Das Leben mit scheuen Notfellchen

  • Autor des Themas Stulle
  • Erstellungsdatum
Katzenfrau

Katzenfrau

Beiträge
1.344
Reaktionen
2
Ich glaube auch, dass ein Unterschied zwischen "scheu" und "ängstlich" besteht. Scheu sind für mich die "wilden" Katzen draußen, die nie Menschenkontakt hatten und diesen auch nicht wollen.

Ich habe
ja einen Angstkater aus dem Tierheim. Ich zitiere mich aus dem Thread "Akuter Angsthase" mal selbst:

... Micki hatte damals wirklich vor allem Angst, am meisten vor Männern. Er ließ sich anfangs nur von mir streicheln und das auch nur ein bisschen mit den Fingerspitzen auf dem Kopf.

Die ersten zwei Wochen hat er nur unterm Tisch, versteckt hinter der Tischdecke, auf einem Stuhl gelebt. Auf diesen Stuhl hab ich ihm auch sein Futter stellen müssen, denn er kam nicht raus. Nachts, wenn alle schliefen, hat er dann klammheimlich seine Geschäfte erledigt.

Ganz langsam - jeden Tag ein kleines Stück - hat er die Wohnung für sich erobert. Ganz viel geholfen hat ihm unser Pünkti, ein super sozialer, lieber Kater, von dem er sich ganz viel abgeguckt hat.

Es hat z. B. drei Jahre gedauert, bis er zum ersten Mal zu mir auf die Couch kam.

Über jeden kleinen Fortschritt bin ich immer sehr stolz. Ich freue mich jedes Mal wieder, denn es zeigt mir, dass er uns vertraut. Nie hätte ich damals gedacht, dass er eines Tages ankommt und mich heftig mit seinem Köpfchen anstupst, weil er gestreichelt und geknuddelt werden will :-D
Und heute ist dieser kleine Kerl ein richtiger Rabauke. Ihr müsstet mal hören, wie laut schreiend er miaut, wenn er etwas will. Ich bin sehr stolz auf ihn und superglücklich, wenn er völlig entspannt neben mir auf dem Sofa liegt und schläft :oops:

Er hat zwar seine Angst überwunden, ist aber immer noch sehr vorsichtig Leuten gegenüber, die nicht hier wohnen. Ich denke, wenn er richtig scheu gewesen wäre, hätten wir nie so viel zusammen erreicht.
 
I

Igelfisch

Gast
Ich denke, dass zwischen "grundsätzlich menschenscheu" und "situationsbedingt scheu" ein weites Feld liegt. Taskali hat das sehr gut beschrieben.

Wir dürfen, glaube ich, eines nicht vergessen: Katzen, die wir in unsere Obhut bringen (oder gebracht haben) und für die wir damit verantwortlich sind, werden nicht gefragt, ob sie das genauso sehen. Wir können sie nicht danach fragen und sie können uns nicht sagen, ob sie ihr Leben lieber als verwöhnter Couchpotato oder als völlig freier Streuner verbringen wollen. Also sind wir es, die über ihr Leben entscheiden und nicht jede dieser Entscheidungen ist gut für beide Seiten, weil wir Zweibeiner uns oft nur sehr schwer von unseren eigenen Vorstellungen trennen können.

Wenn eine Scheumieze nach gewisser Zeit zutraulich wird oder gar zur Schmusebacke mutiert, dann ist das zweifellos ein großer Gewinn für alle. Wenn dies aber trotz unermüdlicher Geduld nicht eintritt, dann müssen wir uns auch kritische Fragen stellen dürfen. Zum Beispiel die, ob z. B. eine reine Wohnungskatze, die den Kontakt mit ihren Menschen konsequent verweigert, an einem guten Platz mit Freigang nicht besser aufgehoben wäre. Oder ähnliche Überlegungen.

Nein, das ist keine Empfehlung aufzugeben, wenn die Mieze nicht nach angemessener Zeit ihre Scheu verliert, aber vielleicht ein Denkanstoß. Praktisch jeder will eine schnurrende Schmusekatze, aber nicht jede Katze will ihr Leben dauerhaft mit Menschen verbringen, egal wie sicher und nahrhaft das auch sein mag. Sie sind nun mal Individualisten.
 
