Sozialverhalten nach Narkose
Am Dienstagmorgen brachte ich Lucky um 8.00 Uhr zum Tierarzt: Zahnstein, Zahnfleischentzündung, Zahnziehcheck. Um 16.30 Uhr konnte ich ihn – noch ziemlich groggy – abholen.
Nicht wirklich neu für mich:
Vor ca. 1 1/2 Jahren dasselbe Prozedere, nur war Quincy noch nicht eingezogen und Daisy lebte hier. Lucky hatte ich damals ins Schlafzimmer gebracht – Tür zu – Daisy saß 2 Stunden fauchend vor der Tür. Gegen Mitternacht wollte Lucky raus, und alles war gut. Nix mehr mit Gefauche. Alles wieder normal.
Lucky hingegen hat sowohl den postnarkotisierten Quincy (Kastration) als auch die postnarkotisierte Daisy (Endoskopie) erlebt: nie ein Fauchen, nie ein Brummen oder Knurren. Vorsichtige Annäherung, Versuch zu schnüffeln, Rückzug. Nach wenigen Stunden: Normalität.
Auch den Einzug von Quincy im September 2013 hat er stoisch und ruhig hingenommen. Selbst als mein kleines Daisylein kurz vor Quincy’s Einzug diese schreckliche Lähmung ihrer Hinterbeine hatte (und innerhalb kürzester Zeit erlöst wurde), war Lucky zwar irritiert, aber völlig ohne Taten oder Geräusche.
Am Dienstagabend und auch Mittwoch lief es mit Lucky und Quincy anders. Lucky im Schlafzimmer (Tür zu), Quincy vor der Tür, Quincy schnüffelnd in der Wohnung, Quincy wieder vor der Tür. Der sonst so sprech-, spiel- und fressfreudige Quincy: stumm, irritiert, nix mit Fressen, Spielangel uninteressant. Ich selbst: so normal wie mir möglich.
Um 19.30 Uhr wollte ich mal nach Lucky sehen, der mir völlig unerwartet durch den Türspalt entwischte. Etwas torkelig noch, leicht vergrößerte Pupillen noch und wahrscheinlich das Narkosemittel noch „ausdünstend“. Quincy: noch mehr irritiert, aber da Lucky sich ruhig auf eine Kratzpappe legte, dachte ich: Lass einfach mal alles so und bequatsche beide mit deiner fröhlichen „hey, hier ist alles gut!“-Stimme.
Quincy legte sich auf eine Fensterbank, auf der er sonst noch nie lag, er schnurrte nicht mehr, wie er das sonst immer tut, wenn ich auf ihn zugehe. Zwischendurch inspizierte er - äußerst ausdauernd - schnüffelnd die Wohnung, so als röche alles fremd bzw. befremdlich, immer mit einem Kontrollblick zu Lucky, der einfach nur im Wohnzimmer lag. Ich selbst hab mich früh ins Bett gelegt, ohne meine Truppe, die mir dabei ansonsten folgt, ohne einen ansonsten meditativ tretelnden Quincy auf meiner Bettdecke.
In der Nacht werde ich von einem lauten Knurren wach, das sich aber nicht wiederholt. Am nächsten Morgen: angespannte Stimmung. Nichts an Quincy ist so, wie ich es von Quincy kenne. Lucky bewegt sich langsam durch die Wohnung und legt sich immer mal wieder ab. Quincy nähert sich Lucky, will es wohl versuchsweise mit einem Nasenküsschen probieren, dreht dann aber knurrend und fauchend ab, setzt sich auf Distanz in Blickrichtung, und beide starren sich an. Luckys Augen bzw. Pupillen sind noch immer irgendwie anders, und ich glaube, dass Quincy Luckys Blick als „Starren“ wahrgenommen hat, obwohl dies nicht von Lucky, der eigentlich nie „starrt“, intendiert war. Ich durchbreche das natürlich, versuche Quincy abzulenken, aber kann dennoch nicht verhindern, dass sich die beiden am Mittwoch immer mal wieder „anstarren“.
