Als sei der Umstand, dass man den Tieren ein paar Lebensjahre klaut, vollkommen normal und nicht an für sich schon schlimm.
Das sehe ich ganz genauso. Ich habe mich ja parallel zu meiner Zucht auch in einem
Tierschutz Verein engagiert und da jede Menge Elend gesehen. Und habe mich natürlich auch gefragt, ob es überhaupt gerechtfertigt ist, weitere Tiere bewusst in die Welt zu setzen, obwohl es viele arme Seelen da draußen gibt.
Für mich war die einzige Legitimation dann tatsächlich, dass ich neben dem Verfolgen meiner Zuchtziele, absolut alles tue, um so gesunde Kitten, wie möglich “zu produzieren”.
Meine Zweifel, ob man das wirklich verantworten kann, noch weitere Tiere in die Welt zu setzten, hat allerdings der Vorsitzende unseres
Tierschutz-Vereins zerstreut: er sagte: es wird immer Menschen geben, die eine Rassekatze wegen der besonderen Optik haben wollen. Und wo Kaufinteressenten sind, sind auch immer Produzenten. Da ist es doch besser, es macht jemand wie du, der es wirklich ordentlich macht.
Ich musste aber in all den Jahren meiner Zucht (und heute noch) erleben, dass es leider verdammt viele Züchter gibt, die diese Ansprüche nicht haben.
Zucht ist per se nichts Schlechtes, wenn es Menschen mit Sinn und Verstand und nicht dazu machen, um jedes WE auf einer Bühne zu stehen, Pokale zu gewinnen und Kohle zu verdienen.
Das ist sicherlich richtig - aber wie viele gibt es von denen? Ja - du und ich wir kennen ein paar Züchter, bei denen wir das “seriöse” und “verantwortungsvoll” sofort unterschrieben würden - aber inzwischen glaube ich, dass das nur eine verschwindend kleine Gruppe ist. Zumindest kenne ich deutlich mehr, die es nicht ordentlich machen.
Du hast an einer anderen Stelle gesagt, dass wir deshalb immer weiter unermüdlich aufklären müssen (ich habe irgendwie jetzt das Zitat verloren) - und auch hier glaube ich inzwischen, dass das zwar ein tolles Ideal ist, aber ebenfalls nicht zielführend ist. Früher war es irgendwie überwiegend der Kampf gegen die Schwarzzüchter und das unermüdliche Erklären, warum man kein Tier ohne Papiere kauft … inzwischen würde ich bei 90% der Vereinszüchter auch nichts mehr kaufen ….
Wir wissen, dass Rassezucht nicht ohne Inzucht geht und Inzucht Probleme mit sich bringt. Vielleicht wären ohne Zucht viele Krankheiten gar nicht in dem Maße aufgetreten?
Hier muss man immer etwas differenzieren: Viele Menschen halten Inzucht für die Wurzel des Übels in Bezug auf Krankheiten. Erst einmal “erzeugt” Inzucht keine Krankheiten, sondern macht sie sichtbar. Was dem Züchter die Möglichkeit gibt, sie zu eliminieren.
Der einzige “Nachteil” ist, dass man durch die Reduzierung der genetischen Vielfalt das Immunsystem schwächt. Ein Effekt, den Züchter, die wiederholt eng verpaaren schnell beobachten können. Aus einem geschwächten Immunsystem heraus ergeben sich jetzt natürlich weitere Erkrankungen (wie z.B. so Autoimmunerkrankungen, von denen du berichtet hast).
An der Stelle bleibe ich dabei, dass Inzucht ansich nichts Negatives ist - aber wie bei vielem, kommt es auf das Maß an.
Und da schließt sich der Kreis, zu dem was ich oben gesagt habe: für dieses Maß benötigt es drei Eigenschaften, die ich bei einem ZÜchter unerlässlich finde: die drei Vs: Verantwortung - Verstand - Vermögen.
Nur wenn jemandem in allen Konsequenzen klar ist, dass man mit Lebewesen arbeitet und nicht irgendein “Bastelhobby” hat, wird er genug Verantwortung besitzen, richtige Entscheidungen zu treffen (auch wenn die für ihn persönlich zum Nachteil sind).
Dass ein Züchter Verstand benötigt, um zum Beispiel medizinische und genetische Aspekte wirklich zu durchdringen, sollte nach diesem Thread hier schon klar sein. (Hier sehe ich übrigens das größte Defizit in der Züchterwelt)
Und zuletzt das Vermögen: Neben Arztkosten, Kosten für Tests muss man es sich vor allem leisten können, z.B. ein Tier, dass man für richtig viel Geld gekauft hat, kastrieren zu lassen, wenn sich ein Verdacht herausstellt. Und ich weiß nicht, bei wievielen Züchtern ich mir schon den Mund fusselig geredet habe, die stolz ein neues Tier präsentierten und ich (nur mit einem Blick in den Stammbaum) auf mögliche Probleme hingewiesen habe. Natürlich bin ich jetzt nicht die Königin aller Weisheiten - aber selbst mit Nachweisen, dass Tiere aus dem Stammi an
HCM verstorben sind, wurde trotzdem mit dem ach so teuren Tier gezüchtet.
Oder ganz großartig: es wurden Tiere im ehemaligen Ostblock gekauft. Tatsächlich haben die Russen, Ungarn, Polen usw. richtig großartige Tiere vom Standard - nur testen steht da eher weniger auf dem Programm. Manch einer, der viel nach Deutschland verkaufte hatte dann mal eine “
HCM negativ” auf der Seite und wenn man es hinterfragte, dann waren die Tiere mit knapp einem Jahr und danach nie wieder getestet.