Diese Diskussion gefällt mir, ich bezeichne mich als einen nicht-militanten aber sehr durchdrungenen Tierschützer :wink:
Meine grundlegende Einstellung ist mittlerweile die, gleich vorweg: Wenn ein Haustier, dann eins aus dem Tierschutz oder aus einer seriösen Zucht.
Wobei ich das gerne gleich als Grundsatz für meine folgenden Antworten festhalten möchte: Ich distanziere mich ganz gewaltig von "Vermehrern", das sind meiner Definition nach Personen, die ohne klares
Zuchtziel nur auf den eigenen Profit ausgerichtet oder völlig ahnungslos Tiere paaren und Nachwuchs "produzieren".
Nun zu meinen Antworten:
1.) Die Zucht von Tieren ist ein Eingriff in die Natur, die ausschliesslich dem Menschen nutzt und niemals dem Tier. Ob ein Schwein zu höherem Fleischertrag, eine Kuh zu besserer Milchleistung oder die Rassemieze zu "niedlicherem" Aussehen gezüchtet wird, ist aus ethischer Sicht nicht zu unterscheiden.
Was Schweine, Kühe kurz Nutztiere betrifft bin ich Deiner Meinung. Es ist jedoch auch in der Natur so, dass unterschiedliche Erscheinungsbilder einer Rasse vorkommen. Um bei Katzen zu bleiben: Langhaarige gemütliche gab es schon als Naturform, bevor das ganze gezielt verstärkt wurde. Langhaarig und schlank gab es auch. Kurzhaarig und schlank ebenso usw.
Dass der Mensch als Eingreifer in die Natur hergeht und bestimmte Merkmale forciert, ist eine andere Sache. Aber es wurde nicht komplett neu gemacht, es wurde etwas bestehendes sagen wir mal verändert.
2.) Zucht führt zwangsläufig über mehrere Generationen zu rassespezifischen Krankheiten bzw. Einschränkungen von Organismus, Anatomie, Charakter und Reproduktionsfähigkeit.
Klares "Jein" :wink: Durch seriöse Zucht, die darauf achtet, von Erbkrankheiten Wegzuzüchten, wird dieser Punkt widerlegt und da gibt es eine ganze Reihe an positiven Beispielen. Dass ich an dieser Stelle ganz klar sagen muss, ich finde Perser ohne Nase pervers oder auch Falt-Nackt-Knickohr-Katzen - gar keine Frage. Dass diese Tiere Zuchtbedingt Einschränkungen in der Lebensqualität haben finde ich bekämpfenswert und nicht im Ansatz verständlich. ABER: Gerade bei Persern mit Nase ist es ja so, dass sich hier in den letzten Jahren eine Fraktion gebildet hat, die versucht, dass Erscheinungsbild des Tieres wieder zum Guten zu bekehren.
3.) Rassekatze und -hund sind wirtschaftlich gesehen ebenso ein Handelsgut wie Nutztiere, also auf den Profit des Erzeugers und die Convenience des Endverbrauchers ausgerichtet.
Auch wieder "Jein". Klar bestimmt die Nachfrage das Angebot ABER: ein seriöser Züchter hat ein klares Ziel vor Augen: Erhaltung oder Verbesserung (was Krankheiten betrifft) "seiner" Rasse. Schau mal Norweger und Maine Coons an. Zwei verschiedene, sehr alte und ursprüngliche Rassen mit kaum erkennbaren aber vorhandenen Unterschieden. Beide würde es ohne klares
Zuchtziel vermutlich nicht mehr geben! Da sie vermischt worden wären. Nur durch klare
Zuchtlinien ist es möglich, zwei wunderbare Rassen zu erhalten, die zunächst mal die Natur "erschaffen" hatte.
4.) Ist Zucht verantwortbar, da die Tierheime kaum noch der Aufnahme und Vermittlung von Fund- und Abgabetieren Herr werden?
Gegenfrage dazu: Wieviele Reinrassige Züchtertiere sitzen in Tierheimen? Wieviele Vermehrertiere sitzen ein und wieviele stinknormale
EKH?
