Lieber Tiger,
bitte sei mir nicht böse, dass ich so sehr um dich trauere. Erinnerst du dich noch daran wie wir uns kennengelernt haben? Wir waren beide noch ziemlich jung. Du gerade mal ein paar Tage alt und ich gerade 11 Jahre alt. Nach dem Tod unserer Katze und ihres Sohnes war ich auf der Suche nach einem neuen Freund. Meine Mutter war von der Idee wenig begeistert. Doch ich war überzeugt und bin ohne es jemanden wissen zu lassen mit einer Freundin zum Bauernhof gefahren. Dort begrüßten und Scharen von großen und schönen Katzen. Wir wurden in einen Raum des angrenzenden Hauses geführt. Wir sollten uns nicht erschrecken, da die Kleinen noch wackelig auf den Füßen wären. Als die Tür aufging sahen wir vier kleine Kätzchen, die herumtollten soweit es die kurzen Beine zuließen. Mein Blick fiel auf einen kleinen getigerten Kater mit weißen Söckchen. Du sahst mich und bist auf mich zugelaufen. Ich setzte mich und du klettertest auf meinen Schoß und schliefst ein.
Es war Liebe auf den ersten Blick. Mir war bewusst, dass ich dich und deine Schwester hätte mühsam aufziehen müssen. Zum Glück konnte meine Mama eurem Anblick nicht widerstehen und half mir bei eurer Erziehung.
Tiger ich hab dich von Anfang an geliebt. Du hast mich nur durch Blicke verstanden. Du warst immer an meiner Seite. Gymnasium, Studium, Arbeit… egal wie anstrengend die Strapazen waren, du warst immer an meiner Seite. Danke, dass du mich so geliebt hast und immer die Nähe zu mir gesucht hast. Danke, dass du mir Geduld beigebracht hast und mir gezeigt hast was es heißt Verantwortung zu übernehmen.
Für die unzähligen Geschenke, die du mir mitgebracht hast, will ich dir auch danken. Du hast den Freigang geliebt und die höchsten Bäume erklimmt. Die Spaziergänge mit dir waren für mich das Schönste am Tag. Zu sehen wie intelligent du warst und wie schnell du Tricks lernen konntest, hat mich stolz gemacht.
Lieber Tiger, ich hoffe du verzeihst mir umso mehr, dass ich gegebenenfalls zum Ende hin verzweifelt versucht habe dich gesund zu machen. Du weißt, dass ich trotz meines Berufs als Arzt in dem Moment wahrscheinlich emotional und nicht rational gedacht habe. Ich dachte ich könnte dir helfen. Wahrscheinlich hast du es gehasst, dass ich dich in der Tierklinik gelassen habe. Es tut mir leid, dass ich dich von der Fensterbank runtergeholt hab und nicht verstanden habe, dass du dich von mir verabschiedet hast als du mich am Tag zuvor im Gesicht abgeleckt hast. Etwas was du selten getan hast…
Ich hoffe, dass du mir diese zwei Tage in der Klinik und meine Abwesenheit verzeihen kannst. Als klar wurde, dass wir dich einschläfern lassen müssen und ich dich wiedersehen konnte, warst du so schwach. Du wolltest mir aber mit deinem Schwanz klarmachen, dass du dich gefreut hast meine Stimme wieder zu hören. Es waren kurze 20 Minuten, aber du hast die Streicheleinheit am Bauch genossen und dich so gut es ging an mich geklammert als ich dich trug…
Ich sehe jeden Tag wie Menschen sterben, doch zu sehen wie du deinen letzten Atemzug nahmst hat mir den Atem genommen. Mein Herz wurde zerschmettert. 14 Jahre meines Lebens hast du mich begleitet. Tag ein, Tag aus. Du fehlst mir.
Die Fensterbank auf der du gewartet hast, steht leer. Dein Fressnapf mit dem Trockenfutter ist unberührt. Deine Lieblingsstelle auf dem Sofa weist nur noch dein weiches Fell nach. Egal wo ich bin, ob bei mir im Haus oder bei Mama im Haus nebenan: Alles erinnert mich an dich. Es gibt keinen Ort, an dem wir nicht gemeinsam waren.
Danke nochmal dafür, dass du mich so geliebt hast und dass ich dich lieben durfte.
Genieße den Sheba- und Milch-Bach im Himmel. Ich hoffe, dass ich dich niemals vergessen werde und dass du auf mich wartest. Vielleicht vergeht die Zeit dort oben schneller.
Deine A.