Manchmal bekommt man vom Schicksal etwas geschenkt. Bei mir warst Du es. Wie wahrscheinlich ist es, dass einem ein Kätzchen zuläuft, wenn man mitten in einer Großstadt wohnt, in einer Etagenwohnung im fünften Stock, direkt unter dem Dach? Und doch warst Du eines Tages da, sehr nervös und magerer, als ein Kätzchen sein sollte. Du bist über das Dach auf unsere Terrasse gekommen. Deine anfangs sporadischen Besuche weiteten sich aus. Irgendwann wartetest Du allabendlich vor unserer Terrassentür, irgendwann bist Du gar nicht mehr freiwillig gegangen. Und irgendwann sind Deine Ex-Familie und ich übereingekommen, dass es für alle Beteiligten das Beste ist, wenn Du bei uns lebst.

Nach einer Weile legte sich Deine Nervosität, Deine Magerkeit verlor sich, Dein Fell fing an zu glänzen. Und es zeigte sich, dass uns ein ganz besonderes Tier zugelaufen war. Eine echte Sonnenschein-Katze, immer gut gelaunt, immer mit erhobener Standarte unterwegs. Du warst menschenbezogen, klug und auf eine besonnene Art mutig. Und eine Quasselkatze warst Du! Dir war klar, dass Menschen durch Laute kommunizieren, also hast Du mit uns miaut und gegurrt. Und Deine Bewegungen mit Lauten versehen: rrrr – Sprung nach oben, rrrr – Sprung nach unten. Beschäftigt werden wolltest Du, das hast Du aktiv und lautstark eingefordert. Jagdspiele waren nicht Deine Leidenschaft, dafür aber Fummelbretter und Clickertraining.

Dein Leben war bewegt. Sicher waren Deine jungen Jahre gute Jahre bei Deiner ersten Familie. Aber irgendwann hattest Du beschlossen, dass dort nicht Dein Platz ist. Du bist einige Male geflohen, warst monatelang Berliner Straßenkatze und hast Dank Deines Muts und Deiner Klugheit diese Zeit überlebt. Aber immer wieder wurdest Du von Deiner ersten Familie wiedergefunden, bis Dir endlich die Flucht zu uns gelang.

Sechs glückliche Jahre durften wir unser Geschenk haben, durften wir mit Dir zusammen sein, dann haben wir Dich an den Krebs verloren. Jetzt ist es so leer und so still. Kein rrrr – Sprung auf den Tresenstuhl – hinter meinem Rücken, wenn ich das Frühstück zubereite. Kein Wachschnurren aus Richtung meines Nachttischs. Kein abendliches endlich-bist-du-da-spiel-mit-mir Konzert. Nichts. Bis gestern war es meine Aufgabe, so gut wie möglich für Dich zu sorgen und Dich durch Deine Krankheit zu begleiten. Jetzt wartet die Übung auf mich, mit der Leere und Stille klarzukommen. Es wird nicht einfach.