Male mir folgenden Teufelskreis aus: Lucky guckt, Quincy interpretiert dies als Starren und starrt seinerseits, was von Lucky dann ebenfalls als Starren wahrgenommen wird. Und schwups folgt aus einem kommunikativen Missverständnis eine von beiden Seiten als Bedrohung wahrgenommene Situation. Meine Putzhilfe ist vor Ort, auch sie sorgt für Normalität, auch wenn der Staubsauger mal vorsichtshalber still bleibt. Ich trenne nicht erneut, weil das ja auch wieder neue – und vielleicht ungünstige – Signale setzt.
Ganz langsam wird alles besser. Ich beobachte die Katzentiere dabei nicht akribisch, sondern versuche vielmehr, die Situation aus den Augenwinkeln wahrzunehmen, um nicht von meiner Seite aus noch mehr Irritation aufkommen zu lassen. Nachmittags gehe ich mal einkaufen, ich weiß ja, dass sie nicht aufeinander losgehen.
Erst am Donnerstag ist alles wieder richtig gut. Spuk vorbei. Lucky ist Lucky, Quincy ist Quincy, und beide kennen sich! Raufen miteinander, busserln miteinander.
Außer Lucky beim Tierfriseur habe ich noch nie eine Katze knurren hören. War also schon deutlich geschockt, dass ausgerechnet mein Baby-Face Quincelmann so reagierte. Aber überraschend war es eigentlich nicht: Lucky ist ein in sich ruhender Kater, Quincy nicht. Kommen „fremde Menschen“ in meine Wohnung, ist Quincy erst einmal weg, Lucky kommt schnell neugierig angeschnuffelt: Hey, da wird die Spülmaschine ausgebaut, interessant!!! Ein Werkzeugkoffer? Muss ich mich gleich mal draufsetzen…
Als ich kürzlich mit Lucky beim Tierfriseur war, hat Quincy auf den feschen Löwen überhaupt nicht negativ reagiert, obwohl dieser auch deutlich anders gerochen haben muss. Wahrscheinlich war nach dem Tierarzt-Besuch das Gesamtpaket aus langsamer Bewegung, Augen und Geruch von Lucky einfach too much. Gut, dass ich selbst weder wie ein aufgescheuchtes Huhn, noch betüddelnd reagiert habe, das hätte die Situation ansonsten sicher noch einmal mehr sonderbar gemacht. Meine hier gut bekannten Appelle: „Lieb sein!“ und „Alles gut!“ haben sich hingegen bewährt, zumindest nicht geschadet.
Hab mal wieder viel über die Wahrnehmung, Kommunikation und Individualität von Katzen im allgemeinen und von meinen Katern im besonderen gelernt. Als Mensch ist es nicht immer leicht, eine andere Art zu „verstehen“, aber es ist eine wunderbare Erfahrung, es zu versuchen.
Sollte es wieder einmal eine Behandlung unter Narkose im „Hause Zwuck“ geben, werde ich durch eine längere Trennung zusehen, dass Quincy nie wieder auf einen noch angeschlagenen Kater trifft.
Beim Einzug von Reddi in einer Woche werde ich besonders den Quincelmann im Auge behalten, auch wenn ich nicht glaube, dass ein kleiner, sich normal bewegender und nicht-Pupillen-erweiterter Rotmann bei Quincy Angst und Unsicherheit aktiviert. Aber wer weiß? Notfalls wird separiert.
Habe auch viel über mich gelernt. Dass mein Purzelchen dermaßen knurren (und auch noch Lucky gegenüber!) kann, hat mich im ersten Anlauf ziemlich mitgenommen. Im zweiten Anlauf konnte ich mir erklären, was warum eigentlich passiert war und entsprechend (einigermaßen) „souverän“ – vor allem zum Wohle der Katzen nicht panisch – darauf reagieren.
Wenn Reddi-Rotmännlein eingezogen ist, gibt es einen neuen Thread…