Teil 15 - Gina wird eine Sternenkatze
Nun kommt schließlich der Teil, vor dem ich mich jetzt wahnsinnig lange gedrückt habe, der aber genauso zu Ginas Geschichte gehört, wie alle voran gegangenen...
Es fing alles an mit einem leisen Husten. Es war Anfang März und Gina wartete ungeduldig auf die ersten warmen Tage, um ihren geliebten Platz auf dem Balkon wieder in Besitz zu nehmen, doch es sollte noch eine Weile regnerisch und kalt bleiben.
Inzwischen machte sich das Alter etwas bei unserer Katzendame bemerkbar. Sie schlief mehr, nach Futter rennen war auch nicht mehr so oft drin, wenn sie ihre Leckerlis abends in der Wohnung suchen sollte, musste ich ihr das Licht anmachen, damit sie sie fand. Alles in allem war sie aber noch in einem guten Zustand, das Fell glänzte seidig und war weich, der Blick wach und ihr Appetit unverändert.
Dem Husten folgte dann eine allgemeine Schlappheit, sie kam kaum noch aus dem Bett und ich begann allmählich mir Sorgen zu machen. Als über das Wochenende ihr Futter sogar stehen blieb, wurde für Dienstag ein Tierarzttermin vereinbart. Inzwischen hatte die Sorge um sie einen riesigen Knäuel in meinem Bauch gebildet, so fühlte es sich zumindest an, bis dato war meine Miez ja noch nie ernsthaft krank gewesen.
Am Tag des Tierarzttermins lag sie morgens wie so oft neben mir im Bett und schnurrte, meine Hand lag neben ihr und ich versicherte ihr nochmal, dass ich alles tun werde, damit sie wieder gesund wird und erzählte ihr, wie sehr ich sie liebte. Da legte meine getigerte Katzenoma ihre Pfote auf meine Hand und blinzelte mir zu, sie wusste, dass sie mir vertrauen konnte. Das ist ein Moment, in dem wir so tief verbunden waren und den ich niemals vergessen werde...
Beim Tierarzt dann der Schock. Beim Röntgenbild wurde festgestellt, dass ihre Lunge an den Stellen, wo sie eigentlich dunkel bis schwarz sein sollte, fast weiß war, dass heißt, sie hatte kaum noch eine Möglichkeit Luft zu holen und wäre uns wohl in den nächsten Tagen erstickt. Es erschreckte mich, wie gut meine Katze ihr Elend versteckt hatte, bis auf das Husten und die Schlappheit hatte ich davon nichts gemerkt... Die Tierklinik riet uns, Gina über Nacht dazulassen, da sie und ihre Atmung dort rund um die Uhr überwacht werden konnte. Ich streichelte meiner Katze nur kurz über den Kopf und verließ dann rasch den Raum, ich wusste, wenn ich den Abschied herauszögern würde, wäre das für sie und für mich nur noch schlimmer.
Wie ich den Abend und die Nacht verbracht habe, brauche ich wohl nicht näher beschreiben, jeder Katzenliebhaber kann sich dieses Elend wohl vorstellen, wenn man in so einer Situation von seinem Liebling getrennt wird.
Am nächsten Tag durften wir unsere Gina dann wieder abholen. Sie begrüßte mich mit einem Quietschen und machte sonst einen ganz aufgeweckten Eindruck. Wir bekamen Medikamente mit nach Hause, die wir ihr zweimal täglich verabreichen sollten, die Tierärztin versicherte uns, dass das in der Klinik ohne Probleme funktioniert hatte.
Aber Klinik ist Klinik und zu Hause ist zu Hause und hier führte sich Gina eben auf wie die Königin. Das Tabletten-Verabreichen wurde zu einem regelrechten Kampf, aus dem Essen sortierte sie sie aus, in Milch auflösen scheiterte daran, dass die Tabletten furchtbar bitter waren, und in Fleisch verstecken funktionierte erst recht gut, aber beim zweiten Stück am Nachmittag wurde sie misstrauisch, das Fleisch wurde genaustens mit den Zähnen untersucht, und die Tablette beim Kauen aussortiert. Verzweifelt ließen wir uns in der Klinik einen Tabletten-Verabreicher geben, so ein monströses Ding, das wie eine riesige Spritze aussah und hiermit war es dann endlich möglich, Gina ihre Medikamente zu verabreichen.
