Reinrassigkeit - ein überholtes Dogma?

Diskutiere Reinrassigkeit - ein überholtes Dogma? im Zucht und Genetik Forum im Bereich Katzenzucht und Nachwuchs; Hallo zusammen, ich habe gestern eine Podcastfolge Tierisch menschlich gehört, in der Prof. Dr. Achim Gruber, seines Zeichens Tierarzt und...
  • Reinrassigkeit - ein überholtes Dogma? Beitrag #1
Vitellia

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Hallo zusammen,

ich habe gestern eine Podcastfolge Tierisch menschlich gehört, in der Prof. Dr. Achim Gruber, seines Zeichens Tierarzt und Tierpathologe und Autor des Buches "Geschundene Gefährten" zu Gast war.
Ich habe da viele, zum Teil erschreckende Einblicke erhalten (wobei ich einiges schon wusste), es werden aber auch positive Entwicklungen erwähnt (es ist also kein reines Züchter-Bashing, falls man das befürchtet). In der Folge geht es um Hunde, ich denke, aber mal, dass man davon einige Dinge, z. B. die Sache mit der Vererbung von Gendefekten auch allgemein auf Säugetiere, und damit auch auf Katzen übertragen kann. Ob die Rassekatzenzucht in dem Maße von Problemen betroffen ist wie die Rassehundezucht, weiß ich nicht, da fehlen mir die Einblicke (da würde mich Insiderwissen aber durchaus interessieren).

Dieser Artikel:

erwähnt aber zumindest am Rande, dass es mit dem Inzuchtkoeffizienten und somit der genetischen Vielfalt auch bei Rassekatzen wohl nicht so rosig aussieht. Und dass z. B. Maine Coone immer größer und extremer gezüchtet wurden/werden (?) trägt wahrscheinlich auch nicht zu ihrer Gesundheit bei.

Wer sich mal ein wenig kritisch mit dem Thema auseinandersetzen möchte, dem möchte ich diese Folge ans Herz legen. (Die ersten 10 Minuten kann man getrost überspringen, da gibt es nur Smalltalk über Wetten dass ...)


Mich hat sie bei einigen Annahmen bestätigt, nämlich, dass das Konzept Rassezucht überdacht werden sollte, es einen "Züchter-Führerschein" geben müsste (der dann auch ordentlich kontrolliert wird) und dass, wenn man sich für ein Rassetier entscheidet, sehr, sehr, sehr genau schauen sollte, zu welchem Züchter man geht.
 
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  • Reinrassigkeit - ein überholtes Dogma?

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  • Reinrassigkeit - ein überholtes Dogma? Beitrag #2
Das ist wirklich interessant. Man hört meistens die Dinge aus der Hundezucht, wo der Unterschied zwischen den Rassen ja schon extremer ist als bei Katzen. Aber so Kernprobleme wie der Einsatz weniger prämierter Zuchtkater sind bei Katzen denke ich auch ein Problem.
Auf dem Gebiet kenne ich mich aber sehr wenig aus. Bin gespannt auf den Austausch hier
 
  • Reinrassigkeit - ein überholtes Dogma? Beitrag #3
Was ich mir tatsächlich als problematisch vorstellen könnte, dass bei Rassekatzen von Anfang an und doch hauptsächlich auf Optik gezüchtet wurde, da sie ja keine "Berufe" ausüben mussten (außer Schädlingsbekämpfung und dazu waren die herkömmlichen Katzen ja bestens geeignet, da musste man ja eigentlich nichts "verbessern). In einem gewissen Maß wird sicher auch aufs Wesen geachtet, aber Optik spielt mE doch die größte Rolle. Und wenn man das jetzt von den Hunden überträgt, wo durch die Fokussierung auf die Optik so viele Probleme entstanden sind, kann ich mir schon vorstellen, dass das auch bei den Katzen ein Problem sein kann. (Nicht umsonst sind ja z. B. Weiß und Weiß-Verpaarungen verboten).

Professor Gruber sagt in der Folge übrigens explizit, dass er nicht dafür ist, Rassen abzuschaffen, sondern er möchte sie verbessern, und zwar von einem gesundheitlichen Standpunkt aus. Also weg von der Fokussierung auf die Optik hin zur Fokussierung auf die Gesundheit (er sagt auch, dass es doch einige Züchter gibt, die die Problematik verstanden haben und da auf einem guten Weg sind).