BibiKatze

BibiKatze

Beiträge
231
Reaktionen
7
Eure Geschichten sind so schön zu lesen! Was ihr für Vorschritte macht, ist so schön und macht einfach Mut!
Wie wunderbar es sein kann, wenn man nur viel Herz und Geduld beweist und sich auf die Katze einlässt. Diese lässt sich dann nämlich auch mit viel Herz auf einen selber ein. Und das ist doch das größte Geschenk!

Ich selber hatte noch nie eine so scheue Katze. Dennoch auch so Problemchen, wo ich einfach Geduld haben musste, oder eben akzeptieren musste, dass es nicht so geht und die Katzen anders viel glücklicher sind, als wenn ich sie irgendwo hineindrängen möchte.

Und mittlerweile denke ich auch so wie es bspw. Igelfisch geschrieben hat, auch Katzen sind Individuen. Und eine Katze, die eben einen großen Freiheitsdrang hat und gerne rauft und rennt und extrem agil ist, kann und sollte man nicht zu einer in der Wohnung lebenden Schmusekatze machen.
Mir würde es auch nicht gefallen mit Kindern arbeiten zu müssen, nur weil andere sagen, dass ist das beste, wenn ich doch mit Kindern nicht so gut kann und viel Lieber im Büro arbeiten möchte. Nur als Beispiel.
 
Stulle

Stulle

Beiträge
49.476
Reaktionen
254
Da ich grad hier bin, zitiere ich mich auch hier nochmal:

Ich durfte Bacon zum ersten Mal am Bauch, sogar das erste Mal überhaupt wo anders als am Kopf anfassen. Nach 9 Jahren. Und ich bin SO unfassbar glücklich darüber, dass ich grad heule wie ein Kind. Das ist einfach zu schön um wahr zu sein, ich kann das gar nicht glauben!



https://www.youtube.com/watch?v=ppqo7F5H_Uc&t=7s

Oh man, ich zittere am ganzen Körper und die Tränen laufen nur so. Ich habe damit einfach nicht gerechnet und gedacht, dass wir es nie so weit bringen würden.


Ich würd mal sagen: läuft bei uns :cool:
 
Crazy.Minka

Crazy.Minka

Beiträge
5.261
Reaktionen
25
Ich hole das ganze nochmal hoch (bzw. nicht, ist ja angepinnt ^^).

Bei mir leben zwei, in einem Fall ehemalige, Scheuchen.

Die erste war Motzi, meine erste Katze überhaupt.
EECA99DD-B6E7-4C54-A9B2-FD083EB8D3A5.jpeg
Motzi war ein schwer krankes Findelkind. Angefahren, Katzenschnupfen so schlimm, dass sie die Augen nicht mehr öffnen konnte und die Nase so verrotzt, dass sie nur noch durch das Maul atmen konnte.
Ihr schlimmer Zustand mit den notwendigen tierärztlichen Behandlungen warfen uns über Monate hinweg immer wieder zurück. Sie lebte unter meinem Bett und unter dem Schreibtisch, pullerte meinen Kleiderschrank voll und zerkratzte einer TFA den Arm so stark, dass sie genäht werden musste.
An dem Tag an dem sie sich, während ich auf dem Bett saß und las, das erste mal auf das Bett traute und zu meinen Füßen hinlegte, hab ich vor Freude geheult.

Motzi war der klassische Fall der Menschen schlicht nicht kannte. Auf einem Bauerhof bis auf Futter sich selbst überlassen, hatte sie zwar keine Erfahrungen mit Menschen gemacht, aber dafür auch keine schlechten. Sie war zum Zeitpunkt des auffindens ca. 6 Monate alt, bis zum absoluten Durchbruch vergingen ca. 5 Monate. Dann waren wir beste Freundinnen und sind es bis heute auch geblieben. Motzi ist mittlerweile mit ihren 9 Jahren die Schmusekatze vor dem Herrn. Bei jedem, auch bei fremden Besuchern.

Die zweite ist meine Naneferkheptdahidud. Kurz „Nane“.
62E620EA-B6C8-4FF9-8B90-B42F61873787.jpeg
Nane lief uns im August 2016 zu, kurz nachdem Shari eingeschläfert wurde. Wie lange sie schon bei ihr mitfraß kann ich nicht sagen, Shari selbst war auch sehr scheu (zu dem Zeitpunkt aber schon 19, ich hatte sie mit 17 nach dem Tod ihres Frauchens „übernommen“) und die beiden gleichten sich bis aufs Haar.
Nane hielt 5 Meter minimum Sicherheitsabstand, war aber völlig ausgehungert und bis auf die Knochen abgemagert. Wir mussten ihr helfen.