Nun nahm die Tigerdame also ihre Medikamente regelmäßig, doch schien sie sie nicht zu vertragen und begann sich zu übergeben und ihr Futter komplett zu meiden. Bei einer Nachkontrolle stellte die Tierärztin fest, dass Gina heftig an Gewicht verlor und auch das Röntgenbild verhieß nichts Gutes. Die Lungenentzündung schien zurück zu gehen, doch eine weiße Struktur, die auf dem Bild wie ein Ball aussah, hielt sich hartnäckig, die Vermutung eines Lungentumors stand im Raum. Daraufhin schienen auch die kleinen Pigmentflecken in ihren Augen hinzuweisen, denen ich bisher nie richtig Beachtung geschenkt hatte. Sie waren irgendwann im Herbst aufgetaucht und ich hatte sie immer als Zeichen des fortgeschrittenen Alters meiner Katze gesehen. Wie betäubt ging es wieder nach Hause, immer wieder sagte ich Gina, dass alles gut werden wird, dass wir das durchstehen und eben die Zeit zusammen genießen, die wir beide noch haben, dass sie gesund werden würde, wenn sie nur endlich wieder etwas essen würde...
Ich versuchte es mit Thunfisch, gekochtem Hühnchen, verschiedenen Futtersorten, erwärmt und normal temperiert. Immer wieder schien sie Interesse zu haben, ging zum Napf, roch daran und zog dann wieder ab. Natürlich versuchte ich es auch mit Zwang, spritzte ihr immer wieder etwas ins Mäulchen, doch auch dann erbrach sie sich kurze Zeit danach. Auch der Magenschutz vom Tierarzt schien daran nichts zu ändern.
Katze wieder eingepackt und ab zum Tierarzt. Hier wurde sie nochmal von oben bis unten durchgecheckt, doch so weit war alles in Ordnung. Blutbild einigermaßen normal, nur die Leberwerte im Keller, durch ihr langes Fasten, Zähne in Ordnung, Schleimhäute normal, nichts, was auf irgendeine Erkrankung hinwies. Die Tierärztin, zu der wir inzwischen durch unsere vielen Besuche ein vertrautes Verhältnis aufgebaut hatten, schlug ein Ultraschallbild vor, um noch einmal sicher zu gehen, dass alle Organe in Ordnung sind. Auch den ließ Gina über sich ergehen. Ich hielt dabei ihr Köpfchen fest und sie vertraute mir, sodass sie zwischendurch sogar entspannt die Augen schließen konnte. Ich hielt natürlich den Atem an und schaute auf den Bildschirm, doch auch hier gab es Entwarnung, keine Veränderungen an den Organen. Sie bekam nochmal etwas zur Beruhigung der Schleimhäute. Wir versprachen, es weiter zu versuchen, sodass Gina wenigstens ein bisschen Nahrung aufnahm, ansonsten würden wir in den nächsten Tagen wieder vorbeikommen.
Doch es war einfach eine unmögliche Aufgabe. Inzwischen pürierte ich ihr das Essen, da es dann für sie leichter zu sein schien, doch selbst dann, wenn sie nur ein paar Bissen aufgeschleckt hatte, schien ihr sofort speiübel zu werden und sie erbrach sich. Es war wirklich ein Elend mit anzusehen, wie sie immer einigermaßen motiviert zum Napf lief, um sich dann gleich danach wieder übergeben zu müssen. Dann verzog sie sich meist ins Schlafzimmer und verschlief die nächsten Stunden auf der Bettseite meines Freundes, ihr neuer Lieblingsplatz.
Inwzischen konnte ich auch nicht mehr richtig essen und schlafen, meine ganzen Gedanken kreisten nur noch um Gina. Wenn ich jedoch um sie weinte, drehte Gina mir demonstrativ den Rücken zu, sie wollte wohl nicht, dass ich wegen ihr traurig war. Sonst hatte sie mich immer mit einem Schnurren getröstet, doch die Trauer um ihre eigene Person verbot sie. Hinzu kam, dass sie in den letzten Tagen einen unbändigen Drang entwickelte, nach draußen zu gehen. Sie stand regelmäßig und ausdauernd vor der Tür. Oft öffnete ich sie ihr dann und sie rannte los Richtung Hofausgang, nur um dann festzustellen, dass dieser verschlossen blieb. Ich konnte und wollte sie einfach nicht mit einer abklingenden Lungenentzündung nach draußen lassen. Außerdem befürchtete ich, dass sie zum Sterben nach draußen wollte, der Trubel schien ihr zu viel zu werden, sie zog sich immer mehr zurück und irgendein Gefühl sagte mir, dass wenn ich sie jetzt raus lassen würde, würde ich sie nie wieder sehen.
