Mit Sicherheit gibt es Katzen, die länger als meine verschwunden waren. Ich habe von manchen Schnurris gehört und gelesen, daß diese sogar bis zu zwei Jahren unterwegs waren, und plötzlich wieder vor der Türe standen.
Diese Geschichte ist jedoch meine meine Eigene, und auch zwei Monate und zwei Tage sind zuviel....
Sie begann genau heute vor einem Jahr....
Wie jeden Morgen weckte mich mein kleines Murmelchen mit einem Sprung in mein Bett; zielsicher und leicht wie eine Feder.
"Guten Morgen mein Schätzchen, komm zu Mami schmusen!" Und wie gewohnt vergrub sich ihr Schnäuzchen in meiner Halsbeuge, aber nicht ohne mir vorher ihr sabberndes, soeben genanntes Etwas an meiner Wange zu reiben. Mit einem Plumps ließ sie ihren feenhaften Körper auf meine Schulter fallen. So lag sie dann lange angekuschelt bei mir;
meinen Arm versuchte ich so abzustützen, daß ich sie nicht zu sehr einengte. Mit meiner anderen freien Hand kraulte ich ihr im Nacken.
Fast wäre ich wieder eingeschlafen, wenn meine Tochter sich in ihrem Zimmer nicht geregt hätte. Murmelchen nahm dieses wohlbekannte Geräusch zum Anlaß, schnellstens, aus der ausschließlich nur ihren bequemen Lage aufzuspringen,und mit einem gekonnten Satz über meinen Körper hinwegzuhüpfen, um dann mit lautem Galopp ins Zimmer meiner Tochter zu rennen.
Verschlafen und ein wenig steif schlenderte ich ins Bad. Wie gewohnt lehnte ich die Tür nur an, und kurze Zeit später zeigte sich ein Pfötchen im Türspalt. Ein- zweimal dagegengedrückt, und die Tür wurde aufgestoßen.
Hopp, und schon saß sie auf meinem Schoß; na toll. "Kann ich noch nicht mal alleine aufs Klo?"
Das schien das Stichwort für Murmelchen zu sein, und hopps saß sie schon in ihrer Katzentoilette, verrichtete dort ihr Geschäft; natürlich ohne es gebührend zu vergraben. Macht doch nichts; Mama kümmert sich eh gleich drum!
Immer noch nicht ganz warm in den Knochen, führte mich mein Weg in die Küche. Dort erwartete mich schon ein wuseliges Etwas, daß mich mit erwartungsvollen, großen grünen Augen anschaute. "Gleich, Schätzchen. Gleich gibts was Feines."
Es war Sonntag, also konnte ich gemütlich in den Tag starten. Genau der richtige Tag, um frisches Brot zu backen.
Für mich war das kein großer Aufwand. Schließlich habe ich das zehn Jahre lang fast täglich frühmorgens in Tunesien zu
einem Ritual werden lassen.
Der Duft von frisch gebackenen Dinkelbrot ließ auch meine Tochter aus ihren Federn locken.
Was gibt es Schöneres, als ein ruhiger Sonntagmorgen. Die Sonnenstrahlen blinzelten durch das Blattgrün der Kastanie vor unserem Küchenfenster. Es schien ein schöner Tag zu werden. Vielleicht würde ich mit meiner Tochter an den See gehen um dort unsere Lieblingsstelle aufzusuchen. Die noch milden Temperaturen luden gerade dazu ein, vielleicht dort mit einem Picknickkorb ein paar Stunden zu verbringen.
Meine Tochter Mehania ist selbst mit ihren 12 Jahren immer noch kindlich. Sie hat so gar nichts von den Kindern hier im selben Alter. Lieber spielt sie Nachmittags mit den durchschnittlich jüngeren Kindern der Nachbarschaft ums Haus herum, oder am angrenzenden Fluß, eingerahmt von herrlichen Laubbäumen.
Sicher hat sie das Leben in Tunesien geprägt.
Ein Leichtes für mich, sie für den See zu begeistern. Ohne Langeweile kann sie sich dort den ganzen Tag mit Steinen und Naturmaterial beschäftigen. Ein echtes Wüstenkind eben!
Eine Eigenart von mir allerdings läßt es nicht zu, aus dem Haus zu gehen, ohne meine Dinge ordentlich zu hinterlassen.
Für mich gibt es nichts Schöneres, als in ein gemütliches und ordentliches Zuhause zu kommen.
Und genau das ließ diesen Tag zu einem meiner schlimmsten Tage meines Lebens werden.
Eins führte zum Anderen. Hier ein bißchen saugen, da ein bißchen räumen...
Noch nie hatte ich eine reine Wohnungskatze. Meine früheren Katzen waren alle Freigänger, die kamen und gingen, wie es ihnen beliebte.
Murmelchen holte ich vom nahegelegenen Bauernhof mit der Gewißheit, daß auch sie die freie Natur genießen würde.
Auch wenn ich im 2. Stock wohne, so war das kein Hindernis. Ich wollte spätestens nach einem halben Jahr eine Katzenbrücke von unserem Küchenfenster in die Kastanie bauen, so daß sie diesen als Auf- und Abstiegsmöglichkeit hätte nutzen können. So mein Plan....