Bei einigen Hunderassen ist die Lage mit den Gendefekten oder dysfunktionalen Anatomien (Brachycephalie, extrem große oder kleine Züchtungen), nur so verkorkst, dass die Rasse aus gesundheitlicher Sicht nicht mehr gerettet werden kann, ohne andere Rassen (oder auch mal Mischlinge) einzukreuzen. Darauf bezieht sich auch mein gewählter Titel.
 
  • Reinrassigkeit - ein überholtes Dogma? Beitrag #4
Ja bei Hunden ging es bergab seitdem vor alle für die Optik und nicht für die Tauglichkeit für eine Aufgabe gezüchtet wird. Sieht man ja z.B. am Paradebeispiel des dt. Schäferhunds oder auch von Bassets
 
  • Reinrassigkeit - ein überholtes Dogma? Beitrag #5
Warum schenkt man nicht auch mal ein Auge auf die Mix Verpaarungen?
Die wahllos vermehrt werden, deren Probleme werden außer Acht gelassen oder erst gar nicht verfolgt.
 
  • Reinrassigkeit - ein überholtes Dogma? Beitrag #6
....

Bei einigen Hunderassen ist die Lage mit den Gendefekten oder dysfunktionalen Anatomien (Brachycephalie, extrem große oder kleine Züchtungen), nur so verkorkst, dass die Rasse aus gesundheitlicher Sicht nicht mehr gerettet werden kann, ohne andere Rassen (oder auch mal Mischlinge) einzukreuzen. Darauf bezieht sich auch mein gewählter Titel.
Es stellt sich außerdem die Frage, ob es vertretbar ist, durch Einkreuzung anderer Rassen z.B. den Mops oder den French Bulldog retten zu wollen, denn es entstehen in jeder folgenden Generation wieder Qualzuchten. Über wie viele Generationen will man das in Kauf nehmen?
 
  • Reinrassigkeit - ein überholtes Dogma? Beitrag #7
Warum schenkt man nicht auch mal ein Auge auf die Mix Verpaarungen?
Die wahllos vermehrt werden, deren Probleme werden außer Acht gelassen oder erst gar nicht verfolgt.
Typischer Whataboutism ....

Dass Vermehrer-Verpaarungen ganz klar ein Problem sind, macht die Probleme der Rassekatzenzucht ja nicht kleiner.

Und es ist mitnichten so, dass das nicht thematisiert würde - man mag über Herrn Rütter denken, was man mag, aber er kritisiert z. B. den illegalen Welpenhandel und die damit verbundenen Puppy Mills ganz massiv. Es gibt auf RTL+ da eine Doku (ich meine kostenlos und für alle zugänglich) "Das gnadenlose Geschäft mit den Welpen."

Übrigens wird auch im Beitrag angerissen, dass man nicht nur die Rassezucht überdenken muss, sondern konsequenterweise dann auch den Import von Vermehrerwelpen aus dem Ausland unterbinden müsste (Tiere, die vom Tierschutz gerettet und kastriert vermittelt werden, sind damit nicht gemeint), um nicht weitere (unbekannte) Gendefekte weiter zu verbreiten.

Was ich mir wünschen würde, dass beide Themenkomplexe auch bei Katzen mehr in der Öffentlichkeit thematisiert würden, um da aufzuklären (leider haben Katzen keine so große Lobby wie Hunde).

Denn Folgendes ist laut Professor Gruber auch ein sehr großes Problem:

Die Diskrepanz zwischen dem Wissen, was man mittlerweile in der Wissenschaft/der Tierärzteschaft hat und dem Wissen in der Hunde- bzw. Katzenwelt. Viele wissen ja um diese ganzen Probleme überhaupt nicht (oder es kommt der menschliche Faktor kognitive Dissonanz ins Spiel, dass Probleme zugunsten der eigenen Interessen - i. e. ich will ein Tier mit der und der Optik - negiert und ausgeblendet werden.)

