Ihr Lieben,
Anfang Oktober verstarb unser Katerchen ganz plötzlich und qualvoll - und ich werde die Bilder der letzten Stunden nicht los. Ich denke schon länger, vielleicht hilft es mir, wenn ich mir einmal alles von der Seele schreibe. Also versuche ich das jetzt. Ihr müsst es nicht lesen, aber ich habe das Gefühl, ich muss das alles nochmal irgendwie loswerden. Ich weiss immerhin, dass IHR nicht denkt "Es ist ja nur eine Katze".
Geboren wurde er im Oktober 2004 und wir holten ihn 2005 aus dem Tierheim. Er war ein schlaksiger Jungspund, der zwischen all den süßen Babys kaum Chancen auf Vermittlung hatte. Er kletterte auf einen Kratzbaum, der neben mir stand und "gab Köpfchen", da war die Entscheidung gefallen.
In den ersten Tagen saß er noch in einem Karton unter dem Küchentisch, traute sich aber bald heraus und irgendwann hörten wir sein erstes Schnurren.
Seitdem war er unser Familienmitglied und Freund; wir bauten eine Katzenklappe ein und so konnte er rein oder raus, wann immer er wollte. Natürlich brachte er Tiere mit - Mäuse, Vögel, Hasenkinder. Manchmal tot, manchmal quicklebendig. Auch gab es Zankereien mit den Katzen und Katern aus der Nachbarschaft. Verschiedene Verletzungen. Oft Fieber, dann bekam er Antibiotika und ein paar Tage "Hausarrest". Einmal hatte er sich einen Stachel in sein Auge gerammt; damit mussten wir in die Tierklinik - er hat alles mitgemacht, auch die wochenlangen Behandlungen mit Augensalbe, Augentropfen, Tabletten. Ich brauchte keinen Helfer und musste ihn auch nicht in ein Handtuch wickeln. Ich kam immer alleine mit ihm zurecht, er hat immer mitgespielt und mich nie gekratzt oder gar gebissen. Wenn wir zum Tierarzt mussten, musste ich ihn natürlich überraschen, dann guuuut festhalten und ihn fix in seine Box setzen - aber auch da hat er sich nie richtig gewehrt, höchstens hat er versucht, abzuhauen.
Eines Tages hatte er auch eine gebrochene Schwanzspitze, seitdem hatte sein Schwanz einen ganz leichten Knick.
Also in den 14 Jahren hatten wir oft Sorgen und mussten nicht gerade selten zum Tierarzt.
Ich habe alles gemacht; wenn er sich komisch verhielt, habe ich ihn untersuchen lassen. Ich habe ihn impfen lassen, entfloht und entwurmt. Er fing an, sich viel zu kratzen und sich etwas Fell auszureissen, also habe ich sein Futter umgestellt. Vor zwei Jahren wurde ihm Zahnstein entfernt, wir liessen bei der Gelegenheit (Narkose) auch ein Ultraschall vom Bauch machen und ein grosses Blutbild. Nichts war besonders aufflällig.
Wir waren immer lieb zu ihm, also war er auch immer lieb zu uns. Mit zunehmendem Alter wurde er NOCH anhänglicher, als er es sowieso schon immer war. Er kam häufig auf meinen Schoß, im Winter durfte er mit im Bett schlafen - er lag immer am Fussende auf der Bettdecke meines Mannes. Er weckte uns erst, nachdem der Wecker sowieso schon angesprungen war. Er holte uns in den Garten zum spielen. Wir spielten fangen und verstecken. Wenn wir spazieren gingen, lief er uns nach und rief, bis wir auf ihn warteten und dann ging er mit.
Wenn ich mich abends aufs Sofa legte, wartete er es kaum ab, bis ich mich zugedeckt hatte (ich musste immer ganz schnell sein). Dann kletterte er auf mich rauf und legte sich an meine Schulter.
