habe "Bob, der Streuner" gelesen und super gefunden. Eure Geschichte, und die Art, wie Du sie erzählst, steht dem in Nichts nach, ich finds toll, also bitte weitermachen ;-)
 
  • Gina, der Wildfang Beitrag #15
Ich habe "Bob, der Streuner" gelesen und super gefunden. Eure Geschichte, und die Art, wie Du sie erzählst, steht dem in Nichts nach, ich finds toll, also bitte weitermachen ;-)

Ja, das Buch habe ich auch gelesen, nur das mit dem Auf-der-Schulter-Reiten hat bei uns nie so richtig geklappt ;)
Ich finde es wirklich toll, dass so viele an Ginas Geschichte interessiert sind, und eure Komplimente machen mich verlegen :oops: Vielen Dank jedenfalls dafür!
 
  • Gina, der Wildfang Beitrag #16
Musst nicht verlegen sein du machst das klasse. Ja bob der streunen hab alle drei Bücher. Und alle Warrior Cats Bücher mein Mann musste schon ein neues bücherregal kaufen:mrgreen:
 
  • Gina, der Wildfang Beitrag #17
Heute etwas weniger Katze, dafür mehr ich :roll:

Teil 6

An Ostern fasste ich mir ein Herz und nahm all meinen Mut zusammen und besuchte meine Internetbekanntschaft das erste Mal in Karlsruhe. In 3 wundervollen Tagen stellten wir fest, dass wir zusammen ein Herz und eine Seele sind, so eine tiefe Verbindung hatte ich noch nie zuvor zu einem Menschen gespürt.
Es wurde zu einer Regelmäßigkeit für mich, ihn aller zwei Wochen zu besuchen, das einzige Hindernis, das es zu überbrücken galt und das uns trennte, waren die 400 Kilometer Fahrt mit dem Zug.
An diesen Wochenenden ließ ich Gina wieder in der Obhut meiner Zimmernachbarin, die mir inzwischen eine gute Freundin geworden war, zurück. Doch es stellte sich heraus, dass die Samtpfote es vorzog, diese einsamen Tage in Osnabrück lieber draußen zu verbringen und oft verschwand sie völlig von der Bildfläche. Wenn ich jedoch wieder zurück kam, und Gina meinen Schlüsselbund hörte, kam sie miauend angerannt, wie als hätte sie die ganze Zeit auf meine Rückkehr gewartet.

Inzwischen hatte auch meine Zimmernachbarin beschlossen, sich eine Miez anzuschaffen, das Katzenfieber hatte also auch sie angesteckt. Doch hier brauchte ich mir keine Sorgen zu machen, sie war eine absolute Tierfreundin und kümmerte sich bereits liebevoll um ihre drei Kaninchen.
Auch hier reagierte Gina zunächst wieder aggressiv und gestresst auf das kleine, grau-getigerte Katerchen. Aber wir beiden Dosenöffner fanden bald eine Regelung, die beiden aneinander vorbeizuschleusen, sodass sie sich so selten wie möglich über den Weg liefen, um Ginas Eifersuchtsattacken zu reduzieren. Auch wenn sie immer wieder Richtung Tür fauchte, hinter der sie den Kleinen vermutete, schien diese Situation für sie einigermaßen annehmbar und dieses Mal musste sie nicht die Flucht ergreifen. In ihr war wohl diese tiefsitzende Angst, dass die andere Fellnase ihren Platz an meiner Seite und vor ihrem Futternapf einnehmen könnte.

