kann man nicht gegen die symptome der todbringenden krankheit unterstützend wirken?
Das kommt wohl sehr darauf an, was für eine Krankheit es ist. Wenn es ein Tumor im Anfangsstadium ist und Behinderungen durch Medikamente leicht unterdrückt werden können, muss
Euthanasie m.E. nicht sein.
Viele Symptome lassen sich aber nicht unterdrücken. Wir hatten 3
FIP-Tode in der Familie und einen, der einer hätte sein können. Beim ersten wusste keiner, was das Problem war, also hatten wir Hoffnung, ihn retten zu können. So quälte das Kätzchen sich die 9 Monate seines Lebens daher, zog zähe Schleimstränge am After mit sich herum, war zu schwach zum fressen und schrie vor Hunger. Das Spielen und Erkunden war ihm heilig, aber mit ca. 7 Monaten war auch das vorbei und er musste seinen Geschwistern traurig dabei zusehen, wie sie ihm Schnee tobten, weil er kaum von seinem Kissen herunter konnte. Als er endlich sterben durfte, wog er 700 Gramm. Hätte auch nur einer des Dutzends an Tierärzten, früher festgestellt, dass Taichou so oder so sterben würde, hätten wir ihm das nicht angetan.
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Seine Schwester Misao starb 6 Wochen später, musste nach der Diagnose aber nicht lange leiden und lebte weitgehend normal. Bei ihr sagte der Tierarzt, er könne die Flüssigkeit abzapfen und so ihr Leben verlängern, aber das wären tägliche größere Eingriffe - und was hätte sie davon gehabt, den halben Tag betäubt zu sein, um die andere Hälfte vom Tag das
Tierarzt-Trauma zu verarbeiten? Ich finde, man sollte so schnell wie möglich gehen, wenn die beste Zeit vorbei ist und eine garantiert nur noch schlechte Zeit anbricht. Es gibt kein Nirvana, das dich dafür belohnt, möglichst lange zu leiden. Es gibt nur Auswege, das Leid zu verkürzen.
Als Moshe kaum bewusstlos in meinem Arm lag und zuckte, fragte ich die Tierärztin auch, ob man denn nichts mehr machen könnte. Sie meinte, es gäbe lebensverlängernde Maßnahmen, aber es sei nicht fair. Sie erklärte es nicht und ich wollte Moshe auch nicht mehr leiden lassen. Unterwegs in diese Notfallklinik hatte ich übers Handy vom Tierarzt die Diagnose "
Fip" erhalten. Ich denke, die Tierärztin in der Klinik meinte etwas, das den Tod herauszögert, aber was bitte bringt es, zu "leben" (atmen, fressen, kacken), wenn man dieses Leben nicht mehr genießen kann? Das bringt den Angehörigen den Trost, einen "leben" zu sehen, aber in einem gewissen Zustand ist ein Leben nicht mehr lebenswert.
Wenn eine Krankheit nicht heilbar ist und nur noch Leid bringt, ist es reiner Egoismus, die Unfähigkeit, loszulassen, der hier gegen eine Erlösung spricht. Das ist zwar nur menschlich und auch irgendwo verzeilich, aber manchmal muss man eben schwere Entscheidungen treffen. Das Leben ist kein Disney-Film. Liebe allein reicht nicht immer und manchmal ist es auch Liebe, zu tun, was einem selbst wehtut, wenn es dem anderen hilft.
Wobei mir eine gewisse Doppelmoral schon auffällt. Dieselben Leute, die ihr Tier bei der ersten Blasenschwäche gleich "erlösen", würden einen Menschen dafür in die Psychiatrie sperren, wenn er sich von seinem Leid erlösen will. Was wurden schon Suizidenten, deren Leben wirklich nicht mehr zu ertragen war, mit Psychiatrie und dergleichen bestraft, endlich ruhen zu wollen. Bei Tieren wird dann immer von einer Wohltätigkeit gesprochen, sie zu erlösen - warum wird diese Menschen nicht gegönnt, frage ich mich. Mein Freund hat MS und ich unterstütze seinen Entschluss, bei vernichtenden Behinderungen Schluss zu machen, vollständig, weil ich nicht will, dass er unglücklich dahinsiecht und nur noch seine Organe "leben".
Auch meiner ersten Oma hätte ich einen schnelleren Tod gewünscht. Fast ein Jahr lang lag sie doch dement und, in den wenigen hellen Momenten, bitterlich weinend vor Erniedrigung, im Pflegeheim, wurde nicht umgedreht und lag sich so den einen Arm
blau und dick, während der andere immer dünner wurde. Was sollte diese Tortur? Eine andere alte Frau wollte sich das Leben nehmen, weil es bergab mit ihr ging. Zur Strafe sperrte man sie in die Geschlossene, wo sie, nach ihrer Vergiftung total dement, rumgeschoben, zugedröhnt und vernachlässigt wurde und für jede kleine Hilfe "Helft mir" weinen musste, ehe jemand ihr wenigstens die Suppe zum Mund führte. Aber hey - wenigstens
lebte sie noch!
Vielleicht ist es, weil Tiere nicht die Last haben, ein Teil unserer Gesellschaft zu sein. Bei ihnen können wir's uns leisten, sentimental zu sein, zu töten, zu kreieren, ohne dass es einen nennenswerten Impakt hätte. Wenn eine Katze erlöst wird, weint ein Haushalt. Wenn ein Mensch sich erlöst, gibt es einen Steuerzahler oder wenigstens Statistik-Abiturienten weniger und das kann man ja nicht zulassen...
Ich halte wenig von dem Satz "Respekt vor dem Leben", denn oft scheint er zu bedeuten, Leben mit aller Gewalt zu erhalten, zum "Glück" zu zwingen, wo rationell betrachtet kein Glück mehr zu finden ist. Man sollte vielleicht erstmal Respekt für die Lage derer haben, die ihr eigenes Leben ertragen müssen und respektieren, dass nicht jeder sein Leben ertragen kann oder will. Bei Tieren bedeutet das auch, die tatsächlichen Chancen auf Besserung höher zu werten, als die persönlichen Hoffnungen und Wünsche, die gemeinsame Zeit mit allen Mitteln zu verlängern. Ein schönes Leben sollte wichtiger sein, als ein Langes.