9 Monate lang setzte ich mich jeden Abend auf die Terasse, stellte ihr Futter hin und war einfach nur da. Irgendwann wurde ich angeköpfelt.
Da die untergejubelten Wurmtabletten auch nichts zur Gewichtszunahme beitragen konnten, nahm ich nach einem Jahr meinen Mut zusammen, packte in einem unerwarteten Moment die Katze, tupperte sie ein und nahm sie mit zur Arbeit. Es war der Horror. Drei Menschen fixierten die damals 2,6 Kilo Katze, damit ein vierter Blut zapfen konnte. Ich war mir sicher, dass ich sie nie wieder sehen würde.
Aber Nane blieb, wurde weiter etwas zutraulicher und nahm ihre Medikamente. Auch beim Tierarzt wurde sie zahmer. Trotz Panik kann ich sie mittlerweile alleine fixieren und wir können Venenzugänge legen, Blut zapfen, röntgen. Sie ist wohl weit über 10 Jahre alt und in ihrem Fall bin ich mir sicher, dass sie eben schon negative Erfahrungen mit Menschen machen musste.
Nane lebte bis Januar diesen Jahres ausschließlich draußen.
Als wir dann umgezogen sind und sie nur noch drinnen sein durfte, besserte sich das ganze mehr als deutlich. Leider bekamen wir nun auch noch die Diagnose Asthma und Nane ist zudem beinahe taub. Sie wird wohl also im neuen Heim eine reine Hauskatze werden.
Anfassen kann ich sie bis heute nur, wenn sie es einffordert. Dafür seit neuestem sogar mein Freund. Ich darf bis heute nicht an ihr vorbei gehen, nicht auf sie zugehen. Dafür durfte ich bis zum heutigen Tag zwei mal vom Sofa aufstehen, ohne das sie panisch weggesprungen ist. Es wird.

Ich liebe meine kleine, schissige Oma und hoffe, dass wir uns noch weiter zusammenraufen können.
 
Sunny59

Sunny59

Beiträge
331
Reaktionen
25
Das hast du aber toll geschrieben👌.
Da ich seit knapp 2 Wochen, 2 etwas scheuer und ängstliche Katzen habe, ich muß mich langsam bewegen, sonst sausen sie gleich erschrocken weg, hat es mir sehr viel mut gemacht, das wir es schaffen. Mittlerweile gehen sie schon aneinander vorbei, ohne zu fauchen und wegzurennen. Zwar nicht immer, aber immer öfter.
Danke für den tollen Beitrag.
 
Crazy.Minka

Crazy.Minka

Beiträge
5.261
Reaktionen
25
Lasst euch Zeit, lies ihnen vor und sei einfach anwesend. Ihr schafft das! 😊
 
S

susari

Beiträge
2
Reaktionen
1
hallo ihr lieben,ich habe auch eine wahre geschichte. seit 5 jahren lebt eine wilde katze in unserer gärtnerei,wild geboren.diese gärtnerei ist eingezäunt,also hundesicher.seit einem jahr zwinker ich ihr zu.seitdem liess sie mich auf 5m näher kommen. diesen sommer steht diese kleine katze schreiend vor mir.klein und abgemagert,bzw. so dünn wie es nur wilde sind.also füttere ich sie, hab sie eingefangen zum kastrieren,und hier wieder freigelasssen. sie gibt mittlerweile das köpfchen,freut sich wenn ich komme .anfassen darf ich sie nicht, sie schlägt mit krallen nach meiner hand .ich schau mal, was noch kommt
 
Tinaho

Tinaho

Beiträge
26.822
Reaktionen
3.945
Eine schöne Geschichte.
Danke das du dich um die Kleine gekümmert hast.
 
K

Katzimoys

Beiträge
14
Reaktionen
2
Ich habe Tränen in den Augen. Danke, dass du ihr das gibst <3 Das ist ganz ganz groß!
 