Mein Studium interessierte mich inzwischen kaum noch, und ich verbrachte im Frühsommer zwei Wochen mit meinem Freund in Südfrankreich. Nach meiner Rückkehr fühlte ich mich oft einsam in meiner WG, da meine Zimmernachbarin in ihre freien Zeit inzwischen öfters in ihre Heimatstadt zurückfuhr, um dort ihre Freunde und ihren Lebensgefährten zu besuchen.
Die Sauberkeit in unserer Wohnung verschlechterte sich zusehends, immer öfter wusch ich nun das Geschirr der anderen ab, Pfannen, in denen Essensreste bereits vor sich hinschimmelten. Der anhaltende Osnabrücker Regen verbesserte meine Laune in diesen Wochen nicht gerade.
Ich hatte also ein Studium, dass ich nicht mehr bewältigen konnte und wollte, eine WG, in der ich mich nicht mehr richtig wohl fühlte und eine Fernbeziehung, die mich belastete. Außerdem trieb zu dieser Zeit ein Spanner auf dem Hof sein Unwesen, Beleuchtung gab es nachts kaum welche, da viele Bewohner überzeugt waren, dass es sich um Lichtverschmutzung handeln würde, und immer öfters kam ich mir in den Abendstunden beobachtet vor. Als ich einmal abends vor dem zu Bettgehen ins Bad ging, um zu duschen und mir die Zähne zu putzen, spürte ich ein Kribbeln im Nacken. Ich drehte mich zum Fenster und konnte gerade noch den Blick auf ein Männergesicht erhaschen, er stand da wohl schon eine Weile und hatte mir zugeschaut. Dass die Sicherheit und Ängste der weiblichen Mitbewohner (auch anderen waren ähnliche Situationen wie mir untergekommen) unter das Problem der "Lichtverschmutzung" gestellt wurden, erscheint mir heute, im Nachhinein, unvorstellbar und so blieb unser Hof auch des Nachts völlig dunkel.

Natürlich war ich dann froh, als ich hörte, dass meine Schwester mich so vermisste, dass sie bereit war, nach Osnabrück zu ziehen. Aber in meinem Herzen hatte ich bereits eine andere Entscheidung gefasst. Als ich abends mit meinem Freund telefonierte, eröffnete ich ihm, dass ich gerne nach Karlsruhe ziehen würde, zu ihm, mit ihm in eine Wohnung. Die Sekunden der Stille erlebte ich mit klopfendem Herzen wie eine Ewigkeit. Hatte ich ihn damit in die Ecke gedrängt? War es noch zu früh? Bis dahin hatte er mich erst einmal in Osnabrück besucht. Gina, die eher ängstlich gegenüber Männern reagierte, und er, der "Hundemensch", waren sich damals misstrauisch umkreist. Ich war in der Zeit vielleicht vier Mal in Karlsruhe, wir hatten zwei Wochen Urlaub miteinander verbracht. Reichte das als Grundlage für eine gemeinsame Wohnung? Er antwortete dann, dass er sich das gut vorstellen könne und gerne mit mir zusammenziehen möchte und mir fiel ein riesiger Stein vom Herzen.
Als Erstes erfuhr meine Entscheidung meine Zimmernachbarin. Auch sie hatte, etwa im selben Moment, für sich beschlossen ihr Studium zu beenden und ein neues zu beginnen und auf einem kleinen Spaziergang sprachen wir uns darüber aus, was die Zukunft wohl für uns beide bereithielt.
Als Nächstes musste ich es meiner Schwester beichten, die inzwischen ernsthafte Pläne geschmiedet hatte, nach Osnabrück zu ziehen. Sie war natürlich zunächst ziemlich enttäuscht, konnte dann aber meine Entscheidung verstehen. Etwa 2 Monate später lernte sie dann auf einer Party in Kiel ihren späteren Lebensgefährten kennen, es war wohl einfach Schicksal gewesen, dass sie im hohen Norden bleiben sollte.

Das Telefonat mit meinen Eltern bereitete mir mehr Kopfzerbrechen. Ich musste ihnen also gleich zwei Dinge erzählen, einerseits, dass ich mein Studium beenden würde, andererseits, dass ich nach Karlsruhe ziehen würde, zu einem Mann, den beide noch gar nicht und ich erst seit 4 Monaten kannten. Als ich anrief, waren sie gerade im Urlaub auf dem Rügen und standen bei den Kreidefelsen, also die beste Kulisse für so ein schicksalhaftes Gespräch. Sie nahmen es erstaunlich entspannt auf, ich musste ihnen aber versprechen, sie in den nächsten Tagen in Bayern zu besuchen, um nochmal alles Schritt für Schritt zu erklären.
Zur selben Zeit war auch meine Schwester zugegen und ich überzeugte meine Familie von der Ernsthaftigkeit meines Vorhabens. Bis heute bin ich ihnen unglaublich dankbar, dass sie diesen Weg mit mir gegangen sind und auch den Umzug, nicht nur finanziell, unterstützt haben.

