Hallo,
da es gerade in meinem Fotothread wieder angesprochen wurde, möchte ich mal eine Lanze für die scheuen Samtpfoten und die seelischen Notfälle brechen.
Ich lebe nun seit fast 8 Jahren mit Bacon zusammen. Die Süße kam mit 14 Wochen zu mir und war da schon "versaut". Man trennte sie mit 6 Wochen von der Mutter (Inzucht, Bacons Halbbruder ist ihr Vater), mit 7 Wochen wurde sie in Dortmund in den Freigang geschickt - und wurde dort misshandelt.
Bacon hat den gesamten Bauch vernarbt, vom Brust- bis zum Schambein. Das sahen wir bei ihrer Kastration. Was genau mit ihr passiert ist, kann ich nicht sagen und, wenn ich ehrlich bin, ich will es auch gar nicht wissen. Aber ich berichte gerne weiter von vorne.
Bacon gehörte einer Bekannten von mir. Als ich Stulle zu mir nehmen wollte, suchte ich nach einem weiteren Kitten und so wurde mir Bacon angeboten: "Nimm du das Vieh, ich komm damit nicht mehr klar". Kurzerhand zog sie ein, verschwand unter dem Bett und ich sah sie 5 Wochen lang gar nicht. Das Klo stand unter dem Bett, Futter und auch Wasser. Stulle wurde angegriffen (und war so eine tolle Maus, dass sie es immer wieder versucht hat). Bacon saß wirklich nur und ausschließlich unter dem Bett, sie kam nicht ein einziges Mal heraus.
Nach 5 Wochen traute sie sich im Schlafzimmer zu kriechen. Zum Laufen reichte der Mut nicht. Wenn ich aus Versehen meinen Blick schweifen ließ und mich ihr zudrehte, begann sie zu schreien und verschwand zitternd unter dem Bett. Ich habe zwischenzeitlich überlegt, ob es wirklich eine gute Entscheidung war, sie aufzunehmen denn ich hatte mir das Alles wesentlich einfacher vorgestellt.
In den folgenden Monaten taute Bacon trotz meiner Erwartungen immer weiter auf. So weit, dass sie sich nun jeden Abend blicken ließ, auch mal mit erhobenem Schwänzchen durch die Wohnung ging und vor allem mit den (nun 2) anderen Katzen spielte. Anfassen konnte ich sie da nicht ein einziges Mal, einfangen um sie kastrieren zu lassen war unmöglich.
Mit 13 Monaten schaffte ich es, ich durfte sie das erste mal berühren, da war sie schon im Wochentakt rollig. Als sie sich traute, sich neben mich auf das Sofa zu setzen, habe ich sie einfach gepackt und in einen Kennel gesteckt. Den Schrei habe ich nicht vergessen und ich werde es auch wohl nicht. Bacon hatte Todesangst und mir brach es das Herz. Aber die Kastration musste sein, ebenso eine gründliche Untersuchung.
Nachdem mein Pillchen kastriert war, wurde sie ruhiger, aber noch lange nicht ruhig. Sie lief mit den (nun 3) weiteren Katzen harmonisch in der Gruppe, war sozial trotz der frühen Trennung von der Mutter und sie zeigte sich abends, uns Menschen gegenüber war sie aber immer noch die Panik selbst.
Mit Hilfe meiner THP und einer Verhaltenstherapeutin haben wir Bacon so weit gebracht, dass sie mir Futter aus der Hand nahm und zwar nur aus der Hand. Es gab für sie kein Futter mehr im Napf, kein geworfenes Leckerlie. Sie musste sich überwinden und zu mir kommen, um Futter zu haben.
Bacon entwickelte sich von Tag zu Tag mehr und es kam vor, dass sie sogar eine Pfote auf mein Bein setzte. Anfassen durfte ich sie nicht. Da ich ihr dahingehend aber nie Druck gemacht habe, war das für uns beide ok. Sie rannte immer weg, wenn ihr jemand näher als 5 Meter kam. Wenn sie den Abstand bestimmen konnte, war es besser.
Tja. Nun ist sie fast 8 Jahre bei mir, wir üben jeden Tag daran, dass sie keine Angst vor uns haben muss. Und wir erzielen Erfolge, auch wenn ich das nie erwartet habe. Sie kommt nun zu mir und legt sich auf mich drauf um zu kuscheln. Ich darf sie am Kopf streicheln und am Schwanzansatz, dazwischen jedoch nicht. Sie "redet" mit uns, sie spielt mit uns und sie nimmt kleinste Leckerlies aus den Fingern, ohne sie uns aus der Hand zu schlagen.
Vor knapp 2 Jahren durfte ich das erste Mal an ihr vorbeigehen, durch eine Tür, ohne, dass sie wegrannte. Das darf ich auch heute noch oft, aber nicht immer. Wenn Bacon Angst hat, versteckt sie sich hinter mir. Sie kuschelt sich an Nico (mein fünfjähriger Sohn), wenn der still liegt. Sie gibt sogar Besuch Köpfchen, wenn sie ganz mutig ist.
Ich kann Bacon immer noch nicht so anfassen, wie ich es bei den anderen kann. Das ist ok, ich habe keinerlei Ansprüche an Bacon außer "mach, was du dich traust". Sie will eindeutig mehr, steht sich aber selbst im Weg. Mit der Unterstützung von den beiden Therapeuten bin ich mir aber sicher, dass wir den jetzigen Stand stabilisieren können und ganz vielleicht sogar ausbauen.
Was will ich eigentlich mit diesem Thema bezwecken? Das frage ich mich schon die ganze Zeit, während ich tippe. Es ist so, dass ich eine Lanze brechen will für die Scheuchen. Für die misshandelten Seelen, die körperlich und vor allem seelisch Schaden genommen haben. Vielleicht liest du diesen Text und denkst "Jau, ist ja wie bei uns!". Dann schreib es auf, bitte. Jede Erfahrung hilft, weitere besondere Katzen zu vermitteln.
Die letzten Jahre haben mir gezeigt, dass vor allem diese Katzen eine ganz besondere Art und Weise haben, ihre Liebe zu zeigen und, was ich für noch viel emotional wichtiger halte, sie geben unheimlich viel und sind so unendlich dankbar.
Ich weiß nicht, ob ich mich nochmal bewusst für eine Katze wie Bacon entscheiden würde, da muss ich ehrlich sein. Was ich aber jederzeit wieder machen werde: einer Katze die Chance geben, sich selbst zu finden und ein eigenes Zuhause, in dem sie so akzeptiert wird, wie sie ist.
Es muss nicht immer die Kuschelkatze sein, die wie Pattex auf einem drauf klebt. Nicht die Katze, die vom ersten Tag an forsch das Bällchen durch das neue Heim kickt. Es muss nicht der mutige Löwe sein, der draußen im Freigang der König ist, stark und unerschrocken.
Ja, es darf ein Scheuchen sein, ein sensibles Tier voller Liebe, das gar nicht weiß wohin mit der ganzen Zuneigung. Eine kleine Schissylissy, die es selbst nicht glauben kann, wenn sie über ihren eigenen Schatten gesprungen ist.
Wenn euer Neuzugang Angst hat, versteht ihn bitte. Macht keinen Druck, erwartet einfach nichts außer "mach, was du dich traust". Das Tier wird euch noch früh genug zeigen, wie sehr es sich lohnt. Entweder nach ein paar Tagen oder, wie bei uns, nach ein paar Jahren.
Bacon ist ein fester Bestandteil unserer Familie und ich möchte sie nie wieder hergeben.