Ich denke, dass hätte jeder hier im Forum für den kleinen Wildfang getan.

Leider haben wohl viele Nachbarn der umliegenden Bauernhöfe und Kleingärten ihre Katzen nicht kastrieren lassen und so kam es öfters vor, dass junge Streuner bei uns auf dem Hof auftauchten. Die meisten fanden dann eine Futterstelle oder sogar einen Besitzer, wurden eingefangen und kastriert oder ins Tierheim gebracht. Kurz vor meiner Abreise ist auch noch ein total knuffiger schwarzer Kater bei uns aufgeschlagen. Viele haben immer zu mir gesagt, was willst du denn mit der alten, garstigen Gina, nimm doch eine von den jungen, lieben Katzen mit. Aber ich hatte meine kleine getigerte Maulbärbel ins Herz geschlossen. :lol:
Teil 8
Gina und ihre Menschen
Mit ihrem Umzug nach Karlsruhe musste Gina sich auf einmal deutlich mehr mit Menschen auseinandersetzen, als sie es jemals zuvor getan hatte. Bisher war sie jedem, dem sie misstraute, so gut es ging aus dem Weg gegangen. Leider gehörte zunächst zu dieser Kategorie Mensch auch mein Freund dazu. Es gibt wohl drei einfache Attribute um ihn kurz zu beschreiben: extrovertiert, charismatisch, laut. Das waren leider meistens auch die Leute, die mit Gina in Osnabrück ihre Späße getrieben hatten und so war sie ihm gegenüber zunächst höchst skeptisch. Ihn belastete das anfangs, er war bisher nur zutrauliche, liebe Familienhunde gewöhnt und mehr als einmal fragte er mich, ob denn alle Katzen so misstrauisch wie Gina wären. Ich versicherte ihm dann immer wieder, dass sie nur Zeit bräuchte. Ich brachte ihm bei, dass der Hunde-Befehlston bei Katzen nichts bringt. Ein dominantes "Gina - Komm her!" rief bei der Fellnase eben nur Ablehnung hervor, vielmehr musste man Madame liebevoll bitten und ihr mit dem Tonfall quasi versprechen, dass man etwas überirdisch Tolles für sie bereit hielt, wenn sie einem den Gefallen tut und herkommt.
Auch mir lief sie nun deutlich öfters über den Weg, und Dinge, die ich ihr in Osnabrück durchgehen ließ, waren nun hier nicht mehr in Ordnung. So durfte sie mich nicht mehr Anfauchen, Kratzen oder Beißen, um ihren Willen durchzusetzen. Eine Erziehung, die sehr viel Geduld und Ausdauer erforderte, war sie es doch ihr halbes Leben lang gewöhnt, so ihren Standpunkt klar zu machen.
Doch je länger sie in der Wohnung blieb, stellte Gina fest, dass ihr hier niemand mehr etwas Böses wollte. Ich ließ oft nachts die Tür des Schlafzimmers geöffnet, und sie kam dann ins Bett und beobachtete meinen Freund ganz genau aus nächster Nähe. Wenn er schlief, war er schließlich nicht gefährlich. Wenn sie sich zrückzog und ihre Ruhe wollte, bekam sie diese und ich wartete geduldig, bis sie wieder von selbst aus ihrem Schneckenhaus gekrochen kam.
In unserem langgezogenen Flur wich sie ihm noch regelmäßig aus, vor allem, wenn er Schuhe trug. Sie schien also auch Angst vor Tritten zu haben, was mich bei ihrer Vorgeschichte auf dem Hof zwar nicht mehr wunderte, aber immer noch unglaublich wütend auf solche Menschen machte.
Auch Besuch war ihr zunächst suspekt und sie zog es vor, sich ins Schlafzimmer zurückzuziehen. Später jedoch freute sie sich regelrecht, wenn jemand vorbei kam, machte dann ihren liebsten Katzenblick mit den großen Augen und wurde dafür oft mit Ausrufen wie "Ach ist die süß!" und natürlich auch Leckerlis belohnt. Gerade meine Schwiegermutter und auch die Oma hatten sie deswegen bald besonders ins Herz geschlossen.