Zurück in Osnabrück begann also die Wohnungssuche und mir war von Anfang an klar, dass ich nicht ohne meine Gina gehen würde. Dass sich diese Suche so schwer gestalten würde, hätte ich nicht erwartet, zumal ich die meiste Zeit nur aus der Ferne mithelfen konnte. An den Wochenenden fuhr ich also immer wieder nach Karlsruhe, um meinen Freund zu unterstützen, doch die meiste Arbeit blieb an ihm hängen, die erste Feuertaufe für unsere Beziehung. Wir hatten uns bereits etwa 20 Wohnungen angeschaut, ein junges Studentenpaar, unverheiratet und ohne festes Einkommen war nunmal nicht die erste Wahl der Vermieter, da bekamen wir den Schlüssel für eine Altbauwohnung im 2. Stock des Mieter- und Bauvereins, die seit geraumer Zeit leerstand. Wir fuhren also gemeinsam hin und schon beim Schlüssel-Umdrehen war uns klar: Diese Wohnung wird es sein! Die Raumaufteilung war optimal, die Lage einigermaßen ruhig, es gab einen Balkon und einen ruhigen, großen Hinterhof mit viel Grün und mächtigen, im Kreis angelegten Ahornbäumen. Tiere waren in solchen Wohnungen per Vertrag eigentlich nicht erlaubt, doch mein Freund wusste, dass sich eigentlich niemand an diese veraltete Regelung hielt, so hatten sie selbst jahrelang einen Labrador-Mischling bei sich gehabt.
Sobald der Einzugstermin feststand, ging dann doch alles ganz schnell. Ich begann mein Hab und Gut in Umzugskisten zu verstauen, verabschiedete mich von meinen Freunden, die mir inzwischen sehr nahe standen, und natürlich auch von meiner Schwester, von der mich in Zukunft nun wieder etwa 500 Kilometer trennen sollten. Ich brachte meine Bücher zurück in die Unibibliothek und ging noch einmal durch die Stadt, in der ich nie richtig angekommen war. Wir versuchten nochmal ein klärendes Gespräch in der WG bezüglich eines Putzplans für die Zukunft, dieser wurde jedoch abgelehnt, da so etwas viel zu autoritär wäre...
An Gina dachte ich natürlich auch, hatte sie doch eine Fahrt von etwa vier bis fünf Stunden vor sich, in ihrem Leben war sie bisher noch kaum Auto gefahren. Ich besorgte ihr ein pflanzliches Beruhigungsmittel, dass ich ihr vor der Abreise ins Futter mischen sollte, um ihren Stress zu minimieren, meine Elter schickten mir indes den Transportkorb zu, der früher zu meinem Katerchen gehört hatte.
Besonders schwer viel mir der Abschied von meiner Zimmernachbarin, die inzwischen für mich wie eine große Schwester geworden war. Ich wünschte ihr viel Glück für ihr neues Studium und auch mit der neuen Bewohnerin, die mein Zimmer nach meinem Auszug übernehmen sollte.
Zum Umzugstermin reiste dann mein Papa an, um den Transporter mit meinem Hab und Gut nach Karlsruhe zu bringen...



Es gibt noch so viele Anekdoten, die ich aus Ginas Leben in Osnabrück erzählen könnte und doch in der Geschichte vergessen habe.
Ihre Tierfreundschaft zum ältesten Hofhuhn Brigitte zum Beispiel. Beide verbrachten gerne die Mittagsstunden in der Sonne badend und lagen dabei dicht beieinander.
Ihr Lieblingsplatz im Brombeergebüsch vor unserem Stallgebäude, in dem sie aufgrund ihres getigerten Fells leicht zu übersehen war. Direkt daneben war der Schlafplatz eines Igels und oftmals wusste man gar nicht, ob die Katze oder der Igel so laut schnarchte.
Wie sie des Nachts oftmals draußen auf meinem Fensterbrett saß und miaute, um hereingelassen zu werden. Dort war aber ein Fliegengitter angebracht, also musste sie einmal um das Gebäude herum und zur Haustür herein. Madame musste dafür von mir aber persönlich am Fenster abgeholt werden, also rannte ich auch öfters im Schlafanzug und barfuß im strömenden Regen um das Haus, um die Katze einzusammeln.
Oder wie sie der neuen Mitbewohnerin im Stockwerk über uns an ihrem Einzugstag in die Dusche kackte, wahrscheinlich war das ihre Meinung von ihr, an der es dann auch nichts mehr zu rütteln gab.