Es stellt sich außerdem die Frage, ob es vertretbar ist, durch Einkreuzung anderer Rassen z.B. den Mops oder den French Bulldog retten zu wollen, denn es entstehen in jeder folgenden Generation wieder Qualzuchten. Über wie viele Generationen will man das in Kauf nehmen?
Das ist zweifellos wahr und etwas, was ich auch kritisch sehe. Im Beitrag wird auch gesagt, dass nicht jeder Retromops ein gesunder Mops ist und die Rückzüchtung eine Jahrhundertaufgabe. Da stellt sich halt wirklich die Frage, ob es moralisch vertretbar ist, diese Rasse so "retten" zu wollen.
 
  • Reinrassigkeit - ein überholtes Dogma? Beitrag #8
Warum schenkt man nicht auch mal ein Auge auf die Mix Verpaarungen?
Die wahllos vermehrt werden, deren Probleme werden außer Acht gelassen oder erst gar nicht verfolgt.
Meinst du die neuen Kreationen in der Züchterwelt
-Minskin, Minuet oder Lambkin (Züchtungen aus Munchkin mit Burma mit dem Zusatz von Sphynx und Devon Rex, Munchkin mit Perser und Munchkin mit Rex)
-Elfenkatzen ( Züchtung aus American Curl und Canadian Sphynx)
-Lykoi
-Toybob
- Dwelf (Sphynx+Munchkin+ American Curl)
- Superscratcher (Semiletalfehler)
-Foldex (Scottish Fold + Exotic Shorthair)
- Genetta (Bengal+ Munchkin)
- Owyhee Bob /Mountain Bob (Siam+Manx)
- Pudelkatze (Devon Rex +Scottish Fold + Europäisch Langhaar)
- .....

Es fehlen noch die Hybriden aus Hauskatzen + versch. Wildkatzenarten

Irgendein Dachverband wird sich sicher finden, der diese Rassen anerkennt (oder schon anerkannt hat), sämtliche Mischungen aus mehreren Defektgenen, die ein lebenslanges Leiden garantieren, sind vorhanden.

Ich vermisse in der Hinsicht auch ein entschlossenes Auftreten der "seriösen" Züchter gegen diese "Kollegen", die einzigen, die ich bis jetzt wahrgenommen habe, sind Tierärzte und Tierschützer wie z.B. hier:
Liest man dann die Kommentare in den sozialen Medien, die von "aber mein Mops kann einwandfrei atmen, der läuft bei 30°C Marathon mit mir" bis hin zu Hasskommentaren reichen, fragt man sich, wie Züchter und Halter sich selbst und ihre Tiere wahrnehmen.
 
Zuletzt bearbeitet:
  • Reinrassigkeit - ein überholtes Dogma? Beitrag #9
Warum schenkt man nicht auch mal ein Auge auf die Mix Verpaarungen?
Die wahllos vermehrt werden, deren Probleme werden außer Acht gelassen oder erst gar nicht verfolgt.
Das ist für mich Teil des Themas, weil da geht es ja auch um „Rasse“Zucht aufgrund der Optik
 
  • Reinrassigkeit - ein überholtes Dogma? Beitrag #10
@Its4Pets

Ich meinte die Mix von Mix Katzen
 
  • Reinrassigkeit - ein überholtes Dogma? Beitrag #11
  • Reinrassigkeit - ein überholtes Dogma? Beitrag #12
Die bei EBay Kleinanzeigen als Reinrassig ohne Papiere verkauft werden.
 
  • Reinrassigkeit - ein überholtes Dogma? Beitrag #13
Also die oft so genannten look-alikes?
 
  • Reinrassigkeit - ein überholtes Dogma? Beitrag #14
Genau
 
  • Reinrassigkeit - ein überholtes Dogma? Beitrag #15
Und was wirfst du den so genannten "Vermehrern" im Einzelnen vor?
Was machen so genannte "Züchter" besser?
(Schlechte Haltungsbedingungen, fehlende Entwurmungen und Impfungen etc. sind nicht gemeint, wiewohl sie hier wie dort anzutreffen sind)
 
  • Reinrassigkeit - ein überholtes Dogma? Beitrag #16
Dass keinerlei gesundheitliche Voruntersuchungen gemacht werden, die Tiere häufig zu früh abgegeben werden, von Impfungen und Entwurmungen abgesehen. Viele verenden weil die Blutgruppen nicht zusammen passen oder haben Erbkrankheiten weil die Elterntiere auf nichts untersucht werden.
Rassen passen nicht wahllos zusammen bei Katzen häufig gibt es irreparable psychische Störungen.
Das die weiblichen Tiere dauergebären müssen weil sie Vermeherer nur auf Profit aus sind.
Aber warum muss man dir das überhaupt aufzählen das solltest du doch selbst wissen, so engagiert wie du alles recherchierst
 