Für mich ganz klares "Ja", wer ein Rassetier haben möchte und dafür den entsprechen hohen Anschaffunghspreis zahlt, der gibt sein Tier nicht mal eben wieder weg und schon gar nicht ins Tierheim. Das ist meine Erfahrung nach 3 Jahren Tierheimmitarbeit in Stuttgart. Deine Frage ist meiner Meinung nach sehr gut aufgehoben in einer Argumentation gegen Vermehrer.
Und auch hier: Angebot und Nachfrage. Wenn ich nun aus bestimmten ästethischen Gründen eine sagen wir Türkisch Angora haben möchte, schaue ich, weil ich Tierschützer bin, vielleicht erstmal in türkischen Tierheimen nach (online), aber ich würde hier sicher auch den Weg zum Züchter gehen. Einfach, weil mir diese - übrigens auch uralte und sehr ursprüngliche - Rasse so gut gefällt und weil ich damit dafür sorge, dass diese Rasse erhalten und weitergezüchtet wird. Gerade diese Rasse ist beispielsweise einmal fast ausgestorben! Und dankenswerter Weise durch gezielte Zucht erhalten worden.
Also stehen Tierheime und Zuchten für mich nicht in einem Widerspruch!
5.) Ist ein Rassetier etwas "besseres"?
Nein, nichts besseres. Aber etwas "anderes". Andere Voraussetzungen, keine natürliche Auslese in gezielter Zucht, andere Vorassetzungen für die Haltung usw.
6.) Ist das Geld, dass für ein Rassetier gefordert und auch gezahlt wird, nicht aus Tierfreundsicht besser investiert, wenn es Heimen oder Kastrationskampagnen zugute kommt?
Sicher. Das sehe ich aber in der Realität sehr hart: Das Geld, was ich in eine "Markenjeans" investiere, wäre auch besser bei einer Spende an Bedürftige aufgehoben, aber wenn ich aus verschiedenen Gründen - Qualität, Schnitt, Farbe, etwas bestimmtes möchte, hole ich es mir. So ticken Menschen. Das ist auch meiner Meinung nach nicht grundsätzlich zu verurteilen, denn jeder einzelne von uns tickt so. Jeder muss für sich selber entscheiden, ob er nicht vielleicht von dem, was er für sich ausgibt, einen Teil den Hilflosen zukommen läßt, aber wie oben angeführt vertritt auch ein seriöser Züchter für mich Tierschutzaspekte die der Rasseerhaltung dienen. Also auch hier erkenne ich keinen Widerspruch.
7.) Mit dem Geld, dass ich für eine Rassekatze ausgebe, kann ich mindestens 10 Katzen ein jahr lang ausgewogen ernähren und medizinisch betreuen lassen.
Das mag richtig sein, obwohl ich eine Rassekatze geimpft und entwurmt bekomme und mit allen möglichen medizinischen Voruntersuchungsergebnissen ausgestattet (seriöse Zucht!). Diese Dinge muss ich also nicht mehr bezahlen, ich bekomme sie aber im "Gesamtpaket".
Ich kann auch als Mensch wieder sagen ich kaufe das teure Bio oder ich kaufe Diskountware. Wobei ich das als wertfrei betrachten möchte! Ich selber habe zwei
EKH und diese betrachte ich nicht als Diskountware :wink: Es ging ja gerade nur um ein Für und Wider.
8.) Hätten speziell gezüchtete Babies eine ähnlich höhe Akzeptanz, sofern die medizinischen und gesetzlichen Voraussetzungen geschaffen wären?
Nun finde ich es etwas vermischt, denn Katzen werden nicht geklont sondern gezielt gezüchtet um bestimmte Merkmale zu forcieren. Eine schöne Frau wird sich sicher nicht ohne weiteres mit einem offensichtlich objektiv hässlichem Mann fortpflanzen. Einfach, weil sie bestimmte Vorstellungen von ihrem Partner hat und unbewusst (es gibt Studien dazu) einen Partner ähnlicher Attraktivität auswählen wird um gute Gene auch fürs Äußere mitgeben zu können.
Puh, meine Tastatur raucht, wahrscheinlich liest das Ding hier eh keine Sau :twisted: aber das war nun meine umfassende Meinung dazu :wink:
Eine sehr interessante DiskussioN!!!!!!