Natürlich wollte und konnte ich das alles nicht glauben, doch dieses Bild, welches Murmelchen in irgendeinem Straßengraben liegend zeigte, ließ mich von da ab nicht mehr los.
Es beeinfußte meine Denkweise und mein Handeln für die nächste Zukunft.
So fragte mich eines Tages meine Freundin, ob ich mir nicht vorstellen könne, eine Katze aus dem Tierheim zu mir zu nehmen.
Nach anfänglichen Bedenken, freundete ich mich mit diesem Gedanken jedoch immer mehr an, so daß ich mich eines Tages in einem unser nahegelegenen Tierheimen wiederfand. Skepsis und Neugier ließ mich in Richtung Katzengehege gehen, hinter deren Gittern ich nur schemenhaft ein paar Katzen wahrnahm. Die erste Tür geöffnet, entdeckte ich sofort eine Katze, die in Richtung der Absperrung eines zweiten Geheges tippelte. Natürlich viel mir gleich ihre wunderschöne sand- und schwarzfarbene Zeichnung auf, die an eine Siamkatze, heutige Thaikatze erinnerte.
Noch nie hatte ich solch eine Katze bei uns in den Tierheimen gesehn. Meist waren es doch die üblichen Hauskatzen, selten konnte man solch eine Colour Point antreffen.
Kaum öffnete ich die Türe in ihr Gehege, da kam sie auch schon plappernd auf mich zu, und ab da hatte ich sie bei mir aufdringlich und unwiderruflich auf meinem Schoß sitzen.
Meine Freundin beschäftigte sich derweil mit allen anderen Katzen, und bei jeder ließ sie ein Bedauern äußern, das kundtat, daß sie nicht noch eine Katze haben könne. Nebenbei meinte sie, daß die Katze auf meinem Schoß farblich sehr gut zu mir passe. An diesem Tag hatte ich meine creme farbene Schurwolljacke an, in die sich dieses aufdringliche Etwas hineinkuschelte, und mit keinster Weise andeutete, wieder an einem anderen Platz liegen zu wollen.
Kein Zweifel, diese Katze hatte mich ausgesucht, also dürfte sie auch mit mir mitkommen.
Maymunah, gleichbedeutend wie glücklich und gesegnet, wurde ab da meine Seelentrösterin, doch niemals ein Ersatz für
Murmelchen.
Nun könnte man meinen, ich hätte den Kopf in den Sand gesteckt, aber so leicht ließ ich mich von der Aussage einer sogenannten Hellseherin, und noch dazu einer so gering Glaubwürdigen, nicht beeinflussen.
Am nächsten Tag schon, saß ich wieder auf meinem Fahrrad, und suchte noch intensiver die Gegend ab, wenn das überhaupt noch möglich war. Allerdings muß ich mir eingestehen, daß diesmal mein Blick unweigerlich am gesamten Straßenrand hängenblieb.
Es hätte ja doch eine klitzekleine Möglichkeit bestehen können....nein! Murmelchen genoß genau in diesem Augenblick die nachmittägliche Herbstsonne, womöglich mit einem gesättigtem Bauch einer soeben gefressenen Feldmaus.
Katzen sind schließlich geschickte Jäger, das liegt ihnen im Blut, und auch wenn sie es in ihrem Leben noch nicht ausprobieren durfte, so konnte sie doch bisweilen ihren Jagdinstinkt in der Wohnung nacheifern. Fast täglich ließ ich sie einem Filzbällchen, dem kleinen, roten Punkt des Laserstrahlers oder anderen diversen Spielzeugen über Tische, Regale, Küchenbuffet, Fensterbänke hinwegflitzen. Es gab so ziemlich kein Hindernis, welches mein Murmelchen, leicht wie eine Feder, nicht mit Bravour meisterte. Dabei war sie so geschickt, auch nicht ein Stück meines Sammelsuriums an Gegenständen, die meine Wohnung
schmücken, hinunterzuschmeißen.
Von einer Kollegin aufmerksam gemacht, daß es einen Gast-und Bauernhof in einem nahegelegenen Dorf gibt, an dem sich sehr viele Katzen aufhielten, und dort von einem Tierfreund gefüttert werden, fuhr ich diesen Hof mit einem neuen Stück Hoffnung, und ein paar Leckerlis zielstrebig an.
Im hinteren Bereich des Gasthofes, direkt an einer Landstraße gelegen, kamen auch schon maunzend ein paar struppig aussehende Katzen auf mich zugelaufen. Unter ihnen waren auch einige kleinere, abgemagerte Tiere, die mich mißtrauisch beobachteten.Ich setzte mich auf den gepflasterten Boden,verteilte ein paar Brocken Trockenfutter um mich aus, und schon nach kürzester Zeit hatte ich mindestens 12 Katzen um mich geschart.So konnte ich mir in Ruhe einen Überblick über die dortige Lage verschaffen.
