Ich will dir heute mal eine Geschichte erzählen, die ich meinen Kindern erzähle, wenn sie mich fragen, ob ihre Eltern sie vergessen werden.
Es war einmal eine alte Eule, die in einer noch viel älteren Eiche in einem wunderschönen Wald wohnte. Und wenn ich alt sage, meine ich alt. Du musst nämlich wissen, dass Eulen sehr, sehr alt werden. Und Bäume sogar noch älter werden. Und weil die Eule so alt war, hatte sie in ihrem Leben schon unendlich viel erlebt. Sie hat den Frühling kommen sehen, hat gesehen wie die Bäume das Blühen anfangen, sie hat den Sommer gesehen und die Schmetterlinge, die über die Wiesen tanzen. Und natürlich den Herbst mit seinen bunten Blättern, mit den süßen Weintrauben, den hat sie auch gesehen.
Aber sie hat auch den Winter gesehen in all seiner klirrenden Kälte, den Hunger und sogar den Tod. Den Winter mit seinem Schnee und wie es aussieht, wenn die Sonne im Schnee glitzert.
Die alte Eule war müde geworden und sie wusste, dass es langsam an der Zeit für sie war die Welt zu verlassen. Die alte Eule war dazu auch bereit, aber sie hatte natürlich Sorge, wie es ihren Freunden damit gehen würde. Während sie sich sorgte, guckte die alte Eule von ihrem dicken Ast hinunter in den Wald und sagte: "Ach Eiche, es ist Zeit für mich zu gehen, aber ich habe so große Angst. Was ist wenn sie mich vergessen? Wenn meine Freunde einfach aufhören an mich zu denken?"
Die alte Eiche begann sich ganz langsam zu recken und zu strecken und ein bisschen zu knurren. Du musst nämlich wissen, dass Bäume nicht so viel quasseln und manchmal 100 Jahre lang gar nichts sagen.
Ganz langsam begann die alte Eiche zu sprechen: "Ihr Waldbewohner seid ein seltsames Volk.", sagte die Eiche. "Seit so vielen Jahrhunderten steh ich hier und immer höre ich das Gleiche. Jeder von euch hat die gleiche Angst. Versteht ihr denn nicht, dass man gar nicht vergessen werden kann? Man lebt doch in den Herzen der Freunde weiter. Ach Eule, so alt bist Du, aber das hast Du nicht gewusst?"
Da wurde die alte Eule ganz nachdenklich und während sie so auf ihrem Ast saß und immer müder wurde, schlief sie beim Nachdenken ein. Sie hatte einen wunderschönen Traum. Sie war wieder ganz jung und mit ihren großen Flügeln flog sie über Felder und Wiesen und sah ihren Freunden beim Spielen zu. Alle lachten und sie lachte mit ihnen.
Am nächsten Morgen versammelten sich ihre Freunde vor der alten Eiche. Sie machten sich Sorgen, weil die alte Eule noch nicht vom Baum herunter gekommen war, um ihnen einen guten Morgen zu wünschen.
Da fanden sie eine kleine Feder unter dem Baum und da wussten sie, dass die alte Eule gestorben war.
Da wurden alle Tiere des Waldes sehr, sehr traurig, weil sie die alte Eule richtig lieb hatten. Besonders der kleine Dachs war traurig, weil er die Eule besonders lieb hatte. Ganz dicke Tränen hat der kleine Dachs geweint und auch wenn die Eule immer gesagt hat, dass er nicht traurig sein soll, weil der Tod eben zum Leben gehört, war er es jetzt doch. So einfach ist das nämlich mit dem Nicht-traurig-sein nicht. Das kommt einfach so, da kann man nichts dagegen machen. Und auch wenn man sich ganz fest vornimmt, nicht mehr traurig zu sein, kommen manchmal einfach die Tränen von ganz allein. So ist das mit der Traurigkeit.
Der kleine Dachs erzählte seinem Freund, dem Maulwurf, wie traurig er ist. Der kleine Dachs sagte: "Maulwurf, ich weiß gar nicht, wie es ohne der alten Eule weiter gehen soll. Ich habe so große Angst, dass ich ohne sie gar nicht zurecht komme. Weißt Du noch, wie die alte Eule mir damals erklärt hat, wie ich über den großen Fluss komme? Weißt Du das noch?"
Und der Maulwurf, der sich auch ein Tränchen verdrücken musste, antwortete: "Oh ja, du warst ein richtiger kleiner Angsthase. Aber als Du es endlich geschafft hast, haben wir uns alle gemeinsam gefreut und die alte Eule hat sogar in ihre Flügel geklatscht. Das war ein schöner Tag!"
Da merkte der kleine Dachs auf einmal, wie sein Herz ein kleines bisschen schneller schlug. Fast so schnell wie am Geburtstag, wenn man sich besonders freut.
Und der kleine Dachs sagte: "Weißt du auch noch, wie die alte Eule Dir geholfen hat einen besonders großen Hügel zu graben? Das war lustig, du hattest einen riesigen Berg Erde auf der Nase."
Da begann auch der Maulwurf zu lachen. Und auch sein Herz wurde schneller und schneller. Fast so schnell wie am Geburtstag und an Weihnachten zusammen!
Und auf einmal mussten die beiden immer mehr Geschichten von der alten Eule erzählen. Durch den ganzen Wald sind sie gerannt und haben Geschichten erzählt, wie die alte Eule geholfen hat, zugehört hat, getröstet hat und sie zum Lachen gebracht hat.
Dabei schlugen die Herzchen aller Waldbewohner immer schneller und sie wurden wieder richtig glücklich. Und ein jeder von ihnen merkte, dass er einen großen Schatz von der Eule bekommen hatte, den er tief in seinem Herzen trug.
Die alte Eiche stand dabei und lächelte. Ganz langsam. Du weißt ja, alte Bäume sind nicht so schnell. Und flüsterte nach oben: "Siehst, Eule, so ist das mit der Erinnerung. Ich habe es dir doch gesagt. Im Herzen lebt man immer weiter."
Dabei knurrte die alte Eiche ein bisschen und schüttelte ihre Blätter.
Ich hoffe, dass dir die Geschichte ein bisschen hilft, Abschied zu nehmen.
Ich weiß, wie schwer es ist Servus zu sagen und jemanden gehen zu lassen. Ich hoffe nur, dass du merkst, dass Du dein kleines Mädchen zwar hast gehen lassen müssen, sie aber ja immer noch in deinem Herzen wohnt.
Ich drück dich einfach mal.