Selly und die (hoffentlich nicht) unendliche Geschichte
Als meine Schwiegermutter Selly aus dem Tierheim holte schien sie augenscheinlich gesund. Laut Tierheim musste sich mal um die Zähne gekümmert werden, was jedoch nicht verwunderlich ist, bei einer Katze die jahrelang ohne medizinische Betreuung auskommen musste. Nach einem halben Jahr war es dann soweit, sie begann schlecht zu fressen und zwei Zähne mussten gezogen werden. Damit ging es ihr schnell wieder gut. Nach ein paar Monaten stellte sich tragisch heraus das sie auch Rückenprobleme hat. Zum Glück konnte ihr schnell geholfen werden. Nachdem Selly zu uns zog, dauerte es nicht lange und der nächste Zahn machte sich bemerkbar, damit fing ihre Krankengeschichte an. Da der Zahn in Ordnung war, Selly aber eine schmerzhafte Zahnfleischentzündung hatte, bestand die Behandlung erstmal darin heraus zu finden weshalb sie die Entzündung hatte. Es wurde auf Probleme mit dem Immunsystem getippt. Sie bekam Kortison und ein homöopathische Mittel, das das Immunsystem aufbauen sollte. Es gelang auch ihre Symptome abklingen zu lassen, zwei Wochen lang. Nach 14 Tagen begann sie wieder schlecht zu fressen und bekam wieder eine starke Zahnfleischentzündung. Sie bekam wieder Kortison. Die Behandlung schlug an und hielt, einen Monat. Wir versuchten zu Hause in der Zwischenzeit alle allergieauslösenden Stoffe zu entfernen. Wir beobachten ihre Reaktion auf das Futter, wir umklebten einen Rattanstuhl, an dem sie gerne leckte, wir beobachteten wie sie auf verschiedene Waschmittel und Spülmittel reagierte, wir fanden nichts. Als die Zahnfleischentzündung abermals an der selben Stelle wiederkam beschlossen wir, zusammen mit dem Arzt den Zahn ziehen zu lassen. Nachdem der Zahn gezogen wurde, verheilte auch die Entzündung an dieser Stelle. Die OP war kurz und problemlos und nach einer halben Stunde durfte ich sie bereits wieder abholen. Am nächsten Tag ging es ihr wieder gut und der Eingriff war vergessen. Nach wenigen Wochen bekam sie erneut, an einer anderen Stelle eine Zahnfleischentzündung. Wir beschlossen nicht wieder zu experimentieren, sondern gleich den Zahn ziehen zu lassen, da ihr dies beim erstenmal erst Ruhe gegeben hatte. Die Heilung verlief aber nicht ganz problemlos. Nach einer halben Stunde durfte ich sie wieder abholen, diesmal musste ein großer Backenzahn gezogen werden und die Wunde musste genäht werden. Selly, kaum zu Hause angekommen, störte anscheinend der Faden an der Wunde und begann mit dem Vorderpfoten im Maul zu kratzen. Wir versuchten sie davon abzuhalten, jedoch schien ihr gelungen sein an die Wunde zu kommen. Sie blutete aus dem Maul. Nach ein paar Stunden fing sie an Blut zu spucken und zu würgen. Sie lief unruhig durch die Wohnung und erbrach ständig Blut. Wir riefen in der Tierarztpraxis an, schilderten die Situation und bekamen zur Antwort das es nicht schlimm sei und wir am Morgen wieder kommen sollen, wenn es sich nicht beruhigt. Wir waren hin und her gerissen, warten wir ab, bringen wir sie wieder zurück in die Praxis. Zum einen wollten wir ihr helfen, zum anderen nicht nochmal den Stress einer Behandlung, oder einer weiteren Narkose aussetzen. Zum Nachmittag beruhigte sich ihr Zustand und wir hatten Hoffnung das das schlimmste überstanden ist. Wir hatten uns geirrt. Gegen um sechs am Abend fing die Wunde wieder mit bluten an. Sie ging wieder unruhig in der Wohnung auf und ab, spuckte und erbrach Blut. Stundenlang waren