Rechterhand gab es einen Schuppen, an deren zebrochenen und vor Schmutz milchigen Fenterscheiben, noch einige Katzen zu erspähen waren.Mein Blick wanderte langsam nach links. Dort war ein Geräteschuppen, und daneben befand sich ein Kuhstall.
Als ich dort einen jüngeren Mann sah, der auf einer Heugabel aufstützend meinen Blick traf, war ich kurz erschrocken, und vieklleicht auch ein wenig verlegen. Schließlich machte ich mich in aller Seelenruhe auf fremden Gehöft breit.
Ich lächelte ihn an, stand auf, und ging freundlich auf ihn zu.Nachdem ich mich entschuldigte, mich ohne Rücksprache hier aufzuhalten, fragte ich ihn, ob er wisse, wieviel Katzen sich hier aufhielten, und ob sie denn alle zum Hof gehörten.
Zudem, daß dieser Mann mehr als wortkarg war, brachte er mir solch ein Mißtrauen und somit auch eine Unfreundlichkeit entgegen, daß ich mich nochmals entschuldigte, und nun erklärte, daß ich auf der Suche nach meiner Katze sei und hoffe, sie hier eventuell zu finden. Zumindest hatte er nichts dagegen, daß ich öfters vorbeischauen wolle.
Nochmals einen prüfenden Blick hinter mich geworfen, sammelte ich meine Tasche ein, und fuhr wieder einmal, zum gefühlten tausendsden Mal, enttäuscht nach Hause.
Vielleicht war sie ja nur diesesmal nicht da? Ich müsse einfach noch öfters dort vorbeischauen, und ich mußte über den hiesigen Tierschutz mehr über diese vielen Katzen in Erfahrung bringen.
In dieser Nacht hatte ich einen Traum:
meine Familie und ich sind in einer Stadt am See spazieren gegangen. Da sah ich meinen Müll auf meinem runden, kleinen Holztisch liegen.Wir laufen vorbei, und ich denke für mich, den Müll kann ich doch nicht liegen lassen, und trenne mich von meiner Familie.Als ich auf die besagte Stelle zulaufe, sehe ich anstelle des Mülls, eine Katze dort sitzen.
Neben ihr sitzt eine alte Dame auf einer Bank. Ich erkenne Murmelchen, gehe langsam, ihren Namen sprechend, auf sie zu.
Sie sitzt in ihrer typischen Stellung mit eingeschlagenen Pfötchen da. Sie steht auf, und hebt ihr linkes Vorderpfötchen.
Sie springt vom Tisch und läuft hinkend auf mich zu. Kniend nehme ich sie auf den Arm, und sogleich schmiegt sie sich in meine linke Halsbeuge, ganz ihrer Gewohnheit gleich. Als ich aufstehe springt sie von meinem Arm, jedoch kann ich sie mit Trockenfutter aus meiner Tasche zu mir locken...
Während dieses Traumes fing ich wohl schon an zu weinen. Ob ich nun der Tränen wegen aufwachte, oder durch mein Schluchzen;
Maymunah kam diese Nacht das erste Mal zu mir an meinen Kopf um mich zu trösten. Und ich spürte immer noch die Wärme des weichen Felles von Murmelchen an meinem Hals!
Am darauffolgendem Tage war ich so erschöpft, daß ich mich nach der Arbeit sofort hinlegte.
Das Läuten meines Telefones ließ mich aus meinem Schlaf reißen. Torkelnd ging ich ans Telefon."Ja, bitte?"
"Spreche ich mit Frau Martina .....? Hier ist der Tierschutzbund Langenargen. Wir haben gehört, daß sie eine Tigerkatze suchen, und wir wären Ihnen dankbar, wenn Sie uns eine Mail mit einem Foto schicken könnten, um dies mit der Katze abzugleichen, die schon ein paar Tage bei uns ist. Ich gebe Ihnen meine Mail-Adresse."
Oh, bitte, laß es Murmelchen sein. Diesmal muß es Murmelchen sein! Ich hatte solch zittrige Hände, daß ich kaum in der Lage war, meinen Kugelschreiber ordentlich zu halten. "Vielen Dank, ich werde Ihnen sofort ein paar Bilder zusenden."
Wie immer war mein PC zu langsam, zu langsam, wenn man es vor Aufregung ganz eilig hatte....