Vitellia

Vitellia

Beiträge
2.697
Reaktionen
1.060
Das sind wirklich sehr bewegende Geschichten, danke fürs Hochholen des Threads. :)

Unsere beiden kommen ja auch von der Straße (wurden unabhängig voneinander schwer verletzt in Spanien aufgefunden), aber sie waren in dem Sinne keine "Scheuchen" mehr, als sie zu uns kamen. Da hatte die Pflegestelle, auf der sie knapp 3 Jahre gelebt haben, schon sehr gute Arbeit geleistet. Sonst wäre die Eingewöhnung hier sicher nicht so rasant verlaufen wie sie verlaufen ist. Wobei bei Fienchen sicher positiv hinzu kam, dass sie den Stress mit einem der Jungkater los war, der sie drangsaliert hat.

Bei Willy merkt man mittlerweile gar nichts mehr von Straßenkater, er war wohl aber auch recht jung, als er gefunden wurde (ca. 1/2 Jahr); bei Fienchen kommt es manchmal noch etwas durch. Da merkt man besonders Besuchern gegenüber noch mehr Distanz. Während Willy erst auch vorsichtig ist, wenn er aber erstmal gemerkt hat, dass da noch ein Paar streichelnder Hände ist - super! ;)

Trotzdem - anfangs war Willy, auch wenn er sich schon vorsichtig anfassen ließ, sehr ängstlich, schlich nur tiefergelegt durchs Haus, versteckte sich, sobald man auf ihn zukam oder saß oben auf dem Safe-Place der beiden und hat alles mit großen Angstaugen beobachtet. Fienchen wirkte allgemein etwas souveräner, aber auch eigenständiger und hochheben etwa aber mag sie bis heute nicht. Aber sie sucht mittlerweile unsere Nähe, kommt mit auf die Couch oder besucht mich im Arbeitszimmer und hat auch fix gelernt, die Menschen für ihre Belange einzuspannen. ;)
Und Willy - der ist mittlerweile ein Schmusekater vor dem Herrn, immer noch skeptisch bei Unbekanntem, aber ansonsten ein durch und durch positives und freundliches Katertier, das mir oft freudig entgegen gelaufen kommt, wenn es mich sieht. :love: Fehlt nur noch, dass er mit dem Schwanz wedelt. :D

Und wenn ich das mit den Bildern des verängstigten Katerchens von früher vergleiche, geht mir einfach das Herz auf, ebenso wie es mich freut, dass Fienchen es mittlerweile duldet, dass man ihr etwas länger die Hände an die Flanken legt, und sie nicht gleich wieder weg wuselt.

Daher - auch wenn ich selbst keine Erfahrung mit "richtigen" Scheuchen habe, ich kann schon verstehen, dass man sein Herz an sie verlieren kann und dass sie einem unheimlich viel geben können. :)
 
Daytonafreak

Daytonafreak

Beiträge
350
Reaktionen
249
20190225_141428.jpg
Hier passen meine 2 Ex-Streuner auch rein. Gizmo links im Bild tauchte um den Jahreswechsel 2016/17 im Garten auf. 2 Monate sofortiges Flüchten, sobald er mich sah. Nach 6 Monaten durfte ich dann aus 2m Entfernung beim fressen zukucken. Nach ca. einem Jahr strich er mir beim Futtervorbereiten draußen um die Beine, ließ sich aber nicht anfassen. Im Sommer 2018 hat's dann wohl Klick bei ihm gemacht und er ließ sich überall kraulen, aber ansonsten nicht hochheben o.ä. Im August 2018 war er dann soweit händelbar, das ich ihn in die Transportbox zum Tierarzt zwecks Kastration bekommen hab (meine Hände sahen entspr. aus:oops:).

Der dicke Hugo rechts im Bild ist im Januar 2018 an der Futterstelle aufgekreuzt und war von Anfang an etwas zutraulicher. Weihnachten 2018 ließ er sich dann richtig anfassen, so das er im Januar 2019 problemlos in Box zum kastrieren gegangen ist.
Meine 2 Fallen haben bei beiden trotz diverser Versuche leider nicht funktioniert. Hugo war danach nochmal beim TA wegen Husten und ist auch dabei völlig problemlos gewesen. Er kommt auch ins Haus, kriegt aber sofort Panik, wenn die Tür zugeht.
Gizmo ist nach mehr als 3 Jahren seit 1 Woche soweit, das er bis direkt vor die Haustür kommt und sich da kraulen läßt, was sonst nur an der Futterstelle ging. Ich sehe an den beiden, was man bei vielen scheuen Fellnasen mit Geduld alles erreichen kann.
 