  • Reinrassigkeit - ein überholtes Dogma? Beitrag #17
@Gast53712 und @Its4Pets Da es schon genügend Threads gibt, in denen über Züchter versus vermeintliche Züchter/Vermehrer diskutiert wird, wäre es schön, wenn ihr hier beim ursprünglichen Thema “Reinrassigkeit - ein überholtes Dogma?“ bleiben würdet.
 
  • Reinrassigkeit - ein überholtes Dogma? Beitrag #18
Dies sollte in der Tat keine Züchter vs. Vermehrer Debatte werden (ich finde es trotzdem ok, wenn es da kritische Anmerkungen gibt).

Letztendlich geht es darum, was passiert, wenn man mit einer viel zu geringen genetischen Variabilität züchtet. Und darum, dass man von der Rassezucht, wie sie jetzt betrieben wird, weg kommen muss. Das heißt, weg von den geschlossenen Zuchtbüchern, die keine Einkreuzungen erlauben (wobei es da laut Beitrag auch Zuchtverbände gibt, die da offener sind), weg von den Schranken in den Köpfen wie eine bestimmte Rasse auszusehen hat, weg von den Extremen. Im Beitrag gibt es den Beispiel des Dackels, von denen sehr wahrscheinlich deutlich weniger an Bandscheibenvorfällen leiden würde, wenn man nur etwas längere Beine zulassen würde. Jetzt mal ganz vereinfacht zusammengefasst, im Beitrag geht Prof. Gruber da auch noch auf bestimmte genetische Aspekte ein.

Gentests sind dabei ein wichtiges Mittel und es stellt sich mir durchaus die Frage, ob alle vereinsgebundenen Züchter tatsächlich so viel testen wie es nötig wäre. Dass der ungarische, rumänische, deutsche, ... Vermehrer völlig auf derlei Tests pfeift, sollte aber auch klar sein.

Das grundlegende Problem ist mMn, egal ob bei der vereinsgebundenen Zucht oder beim "Hinterhofvermehrer" , dass der Fokus so stark auf der Optik liegt. Und oft steckt eine Mutation hinter etwas, das wir Menschen erstmal "schön" finden (und das sich daher gut verkauft .... ). Blöd nur, dass diese Mutation ganz oft ein Gendefekt ist und das Tier nicht nur "schöner" macht, sondern eben auch krank. Der "Dilute" Faktor ist so ein Beispiel, der Farben verdünnt nach Silver, Cinnamon, Charcoal oder wie sie alle heißen. Oder der aktuell so beliebte Merle-Faktor.
Ich hoffe, ich habe das einigermaßen richtig wiedergegeben.

Die offensichtlichen Defektzuchten wie Perser mit zu kurzen Nasen oder brachycephale Hunderassen sind ja nur die Spitze des Eisbergs.
 
  • Reinrassigkeit - ein überholtes Dogma? Beitrag #19
@Gast53712 und @mennemaus
Meine Frage zielte ausdrücklich nicht auf die Dinge ab, die @Gast53712 nun aufgezählt hat, das hatte ich ja in Klammern extra deutlich gemacht.
Mir ging es dabei um das Thema des Threads, nämlich Genetik, und was Züchter da besser machen.
 
  • Reinrassigkeit - ein überholtes Dogma? Beitrag #20
dass der Fokus so stark auf der Optik liegt
Naja keiner würde auf „Hässlichkeit“ einer Katze oder Hund züchten.
Natürlich sollen Rassen etwas herausstechen und schön sein.
Aber warum sollen Rassestandards verändert werden (ausgenommen Qualzucht)?
Umso mehr eingekreuzt wird umso mehr Erbkrankheiten können auftreten.
Von Experimenten halte ich nicht viel.

Ganz ehrlich ein Dackel mit langen Beinen ist kein Dackel mehr.
Unsere Dackel hatten nie Bandscheibenvorfälle meine Tante hatte gezüchtet die wir früher hatten.
 
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