Selly und die Rache
oder auch
Gewalt ist doch eine Lösung
Selly war eine Streunerin und so war über ihr früheres Leben nicht viel bekannt. Meine Schwiegermutter holte sie mit geschätzten Vier Jahren aus dem Tierheim. Uns wurde gesagt das sie wohl in einer Gartenkolonie mit einem Katzenrudel lebte. Der "Besitzer" wäre wohl einmal in der Woche in seinen Garten gegangen und hätte eine Portion Trockenfutter in den Schuppen gehauen, in welchem die Tiere hausten. Ein tierlieber Gartennachbar konnte sich das Elend nicht mehr ansehen, hat die Tiere mit Lebendfallen gefangen und ins Tierheim gebracht. Selly wurde im Tierheim kastriert, geimpft und wieder hoch gepäppelt, da es ihr wohl nicht sehr gut ging. Im Laufe der Zeit stellte sich heraus das die ersten schwierigen Jahre ihres Lebens bereits psychische und physische Spuren hinterlassen hat. Sie hatte mit ca. Fünf Jahren einen Bandscheibenvorfall. Wie sich beim Tierarzt hereusstellte hat sich anscheinend ein Rückenwirbel bei einer Verletzung unter das Becken geschoben und ist dort falsch verwachsen. Die Kretininwerte waren bei ihr lange im oberen Grenzbereich, bis sie 2014 überschritten wurden und die Zähne mussten auch alle mit der Zeit gezogen werden. Der Umzug in ein Haus voller Menschen war für sie eine drastische Umstellung zu ihrem Leben vorher. Sie kannte keine Türen und wunderte sich weshalb das Loch, durch das sie gerade gegangen war, nun verschlossen war. Sie suchte die Personen, die sie im Fernseher und am Telefon reden hörte. Sie kannte es nicht aus einem Napf zu fressen und schmiss das Futter erstmal raus, bevor sie fraß, selbst aus einer Kehrschaufel schmeckte das Futter besser. Die Gewöhnung an den Hund meiner Schwiegermutter dauerte auch eine Weile, aber sie meisterte alles. Doch hin und wieder kamen alte Ängste durch. Sie suchte das Weite sobald man Holzlatten und Bretter in der Hand hielt und vor roten Plastiktüten wich sie ebenfalls zurück. Mein Mann und ich waren zu Besuch bei meinen Schwiegereltern, zu einem Zeitpunkt, zu dem Selly noch bei Ihnen lebte. Wir Zwei hielten uns in seinem damaligen Zimmer auf. Selly kam ins Zimmer und erblickte einen roten Plastikbeutel auf dem Boden, der noch vom Einkaufen übrig war. Zielstrebig ging sie auf die Tüte zu, ihr Blick erstarrte und sie begann wie verrückt mit den Vorderpfoten auf den Beutel einzuhauen. Sämtlichen Hass und Schmerz steckte sie in die Schläge. Mit einem versteinerten Gesichtsausdruck haute sie immer schneller und heftiger auf den Beutel ein. Bei jedem Aufprall hörte man ein lautes Patschen der Pfoten. Nach ungefähr Zehn Minuten schaute Selly auf, ließ von dem Beutel ab, kam zufrieden auf uns zugelaufen und ließ sich entspannt streicheln.
Von dem Tag an begebnete Selly roten Beutel immer gelassener. Mittlerweile hat sie keine Angst mehr vor ihnen. Hin und wieder kommen noch Schatten ihrer schlechten Zeiten auf. Die Furcht vor Feuer wird sie wohl immer haben. Wenn sie mit einem Schrei aus dem Schlaf schreckt, sich verwirrt umsieht und dann zu uns kommt um getröstet zu werden, merkt man ebenso ihe ersten Jahre. Das passiert zum Glück immer seltener. Auch ihre Angst vor Holzleisten ist schwächer geworden.