Ihr typischer "Fütter-mich-ich-bin-ganz-lieb-und-am-Verhungern-Blick"
Gina begann dann immer mehr Aufzutauen, sie nahm an gemeinsamen Fernsehabenden teil, fauchte nicht mehr, wenn man sie einfach so anfasste, wenn ihr eine Berührung doch nicht passte, biss sie nicht mehr zu, sondern nahm nur die Hand ganz zart zwischen ihre Zähne, um zu zeigen, dass es ihr reichte. Überhaupt hatte ich inzwischen den Punkt erreicht, dass ich sie nicht nur am Kopf, sondern auch am Rücken und Bauch streicheln durfte. Gerade am Schwanzansatz zu Kraulen, genoss sie besonders. Sie streckte dann immer den Schwanz und ihren Po in die Höhe, schloss die Augen halb, ihre Schnurrbarthaare zitterten und ihre Vorderpfötchen senkten sich nach unten.
Trotz allem behielt sie sich die Angewohnheit bei, selber zu entscheiden, wann sie gestreichelt werden wollte. Wenn Gina sich gerade etwas anderes in den Kopf gesetzt hatte, lief sie einfach weg oder fauchte kurz. Dann kam immer der Satz von meinem Freund: "Deswegen mag ich keine Katzen, Hunde sind immer für einen da und wollen geschmust werden." Aber ich wusste, dass er insgeheim von ihrem Willen fasziniert war und deswegen unglaublich bemüht, dass Gina ihn auch leiden konnte.
Wenn ich verreiste, da meine Familie ja nun inzwischen über ganz Deutschland verteilt lebte, kam das öfters vor, mussten die beiden sich miteinander auseinandersetzen. Die ersten ein, zwei Tage blieb Madame dann wohl immer etwas mürrisch und zurückgezogen, dann begann sie aber Vertrauen zu fassen und umgarnte meinen Freund, bis sie bekam, was sie wollte. Die abendlichen Streichel- und Schmuserituale musste er nun eben erfüllen, dabei spielte es keine Rolle, ob er gerade beschäftigt war oder nicht. Dreist stellte sie sich einfach auf seinen Schreibtisch vor den Computer und pinselte mit dem Schwanz solange durch sein Gesicht, setzte sich auf Maus und Tastatur, bis er sich endlich mit ihr auseinandersetzte.
Wenn ich dann wiederkam, war er dann zwar wieder nur die Nummer 2 der Lieblingsmenschen von Gina. Aber ich denke, dass meine Reisen die Beziehung zwischen den beiden gestärkt haben. Nun durfte auch er sie immer wieder mal nach Lust und Laune streicheln und schmusen.
Oft kam sie jetzt nachts ins Bett und rieb immer wieder ihren Kopf an meinem Arm, begleitet von lautem Schnurren und egal wie müde ich war oder wie früh ich aufstehen musste, es gab kein Erbarmen, bis ich ihr nicht ein paar Mal durch ihr weiches, dichtes Fell gekrault hatte. Auch wenn ich am nächsten Morgen nach solchen Nächten oft ziemlich gerädert war, zeigten mir diese Momente, dass auch sie inzwischen meine Nähe suchte und wollte.
Auch am Morgen, nach dem Aufstehen, hatten wir dieses Kuschelritual, wenn sie nicht eh schon im Bett lag. Deswegen klingelte mein Wecker immer fünf Minuten eher. Ich hatte mich dann auf die Couch zu setzen, Gina kam auf meinen Schoß und wollte laut schnurrend von oben bis unten durchgestrubbelt werden. Wichtig war hierbei, sie nicht nur zu streicheln und ein bisschen zu kraulen, sondern ihr Fell mit beiden Händen, auch gegen den Strich, durchzukneten, erst dann durfte der Tag für uns beide beginnen.
Die kleine Katzenoma hatte sich also in den fünfeinhalb Jahren, die sie bei mir war, von einer ängstlichen, soziopathsichen zu einer lieben und menschenbezogenen Miez entwickelt und ein bisschen stolz bin ich darauf schon.