Kaum eine viertel Stunde später klingelte das Telefon wieder, und der freundliche Herr sagte mir, daß seine Frau sicher sei, daß es sich um meine Katze handle.Er war sogar so entgegenkommend, mich abzuholen, da ich keine Möglichkeit hatte, so schnell eine Auto zu besorgen. Ich lief zitternd vor Kälte an die Straßenecke am See, und bemerkte erst jetzt, daß ich den Regenschirm vergessen hatte. Seit gestern regnete es immer wieder, und es wurde unangenehm feucht.
Doch schon kurz darauf hielt ein sportlicher Zweisitzer, und während der Fahrt, die sich bis ins Unermessliche ausdehnte, erzählte mir der Tierfreund von seiner Arbeit. Und ehrlich gesagt, interessierte es mich im Moment erschreckend wenig.
Wir stiegen die alte Holztreppe des Bauernhofes hinauf, und an der Türe erwartete mich schon seine Frau.
Im etwas düsteren Wohnraum kam mir ein Geruch von nassem Hundefell und modrigen Holz entgegen. Außerdem begrüßte mich ein mittelgroßer, struppiger Hund mit seiner feuchten Hundeschnauze.Ich war viel zu aufgeregt, als daß ich mich mit ihm abgeben wollte, und streichelte ihm flüchtig über seinen Kopf. Als Dank dafür bedrängte er mich noch mehr, und wedelte voll freudiger Erwartung mit seinem Schwanz. Wenn er wüßte, welch große Erwartung ich erst hatte!
Die Frau sagte mir, daß das Tigerle, sehr schreckhaft sei, und wir uns wohl einen Moment gedulden müßten, bis es unter dem Sofa hervorgekrochen käme. Ich setzte mich auf einen zerschlissenen Sessel und erzählte, daß ich schon einmal von einem ähnlichen Anruf enttäuscht wurde, und es sich sicher wieder nicht um mein Murmelchen handeln würde.
Aber sie versicherte mir, daß die Ähnlichkeit frappierend sei.
Und da schaute ein Näschen unter dem Sofa hervor, und plötzlich wurde mir klar, daß ich wohl nochmals solch einen Anruf nicht verkraften würde." Jetzt warten Sie doch einen Moment noch, bis sie ganz zu sehen ist!"
Ich kannte das Schnäuzchen meines Murmelchens. Und das, was ich da sah, war nicht das Schnäuzchen
meiner über alles geliebten, so sehr vermißten Katze! Niemals wieder würde ich meine Kräfte für irgendeine zaghafte Hoffnung aufwenden. Niemals wieder.
In diesem Moment wußte ich nicht, wer mehr enttäuscht war; die Frau, die dachte, ein glückliches Widersehen protokollieren zu können, oder ich, die auf dem schnellsten Wege wieder nach Hause wollte. Nach Hause in mein gemütlich geschaffenes Reich , in meine Oase des Friedens und der Stille. In meine vier Wände, in denen ich ohne Scham und Rücksicht vor fremden Leuten meinen Frust und meiner Traurigkeit freien Lauf lassen konnte.
Und wieder einmal kam ich mit einem leeren Katzenkorb nach Hause.
Das war nun das Zweite Mal.
Den ersten Anruf bekam ich von einer Dame, die von einer Tigerkatze berichtete, welche sich seit mehreren Tagen ums Haus aufhielt, und die man nicht zuordnen könne.
Allerdings befand sich das Dorf mit besagtem Haus mindestens 30 Kilometer entfernt. Schon damals rechnete ich die Chancen gering ein; trotzdem saß ich am darauffolgendem Tag im Auto meiner Mutter. Sie fuhr mit, denn auch wenn sie es nicht zugab, falls es eine geringe Chance gab, ihre Tochter wieder lachen zu sehen, so wollte sie sich diesen Augenblick nicht entgehen lassen.
Wir fuhren also über etliche Dörfer hinweg, bis wir dort ankamen. Also mal ehrlich, wie sollte Murmelchen denn hier her gekommen sein. Aber es gab ja immer wieder Wunder. Und auf ein Wunder wartete allen voran, natürlich ich am meisten.
Doch auch hier wurde ich schnell eines Besseren belehrt. Wäre meine Mutter nicht dabei gewesen, ich hätte diese Katze wohl mitgenommen. Auf dem Heimweg konnte ich meine Tränen wieder mal nicht zurückhalten, und ich hörte nur noch:
"Jetzt ist aber mal gut! Die Heulerei bringt Murmelchen auch nicht wieder zurück!"
Wie konnte meine Mutter nur so unsensibel sein?!