Auf dem Weg zum Tierarzt versuchte er sich unsichtbar zu machen; auf dem Rückweg miaute er ungeduldig. Wenn ich von der Arbeit kam, wartete er auf einer Decke vor der Haustür.
In den letzten zwei Jahren machte ich Klickertraining mit ihm. Er konnte High-five und Guten Tag (also gib Pfötchen). Er liebte seine Leckerchen, war also auch bestechlich. Oft saß er in der Küche und ich stand in der Tür und wir "diskutierten", weil er nichts mehr bekommen sollte, aber gern noch etwas hätte. Irgendwann gab er grummelnd nach. Manchmal auch ich.
Einmal lag er neben dem Haus im Feld und antwortete, als ich ihn rief, kam aber nicht. Ich bekam einen grossen Schreck, aber damals hatte er nur ein verknackstes Bein.
Meine grösste Angst war immer, dass ich ihn eines Tages über- oder angefahren auf der Straße finden würde. Oder dass er einfach nicht mehr heimkommt.
Am Ende kam es beinahe noch schrecklicher.
Morgens war noch alles in Ordnung, er fraß etwas zum Frühstück und legte sich dann vor die Haustür in die Sonne. An diesem Tag hatten wir frei und wurstelten im Haus vor uns hin. Der Kater lag noch lange auf seiner Decke und lief dann ein bisschen draussen herum. Gegen abend dann lag er plötzlich im Flur auf der Fussmatte und atmete schwer. Er hielt ein Vorderpfötchen sehr komisch und so dachte ich mit Schrecken, das Bein sei verdreht, gebrochen oder sonstwas. Ich telefonierte mit der Tierärztin, die mir riet, ihm ein Schmerzmittel zu geben und etwas abzuwarten. Er legte sich in sein Katzenbett, ich versperrte die Katzenklappe und gab ihm das Schmerzmittel, was wir wegen diverser Zipperlein für den Notfall immer im Haus hatten. Ich setzte mich zu meinem Mann ins Arbeitszimmer, als ich den Kater plötzlich schreien hörte. Als ich nachsah, lag er wieder auf der Matte vor der Katzenklappe. Plötzlich legte er sich flach auf die Seite, rang nach Luft und schrie. In Panik rief ich nochmal die Tierärztin an, ich dachte er stirbt mir in diesem Moment. Wir sollten vorbei kommen.
Also holte ich den Katzenkorb und stellte ihn direkt neben den Kater. Normalerweise wäre er jetzt stiften gegangen, aber er blieb einfach liegen und sah mich an. Immer, wenn ich ihn anheben wollte, schrie er furchtbar vor Schmerzen. Ich stand heulend über dem Kater und erklärte ihm, dass ich ihn jetzt in den Korb heben müsse, weil wir zum Tierarzt müssen. Ich tat es so schnell wie möglich und fuhr mit ihm los. Unterwegs schrie und hechelte er. Kurz vor dem Tierarzt rang er plötzlich wieder nach Luft, schrie und übergab sich dann sehr angestrengt. Ich sprang quasi aus dem fahrenden Auto, drückte der Tierärztin den Katzenkorb in die Hand und lief dann nochmal raus, um mein Auto zu parken.
Die TÄ spritzte dem Kater etwas und setzte ihn auf den Boden, um ihn zu untersuchen und sein Laufverhalten zu überprüfen. Sie konnte nur feststellen, dass die Knochen offensichtlich heil waren, aber der Bauch war sehr schmerzempfindlich. Der Kater wurde etwas ruhiger und sie empfahl mir, ihn in die Tierklinik zu bringen. Die ist etwa 1 Stunde Autofahrt entfernt.
Ich rief meinen Mann zuhause an, holte ihn ab und wir fuhren auf die Autobahn. Mein Mann saß mit dem Handy als Navigationsgerät auf der Rückbank, neben mir auf dem Beifahrersitz rang mein Kater im Transportkorb um sein Leben. Die Fahrt kam mir endlos vor. Zwischendurch musste der Kater sich immer wieder übergeben, er schrie und steckte ein Pfötchen durch das Gitter. Ich werde dieses Bild nie vergessen.