Nachdem das mit der Nahrungsaufnahme nicht funktionierte, mussten wir sie Wohl oder Übel wieder zum Tierarzt bringen. Hier sollte sie die nächsten Tage bleiben und über eine Nasensonde zwangsernährt werden. Wieder hieß es Abschied nehmen, von meiner inzwischen ganz knochigen Katze. Die Tierärztin berichtete mir dann telefonisch am Abend, dass Gina sich vehement die Sonde aus der Nase ziehen würde, sie fütterten sie also mit einer kleinen Spritze und über Infusionen. Wir hielten die nächsten 3 Tage telefonisch Kontakt, mir wurde berichtet, dass meine kleine Katzendame ungemein gestresst von der Situation mit den fremden Tieren und Menschen sei und nur nachts aktiv werden würde, ansonsten zog sie sich in die hinterste Ecke ihrer Box zurück. Immer wieder schien sie wohl auch von selbst zu fressen, was ich als ein gutes Zeichen wertete und ich versprach, sie am nächsten Morgen wieder abzuholen.
Auch die Tierärzte schienen sich ihre Essenverweigerung nicht erklären zu können, machte sie sonst doch einen recht fitten Eindruck. In der nächsten Woche vereinbarten wir einen letzten Termin, bei dem nochmals mit Hilfe einer Endoskopie ihr Hals und Magen durchgecheckt werden sollten, ein letzter, verzweifelter Versuch, da mir inzwischen die finanziellen Mittel knapp wurden und sowohl Gina als auch ich körperlich und seelisch am Ende waren. Doch auch bei der Endoskopie war nichts zu finden, alles schien in Ordnung zu sein. Mit den Nachwirkungen der Narkose hatte meine Miez dieses Mal ziemlich zu kämpfen, sie torkelte lange wie betrunken durch die Wohnung. Es war inzwischen das Osterwochenende herangerückt, Gina hatte etwa 1,5 kg durch ihre Erkrankung abgenommen und war nur noch Haut und Knochen. Ich fragte mich, ob ich den richtigen Weg gegangen war, hatte ich wirklich alles versucht? Ich ließ ihr lange Schlafphasen, in denen sie sich erholen konnte, dazwischen bot ich ihr immer Essensbrei an, von dem sie ab und zu tapfer etwas aufschleckte, sich aber genauso häufig erbrach.
In der Nacht von Ostersonntag auf Ostermontag kam dann auf einmal Bewegung in die Katze. Ich hatte ihr ein Eiersoufflée-Katzenfutter angeboten, und schon allein bei dem Geruch sprang sie auf und schnurrte. Sie kam zu mir und schleckte den ganzen Teller leer, bettelte nach mehr. Später kam zwar dann wieder ein kleiner Rückschlag, sie hatte wieder etwas erbrochen, aber dieses Mal mehr Schleim als Essen, der Großteil schien also erstmal im Magen geblieben zu sein.
Ich richtete ihr noch eine Portion für die Nacht und ging das erste Mal seit einem Monat wieder etwas entspannt ins Bett. In der Nacht quietschte es vor der Tür, ich schaute nach Gina und siehe da, sie hatte ihre ganze Portion verdrückt, eine zweite aß sie auch komplett auf, ich weckte meinen Freund und wir umarmten uns voller Glück, Gina durfte natürlich mit ins Bett, wo sie sich an meiner Seite zu einer kleinen schnurrenden Kugel rollte. Jetzt würde endlich alles wieder gut werden...
Am Ostermontag waren wir zum Essen eingeladen, und da Gina wohl auf dem Weg der Besserung war und ich alle Einladungen in den letzten Tagen ausgeschlagen hatte, konnte ich schlecht Nein sagen. Ich ging unter die Dusche und kümmerte mich das erste Mal seit Wochen wieder nur um mich selbst. Als ich mich im Schlafzimmer anziehen wollte, lag Gina noch auf dem Bett, ich streichelte sie kurz und wunderte mich, dass sie nicht schnurrte, kurz darauf verzog sie sich unter dem Bett. Ich nannte sie ein Dummerchen und vermutete, dass sie Angst vor einem weiteren Tierarzttermin hatte. Als ich schließlich fast abfahrbereit war und mir meine Schuhe anzog, kam sie unter dem Bett vor, erst das Köpfchen, dann der Rücken, und dann die Hinterbeine... und dann dieser Anblick, den ich nie vergessen werde, das rechte Beinchen hing in einem komischen Winkel wie ein Fremdkörper an ihr dran, das linke konnte sie nur noch schlecht bewegen.
