Hallo Lisa,
deine Geschichte ist furchtbar traurig und ich spreche dir mein tiefstes Beileid aus - niemand sollte jemanden, ob Mensch oder Tier, durch solche Unfälle verlieren - das ist nicht fair. Du hast in deinem ersten Beitrag gefragt, ob es jemanden gibt der auch eine Katze mit Herzfehler hat/te - und ja, ich hatte!
Jackie habe ich zu meinem 16. Geburtstag bekommen; sie sah deinem Henry sogar ein wenig ähnlich; nur war sie schokoladenbraun gemustert. Ich dachte jahrelang, dass sie eine super-gesunde Katze wäre. Anders als dein Liebling war sie Freigänger und stets unterwegs, auf Beutefang oder auf Spaziergang mit unserem Kater.
Vor zweieinhalb Jahren ging uns der Kater an Altersschwäche schließlich ein und hätte ich gewusst, was das für Jackie bedeutet, hätte ich vermutlich anders reagiert. Aber wie sagt man so schön? Am Ende ist man immer klüger!
Ich bekam eines abends einen Anruf meiner Mutter, wann ich von der Arbeit käme, weil Jackie sich speichelnd und schreiend unter den Kachelofen verkrochen hätte und den Anschein einer Vergiftung machte. Ich war ohnehin gerade auf den Weg nach Hause und was ich sah, als ich die Diele betrat, brach mir schier das Herz: Jackie zappelte in einem epileptischen Anfall, den wir uns nicht erklären konnten. Ich habe aus Angst sofort angefangen zu weinen und keinen Moment überlegt sie in eine Decke einzuwickeln und zum Tierarzt zu fahren. Auf der Fahrt dorthin wurde sie bewusstlos.
Eigentlich hätte Jackie an diesem Abend sterben sollen - das sagte auch der Tierarzt. Ihre Genesung beanspruchte eine gesamte Woche und nach allem was der kleine Körper erleben musste, konnte sie die ersten Tage weder aufstehen, noch gehen.
Danach begann die Ursachenforschung und mit der Beobachtung und der Analyse erkannte der Arzt schließlich Wasser in der Lunge und ein vergrößertes Herz - woher das kam, war uns ebenfalls ein Rätsel. Jackie war acht Jahre alt, kerngesund bis zu diesem Zeitpunkt, ich hatte nie eine Impfung ausgelassen: also warum diese Diagnose?
Wie du schon sagtest, ist ein Herzfehler eine böse Angelegenheit. Jackie bekam Pulver gegen das Wasser in der Lunge und Tabletten für das Herz, beides habe ich ihr punktgenau zweimal am Tag in Hühnerbrei-Babynahrung vermischt und darauf geachtet, dass sie es auch fraß.
Und dennoch erkannte ich, dass sie litt.
Irgendwann dachte ich (inzwischen war der Anfall 3 Monate her), sie sei über den Berg und wir haben wieder angefangen sie raus zu lassen. Zuerst langsam, dann im gewohnten Rhythmus: man kann Freigänger nicht auf ewig einsperren, da werden sie depressiv. Der Arzt sagte, sie dürfe sich unter keinen Umständen aufregen - doch welchen Einfluss hat der Mensch schon darauf? Es war eine laue Sommernacht, Jackie schlief auf meinem Kopfkissen Nase-an-Nase mit mir und dann passierte es: ein Blitz schlug in unserem Haus ein, Jackie fuhr hoch und ich hörte ihr Herz rasen. Ich spürte ihre Unruhe und ihren röchelnden Atem - das Atmen fiel ihr seit dem Anfall schwer.
Ich machte mir sehr lange Vorwürfe, dass ich so blind und naiv war und nicht gesehen habe, was danach kam. Am Abend darauf gingen mein damaliger Freund und ich nämlich mit unserem Freundeskreis Essen; wir feierten ein wenig und dennoch fühlte ich mich sonderbar leer: dabei wusste ich eine lange Zeit nicht genau warum.
In dieser Nacht kam Jackie nicht mehr nach Hause.
Ich war von einer Unruhe besessen, die mich die ganze Nacht an der Haustüre stehen ließ. Ich saß zum Morgengrauen auf den Stufen, pfiff quer über die Felder und wollte mich mit dem Gedanken nicht abfinden, dass es wohl an der Zeit für Jackie war, für sie zu gehen. Am Tag darauf regnete es, aber das war mir egal weil ich unterwegs war und die Straßengräben absuchte, über den Feldweg marschierte und Suchplakate aufhing. Ob ich Jackie nicht verloren hätte, wenn ich am Abend vorher nicht mit meinen Freunden weg gegangen und lieber ein Auge auf sie geworfen hätte? Ob ich ihren Tod hätte beeinflussen und noch mehr für sie hätte tun können? Diese Fragen quälten mich sehr lange; ich war wochenlang nach ihrem Verschwinden felsenfest davon überzeugt, dass sie wiederkommen würde (und bin es heute noch ein wenig).
Ich suchte manisch die Räume im Haus nach ihr ab, starrte auf die Plätze wo sie schlief und weinte. Ich erinnere mich gut daran. Jackie war soetwas meine beste Freundin ... und dennoch begriff ich allmählich, dass es für sie einfach an der Zeit war zu gehen und so stelle ich mir bis heute vor, dass sie sich unter einen schönen Busch gelegt hat und zufrieden eingeschlafen ist.
Der Tierarzt eröffnete mir im Nachhinein, dass er das hatte kommen sehen: er wollte mich nicht zusätzlich beunruhigen. Er wusste, wie hysterisch ich war, als wir Jackie als Notfall einlieferten und dass mich das nur wahnsinnig gemacht hätte - es stand vom Herzen her so schlecht um sie, dass ein Donner ausreichte es zum Stehen zu bringen. Ich gebe bis heute dem Gewitter die Schuld: das Tröstliche daran ist, dass es mich machtlos macht.
Jackie und mich verband eine sehr innige Beziehung, die man als ein Mensch ohne Tiere oder Tierliebe nicht nachvollziehen kann. Sie kam in einer Zeit zu mir, als es mir schlecht ging und ich mich ausgeschlossen und alleine fühlte; nach ihrem Abschied war das nicht mehr so. Mein Leben hat sich gebessert, mein Selbstvertrauen war wieder da. Es war wie eine Reise, wo man einen Freund kennen lernt, der einen an der Hand nimmt - auch wenn sich das dämlich anhören mag. Ich höre meine Mutter noch sagen, dass irgendwann ein Tier kommen würde, das neben mir sitzt und mir zuhört, das für mich da ist und mein Kumpel wird - das war kurz bevor Jackie bei uns einzog - und sie hatte Recht.
Die Bilder in deinem Kopf müssen schrecklich sein; die in meinem sind es auch. Aber ich kann dir sagen, dass sie mit der Zeit verblassen und am Ende entscheidest du selbst, woran du dich erinnern möchtest. Erinnere dich an Henry, wie es ihm gebührt (ich glaube, das haben hier ohnehin etliche schon geschrieben) - erinnere dich an das Gefühl, das er dir gab, wenn er einfach da war und dann lebt er immer für dich weiter. Die Erinnerung ist das Stärkste, was uns zusammen hält und unsterblich.
Ist so.
Der Schmerz geht vorüber, auch die Trauer. Und das Leben geht weiter - und wer weiß: vielleicht begegnet ihr euch wieder. Ich glaube an sowas und das macht vieles ein wenig einfacher.
Wir kennen uns zwar nicht.
Jetzt vielleicht ein Stückchen mehr.
Trotzdem wünsche ich dir alles Gute.
eva.