Endlich in der Klinik angekommen sollten wir noch einen Moment auf die TÄ warten, aber dann flippte der Kater im Transportkorb völlig aus, also rief ich um Hilfe und die Tierarzthelferin entriss mir den Korb und verschwand mit dem Kater im Behandlungsraum.
Nach einer gefühlten Ewigkeit rief die Ärztin uns hinein. Sie hatten den Kater geröntgt, konnten aber nichts aussergewöhnliches erkennen. Ein Ultraschall hätte er in dem Moment nicht überlebt, also hatten sie ihn zur Stabilisierung mit einer Infusion, Sauerstoff und einer Wärmelampe versorgt. Die Ärtzin sagte uns, der Kater sei "mehr tot als lebendig", aber wenn er die Nacht überstünde, wollten sie ein Ultraschall machen.
Wir fuhren also ohne Katerchen die lange Strecke zurück. Morgens kurz nach dem Wecker klingelte dann auch das Telefon, unser Kater war am Morgen verstorben.
Ein nachträglicher Ultraschall zeigte, dass er ein oder mehrere Tumore im Bauch hatte. Einer davon war am Abend geplatzt. Mein Katerchen ist vor meinen Augen innerlich verblutet.
Ich war nicht bei ihm, als er starb.
Morgens ist noch alles in Ordnung, aber heimlich ist da innerhalb von wenigen Monaten im Bauch etwas gewachsen.... niemand konnte es wissen. Aber warum musste es platzen? Warum musste er sich so furchtbar quälen?
Ich habe unseren Kater am selben Tag aus der Tierklinik nach hause geholt und wir haben ihn im Garten an einem seiner Lieblingsplätze begraben. Bis heute zündet mein Mann jeden Abend auf seinem Grab ein Windlicht an.
Wir trauern immer noch sehr, er fehlt natürlich überall. Wenn wir aufstehen, wenn wir ins Bett gehen, wenn wir in der Küche sind, im Garten, wenn wir nach hause kommen, wenn wir im Wohnzimmer sitzen..... immer.
Die Impulse, zur Tür zu gehen und zu gucken, ob der Kater da ist, werden seltener. Auch das Weinen wird etwas weniger. Manchmal liegt die Decke komisch auf dem Sofa und dann erschrecke ich kurz. Oder ich höre ein Geräusch in der Küche.
ABER: diese letzten Bilder, wie der Kater sich gequält hat, das Übergeben, das Schreien, und das Pfötchen, was durch das Gitter des Transportkorbs nach mir getastet hat... das holt mich wie ein böser Film immer wieder ein. Beinahe täglich, immer überraschend, wenn ich irgendetwas tue oder an etwas völlig anderes denke... abends im Bett liege und lese.... plötzlich sind sie wieder da, diese Bilder und Geräusche. Dann muss ich weinen, springe auf, versuche mich abzulenken und die Bilder loszuwerden.
Manchmal frage ich mich, ob mir das jemals gelingen wird.
Hätte ich gewusst oder auch nur geahnt, was los ist, hätte ich ihn bereits bei unserer Tierärztin erlösen lassen. Der arme, arme kleine Kerl.
Ich entschuldige mich für diesen langen Beitrag und bedanke mich bei denen, die es bis hier her durchgehalten haben. Aber auch wenn es keiner liest - vielleicht hilft es, all das einfach mal niedergeschrieben zu haben. Ich bin schon wieder in Tränen aufgelöst.
Ich habe oft dieses Forum zu Rate gezogen bei allen möglichen Krankheiten meines Katerchens und möchte mich bei euch dafür bedanken.
Unser Katerchen war übrigens ein grauer Tiger namens Findus.