Ich kann nur hoffen, dass es in Ginas Leben in Osnabrück auch Momente gibt, an die sie sich gerne erinnert hat. Die meiste Zeit über war sie aber wohl mehr mit Überleben als mit Leben beschäftigt. Mich plagte ein schlechtes Gewissen, sie aus ihrer vertrauten Umgebung zu reißen, zumal sie dort die meiste Zeit draußen verbrachte und ich wusste, dass ich ihr dies in Karlsruhe nicht würde bieten können. Ich wusste aber auch, dass sie, wenn ich sie dalassen würde, wieder alleine wäre. Und mir selbst war sie inzwischen so ans Herz gewachsen, dass ich dazu auch gar nicht imstande war.
 
  • Gina, der Wildfang Beitrag #18
Teil 7

Am Tag des Umzugs begrüßte uns Gina schon zum Frühstück. Das war ungewöhnlich, normalerweise tauchte sie immer erst in den späten Mittagsstunden auf. Wir wollten dann aufbrechen, um den Transporter von der Vermietung abzuholen, da saß sie wie ein kleines Häufchen Elend auf der Türschwelle. Sie kannte die Prozedur des Aus- und Umziehens von ihren bisherigen Pflegeeltern. Wahrscheinlich hatte sie nur etwas im Auge... aber da saß diese getigerte Katze und weinte tatsächlich. Eine Träne fiel vor sie auf den Boden, ein Bild, dass sich bis heute in meine Erinnerung eingebrannt hat. Ich kniete mich zu ihr, streichelte ihr über den Kopf und versicherte, dass ich sie heute nachmittag mitnehmen würde und sie nicht alleine hier zurückbleiben musste.
Als wir mit dem Transporter zurückkehrten, war Gina verschwunden, noch machte ich mir keine Sorgen, bisher hatte sie sich immer in der Nähe des Hauses aufgehalten, wenn ich da war. Warum ich damals nicht auf die Idee kam, sie für die kurze Dauer in mein Zimmer einzusperren, weiß ich nicht. Wahrscheinlich verbot mir ihr freier Geist solche Ideen.
Wir luden also die Kartons und Möbel in den Wagen, alles in allem ein recht schnelles Unterfangen, da es sich ja nur um das Inventar eines kleinen Zimmers handelte. Jedoch gab es immer noch keine Spur von einer Gina. Mir blieb also nichts anderes übrig, als nochmal über den Hof zu tigern und sie zu suchen. Ich fragte alle Bewohner, denen ich über den Weg lief. Einige hatten Gina schon seit Tagen nicht mehr gesehen, anderen hatte sie am Morgen noch einen Besuch abgestattet. Jedoch konnte mir keiner Auskunft geben, wo sie sich gerade befand. Ich rief sie, schaute in ihren Lieblingsschlafecken nach, doch die Katze blieb verschwunden.