Labiae

Labiae

Beiträge
2.705
Reaktionen
49
Ein wirklich schönes Thema.
Lucky kam als Kitten zu mir, laut Tierärztschätzung maximal 12 Wochen alt, als ich sie halb verhungert und mit kahlen Stellen im Fell am Stall meiner Reitbeteiligung eingefangen habe.
Sie war bis auf die Knochen abgemagert und ich bin auf direktem Weg mit ihr in die nächste Klinik gefahren.
Die Untersuchung ergab, weiblich, unkastriert, ungechipt, vermutlich ausgesetzt - das wurde auch bestätigt dadurch, dass Katzen im selben Alter die ihr sehr ähnlich sah tot im Wald in der Nähe des Stalles gefunden wurden.
Sie ist vermutlich die Einzige aus ihrem Wurf, die diesen Start ins Leben überlebt hat.
In der Klinik wollten sie sie in diesem Zustand auch nicht kastrieren, da sie sich nicht sicher waren, ob sie die Narkose überleben würde.
Sie haben sie entfloht und entwurmt und mir wieder mitgegeben.

Nachdem ich sie ein paar Tage bei mir im Bad gehalten und gepäppelt habe, habe ich sie mit meinen anderen Katzen zusammengelassen und sie war wunderbar - sie hat sich sichtlich gefreut, andere Katzen zu sehen und so misstrauisch sie uns Menschen gegenüber war, so sehr hat sie meine Katzen geliebt.
Besonders Lenny.
Kaum 2 Tage war sie aus dem Bad raus, da schmierte sie sich schon mit ihrem ganzen Körper in Lennys Gesicht, der darauf reagierte, wie Lenny immer auf alles reagierte: friedvoll und freundlich.
Kurze Zeit später habe ich Lenny an FIP verloren.
Das hat Lucky in der Entwicklung ein gutes Stück zurückgeworfen, war doch ihr Lieblingskumpel, der ihr immer gezeigt hat, was okay und ungefährlich war und was nicht, plötzlich nicht mehr da.
Sie war verunsichert, aus der Bahn geworfen und lief tage- und nächtelang rufend durch die Gegend.
Lolly hatte ihr sowieso von Anfang an die kalte Schulter gezeigt, Lui war zwar bereit, sich mit ihr zu beschäftigen, aber nach 5 Minuten raufen ging dem alten Mann die Puste aus und er hatte genug.
Also holten wir ein zweites Kitten dazu, Lexi.
Ähnlich alt wie Lucky, wurde sie als Kitten mit ihrer Schwester weggeworfen im Müll aufgefunden.
Bei der Pflegestelle, die eine Freundin von mir ist, hatte sie ein halbes Jahr gelebt und sich nicht einmal anfassen lassen.
Lief nur geduckt durch die Wohnung und hatte panische Angst vorm Menschen.
Die Pflegestelle sagte, mit Katzen ist sie super sozial, aber sie findet einfach kein Zuhause, weil niemand eine Katze will, die sich nicht anfassen lässt.
Das macht nichts, sagte ich, ich habe schon zwei Katzen die sich anfassen lassen - Lucky soll eine Freundin bekommen.
Und so zog Lexi ein.
Lucky und Lexi waren schon bald Arsch und Eimer, sie tobten, spielten und fraßen immer nur gemeinsam.
Nachdem bei Lexi aus unerfindlichen Gründen plötzlich eines Tages von heute auf morgen der Knoten platzte und sie sich anfassen ließ, schaute sich Lucky das ab und auch sie ließ sich plötzlich streicheln und stellte fest, dass sie es doch sehr genoss.

Dann kam die Trennung von meinem Partner und mir, er nahm die beiden erwachsenen Katzen Lolly und Lui zu sich und Lexi und Lucky kamen mit mir.
Der Umzug machte Lucky sehr zu schaffen, die fremde Umgebung, die Hände, die sie gepackt und in die Box gesteckt hatten, ihr Vertrauen war wieder gleich null.
Sie ließ sich nicht mehr anfassen, kam nicht mehr aufs Sofa und ließ niemanden näher als 2 Meter an sich heran, auch an ihr vorbeigehen ging nicht mehr.
Monatelang versuchten wir es mit blinzeln, gutem Zureden, Leckerlis, Spielangel und allem, was möglich war.
Sie spielte gern, aber immer nur auf Abstand und auch wenn sie sicherer und zutraulicher wurde und man irgendwann wieder an ihr vorbeigehen konnte, ließ sie sich nicht wieder anfassen.