Inzwischen war Murmelchen sieben Monate, und von meinem eigentlichen Plan war ich immer weiter abgerückt.
Murmelchen war mein Baby. Es hatte sich eine ganz besondere Beziehung zu ihr aufgebaut, welche ich mit Worten nicht beschreiben kann, und welche ich auch mit meinen vorherigen Tieren niemals hatte. Aber vielleicht war sie auch der Ersatz für all meine Tiere in Tunesien, die ich schmerzlich zurücklassen mußte.
...und da ein bißchen die Wohnungstür aufmachen, um die Schuhe vor der Türe zu richten, und den Fußabtreter am Fenster im Flur auszuschütteln. Unveränderlicher Ordnungsfimmel!
Zurück in der Wohnung, fordere ich meine Tochter auf, sich für den See fertig zu machen.
Den Picknikkorb in den Händen, schaue ich nochmals nach Murmelchen, um ihr zu sagen, daß wir bald wiederkommen.
Meinen Blick wie gewöhnlich im Flur umherschweifend, dann im Wohnzimmer, danach im Kinderzimmer; etwas fragend trifft mein Blick meine Tochter." Hast Du Murmelchen gesehen?"
Noch immer den Korb in der Hand gehe ich nun suchend in das Bad, wieder in das Zimmer meiner Tochter, unter das Bett schauend, hinter den Vorhang suchend, im Kleiderschrank, auf das Regal. Meine Tochter ruft nach Murmelchen.
"Die spielt sicher Verstecken."
In der Wohnstube suche ich unter dem Bettsofa, dahinter, auf dem Bücherregal, im Katzenkorb. Sogar die Schubladen werden alle samt geöffnet, während meine Stimme nach Murmelchen ruft.
Noch ist es einfach nur komisch; doch so langsam steigt ein Gedanke in mir auf, zaghaft klopfend, kaum hörbar.
Nein, das hat sie noch nie gemacht. Noch nie hat sie sich so versteckt, daß wir sie nicht finden.
Noch nie ist sie auch nur annähernd zur Wohnungstür, um zu schauen, was da draußen ist.
Sie saß immer mit sicherem Abstand im Flur, und beobachtete, wie Mami und Spielgefährtin die Tür öffneten, und in ein ungewisses Etwas hinausgingen. Was die beiden Zweibeiner dort hinter der Tür machten, entzog sich bislangihrer Kenntnis.
Und Dosi glaubte mit großer Sicherheit behaupten zu können, daß ihr Baby das schlichtweg nicht interessierte.
Doch an diesem Tag wurde sie eines Besseren belehrt.
Nachdem wir ein gefühltes zehntes Mal die Wohnung auf den Kopf gestellt hatten, wurde das zaghafte Etwas, welches vorhin anklopfte zur beängstigenden Gewißheit.
Die Wohnungstür aufreißend, rannte ich in den Flur, die Treppen herunter. Mit entsetzlichem Schrecken mußte ich feststellen, daß die Haustüre sperrangelweit offen stand. Bitte nicht, die ist doch sonst nicht auf. Welcher Idiot hat denn die Türe offen gelassen? Schließlich stehen hier doch auch unsere Fahrräder griffbereit! Ich muß unbedingt die
Räder in Zukunft abschließen.
Während tausend Gedanken durch meinen Kopf schießen, finde ich mich auf dem Spielplatz vorm Haus wieder. Mein Blick wandert unruhig in Richtung Häuserwand, entlang der Garagentore, zu den Gebüschen, bis hin zum Fluß!
"Murmelchen!"
Meine Tochter ruft aus dem Fenster, ob ich sie gefunden hätte. Ich gebe Anweisungen, nochmals im Flur zu suchen.
Vielleicht sitzt sie ja im obersten Stockwerk.
Währenddessen steigert sich meine Unruhe in panische Angst. Abwechselnd zwischen Rufen und Suchen, renne ich zum Fluß, und beginne das Ufer abzusuchen. Was ist, wenn sie hineingefallen ist? Nein, Murmelchen fällt nicht einfach so ins Wasser. Sie ist eine Katze. Eine Bauernhofkatze. Aber sie war doch niemals draußen.
Die Bauernfamilie war nahezu rührend um die Kleinen besorgt. Die ersten Wochen durften sie im Badezimmer beschützt in einer liebevoll eingerichteten Ecke heranwachsen.
Eine Sperrholzplatte hinderte später ihr neugieriges Wesen daran, in eine gefahrvolle Welt zu treten.
Erst mit knapp acht Wochen, durften sie in den Hausflur, welcher auch in den Garten führte.
Doch Murmelchen zog es vor, sich auf das Bad und den Flur zu begrenzen. Sie war die Kleinste und Zarteste im Vergleich zu den den anderen Kätzchen.
Weder ähnelte sie ihrer Mutter, noch eines ihrer 3 Geschwister. Sie war die Einzigste, die ein
etwas flauschigeres Fell hatte, mit einem verwaschenen braun- schwarz gestreiften Muster. Die anderen waren übliche Tiger, zwei davon mit weißen Pfötchen.