Erfolglos und geknickt kehrte ich zum Transporter zurück, mein Papa schaute schon etwas ungeduldig auf die Uhr. Ich überredete ihn noch einen kurzen Moment zu warten und wir setzten uns in die Sonne und dösten vor uns hin. Insgeheim wusste er schließlich, dass er mich hier eh nicht wegbekommen würde, bevor Gina nicht in ihrem Transportkorb saß.
Wir warteten vier geschlagene Stunden, immer wieder unterbrochen von der Suche nach der Katze, bis Madame mit hoch erhobenen Schwanz schließlich um die Ecke gewackelt kam. Sie schien sehr überrascht, mich hier noch vorzufinden, ich denke, sie hatte damit gerechnet, dass ich ohne sie fahre und wollte sich den Abschied ersparen. Ich lotste sie in die Küche, wo ihre Futterration mit dem pflanzlichen Beruhigungsmittel bereitstand, aber natürlich witterte sie, dass da etwas drin war, was da so nicht reingehörte und verweigerte ihr Essen. Da wir noch eine lange Fahrt vor uns hatten, blieb mir also nichts anderes übrig, als die Katze schnell in den Transportkorb zu stecken, bevor sie ihre auswegslose Situation richtig realisieren konnte. Der Abschied von meinen Mitbewohnern fiel dann auch relativ hastig aus, einerseits, weil ich Abschiede nicht mag, andererseits pochte mein Vater darauf, dass wir jetzt endlich losfahren könnten.

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Ein letzter Blick auf mein zu Hause für ein Jahr.

Die Fahrt war für Gina und uns ein ziemlicher Horror. Die Katze, die Autofahren bisher nur von den 10 Minuten bis zum Tierarzt kannte, war völlig gestresst, und miaute die viereinhalb Stunden durch. Ich versuchte, ihr einen Ausblick aus dem Fenster zu bieten, ihre Kiste mit einer Decke zuzudecken, mit ihr zu reden, zu schweigen, Radio an, Radio aus, nichts half. Bei der Ankunft waren wir mit den Nerven ziemlich am Ende, Gina saß hechelnd in der Kiste und hatte sich bepinkelt. Ich brachte sie gleich hoch in ihr neues zu Hause, in die Küche, die bisher noch leer und untapeziert war, öffnete ihre Tür und ließ sie erstmal allein. Währenddessen trugen wir die Möbel nach oben und stellten sie erstmal in das bis dahin einzige, fertig tapezierte und gestrichene Zimmer, das Schlafzimmer. Nach einem kleinen Abendessen war der Tag auch schon vorbei, waren wir doch viel zu spät losgefahren und angekommen. Was mein Papa von meinem Freund hielt, ließ er sich nicht anmerken, in solchen Belangen ist er nicht zu lesen.
Gina hatte sich inzwischen hinter den Möbeln im Schlafzimmer verkrochen, dort hatte sich unter meinem Schreibtischstuhl eine kleine Höhle ergeben, in die ich ihr noch die vertraute Wolldecke aus Osnabrück legte. Ich stellte ihr Futter und Katzenklo in Reichweite und verabschiedete mich erstmal von ihr, da wir bei der Mutter meines Freundes schlafen würden. Nur mein Papa würde es sich in der Wohnung auf einer Liege bequem machen müssen.
Am nächsten Morgen berichtete mein Vater uns, dass Gina nachts herumgeschlichen sei, und sich ihr neues zu Hause angesehen habe. Auch ihn auf der Liege hätte sie kurz besucht, ich muss dazu sagen, dass mein Papa eine unglaubliche Ruhe ausstrahlt und solche Menschen mochte die Katze besonders gern.
Und so vergingen die nächsten Tage bei einem unglaublichen heißen Sommer. Tagsüber wurde tapeziert, gestrichen, geputzt und eingerichtet, Gina verblieb dabei in ihrem Versteck, nachts begutachtete sie unsere Arbeit. Obwohl in dieser Zeit mehrmals ihr Klo umpositioniert wurde, war sie seit dem Zeitpunkt unseres Einzugs nie wieder unsauber, was ich als gutes Zeichen wertete.

Nachdem dann langsam Ruhe in die Wohnung kam und alles an seinem Ort und Platz stand, fasste auch die Fellnase wieder mehr Mut und relativ schnell hatte sie ihre Lieblingsecken erkundet und für sich eingenommen.
Ich denke, dass alles in allem der Umzug für sie so stressfrei wie möglich abgelaufen ist, die Zeit der Um- und Eingewöhnung nahm aber nochmal eine ganze Weile in Anspruch.
 
  • Gina, der Wildfang Beitrag #19
Wahrscheinlich hat sie wirklich geglaubt das sie dich auch verliert.