Dann wurde Lexi krank und mit kaum 3 Jahren musste mein Baby gehen.
Ich war am Boden zerstört und Lucky allein.
Im November haben wir dann Loxi zu uns geholt, sie kommt aus Griechenland und ist ein echter Sonnenschein.
Auf einem Ohr taub und mit einem blinden Fleck im Auge hält sie den Kopf immer schief, denkt aber gar nicht daran, sich dadurch von irgendetwas abhalten zu lassen - sie tobt, sie springt, sie spielt, sie schmust.
Lucky war anfangs gar nicht so begeistert davon.
Mein einst so katzensoziales Mädchen war durch die vielen Unsicherheiten und Gegebenheiten in ihrem Leben so verunsichert, dass sie erst panische Angst und schließlich gnadenlose Aggression gegenüber Loxi an den Tag legte.
Nur dass die das überhaupt nicht interessiert hat.
Wenn Lucky auf sie zurannte, lief sie spielig galoppierend weg, nur um kurz darauf wieder Lucky hinterherzustellen.
Knurrte Lucky sie an, schaute sie völlig ungerührt zurück.
Es hat ein paar Monate gedauert, doch dann merkte Lucky, nicht nur dass die Neue nicht wieder geht - sie ist auch eigentlich gar nicht so übel.

Und ganz plötzlich fing mein Mädchen an, sich von der viel kleineren und neueren Loxi abzuschauen, wie das Leben funktionierte.
Es fing an damit, dass Lucky plötzlich nicht mehr nur im Arbeitszimmerregal lag, sondern mit Loxi zusammen durch die Wohnung tigerte.
Als nächstes kam Lucky mit, wenn Loxi mich wie immer in die Küche begleitete und belagerte, wenn ich Futter anrichtete.
Wenn Loxi mit uns auf dem Sofa lag, kam Lucky nun mit ins Wohnzimmer, setzte sich auf die Fensterbank, schaute uns zu und ihr Blick sagte deutlich, hey, ich möchte auch - aber ich trau mich nicht.
Meinem Freund - der selbst ein kleiner Schisser ist und immer ziemlich lange braucht, bis er sich dazu durchringen kann, etwas Neues zu versuchen - ging das Herz auf und er meinte nur, ich versteh dich so gut, kleine Katze. Aber du bist hier jederzeit willkommen.
Weitere Wochen vergingen und das Wunder geschah.
Loxi lag bei uns auf dem Sofa und Lucky hüpfte dazu. Erst ein Stück von uns entfernt, dann immer näher, bis sie an uns gekuschelt war und schließlich lief sie sogar ein Stück auf uns drauf, um an Loxi heranzukommen zum gegenseitigen Putzen.

Das ist ihr immer noch unheimlich, das auf uns drauf steigen, aber sie ist tapfer und versucht es immer wieder.
Jeden Tag springt sie aufs Neue über ihren Schatten und ich bin so unglaublich stolz auf sie.
Manchmal erschreckt sie sich selbst vor ihrer Courage und zuckt dann wieder zurück, aber ein Schritt rückwärts, zwei Schritte vor - damit können wir umgehen.
Mittlerweile dürfen wir sie sogar wieder vorsichtig anfassen - und wenn wir dabei ganz behutsam sind und sanft, dann werden wir mit leisem, wohligem Schnurren belohnt <3
 
Anndi1806

Anndi1806

Beiträge
32
Reaktionen
5
Hallo,

da es gerade in meinem Fotothread wieder angesprochen wurde, möchte ich mal eine Lanze für die scheuen Samtpfoten und die seelischen Notfälle brechen.

Ich lebe nun seit fast 8 Jahren mit Bacon zusammen. Die Süße kam mit 14 Wochen zu mir und war da schon "versaut". Man trennte sie mit 6 Wochen von der Mutter (Inzucht, Bacons Halbbruder ist ihr Vater), mit 7 Wochen wurde sie in Dortmund in den Freigang geschickt - und wurde dort misshandelt.



Bacon hat den gesamten Bauch vernarbt, vom Brust- bis zum Schambein. Das sahen wir bei ihrer Kastration. Was genau mit ihr passiert ist, kann ich nicht sagen und, wenn ich ehrlich bin, ich will es auch gar nicht wissen. Aber ich berichte gerne weiter von vorne.