wir kurz davor die Nummer vom Nottierarzt zu wählen. Stets blieben wir in ihrer Nähe und versuchten ihr so gut es ging zu helfen, konnten aber nicht viel mehr als ahnungslos und hilflos daneben zu sitzen. Um zwei in der Nacht erbrach sie das letzte mal, danach fand sie endlich Ruhe und konnte schlafen. Als wir ins Bett gingen, zeigte sie uns an das sie mit ins Bett möchte. Wir hoben sie rein und Selly schlief bis zum Morgen. Am Morgen drauf kam sie gleich zum Schmusen gelaufen, sie fraß sofort und man bemerkte nicht mehr das sie am Tag zuvor Blut erbrochen hatte. Nur die vielen Blutflecken auf meinen Teppichen zeugten noch davon. Die Wunde verheilte gut und die Fäden mussten nicht gezogen werden, da sie selbstauflösend waren. Selly ging es wieder gut und wir hofften das es der letzte Zahn gewesen ist, der gezogen werden musste. Abermals irrten wir uns. Schon ein paar Monate später hatte sie die nächste Entzündung. Vor der OP sprachen wir den Tierarzt nochmal auf die blutende Wunde vom letzten mal an. Er schien es nicht besorgniserregend zu finden, bot aber an Selly bis zum Nachmittag unter Beobachtung in der Praxis zu behalten. Wir gingen darauf ein und holten Selly 17 Uhr aus der Praxis ab. Nach der letzten OP machte ich mir Sorgen wie sich die Wunde verhielt, ich machte mir Sorgen wie es Selly geht, allein, über Stunden in der Praxis. Endlich war sie zu Hause und ich erleichtert. Ihr ging es hervorragend. Sie war putzmunter und fit. Nach der guten Erfahrungen behielten wir die Praktik bei späteren Ops bei. Ich machte mir Sorgen bis zum Nachmittag und bekam dann dafür eine ausgeruhte und schmerzfreie Selly wieder. Immer hatten wir die Hoffnung das es diesmal der letztes Zahn ist, der gezogen werden musste... Nach einem anderthalben Jahr, war es dann soweit, wir wussten es zwar noch nicht, aber unsere Selly hatte endlich einmal Ruhe mit den Zähnen. Mittlerweile ging sie sogar gerne in die Praxis, da sie wusste, das ihr dort gegen ihre Schmerzen geholfen wird. Ihre vier Eckzähne hatte sie noch, sie hatte damit aber gelernt zu fressen und kam gut damit klar. Als Blue bei uns einzog, musste sie lernen Sellys verändertes Aussehen zu akzeptieren, was aber recht schnell ging. Selly blieb schmerzfrei, bis letztes Jahr. Mein Mann und ich hatten Nachtschicht, mein Mann war eher zu Hause und fütterte die Katzen. Auf einmal hörte er ein klirren in Sellys Napf, es war ihr rechter, oberer Eckzahn. Keiner hat bemerkt das der locker, oder eitrig war. Wir packten den Zahn und Katze ein und gingen umgehend zum Tierarzt. Der Zahn war zum Glück komplett ausgefallen und sie musste bis auf Antibiotika und Spülen der Wunde nicht weiter behandelt werden. Zweimal am Tag spülte ich mit einer Spritze ohne Nadel Futterreste aus der Wunde, was sie sich gefallen ließ. Nach zehn Tagen war die Wunde geschlossen. Diesen Winter musste Selly dann ihre restlichen Zähne lassen. Sie fing von einem auf den nächsten Tag an schlecht zu fressen und sich zurück zu ziehen. Ein schlechtes Zeichen. Ich packte Selly ein und die Tierärztin diagnostizierte abermals eine Zahnfleischentzündung am Unterkiefer. Sie rechnete damit das der linke Eckzahn gezogen werden musste. Als sie am nächsten Tag operiert werden sollte, stellte sich aber beim röntgen heraus das sich im Unterkiefer eine Eiterblase gebildet hatte, die sich fast über den gesamten Unterkiefer zog. Auf den Aufnahmen war vor lauter Eiter nicht einmal mehr der Knochen