Es ist klasse was du für Gina getan hast
 
  • Gina, der Wildfang Beitrag #20
Ich denke, dass hätte jeder hier im Forum für den kleinen Wildfang getan. :)
Leider haben wohl viele Nachbarn der umliegenden Bauernhöfe und Kleingärten ihre Katzen nicht kastrieren lassen und so kam es öfters vor, dass junge Streuner bei uns auf dem Hof auftauchten. Die meisten fanden dann eine Futterstelle oder sogar einen Besitzer, wurden eingefangen und kastriert oder ins Tierheim gebracht. Kurz vor meiner Abreise ist auch noch ein total knuffiger schwarzer Kater bei uns aufgeschlagen. Viele haben immer zu mir gesagt, was willst du denn mit der alten, garstigen Gina, nimm doch eine von den jungen, lieben Katzen mit. Aber ich hatte meine kleine getigerte Maulbärbel ins Herz geschlossen. :lol:

Teil 8
Gina und ihre Menschen


Mit ihrem Umzug nach Karlsruhe musste Gina sich auf einmal deutlich mehr mit Menschen auseinandersetzen, als sie es jemals zuvor getan hatte. Bisher war sie jedem, dem sie misstraute, so gut es ging aus dem Weg gegangen. Leider gehörte zunächst zu dieser Kategorie Mensch auch mein Freund dazu. Es gibt wohl drei einfache Attribute um ihn kurz zu beschreiben: extrovertiert, charismatisch, laut. Das waren leider meistens auch die Leute, die mit Gina in Osnabrück ihre Späße getrieben hatten und so war sie ihm gegenüber zunächst höchst skeptisch. Ihn belastete das anfangs, er war bisher nur zutrauliche, liebe Familienhunde gewöhnt und mehr als einmal fragte er mich, ob denn alle Katzen so misstrauisch wie Gina wären. Ich versicherte ihm dann immer wieder, dass sie nur Zeit bräuchte. Ich brachte ihm bei, dass der Hunde-Befehlston bei Katzen nichts bringt. Ein dominantes "Gina - Komm her!" rief bei der Fellnase eben nur Ablehnung hervor, vielmehr musste man Madame liebevoll bitten und ihr mit dem Tonfall quasi versprechen, dass man etwas überirdisch Tolles für sie bereit hielt, wenn sie einem den Gefallen tut und herkommt.

Auch mir lief sie nun deutlich öfters über den Weg, und Dinge, die ich ihr in Osnabrück durchgehen ließ, waren nun hier nicht mehr in Ordnung. So durfte sie mich nicht mehr Anfauchen, Kratzen oder Beißen, um ihren Willen durchzusetzen. Eine Erziehung, die sehr viel Geduld und Ausdauer erforderte, war sie es doch ihr halbes Leben lang gewöhnt, so ihren Standpunkt klar zu machen.
Doch je länger sie in der Wohnung blieb, stellte Gina fest, dass ihr hier niemand mehr etwas Böses wollte. Ich ließ oft nachts die Tür des Schlafzimmers geöffnet, und sie kam dann ins Bett und beobachtete meinen Freund ganz genau aus nächster Nähe. Wenn er schlief, war er schließlich nicht gefährlich. Wenn sie sich zrückzog und ihre Ruhe wollte, bekam sie diese und ich wartete geduldig, bis sie wieder von selbst aus ihrem Schneckenhaus gekrochen kam.
In unserem langgezogenen Flur wich sie ihm noch regelmäßig aus, vor allem, wenn er Schuhe trug. Sie schien also auch Angst vor Tritten zu haben, was mich bei ihrer Vorgeschichte auf dem Hof zwar nicht mehr wunderte, aber immer noch unglaublich wütend auf solche Menschen machte.
Auch Besuch war ihr zunächst suspekt und sie zog es vor, sich ins Schlafzimmer zurückzuziehen. Später jedoch freute sie sich regelrecht, wenn jemand vorbei kam, machte dann ihren liebsten Katzenblick mit den großen Augen und wurde dafür oft mit Ausrufen wie "Ach ist die süß!" und natürlich auch Leckerlis belohnt. Gerade meine Schwiegermutter und auch die Oma hatten sie deswegen bald besonders ins Herz geschlossen.