Bacon gehörte einer Bekannten von mir. Als ich Stulle zu mir nehmen wollte, suchte ich nach einem weiteren Kitten und so wurde mir Bacon angeboten: "Nimm du das Vieh, ich komm damit nicht mehr klar". Kurzerhand zog sie ein, verschwand unter dem Bett und ich sah sie 5 Wochen lang gar nicht. Das Klo stand unter dem Bett, Futter und auch Wasser. Stulle wurde angegriffen (und war so eine tolle Maus, dass sie es immer wieder versucht hat). Bacon saß wirklich nur und ausschließlich unter dem Bett, sie kam nicht ein einziges Mal heraus.



Nach 5 Wochen traute sie sich im Schlafzimmer zu kriechen. Zum Laufen reichte der Mut nicht. Wenn ich aus Versehen meinen Blick schweifen ließ und mich ihr zudrehte, begann sie zu schreien und verschwand zitternd unter dem Bett. Ich habe zwischenzeitlich überlegt, ob es wirklich eine gute Entscheidung war, sie aufzunehmen denn ich hatte mir das Alles wesentlich einfacher vorgestellt.

In den folgenden Monaten taute Bacon trotz meiner Erwartungen immer weiter auf. So weit, dass sie sich nun jeden Abend blicken ließ, auch mal mit erhobenem Schwänzchen durch die Wohnung ging und vor allem mit den (nun 2) anderen Katzen spielte. Anfassen konnte ich sie da nicht ein einziges Mal, einfangen um sie kastrieren zu lassen war unmöglich.



Mit 13 Monaten schaffte ich es, ich durfte sie das erste mal berühren, da war sie schon im Wochentakt rollig. Als sie sich traute, sich neben mich auf das Sofa zu setzen, habe ich sie einfach gepackt und in einen Kennel gesteckt. Den Schrei habe ich nicht vergessen und ich werde es auch wohl nicht. Bacon hatte Todesangst und mir brach es das Herz. Aber die Kastration musste sein, ebenso eine gründliche Untersuchung.

Nachdem mein Pillchen kastriert war, wurde sie ruhiger, aber noch lange nicht ruhig. Sie lief mit den (nun 3) weiteren Katzen harmonisch in der Gruppe, war sozial trotz der frühen Trennung von der Mutter und sie zeigte sich abends, uns Menschen gegenüber war sie aber immer noch die Panik selbst.

Mit Hilfe meiner THP und einer Verhaltenstherapeutin haben wir Bacon so weit gebracht, dass sie mir Futter aus der Hand nahm und zwar nur aus der Hand. Es gab für sie kein Futter mehr im Napf, kein geworfenes Leckerlie. Sie musste sich überwinden und zu mir kommen, um Futter zu haben.



Bacon entwickelte sich von Tag zu Tag mehr und es kam vor, dass sie sogar eine Pfote auf mein Bein setzte. Anfassen durfte ich sie nicht. Da ich ihr dahingehend aber nie Druck gemacht habe, war das für uns beide ok. Sie rannte immer weg, wenn ihr jemand näher als 5 Meter kam. Wenn sie den Abstand bestimmen konnte, war es besser.

Tja. Nun ist sie fast 8 Jahre bei mir, wir üben jeden Tag daran, dass sie keine Angst vor uns haben muss. Und wir erzielen Erfolge, auch wenn ich das nie erwartet habe. Sie kommt nun zu mir und legt sich auf mich drauf um zu kuscheln. Ich darf sie am Kopf streicheln und am Schwanzansatz, dazwischen jedoch nicht. Sie "redet" mit uns, sie spielt mit uns und sie nimmt kleinste Leckerlies aus den Fingern, ohne sie uns aus der Hand zu schlagen.

Vor knapp 2 Jahren durfte ich das erste Mal an ihr vorbeigehen, durch eine Tür, ohne, dass sie wegrannte. Das darf ich auch heute noch oft, aber nicht immer. Wenn Bacon Angst hat, versteckt sie sich hinter mir. Sie kuschelt sich an Nico (mein fünfjähriger Sohn), wenn der still liegt. Sie gibt sogar Besuch Köpfchen, wenn sie ganz mutig ist.