Schon am ersten Besuchstag war klar, daß eben dieses kleine wuschelige Etwas unsere Katze sein würde.Spätestens als sie neugierig meiner Tochter am Rücken hochkletterte, und es sich unter ihrer Mähne in ihrem Nacken bequem machte, um dort seelig einzuschlafen, war es um uns geschehen. Die Bäuerin machte davon ein Foto.
Warum hab ich es eigentlich nicht?
" Murmelchen, komm zu Mama!"
Es bringt jetzt nichts zu weinen.Das macht es nur Schlimmer, und ich kann keinen klaren Kopf behalten.
Du gehst jetzt nach oben, nimmst ihr Lieblingsspielzeug, und suchst mit Mehania die gesamte Gegend ab!
Als ich zum Hauseingang zurückkehre, horche ich auf. Mein Gehör hat mich noch nie im Stich gelassen. Selbst wenn es um mich laut wird, kann ich noch das leiseste Geräusch herausfiltern. Allerdings mag ich keine Lautstärke. Es macht mich
nervös. Immer schon habe ich die Stille gesucht. Meine Mutter sagt immer mit so einem gewissem Unterton:"Für Dich ist alles zu laut; Du bist so empfindlich!"
Soll ich nun die Haustüre offen lassen, damit Murmelchen, falls sie draußen ist, wieder hineinschlüpfen kann?
Oder soll ich sie lieber schließen, damit sie, falls sie doch noch im Haus ist, nicht heraus kann?
Ich lasse die Tür offen, und entschließe mich, das Haus von unten nochmals gründlich zu durchsuchen.
Nicht ohne den Eingang aus dem Blick zu verlieren, gehe ich in Richtung Keller.Die 2 Türen dorthin sind zu, also kann sie sich dort nicht aufhalten! Richtung Treppe schaue ich nochmals genau zwischen den Fahrrädern. Nichts.
Auf dem Weg nach oben, horche ich, ob sich vielleicht etwas bewegt. Nichts.Ich schließe die Tür zu meiner Wohnung auf und sage meiner Tochter, daß sie nach unten gehen soll, falls Murmelchen auftauchen sollte.
In der Wohnung suche ich nochmals akribisch jeden Winkel ab. Ich habe eine kleine Wohnung, aber sie bietet für eine Katze viel Möglichkeit, sich nach Herzenslust einige Schlaf- und Versteckmöglichkeiten auszusuchen.
Nichts. Ich packe die Spielangel und ein paar Leckerlis in meine Tasche.
Unten sitzt meine Tochter auf dem Treppenabsatz. "Mama, wenn Murmelchen noch nie draußen war, dann muß sie doch unglaubliche Angst haben?"
Unglaubliche Angst. Angst...dieses Wort schnürt mir die Kehle zu. Ich schlucke den Kloß herunter. Er hakt sich in meinem Halse fest und ich spüre, wie er sich langsam den Weg hinunter Richtung Herz bahnt.
Dieser Kloß "Angst" macht es sich dort ab diesem Moment bequem. Durch keinen noch so positiven Gedanken läßt er sich verscheuchen. Wohlig räkelt er sich in meinem Herz, und läßt mich ab genau diesem Tage keine Nacht mehr durchschlafen, keinen Tag mehr ohne Sorge durchstehen.
Ich nehme meine Tochter an der Hand, um Halt zu finden. Ihre Wärme sorgt für ein wenig Trost.
Wir laufen suchend, und ganz gegen unsere Gewohnheit langsam, sehr langsam um die Häuser.
Endlich treffen wir auch ein paar Nachbarkinder, denen Mehania von Murmelchen erzählt. Sofort begeben sie sich zu uns,und machen aus der Suche ein Spiel. Meine Tochter schaut mich bittend an. Ich lasse ihre Hand los, und sie begibt sich zu dem Trupp Kinder. Wie gerne würde ich ihr Spiel mitspielen.
So setze ich meinen Weg alleine fort, in einer Wohngegend, die mit ihren einzelnen und unterschiedlichsten Häusern den typischen Charakter eines kleinen Dorfes am See ausmacht.
Ich habe mich hier nach meiner Rückkehr aus Tunesien gleich wieder wohl gefühlt.
Den ersten Winter am See saugte ich regelrecht in mich auf, und längst als die Menschen sich über den vielen Schnee beschwerten, genoß ich ihn noch in vollen Zügen.
Mittlerweile gedankenverloren, begegnete ich ein paar Spaziergängern, die ich sogleich fragte, ob ihnen eine kleine Tigerkatze aufgefallen sei.
Die Antworten ließen mich in Richtung nach Hause treiben.
Wie sollte ich denn eine vermutlich total verängstigte Katze, die sich irgendwo verkroch, wiederfinden?
Nein, wenn sie noch nie draußen war, wird sie sich ums Haus aufhalten, und früher oder später vor unserer Türe sitzen. Das habe ich doch immer wieder gehört. Warum sollte es bei meinem Murmelchen anders sein?