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Ihr typischer "Fütter-mich-ich-bin-ganz-lieb-und-am-Verhungern-Blick"

Gina begann dann immer mehr Aufzutauen, sie nahm an gemeinsamen Fernsehabenden teil, fauchte nicht mehr, wenn man sie einfach so anfasste, wenn ihr eine Berührung doch nicht passte, biss sie nicht mehr zu, sondern nahm nur die Hand ganz zart zwischen ihre Zähne, um zu zeigen, dass es ihr reichte. Überhaupt hatte ich inzwischen den Punkt erreicht, dass ich sie nicht nur am Kopf, sondern auch am Rücken und Bauch streicheln durfte. Gerade am Schwanzansatz zu Kraulen, genoss sie besonders. Sie streckte dann immer den Schwanz und ihren Po in die Höhe, schloss die Augen halb, ihre Schnurrbarthaare zitterten und ihre Vorderpfötchen senkten sich nach unten.
Trotz allem behielt sie sich die Angewohnheit bei, selber zu entscheiden, wann sie gestreichelt werden wollte. Wenn Gina sich gerade etwas anderes in den Kopf gesetzt hatte, lief sie einfach weg oder fauchte kurz. Dann kam immer der Satz von meinem Freund: "Deswegen mag ich keine Katzen, Hunde sind immer für einen da und wollen geschmust werden." Aber ich wusste, dass er insgeheim von ihrem Willen fasziniert war und deswegen unglaublich bemüht, dass Gina ihn auch leiden konnte.

Wenn ich verreiste, da meine Familie ja nun inzwischen über ganz Deutschland verteilt lebte, kam das öfters vor, mussten die beiden sich miteinander auseinandersetzen. Die ersten ein, zwei Tage blieb Madame dann wohl immer etwas mürrisch und zurückgezogen, dann begann sie aber Vertrauen zu fassen und umgarnte meinen Freund, bis sie bekam, was sie wollte. Die abendlichen Streichel- und Schmuserituale musste er nun eben erfüllen, dabei spielte es keine Rolle, ob er gerade beschäftigt war oder nicht. Dreist stellte sie sich einfach auf seinen Schreibtisch vor den Computer und pinselte mit dem Schwanz solange durch sein Gesicht, setzte sich auf Maus und Tastatur, bis er sich endlich mit ihr auseinandersetzte.
Wenn ich dann wiederkam, war er dann zwar wieder nur die Nummer 2 der Lieblingsmenschen von Gina. Aber ich denke, dass meine Reisen die Beziehung zwischen den beiden gestärkt haben. Nun durfte auch er sie immer wieder mal nach Lust und Laune streicheln und schmusen.

Oft kam sie jetzt nachts ins Bett und rieb immer wieder ihren Kopf an meinem Arm, begleitet von lautem Schnurren und egal wie müde ich war oder wie früh ich aufstehen musste, es gab kein Erbarmen, bis ich ihr nicht ein paar Mal durch ihr weiches, dichtes Fell gekrault hatte. Auch wenn ich am nächsten Morgen nach solchen Nächten oft ziemlich gerädert war, zeigten mir diese Momente, dass auch sie inzwischen meine Nähe suchte und wollte.
Auch am Morgen, nach dem Aufstehen, hatten wir dieses Kuschelritual, wenn sie nicht eh schon im Bett lag. Deswegen klingelte mein Wecker immer fünf Minuten eher. Ich hatte mich dann auf die Couch zu setzen, Gina kam auf meinen Schoß und wollte laut schnurrend von oben bis unten durchgestrubbelt werden. Wichtig war hierbei, sie nicht nur zu streicheln und ein bisschen zu kraulen, sondern ihr Fell mit beiden Händen, auch gegen den Strich, durchzukneten, erst dann durfte der Tag für uns beide beginnen.

Die kleine Katzenoma hatte sich also in den fünfeinhalb Jahren, die sie bei mir war, von einer ängstlichen, soziopathsichen zu einer lieben und menschenbezogenen Miez entwickelt und ein bisschen stolz bin ich darauf schon.
 
Thema:

Gina, der Wildfang

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