Ich kann Bacon immer noch nicht so anfassen, wie ich es bei den anderen kann. Das ist ok, ich habe keinerlei Ansprüche an Bacon außer "mach, was du dich traust". Sie will eindeutig mehr, steht sich aber selbst im Weg. Mit der Unterstützung von den beiden Therapeuten bin ich mir aber sicher, dass wir den jetzigen Stand stabilisieren können und ganz vielleicht sogar ausbauen.

Was will ich eigentlich mit diesem Thema bezwecken? Das frage ich mich schon die ganze Zeit, während ich tippe. Es ist so, dass ich eine Lanze brechen will für die Scheuchen. Für die misshandelten Seelen, die körperlich und vor allem seelisch Schaden genommen haben. Vielleicht liest du diesen Text und denkst "Jau, ist ja wie bei uns!". Dann schreib es auf, bitte. Jede Erfahrung hilft, weitere besondere Katzen zu vermitteln.

Die letzten Jahre haben mir gezeigt, dass vor allem diese Katzen eine ganz besondere Art und Weise haben, ihre Liebe zu zeigen und, was ich für noch viel emotional wichtiger halte, sie geben unheimlich viel und sind so unendlich dankbar.



Ich weiß nicht, ob ich mich nochmal bewusst für eine Katze wie Bacon entscheiden würde, da muss ich ehrlich sein. Was ich aber jederzeit wieder machen werde: einer Katze die Chance geben, sich selbst zu finden und ein eigenes Zuhause, in dem sie so akzeptiert wird, wie sie ist.

Es muss nicht immer die Kuschelkatze sein, die wie Pattex auf einem drauf klebt. Nicht die Katze, die vom ersten Tag an forsch das Bällchen durch das neue Heim kickt. Es muss nicht der mutige Löwe sein, der draußen im Freigang der König ist, stark und unerschrocken.

Ja, es darf ein Scheuchen sein, ein sensibles Tier voller Liebe, das gar nicht weiß wohin mit der ganzen Zuneigung. Eine kleine Schissylissy, die es selbst nicht glauben kann, wenn sie über ihren eigenen Schatten gesprungen ist.

Wenn euer Neuzugang Angst hat, versteht ihn bitte. Macht keinen Druck, erwartet einfach nichts außer "mach, was du dich traust". Das Tier wird euch noch früh genug zeigen, wie sehr es sich lohnt. Entweder nach ein paar Tagen oder, wie bei uns, nach ein paar Jahren.

Bacon ist ein fester Bestandteil unserer Familie und ich möchte sie nie wieder hergeben.
Ergänzung ()

Toller Beitrag und meinen ganzen Respekt das du dich so sehr um Bacon kümmerst und ihr eine Chance gegeben hast!!
Wir haben auch unseren Mogli Mit 3 Jahren vor fast nun 2 Jahren aus dem Tierheim geholt. Er lag dort nur in seiner Box und war total unglücklich. Wir wollten keine junge Katze sondern eine die keiner nimmt. Uns wurde gesagt er wäre ein Fundkater mehr konnten wir nicht in Erfahrung bringen. Er war auch sehr verstört, ängstlich und kannte keine Geräusche.
Auch nach mehrmaligem Nachfragen wurde uns nicht über ihn verraten!? Es dauerte fast ein Jahr bis Mogli einigermaßen aufgetaut war und auch nicht mehr im Haus markierte. Es war eine echt anstrengende Zeit. Inzwischen ist er der liebste Kater den ich mir vorstellen kann genießt es "Alleinprinz" zu sein. Auch hat er sich an die Alltagsgeräusche gewöhnt außer den Staubsauger aber den muss man ja nicht zwingend gern haben.
Seit einer Woche haben wir dann leider wieder einen Rückschritt erlebt warum ist völlig unklar.
Er war im Garten und kam Abends dann rein und war total verschreckt . Seitdem schnüffelt er im Haus obwohl wir nichts verändert haben rum als wäre er noch nie im Haus gewesen.
In den Keller den er früher liebte traut er sich aus unerklärlichen Gründen nicht mehr. Nun heißt es wieder viel Geduld mit dem kleinen Kerl. Wir wissen nicht was er an dem Abend im Garten,weiter geht er nicht erlebt hat.
Er bekommt auf jeden Fall wieder die nötige Zeit um seine Angst zu überwinden..
Sorry für die ausführliche Antwort auf deinen Beitrag.
 
Zuletzt bearbeitet:

Neueste Beiträge

Ähnliche Themen