Auf dem Teppich machte sie erstmal eine Pause, auch sie schien ganz verwirrt zu sein, was da mit ihr geschah.
Immer wieder fragte ich meinen Freund mit schriller Stimme, was denn mit Gina sei, er versuchte mich zu beruhigen und meinte, dass sie sich vielleicht nur vertreten habe... Er fasste an ihr Beinchen und verschwieg mir, dass es zu diesem Zeitpunkt schon eiskalt war. Ich rief natürlich sofort bei der Tierklinik an und wir wurden gebeten, uns sofort auf den Weg zu machen.
Im Auto saß Gina ganz still in ihrer Kiste und schaute in den Himmel, sie schien sich bewusst zu sein, dass sie ihn das letzte Mal sah.
Der Tierarzt prüfte Gina auf irgendwelche Reflexe in den Beinen, doch da war nichts mehr vorhanden, inzwischen fauchte sie in regelmäßigen Abständen, die Thrombose schien ihr Schmerzen zu bereiten. Uns wurde klar gemacht, dass es nun an der Zeit sei, eine Entscheidung zu treffen, und dass es ihm unmöglich sei, in Ginas Zustand noch irgendetwas für sie zu tun. Man gab uns Zeit, uns von ihr zu verabschieden, meine arme Miez zitterte inzwischen am ganzen Körper, was mit ihren Beinchen los war, schien ihr genauso Angst zu machen, wie mir.
Ich beruhigte sie, sagte ihr, was für eine tolle Katze sie gewesen sei, wie sehr ich sie liebte, und dass sie dort, wo sie hingehen würde, bitte auf mich warten sollte... Mein Freund rief dann den Tierarzt, ich hatte Gina auf meinem Schoß, und er verabreichte ihr die Spritze. Als das Mittel wirkte, bäumte sie sich nochmal auf, blickte mir ungläubig in die Augen, wie als würde es sie überraschen, dass jetzt alles vorbei sein sollte, dann rollte sie sich in ihrer Schlafposition zusammen und schlief für immer ein...
Draußen begannen die Osterglocken zu läuten und ich streichelte und küsste sie so lange, bis ihr Körper kalt wurde.
Der Tierarzt bestätigte noch einmal ihren Tod und ließ uns ein letztes Mal Abschied nehmen. Es fiel mir so schwer, sie dort auf dem kalten Stahltisch liegen zu lassen, fast sah es aus, als würde sie nur schlafen und ich konnte mein Katzenkind doch nicht dort einfach alleine lassen...
Zu Hause räumten wir sofort alle Dinge, die mit ihr zu tun hatten, weg, das war mein Wunsch gewesen und mein Freund half mir in aller Stille dabei. Gina sollte außerdem verbrannt und auf einem Feld verstreut werden...
Und jetzt sitze ich hier, die Tränen laufen mir über das Gesicht, ich denke jeden Tag an die Katze, die mir so viel gegeben hat und die mir so viel bedeutete. Oft habe ich mir in den letzten Monaten den Vorwurf gemacht, vielleicht etwas falsch entschieden zu haben oder doch nicht alles getan zu haben. Wahrscheinlich war es aber einfach dieser beschissene Krebs, der am Ende meine tapfere Katze besiegt hat.
Sie fehlt mir jeden Tag und oft sehe ich sie noch vor mir, wenn ich in das Schlafzimmer gehe, wie sie dort wie ein kleines pelziges Croissant zusammengerollt auf dem Bett zusammengerollt lag, oder wie sie jeden Abend mit mir zusammen in der Küche gekocht hat.
Ich danke dir Gina, für die 5 Jahre, die du mit mir zusammen gegangen bist, und verzeih mir die kleinen Fehler, die ich gemacht habe. Ich werde dich niemals vergessen und warte bitte da auf mich, wo du jetzt bist, auf dass wir dann wieder zusammen sein können.
- Ende -