sichtbar. Die Blase selbst war von außen nicht erkennbar. Die OP dauerte statt einer halben, Zwei Stunden. Die Zähne saßen noch fest im Kiefer und der Eiter konnte durch die festen Zähne nicht ablaufen, was er normalerweise macht. Die Ärztin benachrichtigte mich nach der OP telefonisch über den Verlauf und ich konnte ihre Anstrengung während des Telefonats hören. Ich holte Selly am Nachmittag, nach meinem Dienst ab und es ging ihr gar nicht gut. Die Ärztin hatte gleich alle drei Eckzähne gezogen, da beide unteren durch die Entzündung raus mussten und den oberstern zog sie, damit Selly mit ihrer
Niereninsuffizienz nicht später nochmal in Narkose gelegt werden musste. Die Unterseite des Unterkiefers war zur Hälfte geschoren und sie hatte ein Loch darin, damit der Eiter raus fließen kann. Selly war unruhig und hatte Schmerzen. Jeden Tag bekam sie Schmerzmittel und ich fütterte sich die nächsten Tage mit der Hand damit sie besser fressen konnte. Trotzdem fraß sie kaum etwas. Ich sorgte mich, animierte sie zum Fressen, versuchte welches Futter sie am besten fressen konnte. Nichts half. Nach zwei Tagen, an einem Sonntag, musste ich erneut in die Praxis, um die Eiterblase spülen zu lassen. Nach fünf Tagen musste ich nochmal zur Kontrolle der Wunde. An diesem Tag zeigte mir die Ärztin, die operiert hatte, die Röntgenaufnahmen und erklärte mir die Details der OP genauer. Mir wurde schlecht, was für Schmerzen muss sie gehabt haben. Die Ärztin meinte ich solle die Wunde im Auge behalten, es besteht die Möglichkeit das es ein Tumor sein könnte. Ich musste tief durchatmen um mich in dem Behandlungszimmer nicht zu übergeben... Die Ärztin sah wie nah mir das ging und versuchte mich beruhigen, das es unwahrscheinlich ist und nur zur Vorsicht. Sie gab mir noch ein paar Tips mit, wie ich Selly noch zum Fressen bringen könnte, da sie immer noch vor Schmerzen kaum etwas fraß. In fünf Tagen sollte ich nochmal zu einer Antibiotikumsauffrischung und Kontrolle kommen. Ich versuchte Selly mit Thunfisch zum Fressen zu bringen, mit Hackfleisch, mit allem was mir einfiel, nichts half. Eine Woche nach der OP zog ich meinen letzten Joker, rohe Rinderleber. Und, innerhalb kürzester Zeit war der Napf leer gefressen. Mir viel ein Stein vom Herzen, der so groß war wie die Alpen. Meine Staubsaugerkatze war wieder da. Ab dem Tag fraß sie wieder mit Lust. Am Tag der Antibiotikumsauffrischung lobte die Ärztin die Heilung der Wunde. Ich konnte das Schmerzmittel absetzen und selbst die geplante Antibiotikumsgabe nach zehn weiteren Tagen konnten wir uns ersparen.
Nach zwei Monaten kam der nächste Schock, ich kontrollierte Sellys Mäulchen und sah einen rote Beule, an genau der Stelle an der Selly operiert worden ist. Mit einem mulmigen Gefühl packte ich Selly ein und ging mit ihr zum Tierarzt. Die Ärztin konnte zum Glück nichts finden, sie vermutet das Selly auf einen harten Gegenstand gebissen hat und sich, da das Zahnfleisch noch nicht vollständig ausgehärtet war, eine kleine Verletzung geholt hat.
Bis jetzt hat sich keine weiteres Anzeichen für Entzündung gezeigt.Wenn ich auf die Geschichte zurück blicke, weiß nicht das einiges hätte besser laufen können. Es gab sogar Zeiten, in denen ich am überlegen war, ob Selly noch ein lebenswertes Leben führt. Wenn ich jetzt aber sehe wie majestätischen Selly noch thront und regiert war es die richtige Entscheidung und ich würde das wenigste anders machen.
Selly nach ihrer ersten OP
